Arbeitsmarkt "Vollbeschäftigung so realistisch wie nie"

Die deutsche Wirtschaft schafft zahlreiche neue Arbeitsplätze - und könnte viel schneller als gedacht für Vollbeschäftigung sorgen, sagen Forscher.

Schweißarbeiten (Archiv)
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Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland liegt so hoch wie nie zuvor. Die Unionsparteien CDU und CSU versuchen, aus dem gut laufenden Arbeitsmarkt im Wahlkampf Kapital zu schlagen: Sie haben das Ziel ausgegeben, bis 2025 Vollbeschäftigung zu erreichen.

Nach Ansicht von zwei der führenden deutschen Wirtschaftswissenschaftler ist das tatsächlich möglich. "Das Ziel, Vollbeschäftigung zu erreichen, war nie realistischer als heute", sagte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, der "Rheinischen Post". Aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, ist das Ziel sogar früher umzusetzen. "Vollbeschäftigung kann und sollte durchaus in der nächsten Legislaturperiode, und nicht erst 2025, erreicht werden."

Voraussetzung ist für Hüther aber, dass mehr in schnelles Internet investiert wird, die Lohnnebenkosten nicht stark steigen und die nächste Bundesregierung sich auf den Abbau des Sockels von 1,2 Millionen Langzeitarbeitslosen konzentriert.

Ökonomen sprechen in der Regel bei 3 bis 4 Prozent Arbeitslosigkeit von Vollbeschäftigung, weil unterstellt wird, dass ein Teil der Registrierten nicht wirklich arbeiten will. Derzeit liegt die Quote bei 5,7 Prozent.


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Auch die SPD versucht, mit dem Thema zu punkten. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Arbeitnehmer fit gemacht werden können für die Anforderungen eines sich wandelnden Arbeitsmarktes. "Die Digitalisierung erfordert neue Schwerpunktsetzungen in der Arbeitsmarktpolitik", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). "Alle Experten sind sich einig, dass Qualifizierung im Mittelpunkt stehen muss."

Nahles verwies auf das SPD-Konzept für ein sogenanntes Arbeitslosengeld Q. Jeder, der seinen Job verliere, solle einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung und dann auch länger Arbeitslosengeld bekommen.

Jungen Menschen solle beim Start ins Berufsleben mehr Selbstbestimmung ermöglicht werden. "Unabhängig vom Einkommen der Eltern oder von Erbschaften soll jeder in der Lage sein, seine berufliche Qualifizierung oder eine Firmengründung mit unserem Chancenkonto ein Stück weit selbst in die Hand zu nehmen", sagte Nahles. Die Union lehne das ab. "Das ist nicht nur schlecht für die Menschen, es ist vor allem auch ökonomisch dumm", so die Ministerin. Denn die Wirtschaft brauche gut qualifizierte Fachkräfte und selbstbewusste Arbeitnehmer.

So ein Konto mit einem staatlich zugesicherten Guthaben soll es Arbeitnehmern unter anderem erleichtern, Qualifizierungszeiten zu nehmen.



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