Trügerische Statistik zum Einkommen Das Armutszeugnis

In Greifswald herrscht Armut, in München nicht: So sieht es die offizielle Statistik. Doch der Vergleich trifft es nicht - weil er vergisst, wie unterschiedlich teuer das Leben in Deutschland ist.

Von


In Deutschland boomt die Wirtschaft - aber die Armut verharrt mit 15,4 Prozent auf hohem Niveau. Als der Paritätische Wohlfahrtsverband Ende Februar seinen Armutsbericht mit dieser Feststellung präsentierte, erntete er harschen Widerspruch: Die Werte seien viel zu hoch. Und die verwendete Methode sei völlig ungeeignet, Armut zu messen.

Dabei nutzt der Wohlfahrtsverband die gleiche Statistik wie die Bundesregierung: die Armutsgefährdungsquote, verkürzt oft als Armutsquote bezeichnet. Sie gibt an, wie hoch der Anteil der Haushalte ist, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland verfügen. Für einen Single-Haushalt lag die Schwelle 2014 bei 917 Euro, für eine vierköpfige Familie mit zwei kleinen Kindern bei 1926 Euro.

Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer kürte diese Methode bereits vor Jahren zur "Unstatistik des Monats". Seine Begründung: "Da wird Ungleichheit gemessen, aber nicht Armut." Andere Gegner der Armutsquote führen gern das fiktive Beispiel eines Landes voller Ferrari-Fahrer an, in dem ein BMW-Besitzer als arm gelten würde. Befürworter der Armutsquote entgegnen wiederum, dass Ungleichheit sehr wohl ein zentrales Indiz sei, wenn man relative - also vergleichsweise - Armut messe. Und ja, auch ein BMW-Besitzer könne sich in einem Land der Ferrari-Fahrer wohl nur wenig leisten, weil das Preisniveau allgemein extrem hoch läge.

Diese Debatte ist berechtigt. Dennoch lohnt es sich, die offizielle Statistik der relativen Armutsquote in Deutschland genauer zu betrachten. Denn selbst sie ist weit weniger eindeutig als gedacht.

Stellt man die aktuellsten Zahlen zur Armutsquote in einer Deutschlandkarte dar, ergibt sich das folgende, bekannte Bild. Demnach ist Armut vor allem ein ostdeutsches Problem. (Statt ganzer Bundesländer oder Kommunen werden mit Ausnahme von Niedersachsen und Bremen Raumordnungsregionen dargestellt, wie sie auch in der Verwaltung verwendet werden. Insgesamt wird Deutschland so in 95 Regionen unterteilt.)

Armutsquoten

Armutsgefährdungsquote deutscher Regionen im Jahr 2014 - gemessen am gesamtdeutschen Medianeinkommen. Die Schwelle liegt laut EU-Standard bei 60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten.

Gegen diese Darstellung richtet sich jedoch ein weiterer Einwand von Kritikern der Armutsstatistik: Es sei Unsinn, für eine teure Stadt wie München den gleichen Maßstab für Armut anzulegen wie für eine Stadt wie Greifswald, wo man etwa für die Miete nur einen Bruchteil bezahlen müsse.

Allerdings belassen es die staatlichen Statistiker auch gar nicht bei diesem einen Maßstab. Sie berechnen die Armutsquote nicht nur gemessen an dem mittleren Einkommen der ganzen Bundesrepublik - sondern auch an dem des jeweiligen Bundeslandes. Die Daten stellen sie im Internet zur Verfügung. Für Bayern ergibt sich dann etwa für einen Single eine Armutsschwelle von 998 Euro (Familie mit zwei Kindern: 2096 Euro), für Mecklenburg-Vorpommern liegt sie hingegen viel niedriger: bei 769 Euro (Familie mit zwei Kindern: 1615 Euro).

