Statistik Offizielle und versteckte Arbeitslosigkeit in Deutschland

Zeichnet die offizielle Statistik ein geschöntes Bild vom Arbeitsmarkt? Tatsächlich gelten viele nicht als arbeitslos, obwohl sie Arbeit suchen - verschwiegen werden sie aber auch nicht. Ein Überblick.

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Jeden Monat veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit (BA) die offizielle Zahl der Arbeitslosen. Tatsächlich sind aber weit mehr Menschen de facto arbeitslos. Den Großteil davon veröffentlicht die BA auch, allerdings unter einer anderen Bezeichnung. Ein weiterer Teil kann nur geschätzt werden.

Wie groß ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland also wirklich - und welche Personen sollten dazugezählt werden?

Eine Rechnung am Beispiel des Februar 2017:


1. DIE OFFIZIELL ARBEITSLOSEN


Dazu gehören grundsätzlich Menschen, die

  • sich bei der BA arbeitslos gemeldet haben (und für ihre Vermittlung zur Verfügung stehen) und
  • gar nicht oder weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten und
  • einen sozialversicherungspflichtigen Job suchen.

Im Februar 2017 trafen diese Kriterien auf rund 3,76 Millionen Menschen zu. Trotzdem lag die Zahl der offiziell Arbeitslosen fast um eine Million niedriger, nämlich bei 2,76 Millionen Menschen.

Aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik werden also relativ viele Menschen herausgerechnet. Sie werden zwar nicht als "arbeitslos" bezeichnet, aber ebenso wie die offiziell Arbeitslosen als "unterbeschäftigt".


2. WEITERE UNTERBESCHÄFTIGTE


Dazu zählen Menschen, auf die die Kriterien für die offizielle Arbeitslosigkeit zutreffen, die aber

  • an einer Maßnahme der aktiven Arbeitsmarktpolitik teilnehmen oder
  • vorübergehend krank sind (also absehbar wieder arbeitsfähig sind) oder
  • älter als 58 Jahre alt sind und Hartz IV beziehen.

Zu den arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zählen zum Beispiel:

  • Aktivierung und Eingliederung: zum Beispiel Bewerbungstrainings
  • Weiterbildung: Lehrgänge, um beruflich auf dem aktuellen Stand zu bleiben
  • Fremdförderung: Sprachkurse, Integrationskurse
  • Weitere Maßnahmen: Ein-Euro-Jobs, Lohnzuschüsse

Bis auf eine kleine Minderheit (etwa Menschen, die Arbeitsplätze haben, für die der Arbeitgeber Lohnzuschüsse erhält) können auch die weiteren Unterbeschäftigten als arbeitslos angesehen werden.

Damit waren im Februar 2017 nicht 2,76 Millionen Menschen, sondern mindestens 3,76 Millionen Menschen arbeitslos. Die BA veröffentlicht diese Zahl - stets gemeinsam mit den offiziellen Arbeitslosenzahlen - als sogenannte Unterbeschäftigung.

Doch auch diese Zahl gibt noch nicht das volle Ausmaß der Arbeitslosigkeit an.


3. STILLE RESERVE


Zu ihr zählen Menschen, die sich zwar nicht arbeitslos melden - die aber durchaus bereit wären, eine Arbeit aufzunehmen. Das trifft zum Beispiel auf Menschen zu, die bislang nicht gearbeitet haben und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, weil etwa der Ehepartner zu viel verdient. Eine andere Personengruppe hat die Suche nach Arbeit resigniert aufgegeben, würde sie aber wieder aufnehmen, wenn es wieder freie Stellen in ihrem Bereich gibt.

Wie viele Menschen exakt zur Stillen Reserve gehören, kann nicht exakt beziffert werden, weil sie sich ja nicht arbeitslos melden. Ihre Zahl wird daher geschätzt, dafür gibt es mehrere statistische Methoden. Daher kommen das Statistische Bundesamt zu anderen Ergebnissen als das Forschungsinstitut der BA, das IAB - zudem müssen die Schätzungen oft auch Jahre rückwirkend stark korrigiert werden. Ein Beispiel: Für das Jahr 2012 schätzte das IAB die Stille Reserve ursprünglich auf 567.000 Menschen - nach letzter Schätzung waren es damals aber lediglich 232.000 Menschen.

Im Unterschied zur Unterbeschäftigung ist es daher seriös, wenn die BA die Stille Reserve nicht bei der offiziellen Arbeitslosigkeit berücksichtigt - es ist schlicht nicht möglich, ihre Zahl auch nur annähernd exakt anzugeben. Dennoch gibt es sie, und auch die Menschen in ihr sind arbeitslos.

Für das Jahr 2017 schätzt das IAB die Stille Reserve auf 271.000 Menschen. In der folgenden Grafik ist sie mit aufgeführt - sie muss aber als Größenordnung, nicht als exakte Zahl begriffen werden.

Im Februar 2017 waren in Deutschland also vier Millionen Menschen arbeitslos - und nicht die 2,78 Millionen Menschen, die offiziell als arbeitslos bezeichnet werden.

