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Arbeitsmarkt: Verwaltungskosten der Jobcenter steigen dramatisch

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DPA

Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg: Elf Prozent in die Verwaltung

Es ist aufwendig, Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bringen - und es wird immer teurer: Der Anteil der Verwaltungskosten hat sich im vergangenen Jahr verdreifacht. Bezahlt wird der Bedarf auch mit Geldern, die eigentlich für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt gedacht waren.

Hamburg - Um Langzeitarbeitslose zurück in einen Job zu bringen, scheuen Jobcenter und die Bundesagentur für Arbeit (BA) keinen Aufwand. Es gibt Umschulungen und Weiterbildungen, Trainings und Praktika, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sowie Zuschüsse zu Fahrt- oder Bewerbungskosten. "Leistungen zur Eingliederung in Arbeit" heißen diese Instrumente zusammengefasst, und die Arbeitsagentur hat dafür im vergangenen Jahr fast vier Milliarden Euro veranschlagt. Ausgegeben hat sie aber deutlich weniger - 445 Millionen Euro sind dafür in einen anderen Haushaltsposten geflossen: in den für Verwaltungskosten. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Stolze 11,4 Prozent der für Fördermaßnahmen vorgesehenen Summe wurden 2013 also genutzt, um die laufenden Kosten für Personal und Verwaltung zu decken. Zwar werden Gelder zwischen den beiden Haushaltspositionen seit Jahren umgeschichtet - aber im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Verwaltungsanteil mehr als verdreifacht: 2010 wurden erst 0,2 Prozent umgewidmet, 2012 waren es 3,6 Prozent und 2013 eben 11,4 Prozent.

Auch in absoluten Zahlen wurde noch nie seit 2006 so viel Geld von der Arbeitsförderung in die Verwaltung umgeleitet, 2010 waren es 13 Millionen Euro, 2012 überstieg die Summe bereits 150 Millionen Euro und im vergangenen Jahr wurde der Verwaltungsetat schon um 445 Millionen Euro aufgestockt. Die Eingliederungsleistungen sind außerdem von 6,6 Milliarden Euro (2010) auf 3,9 Milliarden zusammengekürzt worden - die Verwaltungskosten sanken dagegen nur von 4,4 Milliarden Euro auf 4,05 Milliarden Euro.

Für die Grünen-Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer, ist diese Entwicklung "unhaltbar". An vielen Arbeitslosen gehe der Job-Boom vorbei, kritisiert die Arbeitsmarktexpertin, das bekämen vor allem Hartz-IV-Empfänger zu spüren. Die Mittel für Qualifizierung und Förderung von Arbeitsuchenden wurden Pothmer zufolge in den vergangenen drei Jahren um 40 Prozent gekürzt, das Verwaltungskostenbudget dagegen nur um acht Prozent. Die Bundestagsabgeordnete hält das für "nachvollziehbar, aber trotzdem falsch", die aktive Arbeitsmarktpolitik "blutet aus".

Unklar bleibt, wofür die Jobcenter das Geld genau ausgeben - dabei komme es gerade darauf an, sagt der Arbeitsmarktexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, Holger Schäfer: "Individuelle Betreuung, die wegen des höheren Verwaltungsaufwands teurer ist, bringt unter Umständen größere Erfolge als günstigere langfristige Maßnahmen." Stellen die Jobcenter also mehr Mitarbeiter ein, die sich auf wenige Fälle konzentrieren, klappt die Vermittlung möglicherweise besser, als wenn die Arbeitslosen sechs Monate lang in eine Weiterbildungsmaßnahme gesteckt werden.

Laut Schäfer müsse man "die Gesamtkosten für Eingliederungshilfen und Verwaltung mit den Erfolgen ins Verhältnis zu setzen". Wie viel Geld es kostet, einen Hartz-IV-Empfänger wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird allerdings nicht erhoben.

Pothmer geht es aber auch nicht darum, den einen Haushaltstitel gegen den anderen auszuspielen. Sie fordert Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles dazu auf, ausreichend Geld für beides bereitzustellen, für Personal und für die Arbeitsförderung.

Denn dass Mittel fehlen, wird immer wieder klar: Gerade in den Kommunen kommen die Jobcenter ihrer Pflicht, Langzeitarbeitslose umfassend zu betreuen, kaum nach. Einer aktuellen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) zufolge sind die Kommunen mit dem großen Betreuungsbedarf in den meisten Fällen überfordert oder nicht bereit zu helfen. Oft wird demnach der Bedarf nicht einmal erkannt, Wartezeiten von bis zu sechs Monaten seien nicht unüblich. Der Studie zufolge ist die mangelnde Betreuung auch der Grund dafür, warum die Zahl der Langzeitarbeitslosen seit Jahren kaum zurückgeht.

Arbeitsagentur: Budgets für Eingliederung und Verwaltung in Mio. Euro
Eingliederungs-
leistungen
Verwaltungs-
kosten
Umschichtungen
Soll Ist Soll Ist Ist
2006 6470 4470 3500 3607 107
2007 6500 4833 3498 3676 178
2008 6400 5357 3600 3776 176
2009 6600 5902 4000 4210 210
2010 6600 6017 4400 4413 13
2011 5300 4445 4290 4339 49
2012 4400 3751 4050 4209 159
2013 3900 3534 4050 4495 445
Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

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insgesamt 168 Beiträge
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1. Das Geld der Beitragszahler wird hier verbrannt..
grommeck 04.03.2014
die Arbeitslosen werden gedrückt und die Kohle intern oder an Unternehmen verschleudert. Selbst junge Menschen werden dort wie Dreck behandelt, d.h. es fehlt überhaupt der Wille sich um die "Kunden" zu kümmern. Die Arge muß sofort aufgelöst und umstrukturiert werden, der Wasserkopf ist riesig.
2. Die Überschrift...
parakalofik 04.03.2014
... ist völlig falsch und bewegt sich auf Bild-Niveau! Es müsste heißen: "Verwaltungskosten der Jobcenter sinken weniger stark als die Förderkosten"! Was soll dss? Hat SPON so etwas nötig?
3. wie so üblich in usnerem Land..
keksguru 04.03.2014
nichts ist so stetig steigend wie Verwaltungskosten... das verselbstständigt sich gerne mal und wuchert dann ohne Unterlaß. Die Ursache dessen ist jedoch daß immer mehr Gesetze anwendbar sind und immer mehr Bürokriatie eingeführt werden.... am Ende verwalteten sich die Jobcenter erstmal selbst und dann hacken sie noch auf den Langzeitarbeitslosen rum.
4. Fehlallokation
Niehen 04.03.2014
Volkswirtschaftlich sinniger wäre es, die ganzen Sozial- und Arbeitsämter, Fortbildungs- und Qualifizierungsangebote kollektiv abzuschaffen und die freiwerdenden Mittel in ein Grundeinkommen für alle umzulegen. Dem stehen nur Staat, Länder und Kommunen mit ihrem volkswirtschaftlich unproduktivem Arbeitsheer entgegen - das auch kaum entlasbar ist. Leider ... denn Personalresourcen lassen sich effizienter als in Ämtern einsetzen, in denen um 16 Uhr der Stift fällt.
5. Die sogenannte Arbeitsverwaltung
yggdra 04.03.2014
verwaltet nur noch ihre eigene Arbeit. Und die lässt sich beliebig steigern. Wer Augen hat zu sehen muss die vollständige Auflösung dieses Apparats fordern.
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