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Verhandlungen mit Hedgefonds gescheitert: Argentinien ist pleite

Von , New York

Am Ende half nichts mehr: Die Verhandlungen zwischen Argentinien und seinen Gläubigern sind gescheitert - die Regierung in Buenos Aires ist pleite. Für die Menschen im Land hat der Staatsbankrott dramatische Folgen.

Die letzten Stunden der Galgenfrist verronnen tatenlos. Und das in New York, der Stadt, die sonst nie schläft. Um Punkt Mitternacht Ortszeit (6 Uhr MESZ) war es dann so weit: Argentinien ist zahlungsunfähig - zum zweiten Mal seit 2001.

Nach fast 13 Jahren der Verhandlungen, Klagen und Drohgebärden hat eine Gruppe knallharter US-Hedgefonds - "Geierfonds", so ihre Kritiker - Südamerikas drittgrößte Wirtschaft in die Knie gezwungen: 1,5 Milliarden Dollar hatten sie gefordert, die volle Anleihenschuld, vereinbart in der Zeit vor Argentiniens letztem Staatsbankrott 2001 - und mehr, als Buenos Aires zahlen wollte.

Nun dürfte alles aber noch viel teurer werden für Argentinien - und seine Präsidentin Cristina Kirchner, die die Konjunktur vor den nächsten Wahlen 2015 eigentlich aufpäppeln wollte. Jetzt steht ihre Regierung vor dem Ende, es drohen Inflation, Währungsschwäche, Unruhen.

"Schwach und immer schwächer", so nannte Roberto Sifon-Arevalo, Lateinamerika-Experte der Rating-Agentur S&P, die Wirtschaftslage Argentiniens im "Wall Street Journal". "Diese Situation hilft sicher nicht." S&P wertete Argentiniens Bonität prompt auf "SD" herab, die vorletzte Stufe auf der Skala. Argentinische Aktien stürzten im nachbörslichen Handel ab.

Der Minister wettert gegen die "Geier"

Geholfen hatte in der Tat nichts mehr. Zwölf Stunden verhandelten sie am Montag, das erste Mal überhaupt von Angesicht zu Angesicht. Dann noch mal sechs Stunden am Dienstag. Wall-Street-Anwalt Dan Pollack, der gerichtlich bestellte Mittelsmann, öffnete dazu abermals seine Bürosuite im 27. Stock eines Wolkenkratzers an der Park Avenue in New York und servierte zur Stärkung Kaffee und Kaltgetränke.

Vielleicht war es ein Omen, dass früher mal die Pleitebank Bear Stearns im selben Haus saß. Jedenfalls stürmte die argentinische Delegation, angeführt von Finanzminister Axel Kicillof, am Abend durch das Reporterspalier unverrichteter Dinge ins Freie. "Wir werden kein Abkommen unterzeichnen, das die Zukunft Argentiniens kompromittieren würde", beharrte Kicillof, heiser und erschöpft, später im argentinischen Konsulat in Midtown Manhattan. Immer wieder wetterte er auf seine Widersacher - die "Geier".

"Leider wurde keine Einigung erzielt", bedauerte Pollack - und betonte den bitteren Ernst der Sache: "Zahlungsunfähigkeit ist kein rein 'technischer' Zustand, sondern ein reales und schmerzhaftes Ereignis, das echten Menschen wehtun wird." Und zwar nicht nur den Gläubigern und Fonds - die nun leer ausgehen - sondern auch "allen normalen argentinischen Bürgern". Die vollen Konsequenzen einer Zahlungsunfähigkeit seien unvorhersehbar, so Pollack, "doch sie sind sicher nicht positiv".

1680 Prozent Rendite angestrebt

Der Zank hatte sich über Jahre hingezogen. An der Spitze der Verweigerer stand die US-Hedgefondsgruppe Elliott, die allein Ansprüche auf 1,3 Milliarden Dollar anmeldete - ein Profit von 1680 Prozent auf ihre ursprüngliche Investition. Während andere Gläubiger in der Umschuldung 2002 auf 70 Prozent ihrer Einlagen verzichtet hatten, weigerten sie sich und bestanden auf 100 Prozent Auszahlung.

Für die Firma des Republikaner-Mäzens Paul Singer, die fast 25 Milliarden Dollar verwaltet, ist das nur ein Klacks. Trotzdem griff Singer zu brutalen Mitteln - darunter die Pfändung von Botschaften und die Beschlagnahme des argentinischen Segelschulschiffs "Libertad".

Schließlich verdonnerte US-Bezirksrichter Thomas Griesa Argentinien 2012 dazu, die "Geierfonds" voll auszuzahlen. Bis dahin dürften auch die anderen Gläubiger nichts bekommen. Der Oberste US-Gerichtshof ließ das Urteil im Juni bestehen. Damit verstrich am Mittwoch eine Ratenzahlung von 539 Millionen Dollar auf die 29 Milliarden Dollar, die Argentinien den anderen Fonds schuldete - automatischer Auslöser für die S&P-Abwertung.

Argentiniens Argument war gewesen: Zahlt es die "Geier" aus, könnten auch diese anderen Gläubiger plötzlich auf 100 Prozent bestehen.

Am Ende gab es noch einen allerletzten Hoffnungsschimmer. Eine Gruppe argentinischer Banken bot den Fonds eine Garantie von 250 Millionen Dollar auf eine spätere Zahlung an: Sie würden die Schuld übernehmen. Die Fonds lehnten ab. "Alles brach zusammen", hieß es aus Verhandlungskreisen.

In Argentinien nahmen es zumindest manche gelassen. "Wir leben mit diesem Schatten der Krise", sagte die zweifache Mutter Carina Etchegaray der BBC. "Man muss sich anpassen - in diesem Land ist das eben die Lebensart."

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insgesamt 631 Beiträge
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1. Eine richtige Entscheidung von Argentinien
markushatt 31.07.2014
Jetzt noch mit Brics Krediten wieder auf die Beine kommen und aus den Fittichen des US Dollars kommen und wir haben ein Paradebeispiel für die Russisch/Chinesische Weltbank, dann wirds Eng für die Hedgefonds. Sieht das als Warnung.
2.
adrianhb 31.07.2014
ja dann viel Spass mit einem Freihandelsabkommen mit den USA!
3. Gut so...,
finnegan 31.07.2014
Wer Schulden macht, muss sie auch bedienen, das gilt für den kleinen Häuslebauer genau so wie für Staaten. Und..., die wahren Geier sind die korrupten argentinischen Politiker. Aber Schuld haben natürlich immer nur die anderen.
4. Komisch eigentlich
sirgentlemen 31.07.2014
Lieber bestehe ich auf einen Teil der Schulden als auf Null?
5. So geht es einem, der Geld borgt...
kewlo 31.07.2014
...und nicht vorhat, es zurückzuzahlen. Der nächste Kandidat ist Griechenland. Mal sehen, was die EU dann tut.
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Fotostrecke
Kampf gegen "Geierfonds": Zitterpartie um Argentinien

Fläche: 2.780.403 km²

Bevölkerung: 43,132 Mio.

Hauptstadt: Buenos Aires

Staats- und Regierungschef:
Mauricio Macri

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