Als Bulgariens Wirtschaft abstürzt, zieht Stanimir Panow nach Hamburg-Wilhelmsburg. Er hofft auf ein besseres Leben, doch er landet auf dem sogenannten Arbeiterstrich - in einem System der Ausbeutung, von dem deutsche Verbraucher massiv profitieren.


Diese Geschichte ist am 21. Oktober 2018 erschienen


Panows Traum



Als Stanimir Panow* 2014 in Hamburg-Wilhelmsburg aus einem VW-Bus steigt, zusammen mit anderen bulgarischen Arbeitsmigranten, hofft er auf eine späte Chance, um sich seine Träume zu erfüllen. Heute besteht sein Alltag vor allem aus Warten.

Nachts, wenn die Dunkelheit die vermüllten Straßen des Reiherstiegviertels verschluckt, streckt sich Panow auf seiner schimmeligen Matratze aus und wartet, dass seine drei Zimmergenossen betrunken am Tisch einschlafen, damit endlich auch er ein wenig schlafen kann. Morgens um fünf, nachdem Panow wieder aufgestanden ist, wartet er, dass ihn irgendwer abholt und irgendwo hinbringt, damit er dort irgendetwas arbeiten kann.

Panow kann Rigipsplatten und Dachschindeln anbringen, Wände fliesen, Mauern hochziehen, er sagt, er mache eigentlich alles. Er ist jetzt 64 Jahre alt. Seine Schultern sind noch breit, seine Oberarme noch kräftig, aber auf seinem Kopf fehlen schon die meisten Haare, in seinem Mund fehlen die ersten Zähne, und in seiner Prostata wurde kürzlich ein bösartiger Tumor entdeckt.

Panow hat keine Rücklagen. Er fürchtet die Zeit, in der er zu schwach zum Arbeiten sein wird. In der das Warten auf den Tod beginnt.

Panow (Quelle: Hannes Lintschnig)

Panows Träume waren nie groß. Ein Haus, eine Familie, genug Geld, mehr wollte er nicht. Doch im Krisenland Bulgarien konnte er nicht einmal das erreichen. Er verließ sein Heimatdorf Borisovo, verließ Bulgarien, zog wie rund zwei Millionen seiner Landsleute durch Europa, auf der Suche nach gut bezahlter Arbeit. Und ging, wie viele andere, dabei verloren.

Er landete auf dem sogenannten Arbeiterstrich, in einem System aus Scheinselbstständigkeit, halblegalen Mietverhältnissen und Dumpinglöhnen. In einer Welt ohne Sicherheit und Sozialleistungen. In Strukturen, die sich in Deutschland und in anderen EU-Ländern immer mehr verfestigen. Strukturen, die ausgerechnet eine zentrale Errungenschaft der Europäischen Union erst möglich macht: das Grundrecht eines jeden EU-Bürgers in jedem EU-Staat zu arbeiten.

Die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit hat viele Vorteile. Sie eröffnet EU-Bürgern neue Jobchancen, belebt die Arbeitsmärkte, vergrößert die Fluktuation von Fachkräften und trägt zum Wirtschaftswachstum bei. Doch sie begünstigt auch einen Schattensektor, in dem in Deutschland wohl Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Menschen arbeiten und gegen den die Behörden nur halbherzig vorgehen.

Wir wollten dieses System der Ausbeutung genau verstehen. Warum landen Menschen wie Panow auf dem Arbeiterstrich? Warum kommen sie dort nicht wieder weg? Warum wird illegale Lohnarbeit nicht konsequenter bekämpft?

Für unsere Recherche haben wir Dutzende bulgarische Arbeitsmigranten interviewt und den Lebensweg von Stanimir Panow im Detail rekonstruiert - in Hamburg-Wilhelmsburg und in Borisovo, Bulgarien. Nach und nach entstand ein facettenreiches Bild über eines der größten sozialen Probleme unserer Zeit. Und eine Perspektive, wie es sich vielleicht lösen lässt.


*Name geändert


Hannes Lintschnig

Der Arbeiterstrich



An seinem ersten Morgen in Hamburg ging Panow in die Elite-Bar. Er hatte den Tipp bekommen, dass man dort gut an Arbeit kommt.

Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Es ist ein sonniger Morgen im Spätsommer gegen 5.30 Uhr, die Luft in der Elite-Bar ist verraucht, aus dem Fernseher tönt bulgarische Popmusik, und auf einer Fensterbank stehen ein paar Stoffpflanzen, die ebenso verloren wirken, wie die Männer, die an den Tischen sitzen und auf Arbeit warten.

Manche der Männer tragen orangefarbene Overalls, andere abgewetzte Hemden und Jeans. Viele haben sich Mittagessen in einer Plastiktüte mitgebracht. Panow ist an diesem Morgen nicht gekommen. Er kennt viele Arbeitsvermittler inzwischen persönlich, sie kontaktieren ihn oft direkt per SMS.

Ein anthrazitfarbener Citroën hält vor der Elite-Bar. An seinem Heck klebt ein Aufkleber mit dem Firmenlogo "Parrot12 Glas- und Gebäudereinigung". Vier Männer aus der Elite-Bar steigen ein. Das Auto fährt los. Wir fahren hinterher.

"Wer einen Tag krank ist, riskiert seinen Job"

Der Besitzer der Elite-Bar, Ali Tutal, will von illegalen Arbeitsvermittlungen in seinen Räumen nichts wissen. Die Migranten würden sich in der Bar lediglich treffen, um gemeinsam zur Arbeit zu fahren, teilt er uns später per E-Mail mit. Er habe weder mit den Arbeitnehmern noch mit den Arbeitgebern etwas zu tun.

Nach Angaben mehrerer Billiglohnarbeiter ist die Elite-Bar nur einer von mehreren Sammelpunkten auf dem sogenannten Arbeiterstrich in Hamburg-Wilhelmsburg. Und Hamburg ist nur eine von vielen Städten, in denen Tagelöhnerjobs vergeben werden.

Die ungelernten Arbeitsmigranten werden in ganz unterschiedlichen Branchen eingesetzt: Sie helfen auf Baustellen, bei der Ernte oder im Trockenbau, sie arbeiten in Schlachthöfen und in der Gastronomie, in Lagern und in der Pflege, räumen im Hafen Container aus, reinigen Büros und Hotelzimmer, pflegen Grünflächen... die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Stundenlöhne liegen nach Angaben der von uns befragten Bulgaren zwischen fünf und zehn Euro, gezahlt wird meist bar auf die Hand. Die Arbeitsverhältnisse sind oft illegal oder bewegen sich am Rande der Legalität. Einen ordentlichen Arbeitsvertrag haben die wenigsten Lohnarbeiter.

"Viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind so gut wie rechtlos", sagt Christiane Tursi von verikom, einem gemeinnützigen Verein, der sich gegen die Ausbeutung ausländischer Arbeiter einsetzt. "Wer mehr Geld oder einen Arbeitsvertrag will oder auch nur einen Tag krank ist, riskiert seinen Job."

Hier putzten die Bulgaren, denen wir gefolgt sind (Quelle: Stefan Schultz)

Der anthrazitfarbene Citroën hält vor der Firmenzentrale der Parrot12 Glas- und Gebäudereinigung. Die vier Arbeiter aus der Elite-Bar gehen hinein, kommen kurz darauf mit Schrubbern und Putzeimern wieder heraus, laden die Sachen in einen weißen VW Caddy und fahren weiter stadtauswärts. Nach ein paar Kilometern werden sie vor einem Hauseingang halten, hineingehen und das Treppenhaus zu putzen beginnen.

Das Hauptquartier der Parrot12 Glas- und Gebäudereinigung, die sich laut Handelsregister auf "Vermittlung von Lagerpersonal" spezialisiert hat, liegt in der Billstraße. Die Nachbarschaft gilt als berüchtigter Umschlagpunkt für geklaute Fahrräder und Elektroschrott, den man von hier illegal nach Afrika verschifft. Der Geschäftsführer der Firma, ein Herr Ramazan Yildiz, reagierte nicht auf Anfragen, was er seinen Mitarbeitern zahlt und ob er ordnungsgemäße Verträge mit ihnen abschließt.

In Deutschland gibt es inzwischen viele Firmen wie die von Yildiz; manche operieren legal, andere nicht; alle beschäftigen Arbeitsmigranten. Einige fungieren als Subunternehmen, die weit größeren Firmen spezielle Arbeiten abnehmen - mit dem Ziel, die Kosten zu drücken. Gerade bei einfachen Tätigkeiten, bei denen die Arbeitskosten einen Großteil der Gesamtkosten ausmachen, ist die beste Sparmaßnahme: Lohndumping.

