Statistik für Deutschland und Europa Die Vermessung der Armut

Kein Geld für Kleidung und eine vollwertige Mahlzeit? Neue Daten zeichnen ein detailliertes Bild der Armut in Deutschland und Europa. Sie belegen, dass auch hierzulande Menschen mit wenig Einkommen Not leiden.

Armenspeisung in Berlin-Pankow
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Armenspeisung in Berlin-Pankow

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Arm sein in Europa - was heißt das überhaupt? Muss jemand, der in Deutschland als arm gilt, tatsächlich ein Leben in Entbehrung führen? Oder geht es ihm sogar besser als jemandem, der zum Beispiel in Rumänien nicht als arm gilt? Und kommt umgekehrt ein als arm geltender Schweizer im Alltag besser über die Runden als ein nicht-armer Deutscher?

Die amtlichen EU-Statistiker haben die neuesten Armutsdaten vorgelegt - und zwar eine gewaltige Menge. Das ist von hohem Wert: Denn Armut ist ein komplexes Phänomen, das nicht auf eine einzige Kennzahl reduziert werden kann, wie es (zu) häufig geschieht. Die Rede ist von der Armutsrisikoquote, die Armut allein am Einkommen misst: Für sie gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat - und zwar im jeweiligen Land.

Selbstverständlich weisen die EU-Daten auch diese Einkommensarmut aus - aber darüber hinaus wurden Zehntausende Bürger in allen Ländern zu zahlreichen konkreten Lebensumständen befragt: Können Sie sich ein Auto leisten? Ihre Wohnung ausreichend heizen? In den Urlaub fahren? Abgetragene Kleidung ersetzen? Mit Freunden ausgehen? Zumindest jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit essen? Das sind nur einige von vielen Fragen.

Aus dieser Fülle einzelner Daten ergibt sich ein genaueres Bild der relativen Armut und des absoluten Mangels in einzelnen Staaten - und im Vergleich der Länder untereinander. Zudem ist es möglich, Trends zu beobachten, weil die EU die Armutsdaten bereits seit 2005 erhebt. (Die Datenbank der EU-Statistikbehörde finden Sie hier - die Armutsdaten unter dem Thema "Bevölkerung und soziale Bedingungen".)

Bereits eine erste kurze Auswertung ergibt einige aufschlussreiche Befunde:

1. Niedriges Einkommen bedeutet oft realen Mangel - auch in Deutschland

Diesen Zusammenhang haben Eric Seils und Jutta Höhne vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung näher untersucht. Sie werteten aus, wie häufig Menschen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle im Alltag realen Mangel erleben. Diese Schwelle liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens - in Deutschland bei einem Single aktuell bei 1064 Euro im Monat.

Aufschlussreich ist vor allem der Vergleich mit dem Teil der Bevölkerung, der über dieser Schwelle liegt, also als nicht einkommensarm gilt:

Die Daten belegen, dass die gängige Armutsrisikoquote, die allein das Einkommen als Kriterium enthält, durchaus ihre Berechtigung hat: In dieser Gruppe der relativ Armen können sich weit mehr Menschen kein Auto und neue Kleidung leisten als im Rest der Bevölkerung - oder regelmäßig vollwertige Mahlzeiten. Sie leben auch häufiger in feuchten und daher schimmelanfälligen Wohnungen, unter anderem deshalb, weil sie nicht ausreichend heizen können - auch wenn die Unterschiede zu den nicht Einkommensarmen hier weniger ausgeprägt sind.

Die WSI-Forscher kommen insgesamt zu einem eindeutigen Ergebnis: "Relative Einkommensarmut ist mit realem Mangel verbunden, der sich im Alltag bemerkbar macht und es den Betroffenen erschwert, am Leben im gesellschaftlichen Mainstream teilzunehmen." (Die ausführliche WSI-Auswertung mit weiteren Beispielen finden Sie hier.)

Erklärt: Wie sich Armut messen lässt

Im europäischen Vergleich bestätigt sich zwar manchmal eine Vermutung: In einigen Bereichen leiden Einkommensarme in Deutschland sogar weniger oft Mangel als Nicht-Einkommensarme in anderen Ländern. So können etwa 17,8 Prozent der Portugiesen, die mehr als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben, dennoch ihre Wohnung nicht ausreichend heizen - in Deutschland sind es bei denen unterhalb der Armutsschwelle 12,8 Prozent.

