Studie zu prekär Beschäftigten Mieser Job, mieses Leben

Leiharbeiter, Minijobber und Teilzeitbeschäftigte müssen nicht nur mit geringem Einkommen vorlieb nehmen. Die Berufssituation wirkt sich einer Studie zufolge auch negativ auf ihr Privatleben aus. Besonders bei Frauen.

Reinigungskraft: Die Zahl der atypisch Beschäftigten ist deutlich gestiegen
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Reinigungskraft: Die Zahl der atypisch Beschäftigten ist deutlich gestiegen

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Ein sicherer Arbeitsplatz schafft den Rückhalt und die materielle Sicherheit, die man für ein zufriedenes Leben braucht. Diese Erkenntnis bestätigte Mitte Juni einmal mehr das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Nun hat sich eine Forschergruppe der Universität Münster des Themas aus der umgekehrten Perspektive angenommen, nämlich aus der Sicht von Menschen, die "atypisch" beschäftigt sind, wie die Soziologen es nennen: als Leiharbeiter, Minijobber oder Teilzeitbeschäftigte.

Diese "Arbeit abseits der Norm" bringe nicht nur weniger Geld ein als die der Normalarbeitnehmer - sie habe auch weitreichende Auswirkungen auf das Privatleben, schreiben die Forscher in ihrer aktuellen, von der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung geförderten Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die damit verbundenen Risiken trügen vor allem Frauen.

Herausfinden wollten die Wissenschaftler, welchen Einfluss atypische Beschäftigungsverhältnisse auf Partnerschaft und Familie, soziale Netzwerke oder die gesellschaftliche Teilhabe haben. Eine Frage von zunehmender Bedeutung, denn in den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der atypisch Beschäftigten deutlich gestiegen. Ein großer Teil des Jobwachstums seit den Neunzigerjahren ging auf die zunehmende Verbreitung solcher Beschäftigungsverhältnisse zurück. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben 2012 knapp acht Millionen Menschen so ihr Geld verdient.

Zwiespältiger Charakter

Dabei betrachten die Forscher atypische Beschäftigung nicht pauschal als Teufelswerk, betonen aber den zwiespältigen Charakter: Während Arbeitnehmer befristete Stellen und Leiharbeit ganz überwiegend unfreiwillig und mangels alternativer Angebote übernähmen, sehe das bei Teilzeit- oder Minijobs auf den ersten Blick teilweise anders aus. Insbesondere Frauen entschieden sich häufig bewusst für einen solchen Job, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch selbst wenn es sich "oberflächlich betrachtet" um eine freiwillige Wahl handele, steckten dahinter oftmals "strukturelle Zwänge", wie etwa fehlende Möglichkeiten der Kinderbetreuung oder die geringe Bereitschaft der Arbeitgeber, den Bedürfnissen von Familien Rechnung zu tragen.

Politik gefragt

Nicht verheiratete Paare trennen sich deutlich häufiger, wenn ein Partner in Leiharbeit beschäftigt ist oder wenn beide Partner atypische Jobs haben. Wobei unklar ist, ob die Arbeitssituation die Trennung tatsächlich auslöst. Bei Verheirateten sind hingegen keine signifikanten Abweichungen von den Durchschnittswerten zu beobachten.

Auch die Verankerung in sozialen Netzwerken scheint bei den Betroffenen weniger ausgeprägt. Sie können weniger auf den Austausch und die Unterstützung von Kollegen zurückgreifen als andere und sind auch weniger beteiligt, wenn es um die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen gegenüber dem Arbeitgeber geht.

Zu Minijobs, Leiharbeit oder Teilzeit sehen die Forscher trotz der beschriebenen Nachteile auf absehbare Zeit keine Alternative. Sie fordern die Politik jedoch auf, stärker als bisher echte Wahlmöglichkeiten zwischen den unterschiedlichen Beschäftigungsformen zu schaffen. Dazu gehöre auch die Förderung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Normalarbeitsverhältnis, etwa durch den weiteren Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Zusammengefasst: Minijobs, Teilzeitarbeit oder Leiharbeit haben die Arbeitswelt flexibler gemacht. Doch die Betroffenen bezahlen mitunter einen hohen Preis: Gegenüber den Kollegen in regulären Jobs fühlen sie sich wie Arbeiter zweiter Klasse. Der Stress wirkt ins Privatleben hinein.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 217 Beiträge
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Eros1981 25.06.2015
1. Ich werde es sein lassen zu arbeiten
Vor 3 Jahren habe ich für 7,50 Euro brutto im Sicherheitsdienst gearbeitet. Seit fast 2 Jahren arbeite ich für 8,50 Euro brutto als Integrationshelfer an einer Grundschule. Im Augenblick bin ich wegen Rückenschmerzen krank geschrieben. Die ständige Rumsitzen im Unterricht geht halt an mir nicht spurlos vorbei. Bald sind Sommerferien und dann ist der Job für mich erledigt und ich habe mir fest vorgenommen nicht mehr arbeiten zu gehen. Es lohnt sich einfach nicht für die paar Brotkrumen arbeiten zu gehen, damit andere Leute sich die Taschen vollmachen können. Arm im Alter werde ich sowieso sein, egal, ob mit oder ohne Niedringlohnjob. Da bleibe ich doch jetzt in meinen jüngeren Jahren lieber zuhause und mache mir eine schöne Zeit.
digade 25.06.2015
2. mieser job
so viele Brücken kann der Staat gar nicht bauen, die in Zukunft für Übernachtungen gebraucht werden
infonetz 25.06.2015
3.
Der Wähler bzw. die Mehrheit will es so und die Mehrheit profitiert auch davon das es viele mit geringem Einkommen gibt. Es ist nun mal so das es was Arbeit angeht ca. 70% sehr gut geht und ca. 30% schlecht. Das "witzige" ist ja das diese ca. 30% die jetzige Stütze unserer Wirtschaftsstärke sind. Das sagt ja selbst die Wirtschaft durch die Blume!
claterio 25.06.2015
4.
Warum dieses Bild einen Dachdecker zeigt, erschließt sich mir nicht. Als ausgebildeter Handwerker kann man heute gutes Geld verdienen. Gerade Dachdecker sind so gesucht, dass sich die Guten momentan selbständig machen oder nach Feierabend (mit oder ohne Lohnsteuerkarte) noch ordentlich was dazuverdienen.
spon-453-7coi 25.06.2015
5. Dem Artikel ist nur zuzustimmen,
der schlechte Zustand unserer Wirtschaft, die finanzielle Ausnutzung der Arbeitnehmer, deren extreme Beanspruchung und die permanente angespannte politische Situation lassen nur einen Schluss zu: Uns geht es schlecht wie seit vielen Jahrzehnten, bei Würdigung der Gesamtsituation vielleicht seit vielen Jahrhunderten nicht mehr. Ich schätze, dass dies der Grund für die niedrige Geburtenrate ist. Es bleibt nur ein Trost: noch schlechter kann es kaum kommen.
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