Wettbewerb durch Digitalisierung Arbeitgeber fordern flexiblere Arbeitszeitregeln

Wirtschaftsverbände machen beim Thema Arbeitszeit Druck auf die Bundesregierung. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert "ein grundlegendes Update des Arbeitszeitgesetzes". Es gehe aber nicht um mehr Stunden.

Bürogebäude
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Nach dem Handwerk haben auch die deutschen Arbeitgeberverbände eine stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeitregeln gefordert. "Die deutsche Wirtschaft braucht mehr als bloße Experimentierräume, wir fordern mit Nachdruck ein grundlegendes Update des Arbeitszeitgesetzes", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer, der "Rheinischen Post". Die starren gesetzlichen Regulierungen zur täglichen Höchstarbeitszeit und zur Ruhezeit passten nicht mehr in die betriebliche Realität und den internationalen, durch Globalisierung und Digitalisierung getriebenen Wettbewerb.

Zuvor hatte bereits Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer den neuen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) aufgefordert, die gesetzlichen Arbeitszeitregeln zu lockern. Aus Arbeitgebersicht ist wegen der Digitalisierung der starre Acht-Stunden-Tag ohnehin bereits überholt, da Arbeitnehmer jederzeit online tätig werden können.

"Für die Ruhezeiten benötigen wir erweiterte, gesetzliche Öffnungsklauseln für Tarifverträge", sagte Kramer. "Es geht nicht darum, Arbeitnehmer durch Gesetz zu Mehrarbeit zu verpflichten." Änderungen des Arbeitszeitgesetzes würden tarifliche oder arbeitsvertragliche Regelungen nicht antasten.

Auch der Vorsitzende der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, hatte ein Ende des starren Achtstunden-Arbeitstags gefordert.

SPIEGEL ONLINE

Heils Vorgängerin Andrea Nahles (SPD) hatte sich offen für eine Diskussion über eine Lockerung gezeigt. Union und SPD wollen laut Koalitionsvertrag "Experimentierräume" für tarifgebundene Unternehmen schaffen, um eine Öffnung für mehr selbstbestimmte Arbeitszeit der Arbeitnehmer und mehr betriebliche Flexibilität zu erproben.

In der Bevölkerung wollen einer SPIEGEL-ONLINE-Umfrage aus dem November zufolge aber viele das bisherige Modell beibehalten. Außerdem ist unter dem bestehenden System bereits viel Flexibilität möglich. In der zurückliegenden Tarifrunde der Metallbranche hatte auch die IG Metall an den bisherigen Regeln gerüttelt - allerdings für ein Recht auf vorübergehend geringere Arbeitszeiten von 28 Stunden gekämpft.

mmq/dpa

insgesamt 11 Beiträge
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Kerze der Freiheit 04.04.2018
1. Kein Arbeitskräftemangel
Es spricht ja nicht gerade für einen Arbeitskräftemangel, wenn die Arbeitssituation der Arbeitnehmer weiter verschlechtert sein soll. Es ist eher davon auszugehen, dass die Leute bisweilen bis 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen. Im Einzelhandel etwa müssen Arbeitnehmer oft sechs Tage die Woche arbeiten, weitet man hier jetzt noch die tägliche Arbeitszeit auf 10 Stunden aus, ist abzusehen, dass 60-Stunden-Wochen keine Seltenheit sein werden.
mixow 04.04.2018
2. Gibt es doch schon
Wenn die Arbeitgeber mehr Flexibilität wollen, dann müssen sie sie auch ermöglichen. Ich habe keine Kernarbeitszeiten, darf zwischen 6 und 22 Uhr beliebig bis max. 10h arbeiten, auch zu Hause, auch freiwillig am Samstag. Bei betriebliche Belangen kann Arbeitszeit angeordnet werden (auch Samstags oder Nachts) mit Zuschlägen. Wichtig: Termine und Teamarbeit darf nicht leiden. Alles wird in einem Stundenkonto erfasst, was sich zwischen -40 und +80 (nach Antrag bis +200) bewegt. Ich darf auch tageweise Überstunden abbauen und arbeite z.B. diese Woche nur wenige Stunden. Ich wüsste gar nicht, wo ich mehr Flexibilität bräuchte. Mich regt diese Forderung auf, weil es auch jetzt super flexible sein kann. Und selbst in Zeiten der Digitalisierung und mit diversen Pause: mehr als 10h ist doch nicht mehr effektiv. Ein Arbeitgeber, der das tageweise braucht (die Wochenarbeitszeit soll ja nicht erhöht werden), hat seine Planung nicht im Griff und will das auf Kosten der Mitarbeiter kompensieren und/oder sich um Zuschläge drücken. Einzig über die Ruhezeit könnte man reden, wenn man z.B.: wegen der Kinder Abends nochmal 2h arbeiten will/muss. Hier wäre dann aber ein Schutz vor Missbrauch nötig.
observerlbg 04.04.2018
3. Also noch mal von Vorn.....
Kam wohl nicht so richtig rüber von Hans-Peter Wollseifer. Sehr viele Areitnehmer arbeiten schon hinreichend flexibel, aus Eigeninteresse, aus Notwendigkeit oder eben auch, weil sie gezwungen werden. Letzteres kann natürlich irgendwann in juristische Streitereien "ausarten". Dem wollen Arbeitgeber gerne einen Riegel vorschieben, indem Bedingungen geschaffen werden, die dem Arbeitnehmer keine Möglichkeit mehr lassen, gegen die Übertragung unternehmerischer Risiken (die ja gut bezahlt werden) auf den Arbeitnehmer vorzugehen. Schon interessant, wie gerade das arbeitgeberfreundliche Umfeld aktiv wird, wo doch überall Arbeitskräfte gesucht werden. Soll deren gestiegenen Forderungen im Vorfeld der Wind aus den Segeln genommen werden?
m82arcel 04.04.2018
4.
Arbeitnehmer verlangen im Gegenzug ein Gesetz zur deutlichen Erhöhung der Löhne, Verbot befristeter Verträge und Leiharbeit sowie eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, die auch ihnen zugute kommt.
ketzer2000 04.04.2018
5. Flexibilisierung der Arbeitszeit
Flexibilisierung der Arbeitszeit richtet sich primär an Mitarbeiter, die im Bereich Verwaltung, Organisation und Management arbeiten. Dazu kommt noch der Handel. Arbeitsplätze in der Produktion sind getaktet durch Maschinenlaufzeiten und Schichtpläne. Bei den meisten Berufen gibt es heute schon eine weitestgehende Flexibilisierung, die m.E. in der Regel mit Selbstausbeutung einhergeht. Eine zusätzliche weitere Lockerung führt lediglich dazu, dass durch Reduzierung von Zuschlägen nochmals Arbeitskosten gesenkt werden sollen.
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