DGB-Umfrage Jeder Zweite klagt über Zeitdruck bei der Arbeit

Keine Zeit für die Mittagspause - und selbst am Feierabend ist an Abschalten nicht zu denken: Für mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer gehört laut einer DGB-Umfrage übermäßiger Druck zum Alltag. Die Ergebnisse in vier Grafiken.

Bürogebäude: Wachsende Belastung am Arbeitsplatz
Corbis

Bürogebäude: Wachsende Belastung am Arbeitsplatz


Sie schaffen es in der Regel, Ihre Arbeit zu erledigen, ohne ins Rotieren zu kommen? Glückwunsch, dann gehören Sie einer Minderheit in Deutschland an. 52 Prozent der Arbeitnehmer stehen bei der Arbeit sehr häufig oder oft unter Zeitdruck oder fühlen sich gehetzt. Das ist ein Ergebnis des aktuellen "DGB Index Gute Arbeit", einer umfangreichen regelmäßigen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), für die dieses Jahr rund 4900 Arbeitnehmer befragt wurden.

Dieses Jahr konzentrierten sich die Forscher auf die Arbeitsintensität: Wie gehetzt fühlen sich Arbeitnehmer? Was sind die Gründe für Zeitdruck und Überforderung? Wie wirkt sich Hetze bei der Arbeit auf das gesamte Leben von Arbeitnehmern aus? Und wie stark leidet die Qualität der Arbeitsergebnisse unter dem Zeitdruck?

Die Antworten der Arbeitnehmer ergeben ein erstaunlich geteiltes Bild: Zwar fühlt sich eine Mehrheit bei der Arbeit über Gebühr gehetzt, 29 Prozent der Befragten empfinden das "oft" so, mit 23 Prozent gibt fast ein Viertel sogar an, "sehr häufig" unter Zeitdruck zu stehen. Auf der anderen Seite stehen 48 Prozent der Arbeitnehmer, die ihre Arbeitsintensität als angemessen empfinden: Ein Drittel muss nur "selten" am Arbeitsplatz hetzen, 15 Prozent kennen das Gefühl überhaupt nicht - sie sagen, "nie" unter Zeitdruck zu stehen.

Der Hauptgrund für das Gefühl, mit der Arbeitszeit nicht auszukommen, liegt den Befragten zufolge in der Organisation ihrer Arbeit. 65 Prozent derjenigen, die sich oft oder sehr häufig gehetzt fühlen, führen das darauf zurück, dass sie zu viele Aufgaben und Projekte gleichzeitig bewältigen müssen - dieses Multitasking ist bei ihnen offenbar Regelfall und nicht durch unerwartete Ereignisse verursacht. Denn danach wurde getrennt gefragt: 61 Prozent sehen in "ungeplanten Zusatzaufgaben" den Grund für ihren Zeitdruck.

Ein ähnlich großer Teil der Befragten mit hohem Zeitdruck, nämlich 63 Prozent, sagt, bei ihnen müsse die Arbeit schlicht von zu wenig Personal erledigt werden. Interessant ist, dass es offenbar keinen direkten Druck von Vorgesetzten oder durch zu ambitionierte Leistungsziele braucht, um den Arbeitnehmern das Gefühl zu vermitteln, ihre Arbeit nicht schnell genug zu erledigen. Nur etwas mehr als ein Drittel der gehetzten Arbeitnehmer führen diese Gründe an. Den Druck, den hohe Erwartungen seitens der Kunden erzeugen, empfinden mit 41 Prozent jedenfalls mehr Gehetzte als Ursache ihres Zeitdrucks.

Ein Teufelskreis: Wer durch seine Arbeit gehetzt ist, kann sich auch am Feierabend nicht ausreichend erholen, um neue Kraft zu schöpfen: 56 Prozent derjenigen, die durch den Zwang zum Multitasking unter Zeitdruck stehen, geben an, sehr häufig oder oft auch in der arbeitsfreien Zeit nicht richtig abschalten zu können. Im Durchschnitt aller Befragten waren es lediglich 36 Prozent. Bei denjenigen, die wegen Personalmangels in ihrem Betrieb gehetzt sind, geben sogar 71 Prozent an, oft an Arbeitstagen erschöpft zu sein.

So droht ein fatales Aufschaukeln: Wer sich nicht erholt, geht bereits erschöpft zur Arbeit - und fühlt sich nur noch schneller gehetzt, was wiederum dazu beiträgt, am Feierabend nicht abschalten zu können. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass etwa die Hälfte der gehetzten Arbeitnehmer auch oft ihre Pause kürzen oder ganz ausfallen lassen. Insgesamt macht das ein Drittel aller Arbeitnehmer.