Im Vergleich zur bekannten Deutschlandkarte mit bundesdeutschem Einkommensmaßstab ergibt sich ein deutlich anderes Bild: Die Armut in Ostdeutschland erscheint unterdurchschnittlich, während sie vor allem im Westen und wirtschaftlich starken Süden viel stärker in Erscheinung tritt. Und Hamburg liegt in der Liste der ärmsten Regionen auf einmal auf Rang 14 von 95. 18 Prozent der Haushalte bleiben dort unter der regionalen 60-Prozent-Schwelle.

Armutsquoten nach zweierlei Maßstäben

Armutsgefährdungsquote deutscher Regionen im Jahr 2014 - gemessen am Medianeinkommen des Bundeslandes und gemessen am Medianeinkommen der Region. Die Schwelle liegt laut EU-Standard bei 60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten.

In vielerlei Hinsicht erscheint die Darstellung nach Bundesland-Maßstab also als realistischer. So bilden die regionalen Einkommenshöhen die Lebenshaltungskosten am Wohnort besser ab als im gesamtdeutschen Maßstab.

Und dennoch: Auch die Armutsquote nach Bundesland-Maßstab ist eben nicht wahrer als die herkömmliche. Sie ermöglicht lediglich einen weiteren, anderen Blick auf das Phänomen Armut.

Denn in mancher Hinsicht passt der Bundesland-Maßstab nicht zur deutschen Lebenswirklichkeit. So kostet die Milch bei Aldi das Gleiche, ob sie nun in Schwedt oder Stuttgart im Regal steht - gerade ärmere Haushalte geben einen großen Teil ihres Geldes für Lebensmittel aus. Und Eltern im mecklenburgischen Gallin nutzt es wenig, dass die Preise zu Hause niedrig sind, wenn sie ihre Kinder finanzieren müssen, die im 60 Kilometer entfernten Hamburg eine Berufsausbildung machen oder studieren.

Regelrecht irreführend wird der Bundesland-Maßstab, wenn die Armutsquote für Berlin plötzlich auf 14,2 Prozent fällt - in einer Stadt, in der 20,2 Prozent der Haushalte von Hartz IV leben.

Deutlicher wird das Problem, wenn man den Maßstab noch kleinteiliger anlegt - etwa indem man die Armutsquote am mittleren Einkommen der jeweiligen Raumordnungsregion misst. Auch dafür liefert die offizielle Statistik Daten.

Armutsquoten nach zweierlei Maßstäben

Armutsgefährdungsquote deutscher Regionen im Jahr 2014 - gemessen am gesamtdeutschen Medianeinkommen und gemessen am Medianeinkommen der Region. Die Schwelle liegt laut EU-Standard bei 60 Prozent des Medians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten.

Eine solche Darstellung mag die Armut in Großstädten wie Hamburg und München adäquater abbilden als alle anderen - sie belegen hier in der Liste der ärmsten deutschen Regionen Platz zwei beziehungsweise 20 von 95. Angesichts der hohen Mieten in diesen Städten kommen dort tatsächlich viele Haushalte mit einem Einkommen knapp oberhalb der bundesdeutschen 60-Prozent-Grenze nur schwierig über die Runden. In der herkömmlichen Statistik tauchen sie aber nicht auf.

Gleichzeitig erscheint die Armut aber in Städten wie Dortmund, Duisburg oder Berlin weitaus geringer, als sie es allein nach den Hartz-IV-Zahlen ist, von der Alltagsbeobachtung ganz zu schweigen. Der Wohlfahrtsverband selbst bringt das Problem dieser kleinteiligen regionalen Betrachtung auf den Punkt: "In einem Armenhaus gibt es keine relative Armut." Daher, so der Verband weiter, habe man sich bei aller berechtigter Kritik für den bundesdeutschen Maßstab entschieden und gegen einen regionalen.

In Wahrheit gibt es nicht den einen richtigen Maßstab für die Armutsquote. Vielmehr vermitteln alle drei gemeinsam ein Bild davon, wie groß der durch Ungleichheit verursachte Anteil der Einkommensarmen jeweils ist.