"Es gibt viele Wege, den gesetzlichen Mindestlohn zu unterlaufen", sagt Christiane Tursi von verikom. Mal müssten Billiglöhner heimlich Überstunden schieben, mal müssten sie einen Teil ihres offiziellen Einkommens in bar zurückzahlen. Und manchmal bekommen sie nach getaner Arbeit einfach gar nichts.

Panow (Quelle: Hannes Lintschnig)

Auch Stanimir Panow hat das zwei Mal erlebt. Das erste Mal sollte er für einen Monat Arbeit auf einer Baustelle nur 200 Euro bekommen. Als er sich beschwerte, erzählt er, habe man ihn bedroht. Da habe er Angst bekommen und sei weggegangen.

Das zweite Mal spürte Panow einen säumigen Arbeitgeber auf. Sie standen am Rande eines Fußballplatzes, wo der Mann sich gerade ein Spiel seines Sohnes anschaute. "Schämst du dich nicht, dass du mich nicht bezahlst?", fragte Panow vor allen Leuten. Das war dem Mann wohl peinlich. Er nahm Panow beiseite und gab ihm den Lohn.

Panow geht trotz solcher Erfahrungen weiter auf den Arbeiterstrich. Trotz Dumpinglöhnen verdient er noch immer weit mehr als in Bulgarien. In guten Monaten kommt er auf mehr als tausend Euro, steuerfrei. Er kann sich damit versorgen und seiner Ex-Frau in der alten Heimat etwas Geld schicken. Jüngere Bulgaren, die noch mehr schuften als er, können sogar einen Teil ihrer Löhne ansparen.

"Es ist ein Tauschgeschäft", sagt Panow. Cash gegen Sicherheit, Cash gegen Rechte. Das geht so lange gut, bis man ernsthaft krank wird.

Im September 2017 wurde ein bulgarischer Arbeitsmigrant tot in einem Wilhelmsburger Park gefunden. Der Mann war vielleicht Mitte 50. Er hatte elf Jahre in Wilhelmsburg gelebt, war auf den Arbeiterstrich gegangen, so wie Panow. Dann wurde er krank und zusehends schwächer, ging weniger arbeiten, wurde obdachlos. Am Ende legte er sich einfach in ein Gebüsch und starb.



Stefan Schultz


Das Dorf der toten Träume



An einem sonnigen Sommertag lädt Kolio Mihliuzov, 59, zum Rundgang durch Borisovo ein. Er hat eine große Knollennase, trägt trotz der Hitze eine Latzhose und trinkt schon am Mittag unentwegt Bier. Früher, als es Bulgarien besser ging, waren Stanimir Panow und er befreundet. Als die Rezession kam und lange nicht wieder fortging, war Panow nicht der einzige Freund, von dem sich Mihliuzov verabschieden musste.

Wir spazieren durch das kleine Dorf im Norden Bulgariens, das unweit von der Donau und der rumänischen Grenze liegt. Mihliuzov zeigt nacheinander auf einige leerstehende Häuser. "Der da ist jetzt in Dänemark", sagt er. "Die dort sind in Holland." Nach einer Weile wird ihm das Spiel zu mühsam, und er ruft nur noch Stichworte.

"Frankreich." - "Schweden." - "Düsseldorf."

Etwa drei Viertel der Einwohner seien fortgegangen, sagt Mihliuzov. Er selbst ist in Borisovo geblieben. Mihliuzov ist Lkw-Fahrer. Wenn er arbeitet, ist auch er teils monatelang fort. Aber er kommt immer wieder zurück zu seiner Frau Stefka, setzt sich mit ihr im Garten an den großen Plastiktisch, trinkt ein Glas selbstgekelterten Wein und schaut zu, wie der stolz gewachsene Hahn seinen mickrigen Wachhund das Fürchten lehrt.

Mihliuzov (Quelle: Hannes Lintschnig)

Als wir unser Gespräch im Garten der Mihliuzovs fortführen, tischen uns Stefka und Kolio großzügig Essen und Trinken auf. Sie bestehen darauf, uns zu bewirten, obwohl sie im Monat nur wenige Hundert Euro verdienen.

