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Tombola: Arbeitsvermittler verlost Arbeitslose

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Ein privater Bildungsträger in Rheinland-Pfalz verlost auf einem Weihnachtsmarkt Dienstleistungen älterer Langzeitarbeitsloser an Firmen. Gewerkschafter sind entsetzt. Es sei doch alles gut gemeint gewesen, sagt das Unternehmen.

Screenshot mit Hinweis auf Verlosungsaktion: Offenbar ungeahnte Kreativität entfaltet Zur Großansicht
Jobcenter Mayen-Koblenz

Screenshot mit Hinweis auf Verlosungsaktion: Offenbar ungeahnte Kreativität entfaltet

Hamburg - Das rheinland-pfälzische Bendorf hat einiges zu bieten: mehrere Kirchen, ein Schwimmbad, ein ehemaliges Römerkastell und - nicht zu vergessen - den jährlichen Weihnachtsmarkt. Auf diesem gab es im vergangenen Dezember eine besondere Attraktion: Die Dienstleistungen älterer Langzeitarbeitsloser wurden an Firmen aus der Region verlost. Bei einer Tombola.

Klingt nach einer bösen Satire? Ist es aber nicht. Die Aktion hat tatsächlich stattgefunden. Initiiert wurde sie von dem in Bendorf ansässigen Bildungsträger DG Mittelrhein. Also einem privaten Dienstleister. Dieser arbeitet mit dem regionalen Jobcenter bei der Integration älterer Langzeitarbeitsloser im Rahmen des Programms "Perspektive 50plus" zusammen. Und dabei hat die DG Mittelrhein offenbar ungeahnte Kreativität entfaltet.

Im vergangenen Jahr habe man nach Ideen gesucht, wie die betreuten Langzeitarbeitslosen mit den regionalen Unternehmen in Kontakt kommen könnten, erläutert Monika Scheel, Geschäftsführerin der DG Mittelrhein, die Aktion auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage. Heraus kam das besagte Tombola-Event auf dem Weihnachtsmarkt. Dabei konnten die Unternehmen neben einem Workshop oder Büroartikeln auch Dienste der Arbeitslosen gewinnen. Dazu zählten etwa die Reinigung von Fenstern und Fußböden oder die Gestaltung einer Firmen-Website. Und weil das offenbar noch nicht kreativ genug war, durften einige der Arbeitslosen die Ziehung der Lose zusätzlich mit einer weihnachtlichen Aufführung untermalen.

"Menschenverachtende und entwürdigende Aktion"

Anders als bei einer normalen Tombola mussten die Firmen nicht für ihr Los zahlen, auch Nieten gab es nicht. Die DG Mittelrhein wollte schließlich das soziale Firmenengagement belohnen - gemeint ist damit die Bereitstellung unbezahlter Arbeitsplätze für eine kurze Zeit. Rund 30 Unternehmen gefiel das Angebot so gut, dass sie bei der Ziehung mitmachten.

Der private Träger betont in einer schriftlichen Erklärung, dass die Langzeitarbeitslosen ihre angebotenen Dienste "ausdrücklich selbst ausgesucht und angeboten" haben und völlig frei entscheiden konnten, ob sie überhaupt teilnehmen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gibt sich jetzt entsetzt. Bei der Verlosung handele es sich um eine "menschenverachtende und entwürdigende Aktion", sagt der DGB-Landesvorsitzende in Rheinland-Pfalz, Dietmar Muscheid. "Was hier als moderne Arbeitsvermittlung verkauft wird, stellt eine Verrohung der Sitten dar. Ein Jobcenter ist keine Lottobude und ein Weihnachtsmarkt kein Sklavenmarkt."

Das Jobcenter Landkreis Mayen-Koblenz weist die DGB-Vorwürfe in einer Stellungnahme von sich. "Wir halten die Aktion weiterhin für einen innovativen Ansatz mit Arbeitgebern in Kontakt zu treten", heißt es da. Die Teilnehmer hätten sogar selbst Angebote ins Spiel gebracht. In einem Fall sei bereits ein Kontakt zum Arbeitgeber hergestellt und ein Vorstellungstermin für ein Praktikum vereinbart worden. Dass es sich um ein unbezahltes Praktikum handelt, bleibt in der Stellungnahme allerdings unerwähnt.

Dennoch zeigt sich der Praktikant in spe zufrieden mit dem Kurzzeitjob, bei dem er unter anderem für das Unternehmen eine Fotoserie erstellt. Er mache sich derzeit als Fotograf und Webdesigner selbstständig, sagt der 57-jährige Jürgen Lücker. "Vielleicht ergibt sich durch das Praktikum langfristig der eine oder andere Job." Wie er selbst hätten auch die anderen Teilnehmer die Verlosungsaktion als Chance begriffen, schildert er seinen Eindruck. Menschenverachtend fand er die Aktion nicht.

Monika Scheel von der DG Mittelrhein scheint denn auch nach wie vor von der Idee überzeugt. Für ältere Menschen sei es nicht einfach, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sagt sie. "Darauf wollten wir mit der Verlosungsaktion aufmerksam machen und einen Anreiz für Unternehmen schaffen, diesen oft so motivierten und auch fähigen Menschen eine Chance zu geben."

