30 Prozent Inflation in Argentinien Die nächste Krise zieht herauf

Argentinien war einst reicher als Deutschland. Nun ist es Beispiel dafür, wie Populismus ein Land ruiniert. Drei Dinge kann man daraus lernen.

Demonstranten mit Puppe des Präsidenten Mauricio Macri
REUTERS

Demonstranten mit Puppe des Präsidenten Mauricio Macri

Eine Kolumne von


Es ist kaum zu glauben, aber vor gar nicht so langer Zeit war Argentinien eines der reichsten Länder der Erde. Millionen Europäer wanderten in das südamerikanische Land ein, das Bodenschätze, mildes Klima und fruchtbare Erde versprach. Noch in den Fünfzigerjahren lagen die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen deutlich höher als in Deutschland, Italien oder Japan.

Diese goldenen Zeiten scheinen unendlich lange zurückzuliegen. Heute lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Aktuell steckt das Land in einer Wirtschaftskrise. Die Währung ist im freien Fall. Die Inflation liegt bei 30 Prozent, die Leitzinsen bei 60 Prozent. Der Staat schlittert Richtung Pleite. Wieder mal springt der Internationale Währungsfonds (IWF) ein.

Argentinien ist Ground Zero des Sturms, der derzeit über den Schwellenländern heraufzieht. Die Türkei, der andere Hotspot, ist nach enormen Fortschritten erst in den vergangenen Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Argentinien hingegen zeigt, welche langfristigen Schäden nationalpopulistische Politik anrichten kann.

Don't cry for me…!

Der Niedergang begann mit Juan Perón, der 1946 mit einer populistischen Agenda an die Macht kam und das Land zunächst neun Jahre lang regierte, später in den Siebzigerjahren noch einmal ins Präsidentenamt zurückkehrte. Perón war ein Vorläufer heutiger Populisten. Er betonte die Größe der Nation, das Wir des einfachen Volkes, das sich mit ihm als Führer gegen die Eliten - und alle übrigen vermeintlichen Gegner - stellte. Politik inszenierte er als Staatsschauspiel, wobei seine Frau Eva ("Evita", bekannt aus dem gleichnamigen Musical) eine tragende Nebenrolle spielte.

Die Fahne der Demonstrantin zeigt Juan Perón und seine Frau Eva
AFP

Die Fahne der Demonstrantin zeigt Juan Perón und seine Frau Eva

In der Wirtschaftspolitik schlugen Perón und seine Nachfolger eine Art Argentina-first-Kurs ein. Der Staat schützte die schwache einheimische Industrie mit Zollschranken, versprach hohe Löhne und Sozialleistungen. So viel wie möglich sollte im Inland produziert werden, die Strategie der "Importsubstitution" inspirierte später auch andere Entwicklungsländer, erwies sich aber als teurer Irrweg.

Typisch für populistische Wirtschaftspolitik, ignorierte der Peronismus die Beschränkungen, denen Geld- und Finanzpolitik unterliegen: Wer zu viel Geld ausgibt, muss immer mehr Schulden machen; wer zu viel Geld drucken lässt, erntet irgendwann Inflation.

Die langfristigen Folgen dieser Politik waren desaströs: In den vergangenen Jahrzehnten hat Argentinien Hyperinflationen, Währungskrisen und Staatsbankrotte durchlitten. Entsprechend schwach ist das Vertrauen in die Institutionen. Mehr noch: Bislang sind sämtliche Versuche gescheitert, Argentinien durchgreifend zu reformieren. Das einst stabile Land steckt seit Jahrzehnten in einer Dauerkrise.

Wenn es mal eine Zeitlang gut läuft, dann eher trotz als wegen der Politik. Als seit den Nullerjahren zunächst der Peronist Nestor Kirchner und später seine Witwe Christina die Regierungsgeschäfte führten, schien ihre Wirtschaftspolitik erfolgreich zu sein. Nachdem sie 2001 den Schuldendienst eingestellt, das IWF-Programm aufgekündigt und die feste Bindung an den US-Dollar gelöst hatten, sprang die Wirtschaft nach kurzem Schock zunächst wieder an.

Lehrer demonstrieren in Buenos Aires
AFP

Lehrer demonstrieren in Buenos Aires

Zeitweise war die Entwicklung so positiv, dass mancher deutsche Ökonom Argentinien als Vorbild für den Eurostaat Griechenland empfahl: Ausstieg aus der Währungsbindung, Staatspleite, Rückgewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Doch tatsächlich profitierte das Land, einer der größten Getreideexporteure der Welt, vor allem von den hohen Rohstoffpreisen in den Nullerjahren. Ein exportgetriebener Boom, für den Argentinien nichts konnte - und der entsprechend nicht nachhaltig war.

