Arbeitsmarkt: Gewerkschafter verreißen Billiglohnstudie
Jeder vierte Geringverdiener schafft den Übergang in ein besser bezahltes Arbeitsverhältnis - das besagt eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. Doch die Interpretation ist umstritten: Gewerkschafter werfen den Autoren vor, Dumpinglöhne zu rechtfertigen.
Berlin - Der Niedriglohnsektor kann laut einer neuen Studie ein Einstieg in besser bezahlte Beschäftigung sein. Die Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) besagt, dass jährlich 24,1 Prozent aller Geringverdiener in den Normalverdienerstatus aufsteigen. In umgekehrter Richtung würden 4,8 Prozent absteigen. Die Forscher widersprechen damit der Meinung, dass ein Geringverdienst das Armutsrisiko erhöht.
Die Untersuchung wurde im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt, hinter der die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie stehen. Die Initiative sieht sich durch die Ergebnisse in ihrer Einschätzung bestätigt, dass Mindestlöhne schädlich sind. Sie würden den Einstieg von Erwerbslosen in den Arbeitsmarkt erschweren - und damit deren finanziellen und sozialen Aufstieg verhindern, sagte INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.
Trotzdem waren die meisten Menschen, die neu in den Niedriglohn-sektor eintreten, im Jahr zuvor noch Normalverdiener: 42,6 Prozent der Niedriglöhner kommen laut Studie aus einem normalen Job. Knapp ein Drittel (28,9 Prozent) war zuvor arbeitslos gemeldet oder anderweitig nicht erwerbstätig.
Interpretation der INSM "ein bisschen zugespitzt"
Aus der Studie lässt sich allerdings nicht herauslesen, ob tatsächlich diejenigen in normale Arbeitsverhältnisse aufsteigen, die zuvor arbeitslos waren, wie Studienautor Holger Schäfer vom IW sagte. "Wir wissen nicht, ob es die Gleichen sind, die vorher arbeitslos waren." Die Interpretation der INSM sei daher "vielleicht ein bisschen zugespitzt, man kann sie aber durchaus ziehen", sagte er - denn die Aufstiegschancen aus der Arbeitslosigkeit in den Niedriglohnsektor seien gut, und ebenso die Chancen eines Aufstiegs aus einem Niedriglohn-Job in ein normales Arbeitsverhältnis.
Die Studie zeigt allerdings auch, dass Menschen mit Arbeitsmarkterfahrung deutlich höhere Chancen haben aufzusteigen als Menschen, die arbeitslos waren. Sehr hoch seien die Aufstiegschancen bei Menschen mit hohem Bildungsabschluss.
Diese Meinung teilt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nicht ganz. "Der Niedriglohnsektor setzt sich aus unterschiedlichsten Gruppen zusammen, bei denen gar nicht die Erwartung vorherrscht, aufzusteigen", sagte Brenke SPIEGEL ONLINE. "Dazu gehören beispielsweise Frauen mit Mini-Jobs oder Schüler und Studenten mit Nebenjobs, die sowieso in gänzlich anderen Bereichen arbeiten wollen."
Gewerkschaften kritisieren "Schönfärberei"
Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske bezeichnete die Studie als irreführend und schönfärberisch. Erstmals sei damit auch von Arbeitgeberseite bestätigt worden, dass mit 22 Prozent bereits etwa jeder Fünfte Beschäftigte heute für Niedriglöhne arbeite. IG-Metall Vize-Chef Detlef Wetzel kritisierte die INSM für ihre "Verharmlosungsstrategie". Wenn nur 25 Prozent der Geringverdiener den Aufstieg in den Normalverdienerstatus schafften und sich knapp fünf Prozent noch verschlechterten, dann bedeute dies gleichzeitig, dass 70 Prozent weiter bei Stundenlöhnen von 7,50 Euro und darunter verharrten.
Kritik an der Untersuchung übte auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die Studie solle offensichtlich dazu dienen, "Hunger- und Armutslöhne zu rechtfertigen", erklärte NGG-Chef Franz-Josef Möllenberg. Die sogenannten Aufstocker im Niedriglohnbereich würden jährlich mit zehn Milliarden Euro vom Sozialstaat unterstützt. Dadurch würden "Unternehmen, die auf Niedriglöhne setzen, subventioniert".
Um die Entwicklung des Niedriglohnsektors zu untersuchen, wurde das Sozio-ökomische Panel ausgewertet - ein Datensatz aus einer jährlich durchgeführten Befragung von rund 20.000 Personen, von denen rund die Hälfte erwerbstätig ist.
dis/dpa/dapd/Reuters
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