Arbeitsmarkt Ostdeutsche arbeiten länger als Westdeutsche

Auf dem deutschen Jobmarkt gibt es noch immer ein Ost-West-Gefälle. Beschäftigte in den neuen Bundesländern arbeiten mehr Stunden pro Jahr als in den alten - und verdienen deutlich weniger.

Backstube in Sachsen
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Backstube in Sachsen


Beschäftigte in Westdeutschland haben im vergangenen Jahr im Schnitt 1279 Stunden gearbeitet, im Osten inklusive Berlin waren es 1354 Stunden. Zugleich lagen die Jahres-Bruttolöhne je Arbeitnehmer im Westen mit 35.084 Euro um fast 5000 Euro höher als in den neuen Ländern mit 30.172 Euro. Das ergeben Daten der Statistischen Ämter von Bund und Ländern, die die Linke-Bundestagsfraktion ausgewertet hat.

Die Spaltung am Arbeitsmarkt halte auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wende an, sagte Linke-Sozialexpertin Sabine Zimmermann. "Die Bundesregierung hat sich offensichtlich mit einem Sonderarbeitsmarkt Ost abgefunden. Das ist nicht akzeptabel."

Ein wesentlicher Schlüssel für eine Angleichung sei eine Stärkung der Tarifbindung im Osten. Niedrigstlöhnen und prekärer Beschäftigung müsse deutschlandweit der Kampf angesagt werden, unter anderem durch eine Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro die Stunde, forderte Zimmermann.

Im Schnitt am längsten gearbeitet wurde 2017 der Statistik zufolge in Thüringen mit 1371 Stunden. Es folgen Sachsen-Anhalt mit 1362 Stunden und Mecklenburg-Vorpommern mit 1353 Stunden je Arbeitnehmer. Am wenigsten Arbeitsstunden waren es in Nordrhein-Westfalen (1261), im Saarland (1259) und in Rheinland-Pfalz (1255).

Als Ursachen für Unterschiede gelten unter anderem tarifliche Regeln. Wochenarbeitszeiten von 40 Stunden hatten im Westen noch acht Prozent der Tarifbeschäftigten, im Osten aber 40 Prozent, wie eine Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung von 2017 ergab. Einfluss haben etwa auch die Zahl der Feiertage und der Anteil von Vollzeit, Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung.

Bei Löhnen und Gehältern je Arbeitnehmer war Hamburg mit 40.771 Euro brutto im vergangenen Jahr der Spitzenreiter. Es folgen Hessen (37.832 Euro) und Baden-Württemberg (36.786 Euro). Am wenigsten verdienten Arbeitnehmer demnach im Schnitt in Mecklenburg-Vorpommern mit 27.520 Euro, Sachsen-Anhalt (28.607 Euro) und Brandenburg (28.715 Euro).

Wie hoch Verdienste regional ausfallen, kann davon abhängen, ob es Unternehmen mit gut bezahlten Jobs gibt. Einfluss auf die Gehaltshöhe hat auch die Qualifikation von Arbeitnehmern.

Über die Kaufkraft sagt die Höhe der Bruttolöhne noch nichts aus - diese hängt auch von den Lebenshaltungskosten etwa für Miete oder Lebensmittel ab, die sich regional stark unterscheiden und im Osten der Republik oft günstiger sind.

ssu/dpa-AFX



insgesamt 51 Beiträge
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einervondenen 21.08.2018
1. Wieder und wieder
Jammernde Forderungen nach Gerechtigkeit haben auch etwas infantiles. Gefühlt alle drei Monate wird dieses Thema geritten. Die Durchschnittsgehälter haben etwas mit dem durchschnittlichen Umsatz ansässiger Unternehmen zu tun. Letztlich zahlen die Unternehmen, was sie am Arbeitsmarkt durchsetzen können. Wer mehr möchte, sollte in diesen Gebieten wertvolle Unternehmen gründen, wie in Sachsen geschehen. Dort gibt es vielleicht höhere Gehälter als in Aurich. Dieser Strukturwert ist sicher auch historisch beeinflusst, letztlich waren das (in den letzten Artikeln) aber nur ein paar Prozent. Was sollen denn die Süditaliener zu den Norditalienern sagen? Mindestlohn erhöhen?
taschenorakel 21.08.2018
2. Kehrseite der Hipster-Economie
"Ein wesentlicher Schlüssel für eine Angleichung sei eine Stärkung der Tarifbindung im Osten." Dass auch Berlin von den schlechte Arbeitsbedingungen betroffen ist, ist halt die Kehrseite der hippen Startup-Economy in der vermeintlichen coolen Weltstadt: Vermeintliche "zukünftige Multimillionäre" brauchen kein Arbeitsrecht, keine Tarifbindung. Um so unverständlicher, dass ausgerechnet SPD-Bürgermeister Müller, tarifgebundenen Großunternehmen wie Siemens die kalte Schulter zeigt, wenn laut darüber nachdenken, ihr Engagement in der Stadt zu erhöhen.
The Restless 21.08.2018
3. Ostdeutschland plus Berlin
Ich habe den Verdacht, dass die Unterschiede noch krasser ausfallen würden, wenn man die Datenmittelung ohne Berlin ausführen würde, das sozialpolitisch (und historisch) nicht wirklich zu 'Ostdeutschland', wie wir es heute kennen, gehört. Eine solche Mittelung schönt die Datenlage ein wenig, sodass Ostdeutschland nicht ganz so abgehängt aussieht.
pauli96 21.08.2018
4. Mindestlohn von 12 Euro?
Mindestlohn gibt es häufig im Servicebereich, für einfache Tätigkeiten, für Ungelernte. Wer soll denn diesen Lohn im Osten bezahlen? Und von was ? Umgelegt auf die Kunden? Wird sicher gut funktionieren. Nebenbei steigt dadurch nicht automatisch das gesamte Lohngefüge sondern der Abstand der unteren Lohngruppen zum Mindestlohn schwindet. Es ist für den kleinen Gewerbetreibenden im Osten einfach nicht möglich allen Mitarbeitern den Stundenlohn um 2 Euro (mit Arbeitgeberanteil rund 2,50 )zu erhöhen
dasfred 21.08.2018
5. Na ja, was man so Arbeit nennt
Den Arbeitgeber interessiert zuerst die Produktivität. Viel Ertrag, viel Lohn. Im Osten wurde es schließlich als Standortvorteil verkauft, billiger produzieren zu können. Und wenn sich vor jedem neuen Betrieb im Osten Bewerberschlangen bilden, sieht es mit der Verhandlungsmacht auf Arbeitnehmerseite eher schlecht aus.
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