Der Populismus-Zyklus

Als die Peronistin Christina Kirchner vor drei Jahren endlich abgewählt wurde, trat mit Mauricio Macri ein Technokrat an, der einen vorsichtigen Reformkurs versprach. Dieser droht nun zu scheitern.

Seit vielen Jahrzehnten ist in Lateinamerika ein Populismus-Zyklus zu beobachten, wie die US-Ökonomen Rüdiger Dornbusch und Sebastian Edwards schon 1990 konstatierten: Unzufriedene Bevölkerungen schenken den Versprechungen von Populisten Glauben und Stimme. Einmal an der Macht, entfachen die mittels hoher Ausgaben und niedriger Zinsen ein Strohfeuer, das regelmäßig zu Inflation führt und die Schulden auf ein untragbares Niveau hebt. Um Wirtschaft und Währung zu stabilisieren, kommen Technokraten ins Amt, die Sparprogramme durchsetzen, häufig mit IWF-Unterstützung. Der daraus resultierende Unmut treibt der nächsten Generation von Populisten Wähler zu - der Zyklus geht in eine neue Runde.

Präsident Mauricio Macri
AFP

Präsident Mauricio Macri

Präsident Macri hat versucht, diesen Zirkel zu durchbrechen. Mit graduellen Reformen und dosierten Sozialausgaben wollte er eine dauerhafte Gesundung der Wirtschaft bei breiter Unterstützung durch die Bevölkerung erreichen. Doch nun kommen zu den bekannten Strukturschwächen zwei weitere Schocks hinzu: Zum einen leidet der wichtige Agrarsektor unter Ernteausfällen infolge einer Dürre.

Zum anderen steigen in den USA die Zinsen. Da der argentinische Staat überwiegend in Dollar verschuldet ist, wie der IWF vorrechnet, verteuert der abstürzende Wechselkurs der Landeswährung Peso unmittelbar den Schuldendienst. Die Kreditaufnahme in Dollar, die vorteilhaft war, solange die US-Notenbank die Zinsen extrem niedrig hielt, erweist sich nun aber als Bumerang, wie in anderen Schwellenländern auch. Macri hat den IWF um rasche Hilfe gebeten - ungeschickterweise über Twitter, was den Währungsverfall noch beschleunigt hat.

Drei Lehren für den Westen

Ökonomen haben Argentinien immer wieder als einzigartigen Fall bezeichnet. Kein anderes Land hat einen derart langen Abstieg durchgemacht - aus der Spitzengruppe der Weltwirtschaft nach ziemlich weit unten. Aber das Beispiel zeigt auch, wohin die Welle populistischer Politik, die derzeit viele Länder erfasst hat, führen kann. Ich sehe vor allem drei Lehren aus der argentinischen Erfahrung:

  • Ein polarisierender Politikstil, wie ihn Perón in Argentinien etablierte, unterminiert die Kompromissfähigkeit demokratischer Gesellschaften. Langfristig stabile Verhältnisse lassen sich so nicht schaffen.
  • Das Vertrauen in die Verlässlichkeit staatlicher Institutionen ist ein hohes Gut. Wer damit spielt, etwa die Unabhängigkeit der Gerichte oder der Notenbanken angreift, gefährdet dauerhaft die Steuerungsfähigkeit ganzer Gesellschaften. Ohne Vertrauen in eine gute Zukunft wird zu wenig investiert, auch nicht in Bildung und Wissen.
  • Protektionistische Handelspolitik führt nicht zu Wohlstand, sondern koppelt Volkswirtschaften von der Entwicklung in dynamischen Regionen ab. So konnte Argentinien in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht vom raschen Wachstum in Nordamerika und Westeuropa profitieren. Wenn heute Großbritannien den EU-Binnenmarkt verlässt oder die USA sich in einen Handelskrieg mit der dynamischsten Weltregion, Asien, und der dortigen ökonomischen Vormacht, China, verstricken, kann das weitreichende und langfristige Folgen haben.

Derzeit hoffen viele, dass die Populismuswelle bald wieder abebbt. Aber selbst wenn das geschehen sollte: Populistische Politik lässt sich nicht so leicht rückgängig machen. Besser, man lässt es gar nicht erst so weit kommen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche
Montag

Frankfurt - Neue Euros - Die EZB stellt die neuen 100- und 200-Euro-Scheine vor.

Washington - Trumps Mann - Prozessbeginn gegen den früheren Wahlkampfleiter Paul Manafort, der unter anderem wegen krimineller Verschwörung, Steuerhinterziehung und Geldwäsche angeklagt ist.