Mehr zur Entwicklung der offiziellen und versteckten Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren und zur Bewertung der deutschen Statistik im internationalen Vergleich finden Sie hier.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
umbhaki 31.03.2017
1. Das ist schön,
dass Sie die Statistik, die die Partei »Die Linke« seit 2009 monatlich führt, jetzt auch schon entdeckt haben. Den Link dorthin reiche ich gerne nach: https://www.die-linke.de/politik/positionen/arbeitsmarkt-und-mindestlohn/tatsaechliche-arbeitslosigkeit/
skater73 31.03.2017
2.
Man könnte auch Kinder und Rentner noch hinzurechnen. Und Ehegatten, die nicht arbeiten, weil sie es nicht nötig haben/wollen, aber ja theoretisch könnten. Wir können die Arbeitslosenzahlen immer weiter aufbauschen. Wichtig ist doch der Trend, solange die Messmethode gleich bleibt und ob der Anteil derer wächst, die in Maßnahmen gesteckt werden. Sinnvoller ist es daher schon lange, die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu messen und diese in Relation zur Bevölkerungszahl zu setzen, die Erwerbstätigenquote. Das ist es deshalb sinnvoll, weil die Quote einen Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung darstellt. Für die betroffenen Arbeitslosen selbst ist die Zahl komplett irrelevant, da geht es um das Einzelschicksal und welche Möglichkeiten ihnen konkret geboten werden.
dingstabumsta 31.03.2017
3. Arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen...
...gehen viel zu oft am Arbeitsmarkt vorbei. Ich selbst bin in dieser Branche beschäfftigt, und bekomme mit, wie oft, bei z.B. Aktivierung und Eingliederung absolut nichts damit zu tun hat, die Lage des Arbeitslosen Realer für den Arbeitsmarkt zu machen, es ist mehr die hilflosigkeit des JobCenter Mitarbeiters, der auf Teufel komm rauss etwas Anbieten muss...wenn schon keine Arbeit da ist, wird der oftmal gefrustete Kunde des JobCenters und Sanktionandrohungen kommen müssen....und verabschieden sie sich bitte von dem Irrtum, das es vom JobCenter ein fördern gibt...es wird nur noch gefordert! Weiterbildung kommt für viele Arbeitslose zu spät, denn der Job ist Futsch, und weil die Lohnspirale stetig nach unten geht, schaffen es immer weniger, neben der Arbeit, sich Weiterzubilden (trotz KFW, Bafög etc.) Ein-Euro-Jobs sind nichts anderes als Job Killer, und Lohnzuschüsse nur versteckte Subventionen an die Unternehmen, die nicht mehr bereit sind, sich nach der sozialen Marktwirtschaft zu Orientieren, sondern nur noch reine Anleger Befriedigung betreiben...das die Arbeitnehmer alternativlos in Altersarmut schliddern, und dann, nach dem Sozialstaat gerufen wird, wird uns eh ne Menge kosten....deswegen sollten solche Arbeigeber keinen Cent mehr erhalten, sonder gehören abgestraft....aber für die Wirtschaft macht unser unterwürfiges und höriges Volk alles. Auf 4 Millionen Arbeitslose kommen wir....dank geschönter Statistiken fällt aber über die hälfte rauss, was vieles an Statistiken verfälscht. Was lässt sich unsere Regierung wohl einfallen, wenn die Automobilbranche aus Elektro Autos umschwenkt oder die Logistikbranche nur noch auf Selbstfahrende LKWs setzt???
Motorkopf 31.03.2017
4. stimme ich nicht zu!
Zitat von skater73Man könnte auch Kinder und Rentner noch hinzurechnen. Und Ehegatten, die nicht arbeiten, weil sie es nicht nötig haben/wollen, aber ja theoretisch könnten. Wir können die Arbeitslosenzahlen immer weiter aufbauschen. Wichtig ist doch der Trend, solange die Messmethode gleich bleibt und ob der Anteil derer wächst, die in Maßnahmen gesteckt werden. Sinnvoller ist es daher schon lange, die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu messen und diese in Relation zur Bevölkerungszahl zu setzen, die Erwerbstätigenquote. Das ist es deshalb sinnvoll, weil die Quote einen Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung darstellt. Für die betroffenen Arbeitslosen selbst ist die Zahl komplett irrelevant, da geht es um das Einzelschicksal und welche Möglichkeiten ihnen konkret geboten werden.
Denn mit den absoluten Zahlen und deren Vergleiche wird Politik gemacht! Sprüche wie: "...dann hätten wir ja die selbe Anzahl von Arbeitslosen wie nach der Wende etc." muss man sich immer und überall anhören. Es wird bei der Bemessung nicht unterschieden, daß es Eur-Angleichung gab - absichtlich! Auch die reine Anzahl der "Sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten" ist absichtlich irreführend! Welchen Arbeitnehmer mit einem Brutto-Entgeld zwischen 650 - 2000€ ist von der Aussage begeistert, dass er auch noch Sozialversicherung zahlen darf? Er zahlt keine Steuern - was bei diesen Einkommen noch der kleinste Teil wäre. Diese Phrase ist extra kurz gedacht, damit der Aufstocker nicht in den Statistiken auftaucht aber trotzdem Staatliche Stütze bekommt, um somit die Wirtschaft zu subventionieren.
andib81 31.03.2017
5. Alg ii?
was ist mit denen, die noch nicht 58 Jahre alt sind und ausschließlich von ALG II leben? Auch diese Personen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, dürften aber sicherlich noch ein paar Millionen Menschen ausmachen. Die offizielle Arbeitslosenquote ist nur so gering, da sich die Bezugszeiträume ebenfalls vor Jahren verringert haben.
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