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Arbeitsmarkt: Weise rechnet mit radikalem Jobabbau in Schlüsselindustrien

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Die Aussichten sind beängstigend: In der Hightech-, Maschinenbau- und Autoindustrie droht 2010 ein massiver Jobabbau, warnt Frank-Jürgen Weise. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Bundesagentur-Chef, wieso der Arbeitsmarkt ungerechter wird - und es Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen besonders treffen wird.

Arbeitsagentur in Dresden: Langzeitarbeitslose sind die großen Verlierer der Krise Zur Großansicht
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Arbeitsagentur in Dresden: Langzeitarbeitslose sind die großen Verlierer der Krise

Nürnberg - Ausgerechnet Deutschlands Hightech-Firmen trifft es am härtesten: Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, erwartet in Branchen wie der Autoindustrie einen massiven Jobabbau im kommenden Jahr. Der Grund: Dort seien besonders viele Firmen vom schwächelnden Export abhängig. Derzeit seien Hunderttausende Arbeiter auf Kurzarbeit gesetzt, sagt Weise im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Das wird auf Dauer nicht durchzuhalten sein." Kurzarbeit sei für die Unternehmen teuer.

Als "Hochrisikoregionen", in denen die Krise demnächst besonders zuschlagen wird, macht Weise Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen aus. Die Krise sei zudem "ein weiterer herber Rückschlag für jene, die ohnehin schwach sind". Sprich: für die Langzeitarbeitslosen. Zwar seien die meisten Menschen, die sich in den vergangenen zwölf Monaten neu bei der Bundesagentur gemeldet hätten, Männer mittleren Alters mit guter Ausbildung. Sie hätten also gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch gleichzeitig seien sie neue Konkurrenz für Langzeitarbeitslose auf dem Jobmarkt.

Weise warnt außerdem, dass der Bundesagentur durch die Absenkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung in den vergangenen Jahren massiv Einnahmen verlorengegangen seien. Mit den derzeit verfügbaren Mitteln "können wir nur an der unteren Grenze haushalten". Trotzdem will Weise weiter in einem Bereich mitmischen, in dem die Arbeitsagentur nach landläufiger Meinung eigentlich wenig zu suchen hat: der Bildung. So unterstützt die Bundesagentur mit speziellen Programmen etwa Schulen beim Rechen- und Deutschunterricht - sie will so positive Beispiele schaffen.

"Vorsorge ist preiswerter als Nachsorge", sagt Weise. "Die Tatsache, dass jährlich 80.000 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss bei uns in den Arbeitsagenturen erscheinen, spricht für sich. Allein für diese jungen Menschen zahlen wir Milliarden."

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Weise seine Position:

SPIEGEL ONLINE: Herr Weise, Sie haben kürzlich eine neue Chefin als Bundesarbeitsministerin bekommen, Ursula von der Leyen. Haben Sie da drei Kreuze geschlagen?

Weise: Warum sollte ich?

SPIEGEL ONLINE: Sie gilt als sozial und durchsetzungsstark. Damit ist sie doch ein willkommenes Gegengewicht zu FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, der am liebsten den Kündigungsschutz lockern, Mindestlöhne und gleich auch die Bundesagentur für Arbeit abschaffen würde.

Weise: Mein Ansprechpartner in der neuen Regierungskoalition war glücklicherweise von Anfang an ein Politiker der Union, vorher eben Franz Josef Jung. Im Ministerium hatte ich immer das Gefühl, dass man sich der sozialen Verantwortung in dieser schlimmen Rezession bewusst ist. Der Staat hat in der Krise eine zentrale Aufgabe, er muss seiner Fürsorgepflicht nachkommen. Insofern freuen wir uns auf die Zusammenarbeit mit Bundesministerin Ursula von der Leyen. Sie wird sicher auch neue Debatten anstoßen.

SPIEGEL ONLINE: Welche würden Sie sich wünschen?

Weise: Neben der Arbeitslosigkeit ist eines meiner Hauptanliegen: Wie gewinnen wir mehr junge Menschen, vor allem mehr junge Frauen für naturwissenschaftliche Berufe und das Ingenieurswesen? Wenn wir diese Frage nicht beantworten, wird dies der Wirtschaft mittelfristig vielleicht sogar mehr schaden als die aktuelle Krise.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem halben Jahr verkündeten Ökonomen beinahe Weltuntergangsszenarien - jetzt reden sie den Aufschwung herbei. Verlassen Sie sich in Ihrer Planung noch auf solche Prognosen?