Mihliuzov ist stolz auf sein Zuhause, denn die meisten seiner Freunde haben keines mehr. Und die wenigen, die eines haben, ruinieren sich mit der Lohnarbeit oft ihre Gesundheit. "Wir gehen voller Hoffnung in eure Länder", sagt Mihliuzov, "aber das Leben dort bringt uns um."

Der große Exodus der Bulgaren begann Anfang der Neunzigerjahre, kurz nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen und ein riesiger Abnehmermarkt weggefallen war. Er wurde schlimmer, als die Uno ein Embargo gegen die benachbarte Bundesrepublik Jugoslawien, bestehend aus Serbien und Montenegro, verhängte, als sie die Schifffahrtswege auf der Donau blockierte, über die damals rund 90 Prozent der bulgarischen Exporte nach Westeuropa gelangten.

Das Bruttoinlandsprodukt ging von 1990 bis 1993 um rund 28,5 Prozent zurück und schrumpfte danach weiter. Hunderttausende Bulgaren verließen das Land.

Jeder Fünfte hat Bulgarien verlassen

Seit der Jahrtausendwende wächst die Wirtschaft zwar wieder, die Einkommen aber verharren auf einem niedrigen Niveau. Der monatliche Durchschnittslohn liegt bei 560 Euro. Rund 40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze oder ist von Armut und sozialem Ausschluss bedroht.

Die Regierung in Sofia ist von dem Wandel überfordert. Statt das Land in die Marktwirtschaft zu führen, hat sie lange nur die Staatsunternehmen mit immer neuen Krediten gepäppelt. Statt den Rechtsstaat zu stärken, bereichert sich die korrupte Elite vor allem selbst.

Viele Bulgaren zieht es daher noch immer in andere EU-Länder. Seit Anfang der Neunzigerjahre ist die Bevölkerung um fast zwei Millionen Menschen geschrumpft, um fast 20 Prozent. In den Hochhaussiedlungen der großen Städte sind an den Abenden nur wenige Fenster erleuchtet.

Hochhäuser in der Stadt Russe (Quelle: Hannes Lintschnig)

In den langen Jahren der Krise probierte Stanimir Panow immer wieder, in Bulgarien ein anständiges Leben zu führen. Mal versuchte er sich erfolglos als Landwirt, mal handelte er ebenso erfolglos mit Zucker. Schließlich eröffnete er ein Restaurant namens Sheraton 13.

Seine Frau und er servierten gegrillten Fisch und Tomaten aus dem eigenen Garten, die Geschäfte liefen gut. "Endlich", dachte Panow, "endlich kann ich mir meine Träume erfüllen."

Zwei Jahre später wurde das Restaurant ausgeraubt.

"Wie sich später herausstellte, war der Dieb der Bruder meiner eigenen Frau", sagt Panow. Die Familie habe ihn bedrängt, den Mann anzuzeigen. Panow konnte das nicht. Der Mann hatte zwei Kinder. Was würde aus ihnen werden, wenn ihr Vater ins Gefängnis gehen müsste?

Panow ließ die Geschichte auf sich beruhen. Innerlich aber begann er, sich von Bulgarien abzuwenden.

Ginka Doncheva (Quelle: Hannes Lintschnig)

Am Ortseingang von Borisovo liegt eine kleine Kneipe. An einer Wand hängt ein Oben-ohne-Kalender, an der Decke ein Fliegenfänger voller Insektenkadaver. Hinter der Theke, zwischen riesigen Rakiflaschen, steht Ginka Doncheva, 55, die Wirtin.

Doncheva war hier, als die Menschen im Dorf noch Träume hatten. Sie blieb, als die Leute in Scharen weggingen, um eine neue Zukunft zu finden. Und sie ist immer noch hier, jetzt, da Borisovo weitgehend leer ist. Sie kann hier nicht weg, wegen ihres altersschwachen Vaters.

Viele Dorfbewohner hätten sich irgendwann einen Platz in einem VW-Bus gebucht, erzählt Doncheva. Sie stiegen in die Autos der Schleuser, die teils mehrmals die Woche abfuhren, je nach Bestellung der Arbeitsvermittler.

"Heute sind die Menschen aus Borisovo über den ganzen Kontinent verteilt", sagt Ginka Doncheva. Familien seien zerrissen worden, Söhne zu früh gestorben. Auch Stanimir Panow sei irgendwann weggegangen. Sie habe nie wieder von ihm gehört.