Der Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell macht seit Langem auf derlei Tücken der Statistik aufmerksam - hält aber zwei Erkenntnisse ganz unabhängig vom gewählten Maßstab für nicht wegdiskutierbar: "Alleinerziehende, Kinder und Langzeitarbeitslose - diese Gruppen sind überdurchschnittlich stark von Armut betroffen." Und das habe in den vergangenen Jahren noch zugenommen. Zudem beobachtet er "auch eine regionale Konzentration und Zunahme der Armutsproblematik. Dabei gelten alte Gewissheiten wie 'armer Osten' versus 'reicher Westen' nicht mehr." Ein Befund, den eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kürzlich untermauert hat.

Tatsächlich gibt es einige Regionen, in denen die Armutsquote in den vergangenen Jahren in allen drei Maßstäben deutlich gestiegen ist. Dortmund gehört dazu ebenso wie Essen/Duisburg - und überraschenderweise auch das bayerische Allgäu, das bislang kaum unter Armutsverdacht stand.

Klar ist: Armut ist derart vielschichtig und komplex, dass sie sich nicht mit einer einzigen Kennziffer allein darstellen lässt. Auch der Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge, einer der profiliertesten Kritiker sozialer Missstände in Deutschland, spricht von einem Dilemma der Armutsforschung.

Einen Ausweg daraus bietet ein Ansatz des indischen Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sen, der von Institutionen wie Uno oder Weltbank als Standard für die Armutsmessung in Entwicklungsländern verwendet wird. Armut wird dabei direkt erfasst, und zwar in allen Dimensionen, von denen das Einkommen nur eine ist. Zudem werden Bereiche wie Bildung, Gesundheit oder Mobilität jeweils in einzelne Indikatoren zerlegt, gemessen und gewichtet. Dahinter steht die Auffassung, dass ein Mensch dann arm ist, wenn er seine Fähigkeiten nicht entfalten kann - und zwar aus Gründen, für die er selbst nichts kann.

Dadurch würde Armut weit stärker als Ausdruck von Chancenungleichheit definiert als bislang. Und zudem würden endlich auch öffentliche Dienstleistungen wie das Gesundheitssystem, Schwimmbäder oder Schulen einbezogen.

Forscher wie Nicole Rippin vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) haben auf dieser Grundlage inzwischen speziell für Deutschland angepasste Messinstrumente für Armut entwickelt, sogenannte Multidimensionale Indizes. Noch aber sammeln die offiziellen Statistiker nicht regelmäßig alle dafür erforderlichen Daten ein. Dabei ergäben erst derartige Ergebnisse absoluter Armutsmessung in Kombination mit den verschiedenen Blickwinkeln der relativen Armutsquote ein vollständiges Bild.


Zusammengefasst: Armut wird in Deutschland offiziell durch ein einziges Kriterium gemessen - dem Einkommen. Beträgt dieses weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller deutschen Haushalte, gilt ein Haushalt als armutsgefährdet. Diese Methode berücksichtigt nicht die großen Kaufkraftunterschiede innerhalb Deutschlands. Tendenziell wirken dadurch Regionen mit niedrigem Preisniveau ärmer, gerade im Osten und auf dem Land. Nimmt man hingegen nicht das gesamtdeutsche mittlere Einkommen als Maßstab, sondern das des jeweiligen Bundeslands oder gar der Region, wird auch die Armut in den wirtschaftsstarken Regionen hervor.

