Was heisst schon arm?

Armut wird am Einkommen gemessen, doch das wird dem komplexen Phänomen nicht gerecht. Die Forschung hat längst bessere Konzepte entwickelt. Bestehen sie den Praxistest? Eine Spurensuche in Deutschland.

Von Florian Diekmann und Britta Kollenbroich

"Was habts n heut zum Essen da?", ruft Manfred Huber* der Frau an der Kasse zu. "Des, was' immer gibt!", ruft die Frau zurück. Huber schaut irritiert. Woher soll er jetzt wissen, was es immer gibt? Wo er doch zum letzten Mal vor Jahren hier war, im Seehaus, dem vielleicht schönsten Biergarten von München. Aber wie soll die Kassiererin auch ahnen, dass dieser adrette Rentner mit der Lederjacke sich das Seehaus schon lange nicht mehr leisten kann.

Sowieso eine blöde Frage, stellt Huber ein paar Minuten später fest, als Bier, Obatzda und Brezn vor ihm stehen - was anderes hat er eh nicht gewollt. Hier am Ufer des Kleinhesseloher Sees im Englischen Garten sitzt er. Wie früher. An seinem Lieblingsort.

Dass er friert, ist Huber wurscht. Hier, mit Brotzeit und Bier, hat er das Gefühl, wieder dazuzugehören zu München. Seiner Stadt, in der gut lebt, wer Geld hat. Das hat Huber nicht. "Was mich so zermürbt: dass ich mir seit 20 Jahren nie auch nur ein bisschen was gönnen kann." So lange lebt der 72-Jährige bereits von Sozialhilfe. Ein paarmal im Jahr in den Biergarten und neue Kleidung, wenn er sie braucht. Das würde ihm schon reichen, sagt er und nimmt einen Schluck. "Wenn du als armer Mensch in einer so reichen Stadt wie München wohnst, ist es doppelt schlimm. Als Kind war ich auch arm, aber da waren es alle anderen auch."

"Das verarbeitet man nicht"

Verstohlen zeigt er seine Schuhsohlen, sie sind durchgelaufen. "Wenns regnet, suppt es durch." Seine Lederjacke hat er vor 40 Jahren gekauft, das Innenfutter ist zerfleddert, das Leder hält er sorgsam in Schuss. Darunter trägt er sein einziges Hemd ohne Scheuerstellen. Das Schlimmste wäre, wenn man ihm die Armut ansähe. "Wenn es so weit ist, bring ich mich um, dachte ich früher."

Eigentlich sind Biergärten Orte, an denen sich arme und reiche Münchner mischen, in denen der Bankdirektor neben dem Hilfsarbeiter sitzt. Traditionell darf jeder seine Brotzeit mitbringen, nur das Bier muss man kaufen, das spart Geld. "Aber was nützt mir das, wenn die Halbe vier Euro oder mehr kostet", sagt Huber. So viel kann ein Hartz-IV-Empfänger rechnerisch pro Tag für Ernährung und alkoholfreie Getränke ausgeben.

Wenn es um Hartz IV geht, wird der freundliche Huber zornig. Er hat Fotos mitgebracht von seiner maroden Schrankwand, Baujahr 1972, vom zerschlissenen Sofa. "11 Euro im Monat für Möbel, 1,23 Euro für einen Kühlschrank. Wie soll des gehen?" Das Misstrauen der Behörde nagt an ihm. Die Politiker, die Hartz IV beschlossen haben, er nennt sie "Verbrecher". Leben könne man davon nicht, nur vegetieren. Dass das Geld ausdrücklich auch Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen soll? Er lacht bitter. Den vergangenen Jahrhundertsommer habe er auf dem Balkon verbracht, das Freibad koste zu viel.

Dass das Leben in München so teuer ist, liegt am sagenhaften Aufstieg der Stadt. Inzwischen sitzen dort Spitzen-Unis, Hightech-Cluster, fünf Dax-Konzerne.

Lange ist Huber mit aufgestiegen. Vor 44 Jahren kommt er zum Studium nach München, wird Diplom-Elektroingenieur, geht zu Siemens. 1979 macht er sich als EDV-Unternehmer selbstständig, Systemintegration, eine lukrative Zukunftsbranche. Zieht in ein großes Haus, liebt seine Arbeit, sein Motorrad, seinen Biergarten. Sein Bekanntenkreis ist groß. Fürs Alter hat er eine Lebensversicherung, dazu das Elternhaus mit großem Grund am begehrten Chiemsee.

