Arbeitslosigkeit in Spanien: Absturz mit Ansage

Aus Madrid berichtet David Böcking

Informatiker und Putzfrauen, Aushilfskellner und Flugzeugmechaniker: Spanier aller Schichten wollen weg, weil sie keine Aussicht auf einen Job haben. Hochqualifizierte streben nach Deutschland - von ihrer kriselnden Heimat verabschieden sie sich ohne schlechtes Gewissen.

Arbeitslose in Spanien: "Wir werden das Land verlassen müssen" Fotos
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Das Geld. Für Alberto León ist es nicht entscheidend, sagt er. Der Informatiker hat einen festen Job, reichlich Berufserfahrung und verdient rund 2000 Euro netto im Monat. Trotzdem gibt es etwas, das der 31-Jährige in seiner Heimat vermisst. "Ich will Anerkennung und Respekt."

Brahim Mohamed geht es ums Geld, verständlicherweise. Der 20-Jährige hat vor vier Jahren die Schule abgebrochen, sein Vater ist tot, zur Mutter hat er keinen Kontakt. Zuletzt habe er als Kellner gearbeitet, erzählt Brahim, die Schichten hätten bis zu 19 Stunden gedauert. Dafür gab es 800 Euro. "Und beim Vertrag haben sie mich betrogen."

Es ist nicht lange her, da war Spanien das Boomland schlechthin. Jahrelang wuchs keine andere Volkswirtschaft in der EU schneller. Jetzt wachsen nur noch die Arbeitslosenzahlen. Jeder fünfte Spanier ist ohne Job, bei den Unter-25-Jährigen ist es mittlerweile fast jeder zweite.

Vor der Krise war nicht bekannt, wie hoch die Schulden in Griechenland wirklich sind oder welches Ausmaß die Finanzblase in Irland hatte. Spaniens Probleme mit dem Arbeitsmarkt aber sind seit langem ein offenes Geheimnis. Selbst in Zeiten des Booms lag die Arbeitslosigkeit meist deutlich über dem EU-Durchschnitt. Der Absturz in der Krise war absehbar.

Spanien im Aufbruch
Niemanden hat der wirtschaftliche Absturz Spaniens so hart getroffen wie die junge Generation des Landes. Eine Woche lang berichten SPIEGEL-ONLINE-Reporter aus Madrid, Bacelona und Cordoba. Sie beschreiben eine Jugend zwischen Arbeitslosigkeit und Aufruhr - aus der viele ihr Glück nun in Deutschland suchen wollen.

Alberto will all das hinter sich lassen. Der Informatiker arbeitet für ein Unternehmen mit Europa-Zentrale in Düsseldorf. Er hat um Versetzung aus Madrid an den Rhein gebeten, seine Freundin Maria Antonia Rodríguez will mitkommen. Die 26-Jährige hofft auf mehr Geld, als die 600 Euro, die sie derzeit mit einem Halbtagesjob verdient. Doch auch für sie ist das nicht alles. "Ich will arbeiten lernen", sagt Maria Antonia. "Hier lernt man das nicht."

Fuga de cerebros, Flucht der Gehirne, nennen Spanier den Wegzug der Hochqualifizierten. Sie fliehen aus einem Land, in dem zwar viele Unternehmen einen Universitätsabschluss als Pflicht ansehen, doch immer weniger dafür zahlen. Seit Jahren sinkt der finanzielle Vorteil, den höhere Bildungsabschlüsse bringen.

Die Niedrigqualifizierten trifft es am härtesten

Immerhin haben Spanier wie Alberto die Option, das Land zu verlassen. Doch Fluchtgedanken hegen nicht nur Hochqualifzierte. Auch der Schulabbrecher Brahim würde am liebsten weg, "nach Deutschland oder London". Kein Wunder: Neben dem Alter ist fehlende Bildung der zweite große Risikofaktor auf dem Arbeitsmarkt. Von fast drei Millionen Spaniern, die in der Krise bislang ihren Job verloren, waren rund 80 Prozent niedrigqualifiziert.

Es sind Menschen wie Hakima B. Früher hat die die 29-jährige Algerierin als Putzfrau im spanischen Parlament gearbeitet. Sie hatte einen Zeitvertrag, der alle drei Monate erneuert werden musste. Vor einem halben Jahr war Schluss. "Ich überlege, in ein anderes Land zu gehen", sagt auch Hakima. "Vielleicht nach Frankreich."