Aber das ist beileibe kein durchgehender Befund, und es gibt auch Beispiele für das Gegenteil: 36 Prozent der Einkommensarmen in Deutschland können es sich zum Beispiel nicht leisten, auch nur einmal im Monat mit Freunden essen oder etwas trinken zu gehen - nur in Ungarn, Rumänien und Bulgarien ist dieser Anteil höher. Selbst Einkommensarme in Griechenland können sich das öfter leisten. Die These, Einkommensarmut in Deutschland fühle sich immer noch relativ komfortabel an, wird durch die Daten klar widerlegt.

2. Realen Mangel gibt es auch bei höheren Einkommen - insgesamt geht er zurück

Deutlich wird aber auch der blinde Fleck der Armutsrisikoquote: Mangel erleben nämlich auch Menschen mit einem Einkommen oberhalb der 60-Prozent-Schwelle. Rund jeder Zehnte kann abgewohnte Möbel nicht ersetzen oder lebt in einer feuchten Wohnung, selbst beim Essen erleben vier Prozent der Nicht-Einkommensarmen Mangel.

Insgesamt scheint Armut im Sinne absoluten materiellen Mangels in Deutschland aber leicht zurückzugehen. Darauf deutet die Entwicklung bei der Kennziffer der "erheblichen materiellen Entbehrung" hin - für deren Definition haben die EU-Statistiker aus den vielen erhobenen Mangelkriterien neun ausgewählt. Treffen mindestens vier dieser neun Kriterien auf einen Menschen dazu, leider er statistisch unter "erheblicher materieller Entbehrung". Sie ist also ein Maß drastischer materieller Not. (Die konkreten Kriterien finden Sie hier auf den Seiten des Statistischen Bundesamts.) Allerdings kann hier trotz der vielen befragten Haushalte auch die statistische Fehlertoleranz eine Rolle spielen - zumindest was das Ausmaß des Rückgangs betrifft. Schließlich bewegen sich die Veränderungen jeweils im Bereich von Zehntelprozentpunkten.

3. Europa: Wohlstandsoasen und Armenhäuser

Betrachtet man die relative Armut - also den Anteil der Menschen mit im jeweiligen Land niedrigen Einkommen -, sind die Unterschiede innerhalb Europas ausgeprägt.

Noch weitaus eklatanter fallen die Unterschiede allerdings aus, wenn man die absolute, drastische Armut betrachtet - also den Anteil derer, die die Definition der "erheblichen materiellen Entbehrung" erfüllen. In Bulgarien leidet nahezu jeder Dritte, in Rumänien und Griechenland annähernd jeder Vierte bitteren Mangel. Auch in Italien oder Portugal gibt es überdurchschnittlich viele Betroffene.

Warschau: In Polen ist die Armut auf westeuropäisches Niveau gesunken
AP

Warschau: In Polen ist die Armut auf westeuropäisches Niveau gesunken

Im wirtschaftlich starken Westen und Norden Europas hingegen ist dieser Anteil deutlich geringer - auffallend ist jedoch, dass es Ländern wie Schweden oder den Niederlanden deutlich besser gelingt, ihre Bürger vor drastischer Mangelarmut zu schützen als etwa Belgien oder Großbritannien. Und trotz des positiven Trends sind darin immer noch acht europäische Länder besser als Deutschland.

Übrigens zeigt sich auch im europäischen Vergleich: Wo es viele Einkommensarme gibt - also die Ungleichheit bei den Einkommen relativ hoch ist -, gibt es meist auch mehr absolute materielle Not. Allerdings gilt das nicht immer: So gibt es etwa in der Slowakei relativ wenig Einkommensarme, aber relativ viel absolute Armut.

Ganz allgemein zeigen die Daten der EU-Statistik zudem, wie unterschiedlich der Lebensstandard in Europa noch ist. Die WSI-Forscher nennen hierfür ein Beispiel: In Rumänien haben 32,6 Prozent der Bevölkerung kein WC in der Wohnung - selbst bei den Einkommensarmen in Deutschland trifft das nur auf jeden Tausendsten zu.