Stefan Schultz


Das importierte Elend



In der Straße Vogelhüttendeich 68, in einem Innenhof nicht weit von der Elite-Bar, häuft sich der Sperrmüll. Müllcontainer verbreiten beißenden Gestank, zwischen zwei Autos mit abmontierten Nummernschildern parkt ein Kinderwagen. Selbstverlegte Stromkabel hängen an der Außenwand eines zweistöckigen Hauses. Neben dem Eingang hängt ein Hinweis, dass das Haus von Flöhen und Wanzen befallen ist.

Nach Angaben von Billiglohnarbeitern leben Dutzende Bulgaren illegal in dem Haus, teils zu viert auf zwölf Quadratmetern. "Schweine im Stall haben mehr Platz", sagt Serkan Izmansoy, der bis vor Kurzem in einer Wohnung mit Blick auf den Innenhof gelebt hat. Seine Mutter habe Kontakt zu einer bulgarischen Bewohnerin aus dem Hinterhof gehabt, erzählt Izmansoy. "Sie sagte, dass sie pro Matratze 200 Euro bezahlen muss. Alle zahlen diesen Preis: Erwachsene, Kinder, sogar Babys."

Matratzenlager von Arbeitsmigranten in Hamburg-Wilhelmsburg (Quelle: privat)

Im Grundbuch ist ein türkischstämmiger Geschäftsmann namens Ahmet Karanfil als Eigentümer des Hauses vermerkt. Karanfil weist die Vorwürfe der Anwohner zurück. Er habe die Räume im Hinterhof ganz legal vermietet, lässt er über seinen Anwalt ausrichten. Sein Mieter vermiete die Räume allerdings an "befreundete Landsleute" unter.

Nach Angaben von Christiane Tursi, der Sozialarbeiterin von verikom, sind viele Arbeitsmigranten in Häusern wie dem im Vogelhüttendeich 68 untergebracht. "Wer illegal arbeitet, hat auf dem legalen Wohnungsmarkt keine Chance", sagt Tursi. "Er muss sich zu überteuerten Preisen eine illegale Unterkunft organisieren." Wer sich das nicht leisten kann, schläft im Auto oder unter freiem Himmel.

In Parks und Waldstücken von Hamburg-Wilhelmsburg sieht man immer wieder notdürftig errichtete Behausungen. In der Nähe eines Kanals ist eine weiße Plane über ein paar Äste gespannt, eine Schaumstoffmatratze liegt davor, auf dem Boden liegen Exkremente und benutztes Toilettenpapier. In einem abschüssigen Waldstück steht schon seit Langem ein großes Zelt, sein Bewohner hat sich einen kleinen Weg durch den Wald angelegt und sich sogar ein Geländer aus Ästen gebaut.

Zelt in einem Wilhelmsburger Park: Manche Arbeitsmigraten schlafen jahrelang im Freien.

Die Bulgaren vom Arbeiterstrich machen sich strafbar, wenn sie illegalen Wohnraum und illegale Jobs annehmen. "Und wer einmal mit drinhängt, ist erpressbar", sagt Sozialarbeiterin Tursi. Die Migranten wehren sich kaum gegen ihre ausbeuterischen Vermieter und Chefs. Und sie tun sich schwer mit der Integration.

"Die Migrantinnen und Migranten haben kaum Zeit und Kraft, Deutsch zu lernen", sagt Tursi. "Dadurch können sie kaum Kontakt zu Einheimischen aufnehmen und sich auch nicht über ihre Rechte informieren." Betrüger haben mit ihnen oft ein leichtes Spiel.

Es gibt Scharlatane, die von Billiglöhnern 600 Euro kassieren und ihre persönlichen Daten aufnehmen - in dem Versprechen, eine Meldebestätigung zu besorgen. Stattdessen zeigen sie die Migranten wegen Schwarzarbeit an und machen sich dann mit dem Geld davon.

Wenn die Kinder von Arbeitsmigranten mit in Deutschland leben, leiden auch sie oft unter prekären Verhältnissen. Nach Angaben einer Lehrerin, die bis 2016 an einer Schule in Wilhelmsburg gearbeitet hat, würden gerade die Kinder bulgarischer Billiglöhner oft wochenlang im Unterricht fehlen und zum Teil verstört wirken.

Einmal, als eine Kollegin von ihr eine Schülerin zu Hause besuchte, sah sie im Wohnzimmer ein etwa 16 Jahre altes Mädchen. Die Mutter sagte, dass das Mädchen nicht zur Schule gehen würde, obwohl die Familie schon seit fünf Jahren in Deutschland war. Das Mädchen habe die meiste Zeit ihres Lebens vor dem Fernseher verbracht und kein Wort Deutsch gesprochen.

Elite-Bar (Quelle: privat)

Die Misere der Arbeitsmigranten belastet in Deutschland inzwischen ganze Viertel. Die Städte ziehen zusammen mit den billigen Arbeitskräften eine Menge Elend an - unter dem dann auch die Anwohner leiden.

Eine erzählt von Billiglöhnern, die vor ihrer Tür im Auto übernachten und im Winter die ganze Nacht ihren Motor laufen ließen - wegen der Standheizung. Ein zweiter sagt, dass manche Arbeitsmigranten ihre Notdurft in einem angrenzenden Waldstück verrichten.

Eine dritte Anwohnerin erzählt von Arbeitsmigranten, die an ihre "Hauswand pissen und besoffen herumpöbeln" und von einem Bus mit bulgarischem Kennzeichen, der monatelang vor ihrem Haus parkte und in dem auch ein Kind geschlafen habe.

Weitere Anwohner sagen, Arbeitsmigranten hätten ihre Gartenstühle geklaut, Benzin aus ihren Autotanks abgezapft oder Baumaterialien von Baustellen geklaut. Die Polizei reagiere auf Beschwerden teils nicht mehr. "Wir leben hier in einem rechtsfreien Raum", sagt ein Anwohner. Die Hamburger Polizei weist diesen Vorwurf zurück.

Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg (Quelle: Hannes Lintschnig)

Stanimir Panow bekam nur eine einzige Chance, dem System der Ausbeutung zu entfliehen. Als einer seiner Arbeitgeber ihm einen legalen Vertrag anbot, bat er seinen damaligen Vermieter um eine Meldebestätigung. Der Vermieter verlangte 400 Euro für ein Papier, das nur sechs Monate gültig war.

Panow ließ den Job sausen.



Hannes Lintschnig


Die Erbauer von Manhattan



Manhattan gibt es jetzt zweimal. Einmal in New York und einmal im bulgarischen Sliwo Pole, wenige Minuten Autofahrt von Panows Heimatdorf entfernt. Während das US-amerikanische Manhattan eine Insel voller atemberaubender Wolkenkratzer ist, ist das bulgarische Manhattan eine Ansammlung halbfertiger Häuser.

Diese allerdings sind mit ihren wild zusammengewürfelten Architekturstilen mindestens ebenso atemberaubend. Manche der Gebäude mit den Portallöwen, weitläufigen Balustraden und Mauern im Leopardenmuster wurden mit dem Geld gebaut, das bulgarische Billiglöhner in Hamburg-Wilhelmsburg verdienen.

Bauarbeiter Manasev, Mukadis: Hier können Sie sich die Luxusbauten von Sliwo Pole ansehen.

Wir sitzen im Wohnzimmer von Mahmud Manasev und Mukadis Tahirova, einem Ehepaar, das das bislang letzte Glied in der Wertschöpfungskette der europäischen Arbeitsmigration bildet. Drei Jahre schuftete das Paar auf dem Wilhelmsburger Arbeiterstrich. Dann boten sie einigen ihrer Kollegen an, zurück nach Sliwo Pole zu gehen und für sie Häuser zu bauen, in denen sie ihren Lebensabend verbringen können.

"Wir haben viele Auftraggeber", sagt Tahirova, deren Stimme tiefer ist als die ihres Mannes. "Es gibt viele Bulgaren, die dort draußen in Europa nie angekommen sind, die darauf hoffen, dass es in ihrer Heimat bergauf geht und sie endlich zurückkehren können."

Einer, der dafür sorgen soll, dass es bergauf geht, ist Dimitar Nakov, 47, Vizebürgermeister und oberster Raumplaner der Provinzhauptstadt Russe. "Die Arbeitsmigranten wurden in die Irre geführt", sagt der muskulöse Mann mit den gegelten Haaren. "Wenn sie alle Vor- und Nachteile abwägen würden, dann würden sie merken, dass die Region Russe ihnen inzwischen bessere Perspektiven bietet als der deutsche Niedriglohnsektor."

