Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kampagne in europäischen Zeitungen: Argentinien schaltet Anzeigen gegen "Geierfonds"

Von

Anzeigen in "FAZ" und "FT": "Eine kleine Gruppe von gierigen Spekulanten" Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Anzeigen in "FAZ" und "FT": "Eine kleine Gruppe von gierigen Spekulanten"

Argentinien will die drohende Staatspleite abwenden - und setzt auf öffentlichen Druck. Mit ganzseitigen Anzeigen in europäischen Zeitungen wirbt die Regierung um Unterstützung gegen "gierige Spekulanten".

Hamburg - Für Argentinien geht es um alles: In weniger als einer Woche könnte das lateinamerikanische Land pleite sein. Grund ist ein Gerichtsurteil aus den USA. Das Wirtschaftsministerium in Buenos Aires reichte am Montag einen formellen Antrag beim Bezirksgericht in Manhattan ein, in dem es Richter Thomas Griesa bittet, sein für Argentinien höchst unvorteilhaftes Urteil auszusetzen (Hier der Antragstext im Wortlaut). An diesem Dienstag erhöht das Land nun den Druck. In ganzseitigen Anzeigen des argentinischen Präsidialamts in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der spanischen "El País" und den britischen Zeitungen "Financial Times" und "Times" heißt es: "Argentinien möchte seine Schulden weiterhin zahlen, was jedoch verhindert wird."

Worum geht es? In seinem Urteil hatte US-Richter Griesa mehreren Hedgefonds das Recht zugestanden, ihre Ansprüche gegen Argentinien durchzusetzen, der Oberste Gerichtshof der USA hatte die Revision gegen die Entscheidung abgewiesen. Die Fonds hatten sich bei den Schuldenschnitten von 2005 und 2010 geweigert, auf Forderungen gegen das Land zu verzichten. Sie verlangen den vollen Nennwert der argentinischen Staatsanleihen, die sie zur Zeit der Schuldenkrise 2001 zu Ramschpreisen erworben hatten.

Sollte Griesa das Urteil nicht aussetzen, dürfte Argentinien die am 30. Juni fälligen Raten nicht an seine anderen Gläubiger auszahlen. Vorher müsste das Land die etwa 1,5 Milliarden Dollar begleichen, die es den beiden Fonds schuldet, die geklagt hatten. Und dann, so die Befürchtung des Wirtschaftsministeriums, könnten die anderen Fonds ebenfalls die Erstattung ihrer Schulden einfordern - insgesamt 15 Milliarden Dollar.

Damit steckt Argentinien in der Zwickmühle: Wenn es zahlt, riskiert es den Bankrott. Fließt das Geld aber nicht, wird das als "technischer Zahlungsausfall" gewertet - also ebenfalls als Staatspleite. Der Streit wird vor US-Gerichten ausgefochten, weil die Staatsanleihen damals in Dollar unter amerikanischem Recht begeben worden waren.

"Gewinn von 1608 Prozent"

In den Zeitungsanzeigen wird die Wut der Regierung in Buenos Aires auf die Investoren, vor allem auf den US-Manager Paul Singer deutlich: "Der Fonds zahlte 2008 lediglich 48,7 Millionen Dollar für die Anleihen. Das vorliegende Urteil des Richters Griese spricht dem Fonds nun einen Betrag von 832 Millionen Dollar zu, das heißt einen Gewinn von 1608 Prozent in nur sechs Jahren." Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner bezeichnete die Investoren als "Geierfonds", in der Anzeige wird ihnen vorgeworfen "Millionen von Dollar für Lobby und Propaganda aufgewendet" zu haben, um die Welt zu überzeugen, dass Argentinien seine Schulden nicht zurückzahle.

Zwischenzeitlich hatte sich Kirchner allerdings doch noch zu Verhandlungen bereit erklärt, so wollte Wirtschaftsminister Axel Kicillof am Montag Gespräche in New York führen. Die Anzeigen allerdings klingen wenig versöhnlich: "Wir erwarten eine gerichtliche Entscheidung, die gerechte und ausgewogene Verhandlungsbedingungen schafft, um dieses langwierige, schmerzhafte und von einer kleinen Gruppe von gierigen Spekulanten hervorgerufene Verfahren zu lösen, welches das argentinische Volk beeinträchtigte, beeinträchtigt und beeinträchtigen wird."

Was die Regierung in Buenos Aires mit den Anzeigen genau bezweckt und wen sie damit erreichen will, ist unklar. In der argentinischen Botschaft in Berlin war man über die Kampagne nicht informiert.

Mit Material von Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lachhaft
cdrenk 24.06.2014
Wenn ich mit einer Anlage riskiere alles zu verlieren und dann beim entgegengesetztem Ergebnis der Gewinner bin, ist das nicht unmoralisch oder falsch. Die Argentinier wollen sich einfach nur druecken. Wenn ich naechstens zur Bank gehe und auf Argentinien verweise werde ich wohl ausgelacht.
2. Ächtung
sysiphus-neu 24.06.2014
Das ist der richtige Weg, um endlich mal Ross und Reiter zu benennen. Die gierigen Fonds müssen öffentlich gemacht, ihre skrupellosen Manager müssen in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Wer glaubt, dass er für einen Gewinn von 1600% (!!) die wirtschaftliche Zukunft eines ganzen Volkes gefährden darf, muss als gefährlicher Asozialer der öffentlichen Ächtung anheim fallen. Solche Typen gehören in die geschlossene Therapie - falls pathologische Gier überhaupt heilbar ist.
3. Zum Geier
Mr. Swiss 24.06.2014
Klar kann man Argentinien vorwerfen, die Kredtbedingungen zu erfüllen, welche man einmal vereinbart hatte. Allerdings sind es genau diese Menschen vom Schlage Paul Singer, die den Kapitalismus für ihre Zwecke gnadenlos missbrauchen. Diese Typen müsste man global aus dem Verkehr ziehen. Obwohl ich meiner ansonsten sehr liberalen Haltung, fange ich bei solchen Geschichten an mit dem Kommunismus zu sympathisieren. (Nur leider ist das ja auch keine Lösung)...
4. es wird langsam mal Zeit
artis 24.06.2014
das gegen diese Spekulanten vorgegangen wird, die holen sich auch nur das Geld der Steuerzahler und alle schauen zu.
5. Geier-Fonds
Sibylle1969 24.06.2014
Das erscheint mir falsch übersetzt. Vulture heißt zwar Geier, aber "vulture capitalism" ist eine Redewendung, das heißt auf Deutsch "Raubtierkapitalismus". Man könnte also eher von Raubtier-Fonds sprechen, vielleicht auch von Heuschrecken-Fonds, das ist ja hierzulande ein gebräuchlicher Begriff.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



PDF-Download


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: