Armut in den USA "Vielleicht sollte Obama mal hierher kommen"

In Kalifornien zeigt sich das ganze Ausmaß der US-Schuldenmisere: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Regierung überfordert - mancherorts fehlt der Polizei das Geld, um Diebe zu jagen. Tausende rutschen in die Armut, selbst die Mittelschicht hat Angst vor der Zukunft. Ein Besuch bei den Opfern der Krise.

Aus Stockton berichtet

Janko Tietz

Wie gern würde Tim Viall seinem Präsidenten zustimmen, aber er kann nicht. Man solle sich nicht verrückt machen lassen, sagte Barack Obama vergangene Woche bei der Vorstellung seines 447-Milliarden-Dollar-Job-Programms, "Amerikas beste Tage liegen nicht hinter uns. Amerikas beste Tage kommen noch". Das Zitat stammt von seinem Vor-Vorgänger Ronald Reagan. Mit dem Verweis auf den populären Republikaner versuchte der Präsident seine Bevölkerung auf die Zukunft einzuschwören, aber die Amerikaner verlieren den Glauben.

"Ich lebe seit 19 Jahre in dieser Stadt, und es ist von Jahr zu Jahr schlechter geworden", sagt Viall. "Vielleicht sollte Obama mal hierher kommen."

Mit "hierher" meint er Stockton, eine 300.000-Einwohner-Stadt im Hinterland Kaliforniens. Viall leitet dort die örtliche "Emergency Food Bank", eine Auffangstation für die Ärmsten. Sie erhalten dort kostenlose Lebensmittel, die örtliche Supermärkte gespendet haben. "Vor vier oder fünf Jahren kamen im Schnitt 200 Familien pro Tag zu uns", sagt Viall. "Heute sind es 420. Das macht bis zu 2100 Familien pro Woche." Bei durchschnittlich vier Personen pro Haushalt versorgt die Food Bank damit mehr als 33.000 Menschen im Monat - fast zwölf Prozent der Einwohner von Stockton.

Inzwischen reichen die Spenden nicht mehr aus, die Lagerregale sind oft Mitte des Monats leer, so dass viele Familie nur noch alle vier Wochen kommen dürfen. Ihre staatlichen Lebensmittelmarken, mit denen sie regulär in Supermärkten einkaufen können, sind da längst aufgebraucht.

Schnapsläden, Auto-Höcker, verfallene Motels

Viall ist ein großer Mann, er trägt Schnurrbart, im linken Ohr einen Ohrstecker und um das rechte Handgelenk Plastik-Armbänder, auf denen das Wort "Hunger" eingestanzt ist. Eineinhalb Jahre hat er noch bis zur Rente. Er hat es dann hinter sich. Der große Rest muss durchhalten.

Nirgendwo in den USA manifestiert sich die amerikanische Wirtschaftsmisere mehr als hier im San Joaquin Valley, Kalifornien. Inzwischen leben in den gesamten USA mehr als 46 Millionen Menschen in Armut - das ist fast jeder sechste Amerikaner. Seit 52 Jahren ermittelt die US-Statistik-Behörde die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, es ist die bislang höchste.

In Kalifornien liegt die Arbeitslosenrate mit 11,7 Prozent seit Monaten auf einem Allzeit-Hoch. Es ist die zweithöchste der USA nach Nevada - mehr als zwei Prozentpunkte höher als im US-Schnitt. Das wiegt umso schwerer, als dass Kalifornien mit knapp 40 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Bundesstaat Amerikas ist. Entsprechend viele Menschen sind betroffen.

Stockton hat eine Arbeitslosenquote von knapp 18 Prozent - das ist eine der höchsten im ganzen Land. Die Stadt bietet ein trostloses Bild. Außerhalb des Zentrums reiht sich ein Taco-Shop an den nächsten, Schnapsläden, Auto-Höcker und verfallene Motels zeugen vom traurigen Schicksal der Stadt. Die zehn größten Arbeitgeber sind bis auf eine Ausnahme alles staatliche Institutionen wie Bezirks-, Stadt- oder Gefängnisverwaltungen, Krankenhäuser oder Jugendzentren.

"Nirgendwo in Kalifornien ist die Situation besser"

An diesem Tag im September ist Jeanice Lutz zur Food Bank gekommen. Gemeinsam mit ihrem sechsjährigen Sohn Nathaniel deckt sich Lutz für die kommenden Wochen ein: Toast, Eier, Salat, Mais. "Bis 2008 war ich Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft", erzählt sie. "Seitdem bin ich arbeitslos und finde keinen neuen Job." Die alleinerziehende 34-Jährige hält sich mit Putzjobs über Wasser und muss von 400 Dollar im Monat leben. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich lieber heute als morgen die Stadt verlassen", sagt die schlanke Frau, "aber nirgendwo in Kalifornien ist die Situation besser." In Modesto, Merced oder Fresno, den anderen Städten im San Joaquin Valley, sieht die Lage ähnlich düster aus.

