Alarmierende Statistik Armutsrisiko steigt auf höchsten Stand seit Wiedervereinigung

Die Armutsrisikoquote ist 2015 nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auf 15,7 Prozent gestiegen - der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. Außer Familien und Alleinerziehenden ist eine weitere Personengruppe besonders betroffen.

Tafel in Trier
DPA

Tafel in Trier

Von und (Grafiken)


Kein Zweifel, die Wirtschaftslage in Deutschland ist gut - doch ein großer Teil der Bevölkerung profitiert davon nicht. Und dieser Anteil ist zuletzt sogar wieder gewachsen: 15,7 Prozent der Menschen in Deutschland waren 2015 von monetärer Armut bedroht, 0,3 Prozentpunkte mehr als 2014 und so viel wie nie seit der Wiedervereinigung. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Offiziell veröffentlichen die amtlichen Statistiker die Armutsquote erst am kommenden Donnerstag.

Der Begriff Armutsquote ist verkürzt, eigentlich handelt es sich um die Armutsgefährdungsquote. Sie gibt an, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland verfügen - dieses liegt deutlich niedriger als das Durchschnittseinkommen. Zur Einordnung: Im Jahr 2014 lag die Einkommensschwelle für einen Single-Haushalt netto bei 917 Euro, für eine vierköpfige Familie mit zwei kleinen Kindern netto bei 1926 Euro.

Der neuerliche Anstieg dieses monetären Armutsrisikos ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich zuletzt eine Trendwende abgezeichnet hatte: 2014 war die Quote leicht gefallen, nachdem sie seit 2006 fast stetig gewachsen war (siehe Grafik).

"Die Daten zeigen, dass es beim Thema Armut keine Entwarnung gibt. Der Aufschwung kommt offensichtlich nicht bei allen an", sagt Eric Seils vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Zwar ist die Armutsquote zu Recht umstritten - Kritiker führen an, dass sie nicht Armut messe, sondern Ungleichheit. Schließlich gälte, so ein gängiges Argument, in einem Land voller Porsche-Fahrer sogar ein BMW-Besitzer als arm. Außerdem reicht ein einziges Kriterium - das Einkommen - nicht aus, um ein komplexes Phänomen wie Armut zu definieren, wie eine Spurensuche unter Betroffenen in Deutschland zeigt.

Doch wahr ist ebenso: Wenn relative - also vergleichsweise - Armut gemessen wird, gibt es selbstverständlich einen engen Zusammenhang mit Ungleichheit. Und auch wenn Armut weitere Lebensbereiche wie Gesundheit, Wohnung oder Sozialleben betrifft, bleibt das Einkommen ein wichtiger Indikator.

So hilft die Statistik auch, besonders von Armut gefährdete Bevölkerungsgruppen zu erkennen. Sehr hoch ist das Risiko - außer für Empfänger von Arbeitslosengeld und Erwerbslose - für Menschen ohne Schulabschluss, aber auch Single-Haushalte sind überdurchschnittlich gefährdet. (Siehe Grafik. Die Zahlen für Alleinerziehende - eine weitere stark von Armut bedrohte Gruppe - liegen noch nicht vor.)

Sozialverbände zeigen sich alarmiert. "Der Anstieg ist auch ein Zeichen politischen Versagens. Die Bundesregierung muss einsehen, dass Armutsbekämpfung nicht zum Nulltarif und nicht ohne Umverteilung zu haben ist", sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtverbands.

Besonders eindrücklich wird der Handlungsbedarf bei bestimmten Bevölkerungsgruppen, wenn man die Entwicklung des Armutsrisikos in den vergangenen Jahren betrachtet: Während unter den Berufstätigen der Anteil der Gefährdeten seit Jahren konstant bei etwas mehr als sechs Prozent liegt, ist er bei Erwerbslosen von weniger als 54 Prozent im Jahr 2009 auf zuletzt 59 Prozent gestiegen. Auch das Armutsrisiko unter Menschen ohne Schulabschluss hat sich in diesem Zeitraum von rund 40 Prozent auf mehr als 46 Prozent erhöht.