Dorf in Rumänien 2006 - im Jahr vor dem EU-Beitritt
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Dorf in Rumänien 2006 - im Jahr vor dem EU-Beitritt

4. Entwicklungen: Fluch und Segen der EU-Mitgliedschaft

So erschreckend der hohe Anteil derer ist, die in Bulgarien oder Rumänien noch heute harschen Mangel erleben: Die Entwicklung in diesen Ländern ist seit 2007, dem Jahr ihres EU-Beitritts, sehr positiv, die Fortschritte in der Armutsbekämpfung enorm. Die Zahlen deuten darauf hin, dass dort die Mitgliedschaft in der EU den Alltag der breiten Bevölkerungsschichten verbessert hat.

Polen, wo 2007 noch mehr als 22 Prozent der Bevölkerung in absoluter Armut lebten, hat mit einem Anteil von unter sieben Prozent mittlerweile das Niveau Westeuropas erreicht.

Im Gegensatz dazu hat sich die Lage in den Krisenstaaten der Eurozone teils drastisch verschärft. Besonders deutlich wird das in Griechenland, wo sich der Anteil der absolut Armen seit 2007 auf jetzt 22,4 Prozent nahezu verdoppelt hat. Nebenbei zeigt das Beispiel Griechenland, wie tückisch es sein kann, die Einkommensarmut als einziges Kriterium zu nutzen: Der Anteil der (relativ) Einkommensarmen ist in Griechenland seit 2007 konstant - obwohl die Not so drastisch gestiegen ist.

Rentner in Athen beim Verkauf von Taschentüchern: Folge der Schuldenkrise
AFP

Rentner in Athen beim Verkauf von Taschentüchern: Folge der Schuldenkrise

Doch auch in Spanien oder Italien ist für die Krisenjahre ein deutlicher Anstieg der absoluten Armut erkennbar, inzwischen geht die Quote dort infolge des Aufschwungs aber wieder zurück. (Sie können die Daten für einzelne Länder durch Klick auf die Legende in der Grafik ein- oder ausblenden.)

insgesamt 177 Beiträge
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Kurt-C. Hose 08.11.2017
1. Blickwinkel
Immer auch eine Frage, ob es realistisch ist, dass niemand in der Bevölkerung "arm" ist oder Mangel leidet. Im Weltmaßstab sind wir mit 83,5 % der Bevölkerung, die NICHT arm sind, und 96,5% der Menschen, die keinen ernsthaften Mangel leiden, ein glückliches Land in einer glücklichen Zeit.
Pfaffenwinkel 08.11.2017
2. Was wirkliche Armut bedeutet,
weiß ich aus meinen Kinderjahren (ich bin Jahrgang 1941). Heute misst man Armut allerdings mit anderen Maßstäben, jedenfalls in Deutschland. Armut ist also relativ.
ofelas 08.11.2017
3. 2030
Jeder 2 Rentner wird weniger als 800 im Monat haben, ceteris paribus Hartz4 (3 Mn), Arbeitslose (3Mn) und dann 13Mn Armutsrentner macht 19Mn! Die Aufstocker oder zusätzlichen Millionen Arbeitslose durch die Automatisierung (20-35% der abhängig Beschäftigten) garnicht mitgerechnet. Wer spricht diese Entwicklung bei uns an, was sind die Strategien der Politik?
akkronym 08.11.2017
4. Es darf nicht vergessen werden,
dass diese Armut zum Teil mutwillig durch die Politik herbei geführt wurde (Agenda 2010) und seither von dieser und den neoliberalen Kräften mit Zähnen und Klauen verteidigt wird. Ein großer Teil dieser Armut ist Programm und politisch gewollt.
Nordstadtbewohner 08.11.2017
5. Der Armutsbegriff ist relativ
Wenn ich mir die Zahlen im Artikel so anschaue, so stelle ich fest, dass es den Menschen in Deutschland sehr gut geht. Was mir missfällt, ist die Armutsdefinition von unterhalb 60% des Durchschnittseinkommen an sich. Da das Durchschnittseinkommen in Deutschland sehr hoch ist, geht es mit Menschen mit zB. 50% des Durchschnittseinkommens im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut. Von daher verstehe ich das Wehklagen zwischen den Zeilen nicht. Arm ist für mich jemand, der keine Bleibe für die Nacht hat und Hunger leiden muss. Davon sind inzwischen selbst die ärmsten EU-Staaten entfernt. Wer mehr vom Leben will, der sollte sich bezahlte Arbeit suchen. Die ist noch immer das beste Mittel gegen Armut.
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