Eines vereint junge Spanier aller Bildungsschichten: Wenn sie Arbeit haben, dann oft befristet. Die Zahl der Arbeitnehmer unter 25, die mit einem Zeitvertrag angestellt sind, ist mehr als doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Die meist älteren Arbeitnehmer mit festen Verträgen haben dagegen einen Kündigungsschutz, der Studien zufolge zu den höchsten der Welt gehört. Dies gilt als ein Grund dafür, dass Spaniens Unternehmen sich so schwer tun, neue Mitarbeiter einzustellen.

"Die Älteren lassen die Nachkommenden nicht rein", sagt Luis Oliveros. Er ist ein alter Freund von Brahim, an diesem Morgen sind die beiden gemeinsam zum Arbeitsamt in Madrid gegangen. Der ernste Endzwanziger ist gelernter Flugzeugmechaniker, doch er hat sich schon mit den unterschiedlichsten Mini-Jobs durchgeschlagen. Seit vier Monaten sucht Luis eine neue Stelle, auch ihn zieht es nach Norden. "In Deutschland ist das Leben besser."

Die neue spanische Regierung will der Misere ein Ende setzen. Gerade hat Ministerpräsident Mariano Rajoy eine umfangreiche Arbeitsmarktreform vorgestellt. Der Kündigungsschutz, den schon Vorgänger José Luis Rodríguez Zapatero lockerte, wird weiter zurückgefahren: Pro Arbeitsjahr gibt es statt bisher 33 künftig nur noch den Lohn von 24 Arbeitstagen als Abfindung. Das soll Unternehmer animieren, mehr jungen Spaniern eine Festanstellung zu geben. Diese dürfen künftig höchstens zwei Jahre mit Zeitvertrag beschäftigt werden, bisher waren es drei.

"Sie verletzen sämtliche Rechte der Arbeiter"

Weniger Kündigungsschutz für mehr Festanstellungen - vielen jungen Spaniern will diese Gleichung nicht einleuchten. "Sie verletzen sämtliche Rechte der Arbeiter", sagt die 29-jährige Englischstudentin Ana Gallego. Auch Ana Picos, eine Kunsthistorikerin, die sich mit Verwaltungsjobs durchschlägt, glaubt nicht an die Reform. "Für die Unternehmer wird es leichter, aber nicht für die Angestellten."

Florentino Felgueroso hofft dagegen, dass die Reformen langfristig Erfolg haben. Diese wären eigentlich schon Ende der Neunziger überfällig gewesen, sagt der Arbeitsmarktexperte von der wirtschaftsnahen Fedea-Stiftung in Madrid. Doch auch Felgueroso räumt ein, die Reformen seien einseitig. "Sie sind nicht für die Arbeitslosen gedacht."

Das Ungleichgewicht ist nicht neu. Laut einer Studie der spanischen Großbank BBVA steckt der spanische Staat im internationalen Vergleich wenig Geld in die Weiterbildung oder Wiedereingliederung von Arbeitslosen und viel in die Subventionierung bestehender Arbeitsplätze. Das, was vom Arbeitsamt angeboten wird, kommt dem Flugzeugmechaniker Luis ziemlich nutzlos vor. "Es gibt Kurse, Kurse und noch mehr Kurse - aber keine Arbeit!"

Auch José María Navarro kann derzeit keine neuen Jobs anbieten. Er ist Geschäftsführer und Miteigentümer von Inplasnu, einem Hersteller von Elektronikkabeln. In einem Industriegebiet im Norden von Madrid beschäftigt Inplasnu 22 Mitarbeiter, nur vier von ihnen sind jünger als 25. Die gesenkten Abfindungen seien zwar eine Verbesserung sagt Navarro. Doch wegen der unsicheren wirtschaftlichen Lage stelle er derzeit trotzdem nur befristet ein.

Fürs Bauen brauchte man keine Bildung

Das größte Problem des spanischen Arbeitsmarktes sieht Navarro ohnehin anderswo. "Viele junge Leute sind nur für einen Job auf der Baustelle vorbereitet." Bevor die spanische Immobilienblase platzte, gab es in der Bauindustrie viel Geld zu verdienen, Bildung brauchte man dafür nicht. Auch deshalb hat Spanien heute die dritthöchste Schulabbrecherquote der EU.

