Von Anne Seith
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen finden denn über sie in einen festen Job?
Weise: Das wissen wir nicht genau. Der sogenannte Klebeeffekt lässt sich statistisch nicht erfassen. Und trotzdem glaube ich, dass unsere Gesellschaft die Zeitarbeit braucht. Ich halte es für besser, dass ein Mensch arbeitet und notfalls von uns zusätzlich vorübergehend noch einen Zuschuss bekommt, als dass er gar keinen Job hat.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt in der Krise werden Geringqualifizierte allerdings erst mal bevorzugt entlassen, oder?
Weise: Das stimmt unseren Zahlen zufolge nicht. Seit November 2008 haben wir 230.000 Arbeitslose mehr. 220.000 davon sind Männer, die meisten mittleren Alters und gut ausgebildet. Das heißt: Ihre Chancen sind gut, bald wieder Arbeit zu finden. Allerdings bekommen viele Langzeitarbeitslose dadurch plötzlich neue Konkurrenz. Insofern ist das ein weiterer herber Rückschlag für jene, die ohnehin schwach sind.
SPIEGEL ONLINE: Gerade jetzt, da Langzeitarbeitslose besondere Betreuung brauchen, droht Chaos in den Jobcentern, die von Kommunen und Arbeitsagenturen gemeinsam betrieben werden. Das Verfassungsgericht hat verlangt, dass die Center bis 2011 aufgelöst werden - doch die Politik streitet schon sehr lange über die Details. Bringt Sie das nicht zur Weißglut?
Weise: Sagen wir so: Ich bedauere das sehr. Das Urteil ist zwei Jahre alt. Trotzdem hat die Politik keine Lösung gefunden. Dabei sollte man nicht vergessen: Was immer am Ende beschlossen wird, der folgende Verwaltungsumbau wird dauern. Wir müssen Akten kopieren, Arbeitsabläufe neu gestalten, die Software umstellen. Und nicht zuletzt springen uns allmählich immer mehr gute Vermittler ab, weil sie die Unsicherheit über ihre eigene Zukunft nicht aushalten. Bis Ende dieses Jahres sollte endlich Klarheit herrschen.
SPIEGEL ONLINE: Sprich: in eineinhalb Wochen, denn dann ist Weihnachtspause.
Weise: Richtig. Aber Frau von der Leyen hat ja einen Vorschlag vorgelegt. Er sieht eine formale Trennung der Arbeitsabläufe vor - und zugleich einen freiwilligen Kooperationsvertrag zwischen Kommunen und Arbeitsagenturen. Außerdem soll der Medizinische Dienst der Krankenkassen künftig darüber entscheiden, ob ein Antragsteller erwerbsfähig ist oder nicht, denn davon hängt ab, wer für die Betreuung aufkommen muss.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach viel Papier und Bürokratie. Dabei war der Sinn der Jobcenter mal die Betreuung aus einer Hand. Warum wehren Sie sich gegen den Vorschlag der Länder, einfach das Grundgesetz zu ändern und alles zu lassen, wie es ist?
Weise: Weil uns unklare Verantwortung und Zuständigkeiten in den Jobcentern so zermürbt hat. Deshalb wäre es gut, die Kompetenzen nun eindeutig zuzuordnen. Wir wollen weiter unter einem Dach mit den Kommunen arbeiten, aber jede Seite muss für ihren Teil der Aufgabe geradestehen - das ist ja der Kern des Verfassungsurteils. Und wenn wir schon mal beim Kritisieren sind: In den 69 sogenannten Optionskommunen, die die Hartz-IV-Betreuung eigenständig übernommen haben, weiß überhaupt niemand, was läuft, welche Ergebnisse es gibt. Ich finde es sehr erstaunlich, dass im 21. Jahrhundert ein Arbeitsvermittler seine Erfolge höchstens einmal per Hand abzählt. Die Bundesagentur hat ein ausgefeiltes Controllingprogramm, mit dem wir unsere Arbeit genau überprüfen können und den Bürgern Rede und Antwort stehen.
SPIEGEL ONLINE: Die Ergebnisse wirken allerdings deprimierend. Nur in 46 Prozent der Fälle ist Ihre Vermittlung erfolgreich.
Weise: Klar, 46 Prozent sind nicht gut. Aber sehen Sie sich an, wie das früher war. Vor ein paar Jahren lag die Quote bei rund 30 Prozent. Aber eines unserer Probleme war bisher zum Beispiel, dass wir Tausende Vermittler nur befristet einstellen durften - also höchstens für zwei Jahre. Inzwischen hat die Regierung aus 12.000 solcher Jobs reguläre Stellen gemacht. Wir starten jetzt eine große Qualifizierungsoffensive.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür überhaupt Geld? 2010 machen Sie geschätzt ein Minus von 16 Milliarden Euro.
Weise: Dieses Geld muss da sein. Aber es stimmt: Unsere Finanzlage ist nicht gut. Allerdings nicht, weil wir nicht mit Geld umgehen können. Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung wurde in mehreren Schritten von 6,5 Prozent auf 2,8 Prozent abgesenkt. So haben wir 30 Milliarden Euro weniger Einnahmen im Jahr. Damit können wir nur an der unteren Grenze haushalten. Und unsere Reserven von 17 Milliarden sind spätestens im Februar Geschichte.
SPIEGEL ONLINE: Und trotzdem mischen Sie in den vergangenen Jahren zunehmend in einem Bereich mit, in dem die Arbeitsagentur nach landläufiger Meinung wenig zu suchen hat: der Bildung. Warum?
Weise: Richtig, wir bieten in Schulen zum Beispiel Deutschkurse für Kinder aus Einwandererfamilien an. An denen nehmen übrigens auch die Mütter teil, denn wenn in einer Familie nur einer gut Deutsch kann, reicht das nicht. In anderen Programmen unterstützen wir Schulen in ihren Kernaufgaben, dem Rechen- und dem Deutschunterricht. Für mich ist das eine einfache Rechnung: Vorsorge ist preiswerter als Nachsorge. Wir müssen Schüler fit für den Arbeitsmarkt machen. Die Tatsache, dass jährlich 80.000 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss bei uns in den Arbeitsagenturen erscheinen, spricht für sich. Allein für diese jungen Menschen zahlen wir Milliarden.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie können doch nicht im großen Rahmen den Bildungsauftrag der Länder übernehmen.
Weise: Das stimmt. Wir geben jährlich etwa 100 Millionen Euro für Prävention in der Schule aus, und das lässt sich kaum ausdehnen. Mir geht es darum, an Beispielen zu zeigen, wie es gehen kann. Dafür haben wir eine Statistik begonnen, die beweisen soll, dass unsere Methoden funktionieren. Habe ich Recht, kann ich das als gutes Argument bei zuständigen Stellen vorbringen.
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