IAB-Studie Hohe Lohnunterschiede schaden der Beschäftigung

Große Differenzen zwischen hohen und niedrigen Löhnen gefährden die Beschäftigung, statt sie anzukurbeln. Das zeigt eine IAB-Studie zum Arbeitsmarkt. Niedrigverdiener werden teils abgehängt.

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Hohe Lohnunterschiede und ein ausgeprägter Niedriglohnsektor verhindern laut einer Studie von Arbeitsmarktforschern, dass mehr Menschen eine Beschäftigung finden. Das widerlegt frühere Theorien, wonach nach unten flexible Reallöhne gering qualifizierte Arbeitskräfte eher in Arbeit bringen würden. Tatsächlich habe der jahrelange Anstieg der Lohnungleichheit in Deutschland der Beschäftigung und der Produktivität geschadet, heißt es in einer Studie des IAB-Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit (BA).

In der Debatte über wirtschaftliche Ungleichheit widersprechen die Studienautoren Enzo Weber und Christian Hutter der Auffassung, dass beispielsweise ein großer Niedriglohnsektor gebraucht werde, um Arbeitnehmern mit einer geringen Produktivität Chancen auf eine Beschäftigung zu bieten. Andere argumentieren auch, dass nur durch Lohnungleichheit Anreize für den einzelnen bestünden, im Job etwas zu erreichen.

"Der wesentliche Faktor hinter dem starken Beschäftigungsanstieg seit 2005 war nicht der Druck auf Niedriglohnbezieher, mit dem die Hartz-Reformen oft in Verbindung gebracht werden", sagte Weber der Nachrichtenagentur Reuters. Wichtiger als soziale Einschnitte seien Reformelemente gewesen, die die Effizienz des Arbeitsmarkts erhöht hätten. Dazu gehöre etwa ein besseres Zusammenbringen von Jobsuchenden und Stellenangeboten.

Die Forscher legen Daten seit 1975 zugrunde. Vor allem seit 1997 stieg die Lohnungleichheit demnach stark an. Sie nimmt zu, wenn obere Entgelte stärker steigen als niedrige. Erst 2010 sei dieser Trend umgekehrt worden. Die gestiegene Lohnungleichheit könne nicht als Voraussetzung für den Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen zwölf Jahren gesehen werden. Seit dem Erwerbslosenrekord im Jahr 2005 von mehr als fünf Millionen hat sich die Arbeitslosenzahl nahezu halbiert. Die Zahl der sozialabgabenpflichtig Beschäftigten stieg um rund fünf Millionen auf etwa 31,5 Millionen.

Weber: Ein Teil der Menschen wird abgehängt

Die IAB-Forscher kommen auf Grundlage der Modellberechnungen zu dem Schluss, dass hohe Ungleichheit zwischen den Bruttolöhnen vor allem Niedrigverdiener in eine Sackgasse führen können. "Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass ein Teil der Menschen mit sehr niedrigen Einkommen im Arbeitsmarkt abgehängt werden kann, wenn es zu viel Ungleichheit gibt", sagte Weber. "Sie haben weniger Möglichkeiten, in ihre Fähigkeiten zu investieren, etwa in Bildung." Das zeige sich auch daran, dass Geringverdiener am wenigsten an Weiterbildung teilnähmen.

Auch für die Digitalisierung der Arbeitswelt unter dem Stichwort Wirtschaft 4.0 leitet der Forscher aus der Studie Empfehlungen ab. "Wenn der technologische Wandel qualifikationsneutral ist, dann hilft er der Beschäftigung", sagte Weber. "Grundsätzlich ist Wirtschaft 4.0 nicht der große Beschäftigungsvernichter. Aber man muss wachsam sein, dass nicht eine bestimmte Gruppe von der Qualifizierung abgehängt wird." Andernfalls drohten negative Arbeitsmarkteffekte.