Für Caspar Cazca wurde der Alptraum im vergangenen November Realität. Cazca kam einst aus Mexiko nach Amerika, er versprach sich Wohlstand und ein besseres Leben für seine Kinder. Inzwischen ist er sich nicht mehr sicher, ob das ein Irrglaube war. "Früher wurde man belohnt, wenn man sich angestrengt hat", sagt Cazca. "Diese Garantie gibt es nicht mehr."

Cazca ist das, was man in Amerika die Mittelklasse nennt. Er hat einen Beruf, arbeitet als Teppich- und Parkettverleger bei einem Handwerksbetrieb und stattet fremde Häuser aus. 2005 hatte er so viel Geld zur Seite gelegt, dass er sich ein eigenes Haus kaufen wollte. 315.000 Dollar hat es gekostet, ein schmuckes Ding, zwei Bäder, drei Schlafzimmer, der Rasen grün, die Garage groß genug für zwei Autos. 30.000 Dollar hatte er gespart, 2000 Dollar jeden Monat abbezahlt. Bis irgendwann die Bank kam und sagte, das Haus sei jetzt nur noch 150.000 Dollar wert, und Cazcas Raten auf 2600 Dollar erhöhte.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 379 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
don_geraldo 17.09.2011
1. So kann man es auch sehen ...
Zitat: "In den vergangenen 60 Jahren haben die Politiker vor allem an die Menschen verteilt" sagt Friedman. "In den nächsten Jahrzehnten wird es darum gehen, den Menschen etwas wegzunehmen." Verteilt wurden Steuerprivilegien für die Reichen und jetzt nimmt man den Armen.
nataliadirks@gmail.com, 17.09.2011
2. Ein traurig machender Artikel
und eine Vorausschau wie es in D in einigen Jahren aussehen könnte. Da sind viele Dinge verdammt schief gelaufen: Persönliche Naivität und Größenwahn ( Hauskauf mit Null Eigenkapital, der Glaube an einen immerwährenden Aktienboom, der Glaube an gutbezahlte Jobs auf ewig etc. etc. ) Dazu die US Amerikanische Mentalität alles und jedes auf Pump zu finanzieren. Gehirngewaschen von pausenlosen Werbesendungen und dem Wahn das Konsum allein glücklich machend ist. Niedrige Zinsen und übertriebener Stolz auf gods own country, Unantastbar eben. Tja und wie der Kleine Mann auf der Straße, so haben auch die Reichen und Megareichen auf ihre Art Kasse gemacht mit den jetzt eingetretenen Folgen für die weltweiten Finanzmärkte. Gier im Kleinen und im Großen. Falsche Werte, falsche Ziele, ein gelebtes oberflächliches Dasein zwischen fast food Restaurants, 4 Ltr. Autos, Nikeschuhen und Militarismus. Ich bin mir ziemlich sicher das es hier kein Gutes Ende geben wird. Die Situation wird sich in Zukunft noch verschärfen und mehr und mehr Menschen werden auf der Strecke bleiben. Für uns Deutsche/Europäer sollte das ein ganz starkes Warnsignal sein!
will-shakespeare 17.09.2011
3. Ein Hoch auf die freie Marktwirtschaft!
Der Kapitalismus ruiniert sein eigenes Mutterland, die Armen geben sich selbst die Schuld und die neue Tea Party Bewegung warnt vor einem "überbordenden Sozialstaat". Amerikas Maske fällt. Don Henley von den Eagles, der mit "Hotel California" schon in den 70ern die Verlogenheit des amerikanischen Traums entlarvt hat, hat das in beeindruckender Weise in dem Song - Epos "Long Road out of Eden" (2007) dargestellt. Der Song wird von den amerikanischenrn Sendern quasi boykottiert. This is America, the "Land of the free". Thanks for all that, Mister Reagan, Mr Bush, Mr "Conan" Schwarzenegger, Mr Obama etc etc
Freifrau von Hase 17.09.2011
4. Globalisierung
"In den vergangenen 60 Jahren haben die Politiker vor allem an die Menschen verteilt" sagt Friedman. "In den nächsten Jahrzehnten wird es darum gehen, den Menschen etwas wegzunehmen." Tja, willkommen in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Allen westlichen Statten geht es so. Na gut....fast allen. Man muss die Globalisierung nicht verteufeln, es bringt ja eh nichts. Aber: Globalisierung bedeutet eben nicht nur in ein paar Stunden nach Japan oder Australien zu fliegen sondern eben auch und vor allem die Umverteilung des westlichen Wohlstands in bisherige Entwicklungs-/Schwellenländer. In 500 Jahren werden Schüler in Geschichte vielleicht lernen, dass das eine gute und gerechte Zeit war, in der der Wohlstand sich global verteilt hat. Nützt uns natürlich heute nix......
Vladimir Iljic 17.09.2011
5. Kann jemand den Amis erklären
Das G.W. Bush für die Miesere schuld ist und nicht Obama? OK, Obama hat sich auch nicht als "Leuchte" rausgestellt, aber er hat die Krise geerbt und man kann in nicht für die Nachwirkungen dieser verantwortlich machen, höchsten, dass er noch nicht die richtigen Schritte unternommen hat; OK, er hat viel Gegenwind, aber Bush hat es auch und er hat eine Kriege durchgesetzt - das könnte Obama auch - wenn es wirklich wollte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.