SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

20. Dezember 2012, 13:41 Uhr

Regionalstudie

Berlin und Ruhrpott werden zu Armutshochburgen

In Deutschlands Regionen steigt die Armut zum Teil dramatisch - das zeigt eine neue Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Längst sind nicht mehr nur die ostdeutschen Bundesländer betroffen. Das Ruhrgebiet gehört zusammen mit Berlin zu den "Problemregionen Nummer eins".

Hamburg - Wenn Deutschland in diesen Tagen an etwas nicht arm ist, so sind es Armutsberichte. Verschiedenste Institute und Verbände veröffentlichen kurz vor Jahresende Analysen zur Armutsgefährdung der Deutschen, die sich zum Teil deutlich widersprechen. Oft steht dabei die Situation der Gesamtbevölkerung im Fokus.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband untersucht hingegen seit Jahren die regionale Entwicklung - und die hält er für besonders besorgniserregend. Der Blick in die Regionen lasse die zum Teil "dramatischen Verwerfungen in unserem Land deutlich werden", erklärte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Verbands zur Vorstellung der Studie am Donnerstag.

Dem Bericht zufolge ist mittlerweile etwa jeder siebte Bundesbürger von Armut bedroht. Erstmals habe die Armutsgefährdungsquote im vergangenen Jahr die 15-Prozent-Marke übersprungen, ein "absolutes Rekordhoch". Mit 12,4 Millionen Menschen sei eine halbe Million mehr betroffen als noch im Vorjahr. Als armutsgefährdet gelten Personen in Haushalten, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Einkommens (Median) in Deutschland beträgt.

Grundsätzlich ist Deutschland weiterhin dreigeteilt: In einen Süden mit vergleichsweise geringer Armutsgefährdung und Hartz-IV-Quoten, ein Mittelfeld, das von nord- und westdeutschen Kommunen gebildet wird sowie den Osten, wo die Armutsgefährdung besonders hoch ist (siehe Flash-Grafik).

Doch laut Schneider nähern sich Ost und West zunehmend an. Der Abstand zwischen den Armutsquoten schrumpfte von 7,2 Prozentpunkten im Jahr 2005 auf 5,5 Prozentpunkte im vergangenen Jahr. Das liegt neben einer Verbesserung in manchen ostdeutschen Kommunen auch an zum Teil deutlichen Verschlechterungen im Westen. Mit Bremen landet im Länder-Ranking sogar erstmals ein westdeutsches Bundesland auf dem letzten Platz - dort beträgt die Quote 22,3 Prozent. Ähnlich schlecht sieht es in Mecklenburg-Vorpommern (22,2 Prozent) aus.

Dramatisch ist die Entwicklung dem Bericht zufolge auch in Nordrhein-Westfalen und hier besonders im Ruhrgebiet. Dort stieg die Armutsgefährdungsquote innerhalb eines Jahres von 17,4 auf 18,9 Prozent. Noch deutlicher war die Entwicklung in Berlin, wo die Quote um ganze 1,9 Prozentpunkte auf 21,1 Prozent zulegte. "Was die regionalen Entwicklungen angeht, sind Berlin und das Ruhrgebiet die Problemregionen Nummer eins", so Schneider.

Dass die Armutsgefährdung in den vergangenen Jahren trotz sinkender Arbeitslosigkeit zunahm, führt der Verband auf eine "Amerikanisierung des Arbeitsmarktes" zurück. Es gebe einen wachsenden Anteil von "working poor", also von Menschen, die trotz eines Jobs von Armut betroffen sind.

Um dem Problem zu begegnen, forderte Schneider die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, die Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze sowie eine Reform des Wohngeldgesetzes. Diese Maßnahmen würden "erst mal" zwischen zehn und 20 Milliarden Euro kosten, sagte Schneider. "Wir haben das Geld", sagte Schneider, und verwies auf rund 4,8 Billionen Euro, die auf den Konten deutscher Privathaushalte lägen.

dab/dpa/dpad/AFP

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH