Regionenvergleich: Typischer Minijobber ist weiblicher Wessi

Minijobs werden hauptsächlich von Frauen in ländlichen Regionen Westdeutschlands genutzt - jede vierte Berufstätige arbeitet dort in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis. In Ostdeutschland dagegen haben mehr Frauen Vollzeitjobs.

Kellnerin auf der Cebit in Hannover: Viele Minijobs in der Dienstleistungsbranche Zur Großansicht
dapd

Kellnerin auf der Cebit in Hannover: Viele Minijobs in der Dienstleistungsbranche

Köln - In Westdeutschland arbeiten auffällig viele Frauen in Minijobs. Besonders in ländlichen Regionen sind die geringfügigen Beschäftigungen verbreitet, wie eine Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ergab. "Vor allem Betriebe in der westdeutschen Provinz bieten Minijobs an, die häufig von Frauen besetzt werden", schreiben die Forscher. Demnach arbeitet in westdeutschen Bundesländern mehr als jede vierte berufstätige Frau in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis.

Besonders viele Kreise mit hohem Minijob-Anteil gibt es der Untersuchung zufolge in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (siehe interaktive Karte ). Der Datenbank zufolge wurden etwa im Landkreis Trier-Saarburg im Jahr 2011 41,4 Prozent aller Frauen-Arbeitsplätze mit maximal 400 Euro vergütet. Minijobs seien ein typisch westdeutsches Phänomen, sagte der Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein. Sämtliche westdeutschen Bundesländer haben demnach einen höheren Anteil von 400-Euro-Jobs an allen Beschäftigungsverhältnissen als die sechs ostdeutschen Länder.

In den neuen Bundesländern belaufe sich die Minijob-Quote von Frauen auf rund 16 Prozent, das ist kaum höher als jene der Männer. Herzog-Stein führt dies auf die Entwicklung in der früheren DDR zurück. Dort sei die Frauenerwerbsbeteiligung wesentlich höher gewesen als in der Bundesrepublik. Zudem hatten die Frauen im Osten meist Vollzeitstellen. "Diese starke Erwerbsorientierung haben die Frauen in den neuen Bundesländern auch nach der deutschen Vereinigung beibehalten", sagte Herzog-Stein. "Die geringfügige Beschäftigung ist dagegen eine westdeutsche Erfindung der siebziger Jahre und sollte dazu dienen, Frauen etwas an den Arbeitsmarkt heranzuführen."

Weniger Betreuungsangebote auf dem Land

Doch selbst Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) bewertet Minijobs kritisch. Sie sieht darin ein Karrierehindernis, insbesondere Mütter seien betroffen. Schröder kritisierte, die geringfügig bezahlten Stellen seien "in den seltensten Fällen" eine Brücke in den Arbeitsmarkt. "Stattdessen sehen wir Klebeeffekte: einmal Minijob - immer Minijob."

Dass der Anteil besonders in ländlichen Regionen Westdeutschlands so hoch sei, liege wohl an einer traditionellen Arbeitsteilung in den Familien, sagte Arbeitsmarktforscher Herzog-Stein. Der Mann sei der Hauptverdiener, die Ehefrau kümmere sich um die Familie und steuere allenfalls einen Zuverdienst bei. Zudem gebe es auf dem Land meist ein geringeres Angebot an Kinderbetreuung, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwere.

Laut der Untersuchung liefen im Jahr 2011 7,4 Millionen Arbeitsverträge auf 400-Euro-Basis. Bundesweit sei etwa jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis ein geringfügiges gewesen. Zwei Drittel der Minijobber haben demnach keine andere bezahlte Arbeit. Seit Beginn des neuen Jahres dürfen die geringfügig Beschäftigten 450 Euro verdienen, ohne Abgaben darauf zu bezahlen.

Minijobs vor allem in der Dienstleistungsbranche verbreitet

Die Forscher bewerten Minijobs kritisch. Die Beschäftigten würden kaum Ansprüche auf soziale Sicherung erwerben. Zudem seien die Stundenlöhne sehr niedrig. In einer Studie hat das WSI errechnet, dass mehr als zwei Drittel der Minijobber weniger als 8,50 Euro pro Stunde erhalten, mehr als ein Viertel bekommt sogar weniger als fünf Euro.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) veröffentlichte kürzlich eine Untersuchung, wonach Minijobs sogar sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gefährden. Dies gelte vor allem für Dienstleistungsbranchen. Viele Minijobber verrichten dort Arbeit, die früher regulär Vollbeschäftigte verrichtet haben - nur für weniger Geld.

Auch die Forscher des WSI stellten in ihrer Untersuchung fest, dass Minijobs vor allem in Regionen verbreitet sind, in denen der Dienstleistungsbereich eine wichtige Rolle spielt. Dasselbe gilt demnach auch für Wirtschaftsbereiche, die zwar nicht dem Dienstleistungsbereich zuzurechnen sind, in denen aber häufig Frauen arbeiten, wie beispielsweise in der Lebensmittelindustrie.

mmq/AFP

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insgesamt 32 Beiträge
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    Seite 1    
1. Frauen
kdshp 03.01.2013
Zitat von sysopMinijobs werden hauptsächlich von Frauen in ländlichen Regionen Westdeutschlands genutzt - jede vierte Berufstätige arbeitet dort in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis. In Ostdeutschland dagegen haben mehr Frauen Vollzeitjobs. Arbeitsmarkt: Vor allem Frauen in Westdeutschland haben Minijobs - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmarkt-vor-allem-frauen-in-westdeutschland-haben-minijobs-a-875560.html)
Ist doch SO von der bundesregieung gewollt worden! Und man schau sie haben MAL was umgesetzt.
2. Oha
Progressor 03.01.2013
Minijobs gefährden sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Wer hätte das gedacht?
3. Kein Widerspruch
zaunkoenig1982 03.01.2013
Zitat von sysopMinijobs werden hauptsächlich von Frauen in ländlichen Regionen Westdeutschlands genutzt - jede vierte Berufstätige arbeitet dort in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis. In Ostdeutschland dagegen haben mehr Frauen Vollzeitjobs. Arbeitsmarkt: Vor allem Frauen in Westdeutschland haben Minijobs - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsmarkt-vor-allem-frauen-in-westdeutschland-haben-minijobs-a-875560.html)
Bei dem Tarifgefüge in einigen Gegenden in Ostdeutschland nicht unbedingt ein Widerspruch. Dort sind Vollzeitjobs zum Teil Minijobs (geringfügiges Beschäftigungsverhältnis). Zumindest von der Bezahlung.
4. sooooo viel Hirn wurde ja schon ...
Hilfskraft 03.01.2013
... lange nicht mehr in Bewegung gesetzt. Es sprudelt ja nur so, von Erkenntnissen. Dafür vergebe ich die "Goldene Bananenschale".
5. ....
alasiaperle 03.01.2013
---Zitat--- Minijobs werden hauptsächlich von Frauen in ländlichen Regionen Westdeutschlands genutzt ---Zitatende--- Ja, es nennt sich: man(frau) kriegt was man kriegen kann! Interessanterweise, es wird nicht erwähnt, dass Arbeitslosigkeit dort immer noch auffallend hoch sei. Teilweise um vielfaches höher als in westlichen Bundesländer.
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