Adrián Rodríguez Rico geht jetzt wieder zur Schule, um sein Abitur nachzuholen. Ein Jahr war der 20-Jährige arbeitslos, bis auf den Sommerjob in einer Bar hat er nichts gefunden. Ans Auswandern denkt Adrían dennoch nicht. "Dafür ist mein Englisch zu schlecht." Das liege auch am spanischen Bildungssystem, das theorielastig ist und viel Wert aufs Auswendiglernen legt. "Was sie Dir beibringen, hat wenig zu tun, mit dem was Du später machst."

So schlimm hätte es nicht kommen müssen - dieses Gefühl eint in diesen Tagen viele junge Spanier. Es ist auch ein Grund, warum der Informatiker Alberto in die Fremde will. "Deutschland schafft Lösungen", sagt er. "In Spanien sind die Leute sehr kritisch, aber sie machen nichts."

Obwohl Freunde sie für verrückt erklären und keiner von beiden bislang Deutsch spricht, scheinen Alberto und Maria Antonia beseelt von ihrem Vorhaben. Sie werden in Deutschland wenig vermissen, glauben beide. Ihre Familien kommen aus Andalusien, sind also schon jetzt weit weg. Und von ihrer kriselnden Heimat verabschieden sie sich ohnehin ohne schlechtes Gewissen. "Wir haben dieses Problem nicht verursacht", sagt er, und sie ergänzt: "Aber wir müssen dafür bezahlen."

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Welcome !
sagmalwasdazu 20.02.2012
Herzlich Willkommen im Paradies des Niedriglohnes, die Verleihfirmen kriegen Euch schon in einen Job. Die Jobcenter brauchen keine Mitarbeiter abbauen, denn Aufstocker benötigt die Wirtschaft ganz dringend. Frau von Verleihen schlägt Purzelbäume.
2. Tja
Progressor 20.02.2012
So ist das halt, wenn man einer nicht konkurrenzfähigen Volkswirtschaft eine Gemeinschaftswährung aufdrückt. Es war auch vorher bekannt, dass diese Probleme auftreten würden. Politische Idee versus Makroökonomie, mal sehen wer gewinnt ;-)
3.
Diskutant_EF 20.02.2012
Zitat von sagmalwasdazuHerzlich Willkommen im Paradies des Niedriglohnes, die Verleihfirmen kriegen Euch schon in einen Job.
Haben Sie den Beitrag nicht gelesen? Verglichen mit dem, was die im Beitrag genannten jungen Menschen in Spanien verdienen, ist Deutschland sicher kein Niedriglohnland.
4. neue Völkerwanderung?
semaphil 20.02.2012
Zitat von sysopInformatiker und Putzfrauen, Aushilfskellner und Flugzeugmechaniker: Spanier aller Schichten wollen weg, weil sie keine Aussicht auf einen Job haben. Hochqualifizierte streben nach Deutschland - von ihrer kriselnden Heimat verabschieden sie sich ohne schlechtes Gewissen. Arbeitslosigkeit in Spanien: Absturz mit Ansage - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816278,00.html)
Wäre schon erstaunlich, wenn sie hier - außer von den Arbeitgebern auf der ewigen Suche nach Billigstkräften - von irgendjemandem willkommen geheißen würden. Konkurrieren sie doch mit einer Armada bestausgebildeter Akademiker, die trotz hoher Qualifikation keinen Job finden.
5. Immer gern genommen!
dendrocopos 20.02.2012
Zitat von sagmalwasdazuHerzlich Willkommen im Paradies des Niedriglohnes, die Verleihfirmen kriegen Euch schon in einen Job. Die Jobcenter brauchen keine Mitarbeiter abbauen, denn Aufstocker benötigt die Wirtschaft ganz dringend. Frau von Verleihen schlägt Purzelbäume.
Die Spanier kommen gerne und sind sehr willkommen. Und während ein studierter Informatiker in Spanien kaum mehr als 1.000€ / Monat netto bekommt, raschelt in Deutschland gerne das doppelte und mehr im Portemonnaie. Wäre schön, wenn wir Gegenzug ein paar arbeitsunwillige Hartzer exportieren könnten - aber wer will die schon haben...
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