Dann, Anfang der Neunzigerjahre, der Absturz. Ein Hauptkunde zahlt nicht mehr. Huber weiß sich im Recht, bekommt es aber nicht. Er kämpft jahrelang um das ausstehende Geld, eine Umschuldung, Startkapital für sein neues Geschäftskonzept. Verzweifelt. Vergeblich. 1997 muss er kapitulieren, da ist er schon zwei Jahre erwerbsunfähig und lebt von Sozialhilfe. Das Elternhaus - zwangsversteigert. Die Lebensversicherung - gepfändet. Sein Vermieter lässt zwangsräumen. Manfred Huber ist ruiniert.

"Das verarbeitet man nicht." Pause. "Aber dann hab ich mir gedacht: Jetzt hast du wenigstens Zeit für deine Mutter." Er holt die kranke Mutter nach München, besucht sie täglich im Pflegeheim, 15 Jahre lang. Für die Beerdigung 2012 braucht er neue Schuhe, er spart sie sich vom Mund ab. Bekannte hat er kaum noch - immer neue Ausreden hat er sich einfallen lassen, wenn sie ihn gefragt haben, ob er mitkomme in den Biergarten. Bis sie nicht mehr gefragt haben. Dass er es sich nicht leisten kann, konnte er nicht zugeben. Geblieben ist ihm ein einziger Vertrauter.

Heute ist er eingeladen worden. Im Biergarten gehört er für einen Tag wieder dazu. Zwei Euro hat er selbst gespart, die für Lebensmittel geplant waren. Beim Aufbruch kramt er ein Zwei-Euro-Stück aus der Tasche und legt es der Klofrau auf den Teller. Sie bedankt sich herzlich. Huber lächelt.

Eine Frage der Definition

Nach der gebräuchlichsten Statistik lebt jemand an der Grenze zur Armut, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Derzeit sind das 15,4 Prozent der Deutschen. Für Alleinstehende liegt die Armutsgrenze damit bei 917 Euro im Monat, für Familien mit zwei Kindern bei 1926 Euro.

Doch reicht diese Definition aus, um Armut zu definieren?

Ein Gedankenexperiment: Angenommen, Manfred Huber hätte keinen geschäftlichen Ruin erlebt, sondern seine Firma erfolgreich weitergeführt und kürzlich verkauft. Mit 65 hätte er seine Lebensversicherung ausbezahlt bekommen. Das Elternhaus am Chiemsee besäße er noch. Wahrscheinlich lebte er in einer Wohnung in München und träfe sich mit Freunden im Biergarten, wann er es wollte.

Selbst wenn Hubers Leben so verlaufen wäre, gälte er als arm. Denn seine Rente läge nach 20 Beitragsjahren unter der 60-Prozent-Grenze.

Ein einziges Kriterium - Einkommen - reicht nicht aus, um Armut zu definieren. Es identifiziert viele als arm, die wohl keine Armut verspüren - und ist gleichzeitig blind für viele, deren Leben trotz eines Einkommens über der Armutsgrenze von Entbehrungen geprägt ist. Die kann ein Mensch in vielen Bereichen erfahren: Ist er krank? Ist er arbeitslos? Ist die Wohnung zu klein oder marode? Ist er einsam?

Die Wissenschaft versucht, dem komplexen Phänomen Armut gerecht zu werden, indem sie diese und weitere Dimensionen erfasst. Auch für die Verhältnisse in Deutschland gibt es verschiedene Konzepte für mehrdimensionale Armutsindizes.

Über die einzelnen Indikatoren dieser Indizes kann - und muss - gerungen werden, das zeigen uns zwei weitere Fälle.

Und dann kam Benjamin

Es gibt ein kleines Spiel, das Familie Ehlers gern mit Gästen spielt. "Was siehst du auf dem Bild?", fragt Marlene. Die Sechsjährige hüpft auf das Sofa und deutet auf die weiße Leinwand an der Wand. Die meisten sagen: "Nichts" - und sind reingefallen. "Das stimmt nicht, du musst genauer hingucken", sagt Marlene, klettert auf die Lehne, zeigt auf die Mitte des Bildes. Tatsächlich, dort sind kleine rote Punkte.

Familie Ehlers, das sind die Kinder Jakob, Maria, Marlene und Benjamin mit ihren Eltern Elena und Stefan. Und wie in dem Spiel, ist auch bei den Ehlers nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Sie leben in ihrem weißen Bungalow bei Göttingen. Im Garten hoppeln Kaninchen, auf der Terrasse steht ein Holzpferd, ein Bienenstock summt. Die Eltern arbeiten als Krankenpfleger, die drei größeren Kinder gehen in Kindergarten, Grundschule und aufs Gymnasium. "Wir haben uns einen bescheidenen Wohlstand aufgebaut", sagt Elena Ehlers.