Weise: Ich bin vorsichtig geworden. Trotzdem müssen wir versuchen, die Hochrisikobranchen und -regionen der kommenden Jahre jetzt klar zu benennen und Vorsorge zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlimm wird das kommende Jahr?

Weise: Ich erwarte mehr Arbeitslose, im Schnitt 4,1 bis 4,2 Millionen. Das ist besser als lange gedacht - aber einige Branchen wird es hart treffen. Im Handwerk und in der Bauwirtschaft sieht es recht gut aus, beim Export dagegen schlimm. Und damit ausgerechnet bei unseren Hightech-Firmen, im Maschinenbau oder in der Autoindustrie. Dort sind derzeit Hunderttausende Mitarbeiter auf Kurzarbeit gesetzt, das wird auf Dauer nicht durchzuhalten sein...

SPIEGEL ONLINE: ...schon weil Kurzarbeit ab 2010 nur 18 Monate dauern darf.

Weise: Auch deshalb. Aber auch, weil Kurzarbeit für Unternehmen teuer ist. Deshalb droht in manchen Bereichen massiver Jobabbau. Vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen wird es treffen. Wobei die Länder im Süden sicher besser damit klarkommen, weil ihre finanzielle Situation und die Bildungsinfrastruktur besser sind. In Nordrhein-Westfalen ist das anders.

SPIEGEL ONLINE: Einer Bertelsmann-Studie zufolge sind Geringverdiener, ältere und jugendliche Arbeitnehmer die großen Krisenverlierer. Müssen wir uns damit abfinden, dass der Arbeitsmarkt immer weniger gerecht wird?

Weise: Man kann auch das Positive sehen: Obwohl wir die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit erleben, liegt die Arbeitslosigkeit 2009 im Schnitt bei 3,5 Millionen. Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten wir mehr als fünf Millionen. Durch die Hartz-Reformen sind seitdem viele neue Jobs entstanden. Zugegeben, sehr viel im Teilzeit- und Niedriglohnbereich. Das führt dazu, dass Arbeit im Schnitt schlechter bezahlt wird als früher und unsicherer ist. Die Gesellschaft muss sich in Zukunft überlegen, ob sie das will. Aber in dieser Krise bewährt sich das System. Auch weil viele Firmen offensichtlich bemüht sind, ihr Fachpersonal zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Andere nutzen brachial Gesetzeslücken aus. So manches Unternehmen feuert derzeit Mitarbeiter und stellt sie dann als billige Zeitarbeiter wieder ein. Finden Sie das nicht abstrus?

Weise: Das zeugt von mangelnder Verantwortung. Und ja, es gibt Schmuddler in der Zeitarbeitsbranche, die ihre Mitarbeiter an die Grenzen der Belastbarkeit treiben und darüber hinaus. Aber es gibt auch jene, die Tariflöhne zahlen, wenngleich niedrige. Die Zeitarbeit hat Tücken...

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Forum - Haben Sie Angst um Ihren Job?
insgesamt 1366 Beiträge
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1. -
berlin_rotrot, 14.12.2009
nein, angst habe ich nicht um meinen job da er gute qualifikationen benötigt die man nicht so schnell per praktikum/selber finanzierte fortbildung finanzieren kann. mitleid habe ich für die heutige jugend die auf diesem miserablen arbeitsmarkt zurecht kommen muss. gute nacht!
2.
raess2007 14.12.2009
Wie?Was jetzt? Wir sind doch im Aufschwung! Immer weiter mit wehenden Fahnen. Ach SPON, ist schon lustig mit euch :-)
3. !
Beutz 14.12.2009
Zitat von sysopArbeitsagentur-Chef Weise warnt für 2010 vor massivem Jobabbau. Dies gelte vor allem für Hightechbranchen wie die Autoindustrie. Regional seien vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?
Warum? Ich rentnere. Aber das alles war vorauszusehen, dafür braucht man keine Weisen und keinen Herrn Weise. Die Kaufkraft wird gestohlen und da kann man eben nicht erwarten das die Produkte gekauft werden können. Liebe Grüße
4.
capu65, 14.12.2009
Zitat von sysopArbeitsagentur-Chef Weise warnt für 2010 vor massivem Jobabbau. Dies gelte vor allem für Hightechbranchen wie die Autoindustrie. Regional seien vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?
Ich bin für eine Abwrackprämie II. Dann würde meine alte Karre Bj. 2001 auch darunterfallen. Das Thema "Jobangst" könnten wir doch auch um ein Jahr verschieben.
5.
barry60 14.12.2009
Zitat von sysopArbeitsagentur-Chef Weise warnt für 2010 vor massivem Jobabbau. Dies gelte vor allem für Hightechbranchen wie die Autoindustrie. Regional seien vor allem Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen betroffen. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?
Das ist jetzt aber gemein! Nein, mache mir keine Sorgen, investiere gerade per Kredit in Wohneigentum. Hauptsache das Geld ist weg und liegt nicht mehr inflationsgefähredet bei irgendwelchen Banken rum :=) Wenn's kracht, kracht's, so oder so sieht's dann übel aus, ob mit oder ohne Arbeitsplatz ist dann schon fast nebensächlich :)
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Zur Person
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Frank-Jürgen Weise, Jahrgang 1951, war nach dem Abitur zwölf Jahre bei der Bundeswehr, studierte BWL und lehrte das Fach an der Fachhochschule des Heeres. Bei verschiedenen Unternehmen besetzte er ab 1985 Führungspositionen. 1997 gründete Weise die Software-Firma Microlog Logistics mit und brachte sie 2000 erfolgreich an die Börse. Ab 2002 war er bei der Bundesagentur für Arbeit zuständig für Finanzen, übernahm 2004 den Vorstandsvorsitz.
Eine zusätzliche Aufgabe nahm Weise im März 2010 mit der Ernennung zum Vorsitzenden der Bundeswehr-Strukturkommission an.
Weise ist CDU-Mitglied, verheiratet mit einer Lehrerin und hat zwei erwachsene Kinder.

