Flexible Arbeitszeiten Was hinter Deutschlands Beschäftigungswunder steckt

Über Jahrzehnte galt: In jeder Krise verlieren mehr Menschen ihren Job, als im nächsten Boom wieder eingestellt werden - und das Heer der Arbeitslosen wächst. Seit dem letzten Crash ist das in Deutschland anders. Warum?

Maschinenbauer
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"Große Rezession" - in vielen Ländern ist das heute ein feststehender Begriff, allen voran in den Vereinigten Staaten. Dort nahm der dramatische Einbruch der Wirtschaftskraft im Zuge der schweren Finanzkrise vor rund einem Jahrzehnt ihren Ausgang. Für deutsche Ohren hingegen hört sich der Begriff seltsam fremd an.

Das hat auch damit zu tun, dass Deutschland verhältnismäßig glimpflich durch die 2007 entstandene Krise kam. Das Bruttoinlandsprodukt brach zwar um fast sechs Prozent ein. Doch obwohl das Jahr 2009 damit die schwerste Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges markierte, stieg die Arbeitslosigkeit in Deutschland kaum merklich an. Von 2008 auf 2009 kletterte die Arbeitslosenquote zwar leicht von 7,6 auf 7,8 Prozent. Schon 2010 lag sie allerdings bereits wieder bei 7,1 Prozent.

Andere Länder traf es weit schlimmer: In den USA stieg die Arbeitslosenquote von 5,8 (2008) auf 9,6 Prozent (2010), in Frankreich von 7,5 auf 9,4 Prozent und in Japan von 3,7 auf 4,7 Prozent.

Wieso blieben Massenentlassungen aus, die in früheren Krisen auch in der deutschen Wirtschaft ein gängiges Phänomen waren? Wie kam es zu diesem "deutschen Beschäftigungswunder"?

Weniger Arbeit - aber nicht weniger Jobs

Ein Forscherteam der University of Massachusetts und der gewerkschaftsnahen deutschen Hans-Böckler-Stiftung hat die Gründe des deutschen Jobbooms untersucht. Sein Ergebnis: 2009 griffen erstmals im großen Stil Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung. Die Firmen konnten die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter drosseln - und mussten so nicht die Stellenanzahl reduzieren.

Insgesamt konnten dadurch 1,3 Millionen Arbeitsplätze erhalten bleiben, die sonst in der Krise eigentlich hätten wegfallen müssen, rechnen die Forscher vor.

Verglichen mit früheren Rezessionen sank die durchschnittliche effektive Arbeitszeit 2008/09 besonders stark. Im dritten Quartal 2009 sank sie sogar um fast zwei Prozent. Mit anderen Worten: Jeder Arbeitnehmer mit einer 40-Stunden-Woche arbeitete damals in der Spitze im Schnitt fast eine Stunde weniger. Dafür blieb die Zahl der Beschäftigten insgesamt praktisch unverändert.

Noch nach dem Platzen der sogenannten "New Economy Blase" 2001 war das anders gewesen. Laut Berechnungen der Wissenschaftler waren damals fast 600.000 Jobs verloren gegangen.

Was hat sich in der kurzen Zeitspanne verändert?

Die Studie identifiziert mehrere Faktoren, die Arbeitszeiten deutlich flexibler machten:

  • Ein Beispiel ist das Kurzarbeitergeld. Es ermöglicht Unternehmen, die Arbeitszeit vorübergehend zu verringern. Ihre Angestellten bekommen währenddessen bis zu 67 Prozent der ausgefallenen Arbeitszeit bezahlt, vom Staat. Das Kurzarbeitergeld gibt es bereits seit den Zwanzigerjahren. In der "Großen Rezession" weitete die Bundesregierung die Bezugsdauer deutlich aus, von maximal 6 auf bis zu 24 Monate.
  • Zugleich wurden auch Arbeitszeitkonten stärker genutzt. Sie ermöglichten es Firmen in der Krise, Mitarbeiter zunächst Überstunden abbauen zu lassen, die sie zuvor angesammelt hatten. 2009 nutzten rund 50 Prozent aller Arbeiter solche Arbeitszeitkonten, zehn Jahre zuvor waren es noch nur 35 Prozent gewesen.
  • Auch sogenannte "Öffnungsklauseln" halfen den Unternehmen. Sie ermöglichen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern, sich unter bestimmten Bedingungen auf Abweichungen von Tarifverträgen zu einigen. In den Neunzigerjahren war dieses Instrument noch selten, bei Volkswagen kam es etwa 1993 zum Einsatz bei der Einführung der Vier-Tage-Woche. 2005 nutzten es bereits 60 Prozent der Unternehmen und 75 Prozent der Beschäftigten im herstellenden Gewerbe.
  • Auch das Kalkül der Arbeitgeber unterschied sich von vorherigen Krisen. Laut den Wissenschaftlern waren 2008/09 vor allem exportorientierte Unternehmen vom Einbruch des Welthandels betroffen. Weil dort Mitarbeiter aber häufig besonders gut ausgebildet und neue nur mühsam auszubilden sind, verzichteten viele Firmen auf Kündigungen - und suchten lieber andere Lösungen.

Für Wirtschaft und Gesellschaft ist das eine gute Nachricht: Seit den Siebzigerjahren hatten Krisen die Sockelarbeitslosigkeit immer weiter erhöht. Die Arbeitslosenzahl sank damals selbst nach dem Ende eines Einbruchs und während eines folgenden Booms nie auf den Stand vor der Krise zurück.

Das war 2009 anders. Laut der Studie pufferten die flexiblen Arbeitszeitmodelle bis zu 88 Prozent der Folgen des Crashs ab, dank der besseren Zusammenarbeit von Staat, Gewerkschaften und Arbeitgebern.

"Wenn es faire Regeln und verbindliche Rechte gibt, sichert das ein Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern", sagt Fabian Lindern, Wissenschaftler der Böckler-Stiftung und einer der Autoren der Studie. Nur auf dieser Basis "wird Flexibilität als Einrichtung zum beiderseitigem Vorteil akzeptiert. Das wirkt sich positiv aus - nicht nur, aber auch in der Krise."



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