In das Leben dieser klassischen Mittelstandsfamilie passen eigentlich keine Existenzängste. Doch genau solche plagen die Eltern.

Kurz vor Benjamins erstem Geburtstag stand fest: Elena Ehlers würde nach dem Jahr Babypause nicht sofort wieder mit Nachtschichten anfangen. Der Kleine brauchte sie nachts zu sehr, die Belastung für die Familie wäre zu hoch gewesen. Doch nur ein Gehalt würde nicht ausreichen.

Wenn es darum geht, ihr Leben mit wenig Geld zu meistern, sind die Ehlers immer einfallsreich gewesen. Stefan Ehlers fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, insgesamt 24 Kilometer. Die meisten Möbel sind "gerettet", gefunden in Kleinanzeigen oder auf Flohmärkten, viele Klamotten secondhand. Das Haus hat er weitestgehend in Eigenleistung renoviert. In den Urlaub gehts zu Freunden oder zum Zelten, sie sammeln Äpfel, verarbeiten sie zu Saft.

Nun sucht die Familie eine Lösung für ihr temporäres Einkommensproblem. Elena Ehlers ruft beim Jobcenter an, beim Sozialamt, beim Bundesministerium für Arbeit. Es fällt ihr nicht schwer, um Hilfe zu bitten. "Aber es hat mich sehr getroffen, wie ich teilweise behandelt wurde." Sie hat das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen für ihren Lebensentwurf. Am Ende ist das Ergebnis immer gleich: Für staatliche Hilfen kommt die Familie nicht infrage, sein Einkommen ist zu hoch und liegt auch über der Armutsgrenze. "Wir sind in eine Systemlücke gefallen", sagt Elena Ehlers.

Ihre Situation fühlt sich ausweglos an. Die Kreditraten für das Haus sind hoch, sie haben es gekauft, als sie zwei Kinder hatten - mit entsprechend geringeren Ausgaben. Also das Haus verkaufen und eine bezahlbare Wohnung im Großraum Göttingen finden? Aussichtslos. Nur mit engen Freunden sprechen sie über ihre Sorgen. "Es ist ein gesellschaftliches Tabu. Man möchte einfach nicht als arm dastehen", sagt Elena Ehlers. Kurzfristige, flexible Hilfe finden sie erst über den Verband kinderreicher Familien, auf den Elena Ehlers im Internet stößt. Sie wird an eine Stiftung vermittelt, die der Familie ein halbes Jahr mehrere Hundert Euro im Monat überweist.

Was darf man verlangen? Was steht einem zu? Diese Fragen stellt sich das Paar immer wieder. Für sich selbst wollen sie nicht viel. "Es wäre schön, wenn das Glück, das wir durch unsere Kinder empfinden, nicht von Geldsorgen überschattet würde", sagt Elena Ehlers. Sie wollen alle Kinder gleich behandeln, aber: Für die beiden Älteren gab es Sparverträge und Sommerurlaube. Das ist für Marlene und Benjamin nicht mehr drin. Mit jedem Kind sei ihr Pro-Kopf-Einkommen merklich geschrumpft, sagt Elena Ehlers. Es habe einen Grund, warum es nicht mehr kinderreiche Familien gibt. "Ein Kind sollte nicht sein wie ein Mercedes vor der Tür, wo man sich vor dem Kauf fragt: Kann ich mir das leisten?"

Die größten Sorgen macht den Eltern die Perspektive der Kinder. In der Bundesrepublik gibt es kaum noch soziale Mobilität: Man bleibt zumeist in der sozialen Schicht, in die man geboren wurde. Bildungschancen sind in Deutschland stark vom Einkommen der Eltern abhängig. In der Schule würde Elena Ehlers nie um Unterstützung für die Kosten von Schulbüchern und Klassenfahrten bitten, selbst wenn sie berechtigt wäre. "Weil ich Angst hätte, dass das im Hinterkopf der Lehrer bliebe."

Fühlen sich die Ehlers arm? Bei dieser Frage schüttelt die 38-Jährige vehement ihre Locken. "Das wäre nicht fair all denen gegenüber, die wirklich arm sind." An die denkt Elena Ehlers oft. "Wir waren armutsgefährdet, aber haben Glück gehabt - aber was machen all die, die nicht so viel Kraft haben?"

"Ich bin doch nicht arm!"

Wenn Monika Kramer morgens Kaffee kocht, fällt ihr Blick unweigerlich auf einen Zettel an der Küchenwand. "Selbstgenügsamkeit ist voll okay", hat sie mit Kugelschreiber darauf geschrieben. Das Papier ist vergilbt, die Ränder drehen sich ein. Er ist für jene Tage gedacht, an denen Kramer mit ihrer Überzeugung hadert: dass Reichtum und Armut nicht mit Geld zu messen sind.