Was ist Hartz IV?
Die Reform
Hartz IV ist die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Benannt ist sie nach dem damaligen Volkswagen-Personalchef Peter Hartz, der als Leiter einer Regierungskommission die Grundlagen der Reform vorgeschlagen hatte. Am 1. Januar 2005 trat das entsprechende Gesetz in Kraft.
Fördern und Fordern
Kernpunkt der vieldiskutierten Gesetze ist die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer einheitlichen Grundsicherung. Davor hatten sich die bundeseigenen Arbeitsagenturen und die kommunalen Sozialämter die Betreuung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern geteilt. Das Nebeneinander von zwei unterschiedlichen Systemen wurde abgeschafft, erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger sollten nach dem Prinzip "Fördern und Fordern" in die aktive Arbeitsvermittlung eingebunden werden.
Die Höhe der Leistung
Empfänger der früheren Arbeitslosenhilfe erhalten ebenso wie arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger die gleichen Bezüge: das sogenannte Arbeitslosengeld II. Vereinfachend wird das Arbeitslosengeld II oft auch als "Hartz IV" bezeichnet. Die Bezüge orientieren sich an der früheren Höhe der Sozialhilfe. Pro Monat beträgt die Leistung 359 Euro - Unterkunft, Heizung und sonstige Zulagen nicht eingeschlossen.
Strenge Regeln
Mit Hartz IV soll eine intensivere Betreuung bei der Suche nach einem neuen Job verbunden sein. Zugleich wurden aber auch die Zumutbarkeitskriterien verschärft. Prinzipiell gilt jede legale Arbeit als zumutbar, auch wenn sie deutlich unter Tarif bezahlt wird. Wer Jobangebote ausschlägt, muss erhebliche finanzielle Kürzungen in Kauf nehmen.

Hartz IV
Seit Jahren gibt es Streit über die Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Organisatorisch zuständig sind seit 2005 Arbeitsgemeinschaften von Bundesagentur für Arbeit (BA) und kommunalen Sozialämtern - abgekürzt als Arge bezeichnet.

Verankert wurde diese Mischverwaltung im Hartz-IV-Gesetz über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Derzeit gibt es 353 Argen, in denen sich 55.000 Mitarbeiter um 5,2 Millionen Hilfsbedürftige kümmern. Daneben gibt es das sogenannte Optionsmodell, bei dem in 69 Kreisen und Gemeinden die Kommunen die alleinige Verantwortung haben.

Von Beginn an gab es Reibereien in den Arbeitsgemeinschaften. Nach Feststellungen des zuständigen Ombudsrats krankt die Organisationsform an dem "ständigen, oft zeitaufwendigen Abstimmungsbedarf" zwischen den Beteiligten. Dabei konkurrieren Kommunen und BA um das Ausmaß ihrer Zuständigkeiten. Die Zusammenarbeit vor Ort leidet auch darunter, dass die Argen kein eigenes Personal haben und die dort tätigen Mitarbeiter von Bundesagentur und Kommune unterschiedlich bezahlt werden.

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