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insgesamt 249 Beiträge
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1. Innovativ
goldfinger-2 20.01.2013
Naja, irgendwelche ethischen oder moralischen Grenzen nach unten scheint es nicht zu geben. Arbeit als sinnentleerter Selbstzweck. Nachdem Arbeitslose wie auch (noch) Beschäftigte jahrelang mittels Hartz IV und neoliberalem Geschwätz bedrängt und bedroht worden sind und werden, ist ja ein Mittel nach dem anderen Recht und billig, Arbeitgebern einen Vorteil zu sichern und abhängig Beschäftigte als Menschen zweiter oder einer weiteren niederen Klasse zu unterwerfen und nutzbar zu machen. Das Goldene Kalb heutiger Zeit scheint gefunden. Ob der Niedergang des Abendlandes bevorsteht möchte ich verneinen, wir sind mittendrin. Hurra!!!
2.
maturin001 20.01.2013
Zitat von sysopJobcenter Mayen-KoblenzEin privater Bildungsträger in Rheinland-Pfalz verlost auf einem Weihnachtsmarkt Dienstleistungen älterer Langzeitarbeitsloser an Firmen. Gewerkschafter sind entsetzt. Es sei doch alles gut gemeint gewesen, sagt das Unternehmen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsvermittler-verlost-dienste-von-langzeitarbeitslosen-an-firmen-a-877668.html
Grundgesetz Artikel 1: (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Außnahme: der Mensch ist arbeitlsos.
3. antastbare würde
autocrator 20.01.2013
die würde des menschen ist antastbar. das jobcenter findet das alles ganz in ordnung, und die chefin dieses schwindelvereins ist vollends uneinsichtig. und bei den 30 verlosten, die dann unentgeltlich für firmen malochen durften, kam als "erfolg" der aktion ein einziges, ebenfalls unbezahltes praktikum heraus, bei dem jetzt schon klar ist, dass das nicht in lohn und brot führen wird. Tolle quote, toller "erfolg"! und das ganze auf dem christlichen weihnachtmarkt: soviel zum thema christlicher nächstenliebe: da werden menschen öffentlich verschachert, damit sie entgeltlos malochen, sprich werte für die "arbeitgeber" schaffen dürfen. Der wahn um "hauptsache arbeit - egal was, egal für welches entgelt, egal unter welchen bedingungen" hat so weit in der gesellschaft um sich gegriffen, dass das die teilnehmer sogar schon selbst toll finden! ist unter den juristen hier jemand, der mal erläutern könnte, ob und inwiefern diese aktion strafbar ist? Das ist moderne sklaverei, erschleichen von entgeltloser leistung ohne gegenleistung, organisierte kriminalität. chef und mitarbeiter des jobcenters, diese arbeitsvermittler und die 30 firmenchefs die da mitgemacht haben gehören in den knast, und den teilnehmern entschädigung und schmerzensdgeld zugesprochen! das ist schon kein skandal mehr. das ist kriminelles antasten der würde des menschen.
4.
mussnichtsein 20.01.2013
... und selbst dieser absolute und Menschen verachtende Schwachsinn wird, wie immer, für die Verantwortlichen ohne ernsthafte Konsequenzen bleiben. Innovativ wäre es die Verantwortlichen an einem Raumfahrtprogramm teilnehmen zu lassen. Zum Mond schiessen...
5. Wahrscheinlich
Freifrau von Hase 20.01.2013
"Er mache sich derzeit als Fotograf und Webdesigner selbstständig, sagt der 57-jährige Jürgen Lücker. "Vielleicht ergibt sich durch das Praktikum langfristig der eine oder andere Job."" Vielleicht landen morgen auch grüne Männchen vom Mars? Ausgeschlossen ist das alles sicher nicht aber wohl eher wenig wahrscheinlich..... Finds aber schön, dass Herr Lücker noch einen gewissen Glauben in sich trägt.....
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Die Politik führt eine heftige Debatte über die Weiterentwicklung von Hartz IV - doch wer bezieht die Arbeitslosenhilfe eigentlich? SPIEGEL ONLINE hat demografische Merkmale zusammengetragen.
Schulbildung
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Fachhochschule 1,9
Abitur 7,5
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Berufsbildung
Berufsbildung Anteil in Prozent
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Anlernausbildung, Hilfsjob 4,3
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Berufsfachschule 6,4
Meister, Techniker 3,2
Berufsakademie 0,8
Diplom (FH), Bachelor 2,2
Diplom (Uni) oder BA 3,0
Werte gerundet, fehlende Anteile zu 100 Prozent: keine oder falsche Angaben; Quelle: IAB "Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung"
Migrationshintergrund
Migrationshintergrund Anteil in Prozent
Kein Migrationshintergrund 60
Selbst zugezogen 29,8
Mindestens ein Elternteil zugezogen 6,1
Mindestens ein Großelternteil zugezogen 2,2
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Behinderung
Behinderung Anteil in Prozent
Amtlich festgestellt 10,3
Nicht amtlich festgestellt 86,7
Antrag gestellt 2,9
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Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung
Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung Anteil in Prozent
Ja 27,8
Nein 71,9
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Verweildauer
Viele Arbeitslose beziehen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über einen längeren Zeitraum Hartz IV. Im Dezember 2007 waren demnach 78 Prozent der Leistungsempfänger mindestens zwölf Monate ununterbrochen im Leistungsbezug. Bei rückläufigen Empfängerzahlen sank die Zahl der Langzeitbezieher kaum. ssu


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