Diese Situation wirkt sich auf die Güte der Arbeit aus. Subjektiv glauben zwei von zehn Arbeitnehmern, dass die Qualität ihrer Arbeit oft oder sogar sehr häufig unter Zeitdruck leidet. Objektiv könnte die Zahl noch höher liegen.

Ein noch größerer Qualitätskiller ist erzwungenes Multitasking. Vier von zehn müssen dann häufig Abstriche bei der Arbeitsqualität machen, um das Pensum überhaupt zu schaffen.

Dabei hat die Arbeitsintensität für eine Mehrheit ohnehin zugenommen. 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie im letzten Jahr mehr Arbeit in der gleichen Zeit erledigen mussten als zuvor.

Der DGB fragt in seinen jährlichen Erhebungen auch stets nach Kriterien für Faktoren wie Betriebskultur, emotionale und körperliche Belastungen, Arbeitsplatzsicherheit oder Einkommen. Wer nach diesen Maßstäben mit "Guter Arbeit" beschäftigt ist, fühlt sich nur selten gehetzt (fünf Prozent "sehr häufig", zwölf Prozent "oft"). Diejenigen mit "Schlechter Arbeit" hingegen stehen zumeist auch unter enormem Zeitdruck (52 Prozent "sehr häufig", 32 Prozent "oft").

Der Report bestätigt also den Eindruck, dass sich die Arbeitswelt in Richtung Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt: Auf der einen Seite sorgen Unternehmen mit sicheren und attraktiven Arbeitsplätze in der Regel auch dafür, dass ihre Beschäftigten nicht überfordert werden. Auf der anderen Seite treten Zeitdruck und Hetze oft dort auf, wo die Arbeitsplätze ohnehin nicht sonderlich attraktiv sind.

"Ich sehe meine Kinder auch nur im Urlaub."

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fdi

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
dago_d 03.12.2015
1. Das liegt an den begrenzten Arbeitszeiten!
Wer nach 11 Stunden ausstempeln MUSS, weil er sonst einen Einlauf von Gewerkschafts-Betriebsrat bekommt, der ist nunmal unter Zeitdruck!
wellblechstrumpf 03.12.2015
2. Lustig, was denken Sie denn was in der Wissenschaft los ist?
Lol, in der Wissenschaft ist das doch normal. Warum sollte sich das Problem nicht auf den Rest der arbeitenden Bevoelkerung ausweiten? Mehr Arbeit fuer weniger Geld, ist doch klar.
unixv 03.12.2015
3. und dann ...
gibt es noch die Sklaven, welche nach getaner Arbeit, den nächsten Job machen, weil Miete und Essen nicht vom Himmel regnen und die tolle SPD uns den Arbeitsmarkt kaputt gemacht hat, danke @ Schröder und der SPD!
AHF84 03.12.2015
4.
Zitat von dago_dWer nach 11 Stunden ausstempeln MUSS, weil er sonst einen Einlauf von Gewerkschafts-Betriebsrat bekommt, der ist nunmal unter Zeitdruck!
Genau! Es ist das Recht, jedes Menschen mehr als 11 Stunden pro Tag zu arbeiten. Wo kämen wir denn da hin, wenn das Arbeitspensum wirklich in der vorgeschlagenen Zeit zu schaffen wäre.... [Ironie aus]. Mal im Ernst: Sie verdrehen hier die Tatsachen. Es gibt gute Gründe, dass der "Arbeitnehmer" seine Ruhezeit bekommt. In der Wissenschaft wird diese Regel auch (ich spreche aus eigener Erfahrung) mit den Füßen getreten (wobei es manchmal schlicht die Experimente sind, die so lange dauern - das muss aber auch ausgeglichen werden). In dem Fall sollten wir den Betriebsräten und Gewerkschaften dankbar sein, dass es Schutzrechte für den Arbeitnehmer gibt.
Alter Falter 03.12.2015
5. Das Leben
Das Leben ist eines der härtesten. Und leider mit Arbeit verbunden. Sollte man immer wieder in Erinnerung rufen. Zeitdruck? Viele Projekte auf einmal? Ja und? Ich kann dieses selbstmitleidige Gejammer nicht mehr hören. Hab den Artikel nicht zu Ende gelesen, wahrscheinlich kam noch 'Burn out' drin vor. Geht ja nicht mehr ohne.
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