Die 51-Jährige lebt seit drei Jahren als Aufstockerin von Hartz IV. Zunächst hatte sie etwas mehr Geld zur Verfügung als den Regelsatz, weil sie ein wenig von ihrem Teilzeitgehalt als Rezeptionistin behalten durfte. Ihr Einkommen lag dennoch unter der Schwelle, ab der auch offiziell von Armut gesprochen wird. Seit Januar 2015 bezieht sie Krankengeld und muss mit dem Regelsatz auskommen.

"Nein. Ich bin nicht arm!", sagt Monika Kramer. "Ich habe eine Wohnung, ärztliche Versorgung, sauberes Wasser. Das haben so viele Menschen auf dieser Welt nicht. Im globalen Vergleich bin ich reich." Aber sie lebt nun mal in Aachen und sieht, was andere sich dort leisten können, merkt, wie Menschen nach ihren materiellen Verhältnissen bewertet werden. Dann sei es innere Arbeit, sich reich zu fühlen.

An manchen Tagen falle ihr der Verzicht leichter als an anderen. Sie würde gern öfter als einmal im Jahr ins Theater, mehr Fair-Trade-Produkte kaufen oder mal ins Café gehen und Kuchen essen.

Seit 14 Jahren ist Monika Kramer alleinerziehend. Sie hat nach ihrer Lehre das Abitur an der Abendschule nachgeholt, ein Studium begonnen und Arbeiten angenommen, die sich mit ihrem Kind vereinbaren lassen. Erst Teilzeit, dann Vollzeit. Sie kann ihren Lebensunterhalt bestreiten, doch knapp kalkulieren muss sie immer.

Kramer macht das Beste daraus: Sie hat Freude an schöner Kleidung, kauft sie aber meist im Secondhandmarkt. Sie trifft sich gern mit Freunden, auch mal in einem Café. "Da kostet der Kaffee einen Euro, das ist schon drin." Gern besucht sie Ausstellungen oder Konzerte, wenn diese kostenlos sind. Sie hat ihr Budget stets im Kopf. Sie legt sogar ein bisschen zur Seite, für unerwartete Ausgaben.

Das Einzige, das ihr derzeit wirklich fehlt, sagt Kramer, ist Gesundheit. Sie ist schwer erkrankt, aber mit guter Aussicht auf Heilung. Im vergangenen Jahr konnte sie sich zeitweise kaum bewegen, inzwischen kann sie wieder durch Aachens Parks spazieren. "Dass ich in die Natur kann, das ist mein Reichtum." Arbeiten will sie möglichst bald wieder, unbedingt. Das gibt ihr Selbstbestätigung. "Geben fühlt sich besser an als nehmen." Und wenn sie wieder gesund ist, was wird ihr dann fehlen? Kramer zögert keine Sekunde: "Nichts."

Sind Sie arm?

Monika Kramer gilt heute als arm, doch sie fühlt sich nicht so. Sobald sie wieder gesund ist und arbeiten kann, gilt sie in einem mehrdimensionalen Konzept nicht mehr als arm - selbst als Hartz-IV-Aufstockerin. Denn sie ist gebildet, besucht Kulturveranstaltungen, pflegt ihre Freundschaften. Verwandte und Freunde reparieren ihr auch mal den Staubsauger oder organisieren neue Möbel für die Wohnung. Auch Reichtum hat viele Dimensionen.

Manfred Huber hingegen gilt nach allen Berechnungsmodellen als arm. Er hat in seinem Leben viel erreicht, doch seine Firma, seine Altersvorsorge hat er verloren. Er ist chronisch krank, muss sich mit seinen abgewohnten Möbeln arrangieren. Zudem hat er seinen einst großen Bekanntenkreis verloren. Selbst wenn er künftig eine höhere Sozialhilfe erhalten würde - viele Lebensbereiche blieben von Entbehrung geprägt.

Familie Ehlers gilt nicht als arm, sah sich durch die Geburt ihres vierten Kindes aber vom Abstieg bedroht. Ihr Beispiel macht deutlich, dass der - in Summe üppigen - staatlichen Familienförderung manchmal Flexibilität fehlt, um Armut zu verhindern, bevor sie entsteht.

Noch ist Armut in Deutschland ein Stigma. Auch deswegen wollen Frau Kramer, Herr Huber und Familie Ehlers ihre echten Namen nicht veröffentlicht sehen.

Wie sieht Ihre persönliche Situation aus? In unserem Rechner können Sie mit den verschiedenen Methoden berechnen, ob Sie als arm gelten. Link auf Rechner