kig/Reuters

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Mister Stone 14.02.2017
1. Hier ist die Lösung
Hohe Lohnunterschiede und ein ausgeprägter Niedriglohnsektor verhindern laut einer Studie von Arbeitsmarktforschern, dass mehr Menschen eine Beschäftigung finden. Aha und Potzblitz, das ist ja mal eine Überraschung. Aber diese "Forscher" werden schon bald die Lösung haben: Die etwas höheren Löhne so tief nach unten zu quetschen, bis sie im Niedriglohnsektor angekommen sind. Dann gibt es auch keinen Neid mehr. Dann sind diese elenden Unterschiede endlich vom Tisch, und es wird wieder "besser" mit der Beschäftigung. Besser für die Wirtschaft...
B!ld 14.02.2017
2. Hoffentlich nehmen de Auftraggeber diese Studie zur Abwechslung mal ernst
Zitat: "... dass beispielsweise ein großer Niedriglohnsektor gebraucht werde, um Arbeitnehmern mit einer geringen Produktivität Chancen auf eine Beschäftigung zu bieten" — auch wen ich selber gutes Geld für meine Arbeit bekommen habe, diese zynische Auffassung macht mich wütend. Armut trotz Arbeit ist der tägliche Hinweis auf die eigene Minderwertigkeit, aber kein Mensch ist so schlecht, dass er von der Gesellschaft mit dieser Argumentation abgekoppelt werden darf. Bei 1200€ als Mindestsatz für die Grundsicherung wäre diese Einstellung vielleicht weniger krank. Bis Mitte der 80er konnte die "Unterschicht" noch kulturelle Veranstaltungen besuchen, mal Wegfahren oder ein Musikinstrument lernen — und damals fanden die Menschen nachweislich schneller ihren Weg zurück in de Gesellschaft.
blablatt 14.02.2017
3. Und dafuer war eine Studie noetig? Warum hat mich keiner von denen gefragt...
"Große Differenzen zwischen hohen und niedrigen Löhnen gefährden die Beschäftigung, statt sie anzukurbeln. Das zeigt eine IAB-Studie zum Arbeitsmarkt. Niedrigverdiener werden teils abgehängt." Teils abgehaengt? Was meinen sie mit Teils abgehaengt? In einem Markt und einer Gesellschaft in dem die Mieten den Grossteil der (Mini-)gehaelter auffrisst und in dem die Menschen wie das Vieh in ungenuegend ausgeleuchteten Staellen vor sich hinfristen weil sie keine Langfristigen Arbeitsvertraege erhalten, von dubiosen Zeitarbeitsfirmen an noch dubiosere Unternehmen (auch Teilstaatliche) zwangsausgeliehen werden brauchen wir die Studie nicht noch zu beschoenigen mit ausdruecken wie "teils abgehaengt". Das ist nur noch haarspalterei. Entweder die Menschen werden abgehaengt weil die Loehen zu niedrig sind oder sie werden nicht abgehaengt weil die Loehne hoch sind. Genauso wie die Aussage "teils sind die Menschen bei der Ueberquerung der Wueste verdurtstet". Woran sonst sollen sie in der Wueste zugrunde gegangen sein wenn nicht aus Mangel an Wasser oder an den Folge von Wassermangel. Ebenso verhaellt es sich mit der Armut und dem (teils) abgehaengt sein. Wenn die Menschen mit Miniloehnen nur noch zu austauschbarem Arbeitsmaterial verkommen sind, braucht es niemanden zu wundern wenn ploetzlich ein verwirrter mit gelben Toupee im Weissen Haus sitzt, seinem equivalenten in den Niederlanden bald die Moeglichkeit gegeben wird seinen Frust ueber Minderheiten ergiessen zu lassen und einer oppurtunistischen Populistin in Frankfreich die mal in der EU bleiben will und mal eben nicht. Entschieden wird offenbar je nachdem wie das Fruehstuecks Croissant geschmeckt hat. Die Wirtschaft raffts einfach nicht - nicht die Digitalisierung ist das Problem sondern das sie den arbeitsuchenden Menschen keine Moeglichkeit geben die Digitalisierung zu erlernen oder das erlernte einsetzen zu koennen. Stattdessen wird weiter nach Fachkraeften aus dem Ausland gesucht. M.e.n. eine billige ausrede, billige Arbeitskraefte ins Land zu holen und die Loehne weiterhin niedrig zu halten aufgrund des gestiegenen Angebotes an zur Verfuegung stehenden Arbeitskraeften. Schaemen sollten sich diejenigen, die sich weiterhin die Millionen Bonis fuers Versagen auszahlen lassen von ihren Vorstand-Buddies und geschuetzt werden von ihren komplizen in der Politik, die ebenfalls mal selbst an den Futtertrog wollen. Der Klassenkampf steht uns nicht erst bevor sondern ist laengst in vollen Gange.
hotgorn 14.02.2017
4. Das Gras wächst langsamer in Bayern
Eigentlich eine Hervorragende Studie aber leider können einzelne Bundesländer wenn die Studien des IAB in die Tat umgesetzt werden Veto einlegen, das hat Bayern schon bei einer anderen IAB-Studie gemacht.
ulrich_loose 14.02.2017
5. Hohe Lohnunterschiede
basieren auf hohen Leistungsunterschieden und großen Befähigungsunterschieden - würde ich vermuten. Soll man nun Wenigleister und Wenigkönner überproportionale besser Bezahlen und damit die besser Qualifizierten zu den "Blöden" der Nation machen?
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