Nakov (Quelle: Hannes Lintschnig)

"Die Löhne steigen schon wieder leicht, weil die Arbeiter durch den Exodus der vergangenen Jahre knapp geworden sind", sagt Nakov. "Der Bevölkerungsschwund schwächt sich allmählich ab." Für die kommenden Jahre seien eine Reihe von Maßnahmen geplant, um die Perspektiven auf dem Jobmarkt zu verbessern und bulgarische Auswanderer zurück in die Region zu locken, erzählt Nakov. Straßen würden ausgebaut, der Tourismus und die in der Region ansässige Autozulieferindustrie würden gestärkt, teils auch mit EU-Mitteln.

Wenn es nach Nakov geht, dann sollen sich Russe und die umliegenden Dörfer schon bald zur Boom-Region entwickeln. Doch ein Blick in die Statistik zeigt, wie weit dieses Ziel noch entfernt ist. Das monatliche Durchschnittseinkommen in der Region lag zuletzt bei 468 Euro.

Im Agrar-, Industrie- und Tourismussektor dominierten saisonale Jobs, sagt Svetoslava Enimaneva, die als Prüferin beim bulgarischen Rechnungshof arbeitet. Mehr als 90 Prozent der Unternehmen in und um Russe haben laut bulgarischem Rechnungshof weniger als neun Angestellte. Die Firmen vergeben kaum langfristige Arbeitsverträge, zudem finden sie oft nicht die nötigen hoch ausgebildeten Fachkräfte, um zu wachsen.

"Die Lage in der Region wird zwar nicht mehr schlimmer", sagt Enimaneva. "Aber sie wird auch nicht besser."

Industriegebiet in Russe (Quelle: Hannes Lintschnig)

Im Industriegebiet der Stadt Russe zeigt sich, was Enimaneva meint. Im Depot, das einst die Waggons für die erste Zugstrecke des Osmanischen Reichs produzierte, rosten ausrangierte Eisenbahnwagen vor sich hin. Von den rund 500 Arbeitern seien nur noch 100 übrig, sagt der Wächter am Eingang. Sie hätten so gut wie nichts mehr zu tun.

Viele Fabrikhallen stehen leer oder werden partiell von kleinen Firmen genutzt. Vor einem verfallenen Gebäude sitzt ein beleibter, vielleicht siebzigjähriger Security-Mann in einem Glaskasten. Er hat seine Uniform halb ausgezogen. Erst als sein Chef kommt, zieht er sie schnell wieder an.

An diesem Ort wurde schon lange nichts mehr produziert. In der Baulücke, die der Security-Mann bewacht, ist ein kleiner Wald gewachsen. Der Mann muss dennoch weiter hier sitzen, weil Diebe sonst Metallträger oder andere Bausubstanzen klauen könnten.

In Manhattan, Sliwo Pole, hofft man, dass die Reformen von Vizebürgermeister Nakov und seinen Kollegen bald greifen. Mahmud Manasev und Mukadis Tahirova sagen, sie seien für die kommenden Monate ausgebucht. Auch wenn bislang kaum einer nach Sliwo Pole zurückgezogen sei.

"Noch ein Jahr in Deutschland, dann komme ich", sagen sich viele. Wenn das Jahr rum ist, sagen sie: "Nur noch ein weiteres Jahr." Einstweilen leben in Sliwo Pole hauptsächlich die Alten. Und die Kinder, die die Arbeitsmigranten zurückgelassen haben. Sie wohnen in den teils fertig eingerichteten Häusern und warten auf eine Zeit, in der man in Bulgarien wieder eine Zukunft hat.



Hannes Lintschnig


Das System der Ausbeutung



Wenn Stanimir Panow über sein Leben spricht, über Zwölfstundenschichten, verräterische Chefs oder seinen schimmeligen Schlafplatz, dann wirkt er stets gefasst. Selbst über die schwierigsten Momente seines Lebens macht er oft noch Witze. Nur einmal fängt er in unseren Gesprächen zu weinen an. Es sind Tränen der Dankbarkeit. Denn Panow hat unerwartet Hilfe bekommen.

Das Westend, eine gemeinnützige Einrichtung, die anonyme medizinische Versorgung für Migranten organisiert, hat die Finanzierung einer OP für ihn durchgesetzt. Ein Großteil des Tumors in seiner Prostata wurde dabei herausgeschnitten.

