Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Die meisten Armen leben in Nordrhein-Westfalen

2014 waren weniger Menschen von Armut bedroht als noch im Jahr zuvor. Eine Trendwende sei dies aber noch nicht, heißt es im Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Die Autoren mahnen: Es sei Zeit zu handeln.

Hilfesuchender und Passanten in Hamburg: Armutsquote bleibt auf hohem Niveau
DPA

Hilfesuchender und Passanten in Hamburg: Armutsquote bleibt auf hohem Niveau


Für die deutsche Wirtschaft war 2014 ein gutes Jahr. Das hat die Ungleichheit bei den Einkommen allerdings kaum reduziert. Der Anteil der von Armut bedrohten Menschen ging lediglich um 0,1 Prozentpunkte zurück. Das geht aus dem neuen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zurück. Mit 15,4 Prozent bleibt die Armutsquote in Deutschland damit auf einem anhaltend hohen Niveau.

Die Entwicklung sei ein Indiz dafür, dass Einkommensarmut in Deutschland weniger ein wirtschaftliches als ein politisches Problem sei, schlussfolgern die Autoren. "Ganz im Gegenteil kann dieser zunehmende Reichtum noch zu einer weiteren Öffnung der Einkommensschere und noch größerer relativer Armut führen." Sie überschrieben den Armutsbericht 2016 deshalb mit "Zeit zu handeln".

Der Armutsbericht basiert jeweils auf neuesten Daten des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts, bei dem auch die Einkommenssituation erfasst wird. Bei seiner Berechnung bezieht sich der Paritätische Wohlfahrtsverband auf "relative Armutsquoten".

Demnach sind Haushalte von Armut gefährdet, in denen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten Einkommens zur Verfügung steht. Rechnerisch sind dies 12,5 Millionen Menschen, davon rund 3,4 Millionen Rentner, wie der Geschäftsführer des Verbands, Ulrich Schneider, sagte. Von einer Trendwende wollte er trotz des leichten Rückgangs nicht sprechen.

Rentner besonders von Armut bedroht

Anders als in den Jahren zuvor sank die Armutsquote 2014 in gleich neun Bundesländern. Signifikante Rückgänge habe es vor allem in Berlin (-1,4 Prozentpunkt) und Mecklenburg-Vorpommern(-2,3 Prozentpunkte) gegeben.

In den beiden bevölkerungsreichsten Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen stieg das Armutsrisiko 2014. Problemgebiet Nummer eins sei das Ruhrgebiet, sagte Schneider. "Jeder fünfte Einwohner dieses größten Ballungsraums Deutschlands muss mittlerweile zu den Armen gezählt werden."

Wie deutlich die Entwicklung in manchen Regionen ist, zeigt ein Blick auf die vergangenen zehn Jahre. Seit 2006 sei die Armutsquote im Ruhrgebiet um 27 Prozent angestiegen, so der Bericht. Neuer Höchststand: 20 Prozent.

Alarmierend ist laut Bericht die Entwicklung bei älteren Menschen - längst schützen Renten sie nicht mehr vor finanzieller Not. Die Quote der altersarmen Rentner sei seit 2005 um 46 Prozent und damit so stark angewachsen wie bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe, schreiben die Autoren. Mit 15,6 Prozent lag sie 2014 erstmals über dem Durchschnitt.

Neben Rentnern sind nach wie vor Erwerbslose und Alleinerziehende besonders von Armut bedroht. 2014 betrugen die Quoten 57,6 beziehungsweise 41,9 Prozent. Auch die Kinderarmutsquote lag mit 19 Prozent deutlich über dem Durchschnitt.

brk

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insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
bausa 23.02.2016
1. Unterschreibe ich so
In meinem Umfeld gibt es leider auch viele Facharbeiter,die für 14? und weniger arbeiten,trotz Vollzeit.Da wird nicht in Urlaub gefahren oder für später vorgesorgt.Schaut man sich mal die Logistikbranche an,wird einem übel.Teilweise unter 10?.Die Umvertrilung von unten nach oben muss aufhören und alle Abgaben auf den Prüfstand.Sonst wirds bitter für viele.
desertmole 23.02.2016
2. 19,7 Milliarden sollte doch eine Trendwende
herbeiführen können. Warum investiert der Staat nicht mal in seine eigenen Leute, die haben sich ja auch für ihn den Buckel krumm geschuftet? 4 Euro Anstieg beim Hartz 4 Satz was nach langen Ringen beschlossen wurde ist so etwas von lächerlich gewesen das man am liebsten den ganzen Staat kündigen würde, aber der ist ja unkündbar.
static2206 23.02.2016
3. Durchnittlich
verdient ja auch jeder in Deutschland 3000€ im Monat.
bavariae 23.02.2016
4. Prognose
das wird nicht besser! Den Artikel kann man wohl nächstes Jahr im gleichen Wortlaut mit angepassten Zahlen wieder veröffentlichen. Im Weltspiegel vom vergangenen Sonntag gab es einen Beitrag über NY, wonach viele Arbeitnehmer nicht mehr in der Lage sind, die Grundversorgung aufzubringen. Ok, das gibt es auch bei uns, nur noch(!) nicht in diesem Maßstab. Sollten wir uns da nicht mal ein paar Gedanken machen, bevor es genauso wird wie in NY und anderen Orten?
a.weishaupt 23.02.2016
5. Perspektive
Echte Armut gibt es hier dank sozialer Vollversorgung nicht. Unsere sogenannten Armen gehören immer noch zum reichsten Teil der Weltbevölkerung. Die enormen Kosten dafür zahlt natürlich vor allem der qualifizierte Arbeitnehmer..
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