Grafik: Guido Grigat, Frank Kalinowski, Chris Kurt



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chiefrosi 29.03.2016
1. traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast ...
... und auch hier halte ich sämtliche Vorschläge für äußerst fragwürdig. Auch innerhalb einer Region besteht z.B. zwischen Stadt und Land ein teils deutlicher Unterschied der Lebenshaltungskosten, was allein schon Mieten oder Immobilienpreise betrifft. Theoretisch müsste man das individuelle Einkommen also auf die Lebenshaltungskosten in der unmittelbaren Umgebung normieren ... ein höchstwahrscheinlich hoffnungsloses Unterfangen. Die Normierung auf Medianeinkommen in immer feinerer Granularität (z.B. wie vorgeschlagen auf Bundesländer oder Regionen) hat aber auch ein noch anderers prinzipielles Problem: Im Grenzfall wird auf das Einkommen eines einzelnen Haushaltes normiert, somit sind alle Einkommen gleich. Einen objektiven Grund, gerade die Granularität "Bundesland" oder "Region" zu bevorzugen gibt es m. E. nicht, somit wird eben immer genau jene Statistik aufbereitet, die am besten das zeigt, was man gerade zeigen will ...
Actionscript 29.03.2016
2. Einkommen unterschiedlich
Vermutlich sind auch die Einkommen in teuren Städten wie München oder Hamburg höher als zum Teil in ländlichen Gegenden, was die höheren Lebenshaltungskosten wieder ausgleicht. Armut kann gemessen werden an dem, was man nach allen Ausgaben am Ende des Monats noch übrig hat. Von daher sollten in etwa die durchschnittlichen Kosten pro Person errechnet werden und dem Familieneinkommen gegenübergestellt werden. Da würde bei Hartz IVlern ein negatives Ergebnis herauskommen wie bei vielen anderen Niedrigverdienern ganz egal, wo diese wohnen.
1lauto 29.03.2016
3. keine vierköpfige Familie
Kann in München in einer neu angemieteten Wohnung von 60 qm von 2000€ leben. Da wäre dann jeglicher Ausschluss von Bildung und Kultur, die Nutzung von Armenküchen oder Tafeln kann den Hunger mildern. Oder nicht offizielle Nebeneinkünfte, da gibt es hier "natürlich" viel mehr Möglichkeiten als in McPom.
hneunhoe 29.03.2016
4. und was ist mit der Inflation?
dass nur das durchschnittliche Einkommen keine wirklich gute Aussagekraft ist, um Armut u messen, kann man - ohne ein Mathe-Genie u sei, auch an folgendem Beispiel erkennen: wenn im Jahr 1 die 60%-Grenze realistisch ist, aber im Jahr 2 und 3 das Einkommen um durchschnittlich 5% wächst, die Inflation aber bei 0% ist, dann rutschen Menschen unter die 6ß%-Grenze, obwohl sie weiterhin so "gut" leben, wie im Jahr 1 ... Auch hieran kann man erkennen, dass Einkommen und Preisniveau alleine nicht reichen, Kaufkraft gehört sicherlich dazu, um eine Aussage u machen Bildung & Gesundheitssystem etc. sind eine weitere Dimension - die aber nicht in die "Geld-Statistik" für Armuterkennung passen
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 29.03.2016
5. Es ändert nichts
Bei den meisten Menschen mit mittleren, unteren und geringsten Einkommen steigen die Lebenskosten entsprechend jeder noch so mickrigen Einkommensteigerung. Arbeitnehmer und Scheinselbständige bekommen ihr Einkommen überall von ihren Arbeitgebern/Auftraggebern. Und bei eben denen wird es am Ende auch i.d.r. alles wieder ausgegeben. Das Geld landet so am Ende immer bei denen die eh schon mehr als genug haben. Selbst wenn jemand mit einem höheren Einkommen was bei Seite legt, spart, oder investiert wird der Gewinn früher oder später von den dickeren Fischen geschluckt. Man trägt sozusagen für die das Risiko. Denn wenn es keinen Gewinn gibt kann es ganz schnell abwärts gehen. Ein Schicksal von dem die ganz Großen meistens auch verschont bleiben. Es gibt eben doch nur zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Jene die über kaum mehr als ihre Arbeitskraft verfügen (und seien sie noch so hoch qualifiziert) und jene die weitaus mehr ihr Eigen nennen - völlig egal ob geerbt, ergaunert oder wohl verdient.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.