Ebenfalls gestiegen - wenn auch weniger stark - ist das Armutsrisiko für Familien. Waren 2009 noch 14,5 Prozent armutsgefährdet, sind es inzwischen 15,3 Prozent der Personen, die in Familien leben. (Siehe Grafik. Klicken Sie auf die Legende, um die Daten zu einzelnen Bevölkerungsgruppen ein- oder auszublenden.) Betrachtet man ausschließlich Familien mit minderjährigen Kindern, ist der Anteil noch wesentlich höher. Aktuelle Daten für das Jahr 2015 liegen SPIEGEL ONLINE aber noch nicht vor.

Eine Anmerkung zur Armutsgefährdungsquote: Sie bezieht sich nicht nur auf Menschen, die bereits in Armut leben - laut Definition also weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens haben -, sondern zudem auch auf die, die von Armut bedroht sind. Für letztere gilt eine Grenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens.

Die Armutsforschung hat noch weitere Messmethoden für Armut entwickelt. In unserem Rechner können Sie mit verschiedenen Methoden berechnen, ob Sie als arm gelten - die Einkommensquote ist nur eine davon.

insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
penie 16.09.2016
1. Natürlich geht es nicht um Risiko, sondern um Armut
"eigentlich handelt es sich um die Armutsgefährdungsquote" ist völliger Unfug, da 60% ein Schwellwert für Armut sein soll. "Gefährdet" ist jeder. Wer bei 61% des Medianeinkommens liegt evtl. ein wenig mehr als jemand, der bei 150% liegt. Außerdem wurde schon x mal darauf hingewiesen, dass die so definierte Armutsquote steigt, wenn es Gehaltserhöhungen gibt, da die Gehaltsbezieher in der "armen" Bevölkerung unterrepräsentiert sind. Dies einem Journalisten klar zu machen, ist aber wohl nicht möglich.
Der Resignierte 16.09.2016
2. lol
und wieder eine schöne statistik. es werden alle möglichen personengruppen aufgeführt, selbst Personen in Familien (wer sind diese eigentlich, Kinder vielleicht und man will sie so nur nicht nennen). warum werden aber z.B. keine beamten aufgeführt, keine selbstständigen oder freiberufler oder keine kapitaleigner ? weil das dann vielleicht zeigen könnte, wie ungleich deutschland inzwischen geworden ist, weil diese dann unter 1% in den grafiken auftauchen könnte ?????? diese statisken sind echt gut, ein schelm wer böses dabei denkt
scxy 16.09.2016
3. Spannend wäre auch
eine Überprüfung der Armutsgefahr für Unterhaltszahler. Sie häufig nicht in Familien, gehören aber dennoch zu den Familien, deren anderer Teil gern in der Rubrik "Alleinerziehende" geführt wird. Dabei ist die rechtliche Situation seit Jahren (endlich auch in Deutschland) keineswegs mehr so, dass Elternteile, die von ihrer restlichen Familien getrennt leben, das andere Elternteil als "Alleinerziehend" zurücklassen. Sorgeberechtigt und -verpflichtet sind nämlich im Regelfall immernoch beide Elternteile, was dem Begriff "Alleinerziehend" seine Trennschärfe nimmt. Wie dem auch sei, im Regelfall dürften unterhaltspflichtige Elternteile einen signifikanten Anteil der Armutsgefährdeten Personen ausmachen. Ihr Nettoeinkommen praktisch keine Aussagekraft über das verfügbaren Einkommen, was aber der Maßstab sein sollte.
Rooo 16.09.2016
4. Mit Abitur/Fachhochschulreife stärker von Armut gefährdet als mit...
Was ich viel interessanter an den Zahlen finde: Mit Abitur/Fachhochschulreife ist man stärker von Armut gefährdet als mit einem Realschulabschluss. Es wird zwar sicher eine Rolle spielen, dass man als angehender Akademiker erst mal viele Jahre wenig bis nichts verdient, bevor man den Abschluss hat, aber dennoch zeigt das wohl auch die zunehmende Entwertung von Bildungsabschlüssen (und zwar nicht primär, wie immer behauptet, durch die schlechte Qualität, sondern einfach durch die zunehmende Zahl von Abschlüssen).
dissidenz 16.09.2016
5. Unglaubliche Statistik
Wer arbeitslos ist und/oder keinen Schulabschluss hat, ist öfter armutsgefährdet. Das ist ein Ding. Was hat denn SPON erwartet?! Das die berufstätigen und gut gebildeten stärker von Armut betroffen sind?? Ich befürchtet fast ja...
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