Arbeitsmarkt OECD prangert Misere deutscher Zeitarbeiter an

Am deutschen Arbeitsmarkt herrscht ein Zweiklassen-System: Vor allem Zeitarbeiter sind schlecht gegen den Jobverlust geschützt, sie müssen die Hauptlast der Wirtschaftskrise tragen. Zu diesem Ergebnis kommt die OECD in einem Ländervergleich.

Reinigungskraft: Leiharbeiter zahlen die Zeche
AP

Reinigungskraft: Leiharbeiter zahlen die Zeche


Frankfurt am Main - Deutsche Zeitarbeiter sind nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ( OECD) im internationalen Vergleich besonders schlecht geschützt. "International fällt Deutschland durch eine Zweiklassen-Gesellschaft am Arbeitsmarkt auf", sagte der Sprecher der OECD in Deutschland, Matthias Rumpf, der "Frankfurter Rundschau" vom Mittwoch.

Den Forschern der Organisation zufolge gehört die Bundesrepublik beim persönlichen Kündigungsschutz der fest Angestellten zu den drei Mitgliedsländern mit dem höchsten Niveau. Bei den Zeitarbeitern und befristet Beschäftigten rangiert sie dagegen im Vergleich der 30 OECD-Staaten dem Bericht zufolge in der unteren Hälfte.

Die Unterschiede beim Kündigungsschutz wirken sich laut OECD besonders drastisch im Abschwung aus, wenn sich Entlassungen häufen. "In der Bundesrepublik müssen die Beschäftigten ohne Festanstellung mehr noch als in anderen Ländern die Hauptlast der Krise tragen", sagte Rumpf.

Debatte um Zeitarbeiter

In den vergangenen Tagen war der Drogeriekette Schlecker Missbrauch der Leiharbeit vorgeworfen worden. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di wirft dem Unternehmen vor, kleinere Filialen zu schließen, den Angestellten zu kündigen und für neu eröffnete Märkte Personal fast ausschließlich über die Leiharbeitsfirma Meniar zu deutlich schlechteren Bedingungen einzustellen. Schlecker kündigte nach der heftigen Kritik an, keine neuen Verträge mit Meniar mehr zu schließen.

Nach den Dumping-Vorwürfen gegen Schlecker ist die Debatte um einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland neu aufgeflammt. Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles forderte am Dienstag eine solche Regelung im Verkauf: Es sei besonders im Einzelhandel üble Praxis, über Mitarbeiter von Leiharbeitsfirmen die Löhne zu drücken, sagte sie am Montag dem Deutschlandradio Kultur.

DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki kritisierte die Union, da diese seit Jahren Existenz sichernde Mindestlöhne in der Zeitarbeitsbranche blockiere. Schlecker sei kein Einzelfall und das Vorgehen nicht neu. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte angekündigt, die Gesetze zur Leiharbeit auf Schlupflöcher zu prüfen und gegebenenfalls zu ergänzen.

Der Arbeitsmarktexperte der FDP, Johannes Vogel, verteidigte hingegen Zeitarbeit als wichtigen Zugang zum Arbeitsmarkt. Der Fall Schlecker mache jedoch deutlich, dass es schwarze Schafe unter den Unternehmen gebe. Der Handelsverband Deutschland (HDE) erklärte: "Wir brauchen keine staatlichen Mindestlohnregelungen für den Einzelhandel." Mehr als zwei Drittel der beschäftigten Voll- und Teilzeitarbeitnehmer würden bereits jetzt nach dem Tarifvertrag des Einzelhandels entlohnt.

mik/AFP



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AndyH 10.12.2009
1.
Extrem bedroht. Wenn nicht die Fertigungsindustrie gefördert wird und die Energiepreise nicht sinken, können die Deutschen bald in Marokko kellnern.
Stefanie Bach, 10.12.2009
2.
Zitat von sysopDie Mitarbeiter des Daimler-Werks in Sindelfingen können aufatmen: Kein Arbeitsplatz soll verlorengehen. Bis 2020 will der Konzern auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und die bisher beim Bau der C-Klasse Beschäftigten anderweitig unterbringen. Ein gutes Zeichen? Wie bedroht sehen Sie andernorts deutsche Arbeitsplätzchen?
Es war von vorneherein klar: Nach der Bundestagswahl droht die Entlassungswelle (http://www.plantor.de/2009/nach-der-bundestagswahl-droht-die-entlassungswelle/). Auch das Kurzarbeitergeld kann langfristig nur denen helfen, deren Firmen ihre Position im Markt erneut stärken können. Daimler gehört wahrscheinlich dazu. Für viele andere wird es aber noch bitter werden. Das Motto dieser Regierung, Steuersenkungen statt Binnennachfrage, nützt nur einer kleinen Minderheit.
Gockeline 10.12.2009
3. Wer soll das glauben?
Wlche Firma kann 10-20 Jahre garantieren dass es ihr gut geht? Was wissen die Manager was in 2 Jahren ist? Das kann glauben wer will,ich nicht! Die wollen zuerst man Ruhe an der Front.
lateral 10.12.2009
4.
Zitat von sysopDie Mitarbeiter des Daimler-Werks in Sindelfingen können aufatmen: Kein Arbeitsplatz soll verlorengehen. Bis 2020 will der Konzern auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und die bisher beim Bau der C-Klasse Beschäftigten anderweitig unterbringen. Ein gutes Zeichen? Wie bedroht sehen Sie andernorts deutsche Arbeitsplätzchen?
Arbeitsplätzchen? Was ist das? Gibt es etwa einen Diminuitiv von "Arbeitsplatz"? Oder gar ein Dysphemismus des Wortes "Job"? Oder hat der Sysop zu viele Plätzchen gegessen?
Günter Bodendörfer 10.12.2009
5.
Arbeitsplatzgarantien sind nichts anderes als billige Placebos. Im Falle eines Falles werden die Leute gefeuert, die Gesetze des Kapitalismus sind unerbittlich. Die jeweils Betroffenen werden in eine sogenannte Beschäftigungsgesellschaft ausgegliedert, dort zermürbt und dann geräuschlos entsorgt, wer erst mal in HartzIV ist ist fertig, der rührt sich nie wieder dem Fallmanager seis gedankt, so einfach ist das. Solange der deutsche Michel allerdings das Leistungsträgergeschwätz glaubt, solange wird sich daran auch nichts ändern, aus dem Grunde gönne jedem dieser gläubigen Trottel seine Arbeitslosigkeit.
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