OECD-Studie Diese Jobs brechen in Deutschland weg

Facharbeiter in Not: Laut einer OECD-Studie ist der Anteil von Arbeitsplätzen mit mittlerer Qualifikation in den Industrieländern dramatisch gesunken. Die Spaltung des Jobmarkts nimmt auch in Deutschland zu.

Roboter in der Autofertigung
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Roboter in der Autofertigung


Die Struktur des Arbeitsmarktes hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Deutschland und in anderen Industrieländern tief greifend verändert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dem Beschäftigungsausblick 2017 der OECD zufolge nimmt in allen beobachteten Staaten die Polarisierung des Arbeitsmarkts zu.

Das bedeutet: Es gibt sowohl im niedrig qualifizierten Bereich als auch im Bereich hochqualifizierter Tätigkeiten mehr Jobs. In Deutschland beträgt das Plus in den beiden Segmenten seit 1995 etwa 3,4 beziehungsweise 4,7 Prozent. Gleichzeitig nimmt allerdings die Beschäftigung im Segment mittlerer Qualifikation deutlich ab. In Deutschland liegt der Rückgang bei minus 8,1 Prozent.

In Österreich fällt dieser Effekt noch stärker aus. Dort ist der Anteil von Arbeitsplätzen mittlerer Qualifikation an der Gesamtbeschäftigung um mehr als 16 Prozent zurückgegangen. Allerdings entstanden dort laut OECD auch deutlich mehr neue Arbeitsplätze, die eine hohe Qualifikation erfordern.

Die Autoren der Studie identifizieren mehrere Faktoren, die diese Entwicklung befeuern:

  • Besonders stark ist offenbar der Einfluss eines Phänomens, das die OECD Deindustrialisierung nennt. Damit gemeint ist der Strukturwandel in vielen etablierten Industrieländern. Dort nimmt der Anteil produzierender Betriebe an der Gesamtwirtschaft seit Jahren ab, dafür steigt der Anteil des Dienstleistungsbereichs. Dieser Strukturwandel sei verantwortlich für etwa ein Drittel der beobachteten Polarisierung des Arbeitsmarktes, so die OECD.
  • Darüber hinaus führt der technologische Fortschritt offenbar zu einer Verschiebung der Beschäftigungsstruktur innerhalb des produzierenden Gewerbes, so die OECD-Studie. Der Anteil von Arbeitsplätzen mittlerer Qualifikation sinkt, dafür gibt es mehr Jobs, die eine hohe Qualifikation erfordern. Im Dienstleistungssektor hingegen führten neue Technologien zu keinen signifikanten Verschiebungen.
  • Für ein anderes, oft vorgebrachtes Argument konnten die Autoren der Analyse keine eindeutigen Hinweise finden: Es gebe keinen klaren Beleg, dass mehr Globalisierung (die Verflechtung eines Landes in weltweite Wertschöpfungsketten oder hohe Importe aus China) die Beschäftigungsstruktur in bestimmten Branchen verändere.
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Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung könnten in den kommenden Jahren zahlreiche Arbeitsplätze vernichten beziehungsweise deren Anforderungsprofil ändern. Die OECD appelliert deshalb an die Industrieländer: Deren Regierungen müssten mehr Anstrengungen für Bildung und Weiterbildung von Arbeitnehmern unternehmen. Dazu gehöre frühkindliche Förderung ebenso wie die Weiterbildung von Arbeitnehmern und Arbeitssuchenden.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und OECD-Generalsekretär Ángel Gurría kommen nach der Vorstellung der Studie am Dienstag im Rahmen einer Konferenz in Berlin zusammen, um Wege für mehr und bessere Arbeitsplätze diskutieren. Die OECD will dort Vorschläge für Arbeitsmarktreformen in Deutschland unterbreiten.

Die Organisation sieht vor allem zwei Schwächen des deutschen Arbeitsmarkts. Zum einen liege der Anteil von Arbeitsplätzen mit starkem Stress über dem Schnitt der OECD-Länder, zum anderen bleibe das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen ein großes Problem.

Gut schneidet Deutschland dagegen ab in den Bereichen Einkommenshöhe und Arbeitsplatzsicherheit sowie wegen des derzeit hohen Beschäftigungsgrades.

Report zum Arbeitsmarkt der Zukunft: Die Jobfresser kommen

beb/mit Material von dpa

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insgesamt 181 Beiträge
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Worldwatch 13.06.2017
1. Arbeit gibt es hinreichend zu tun
Die für und am Mitmenschen, Gesellschaft, Natur- und Umweltschutz, Forschung und Wissenschaft, u.s.w.. Die Frage ist nur, wie diese f.d. Zukunft finanzierbar wird. Meine Antwort: Roboter- und Automatisierungs-Besteuerungen. Werden Jobs überflüssig gemacht, müssen Finanierungssubstitute zur L&G-Besteuerungen her. Das wird auch weltweit klappen, weil alle Industrienationen die gleichen Probleme haben.
latrodectus67 13.06.2017
2. Steuerung
"Regierungen müssten mehr Anstrengungen für Bildung und Weiterbildung von Arbeitnehmern unternehmen". Es ist so frapant, wie hier gesteuert wird. Es ist also nicht die Aufgabe des Arbeitgebers etwas für die Weiterbildung der Mitarbeiter zu machen, das soll bitte der Staat erledigen. Und natürlich ist diese Weiterbildung und Bildung die einzige relevante Gestaltungsmöglichkeit des Staates, alles andere, dass Maschinen und Produktion subventioniert werden, Arbeit aber nicht und inwieweit das in die Entwicklung hineinspielt, wird noch nichtmal angedacht.
Berg 13.06.2017
3.
Nachdem Fahrkartenautomaten die Schaffner ablösten und Flaschenrücknahmeautomaten der Flaschanabnehmer, sind nun die Paketzustellroboter oder -drohnen dran, aber m.E. völlig überflüssig, weil es genügend Männer und Frauen für diese Jobs gibt.
seis_mo 13.06.2017
4. Digitaler industrieller Epochenwandel nimmt Fahrt auf
Hier und da ist es manchmal schon zu lesen. Durch den OECD-Bericht wird der Epochenwandel nun auch konkret. Und zwar in Form von messbaren Zahlen. Warten wir besser nicht fahrlässig auf Konzepte aus der Politik. Lasst uns doch hier im Forum darüber debattieren, welche Ausgestaltung, welche Vision wir Anstreben.
opinio... 13.06.2017
5. Ist dies nun gut oder schlecht
Bots übernehmen die dumpfen Tätigkeiten und machen die Menschen frei für angemessenere Aufgaben. Das ist nicht die einzige gute Nachricht. Es ist auch erreichbar, wenn wir den gesellschaftlichen Rahmen schaffen, der verhindert, dass Investoren die Vorteile für sich behalten. Mit Aussitzen oder auf Sicht fahren, wie es Merkel seit Jahren macht, kommen wir da nicht hin. Was also tun? Demokratie leben, einen Wechsel wagen, aus "mit mir gibt es keine Maut" lernen und die Lobbykrusten aufbrechen!
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