Wie die meisten Scheinselbstständigen hat Panow keine Krankenversicherung, und die Möglichkeiten für staatliche Zuschüsse sind begrenzt. "Nur in Einzelfällen ist es möglich, dringend notwendige Eingriffe über einen von der Hamburger Sozialbehörde finanzierten Fonds zu beantragen", sagt Melanie Mücher, die Leiterin des Westends.

In Panows Körper befänden sich noch immer einige Krebszellen, erzählt Mücher. Er müsse künftig regelmäßig untersucht werden. Panow wird hoffen müssen, dass das Westend weiter Wege findet, um ihm Behandlungen zu finanzieren. Zumindest weiß er jetzt: Er ist nicht allein.

In Hamburg-Wilhelmsburg gibt es eine Menge gemeinnütziger Sozialverbände und engagierte Anwohner. Sie organisieren Rechtsberatungen, kostenlose Deutschkurse, integrative Stadtfeste - oder sie sammeln Spenden, um Migranten ärztliche Behandlungen zu bezahlen. Die Anwohner versuchen, soziale Härten abzupuffern und die Ausbeutung von Migranten zu bekämpfen. Die grundlegenden Strukturen des Schattensektors aber können sie nicht verändern. Hier würde nur ein grundlegender Politikwechsel helfen:

- Lohnarbeiter müssten konsequenter über ihre Rechte aufgeklärt werden, am besten schon in ihren Heimatdörfern.

- Arbeitsvermittler und Vermieter müssten konsequenter kontrolliert und bei Verstößen bestraft werden.

- Schwerkranke Migranten ohne gültige Krankenversicherung müssten besseren Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen.

- Länder wie Bulgarien müssten mit Hilfe der EU effektivere wirtschaftliche Entwicklungsstrategien erarbeiten - damit nicht mehr so viele Arbeiter ins Ausland gehen.

Die Regierung in Sofia bekommt dieses Problem nicht in den Griff. Nach Prognosen des Nationalen Statistikamts in Sofia wird Bulgarien bis 2045 eine weitere Million Menschen verlieren; die größte Bevölkerungsgruppe werden dann die 60- bis 80-Jährigen sein.

Auch die deutschen Behörden gehen nur halbherzig gegen die Ausbeutung von Arbeitsmigranten vor. Zwar existieren in Deutschland eine Reihe Gesetze gegen Schwarzarbeit, die Umgehung des Mindestlohns und unzulässige Arbeitsbedingungen. Kontrollen indes finden nur sporadisch statt.

Rund 6700 Zöllnerinnen und Zöllner sind bundesweit gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung im Einsatz. Nach Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes wären mehr als 10.000 nötig. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) glaubt ebenfalls, dass es in Deutschland viel zu wenige Kontrolleure gegen Schwarzarbeit gibt. "Es ist so, als würde man Spielregeln für ein Fußballmatch erlassen und dann keinen Schiedsrichter auf den Platz stellen", sagt DIW-Forscher Karl Brenke.

Für die deutschen Verbraucher indes habe das System der Ausbeutung große Vorteile. All die zugewanderten Maurer und Pfleger, all die Lagerarbeiter, Erntehelfer und Schlachter und all die anderen Lohnarbeiter sorgten dafür, dass in Deutschland die Bau- und Pflegekosten weniger stark steigen und die Verbraucher mit günstigem Fleisch und Gemüse und mit günstigen Servicedienstleistungen versorgt werden. "Die Wirtschaft profitiert", sagt Brenke. "Aber die Menschenwürde leidet."

Nach der OP empfahl der Arzt Stanimir Panow, ein paar Wochen nicht zu arbeiten. Sein Körper sei zu sehr geschwächt, sagte der Doktor. Er brauche jetzt vor allem Ruhe.

Am nächsten Morgen war Panow wieder auf der Baustelle.




Das Team



Text: Stefan Schultz

Fotos: Hannes Lintschnig

Recherche: Hannes Lintschnig und Stefan Schultz

Redaktion: Yasmin El-Sharif

Dokumentation: Almut Cieschinger

Schlussredaktion: Christine Sommerschuh

Bildredaktion: Nasser Manouchehri

Grafik: Guido Grigat

Programmierung: Chris Kurt

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Niki Marinov, Eslitza Popova, Vladislava Woermann

Übersetzung aus dem Türkischen: Ali Yüce