Dienstag

Pjöngjang - Friedensvision - Südkoreas Präsident Moon reist zum Treffen mit Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Es ist der dritte derartige Gipfel.

Moskau - Winds of Change - Russlands Präsident Putin empfängt Ungarns Premier Orban, der sich beim EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag für Verstöße gegen die Rechtsstaatlichkeit verantworten muss.

Paris - Santé! - Frankreichs Präsident Macron stellt sein Reformprogramm fürs Gesundheitswesen vor.

Mittwoch

Salzburg - 27 + 1? - EU-Gipfel (bis Donnerstag): Auf der Tagesordnung steht die Migrationspolitik. Spannend dürfte außerdem die Frage sein, wie sich die übrigen Regierungschefs gegenüber Ungarns Premier Orban verhalten; das EU-Parlament hat sich dafür ausgesprochen, das Land wegen Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit zu sanktionieren. Dafür bedarf es eines einstimmigen Votums der übrigen EU-Staaten. Es wird erwartet, dass Polen, dem ein ähnliches Verfahren droht, Orban unterstützt.

Hannover - Aller Laster Anfang - Vor Beginn der LKW-Messe IAA Nutzfahrzeuge (diesjähriges Motto: "Driving tomorrow") darf die Presse schon mal gucken.

Tokio - Yen-Power - Die Bank von Japan entscheidet über ihren weiteren Kurs. Während die anderen beiden großen Notenbanken, die Fed und die EZB, ihre Anleihekäufe beendet haben oder dabei sind, dies zu tun, ist Japan nach wie vor im Expansionsmodus.

Donnerstag

Salzburg - 27 – 1! - Der EU-Gipfel endet mit Verhandlungen der übrigen 27 Staaten über den bevorstehenden Ausstieg Großbritanniens aus der Gemeinschaft.

Wiesbaden - Mehr Geld - Die Tarifverhandlungen in der Chemieindustrie gehen in die zweite Runde.

Tokio - Abstimmung über Abe - Japans Regierungspartei LDP wählt ihren Parteipräsidenten, der traditionsgemäß auch die Regierung führt. Premier Abe tritt erneut an. Seine Chancen gelten als gut.

Berlin - Mehr Leitungen - Wirtschaftsminister und Kollegen aus den Bundesländern laden zum "Netzgipfel". Es geht um den schnelleren Ausbau der Stromleitungen, um mehr Energie aus erneuerbaren Quellen transportieren zu können.

Freitag

Berlin - Mehr Wohnraum - Innenminister Seehofer, nebenher auch für Bau zuständig, bittet zum "Wohnungsgipfel".

Mehr zum Thema
Newsletter
Müllers Memo


insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
helmipeters 16.09.2018
1. nun ja,
die 50er Jahre sind wohl kein Vergleichsmassstab. Die 50er Jahre in Deutschland waren geprägt von der Nachkriegsarmut und von den Reparationszahlung die Kriegsverlierer Deutschland zahlen mußte. Der Vergleich mit Argentinen ist von daher total daneben.
g.schnu 16.09.2018
2. Argentinien war einst reicher als Deutschland.
wann soll das gewesen sein? mir ist nicht bekannt, daß es sich um eine industrienation handelt!
tom_ppp 16.09.2018
3. der Spiegel unterschlägt
etwas ganz entscheidendes! Bei Perón und Kirschner handelte es sich um linke sozialistische Populisten! Von rechten Nationalismus sind die so weit entfernt gewesen wie die Grünen von der CSU. Sozialisten ruinieren über kurz oder lang jedes noch so reiche Land, da sie nur umverteilen und den Firmen und Selbstständigen gar nichts gönnen. Irgendwann stellen die alles ein und gehen woanders hin und das war es dann mit dem Wohlstand.
guayaquil 16.09.2018
4. Korruption
Es wurde vergessen, die Korruption zu erwähnen, die Lateinamerika und viele andere Länder weltweit kaputt machen! Das Urige an den Populisten/ Sozis etc ist doch, daß sie korrupter als die Kapitalisten sind.
andree_nalin 16.09.2018
5. Ursache und Wirkung - Mahnung an die Regierenden
Ein excellenter Beitrag, Herr Müller. Ohne Polemik wurde hier der langsame Verfall einer einst intakten Gesellschaft beschrieben. Die Lehre für Europa: Populismus und Populisten sind mit allen demokratischen Mitteln nachhaltig zu bekämpfen. Wie schon gesagt, das Vertrauen in den Staat ist das A und O einer funktionierenden und zufriedenen Gesellschaft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.