Arzneimittel-Pläne "Die Politiker kassieren die Pharmaindustrie ab"

Die Konzerne rebellieren gegen die Pharma-Sparpläne der Regierung. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Chef-Lobbyistin der Branche, Cornelia Yzer, über den Nachlassverwalter von Ulla Schmidt, Vorwürfe gegen ihre Branche - und die heimliche Rationierung im Gesundheitswesen.

Apotheke: Wieviel müssen Patienten künftig für Medikamente zahlen?
dapd

Apotheke: Wieviel müssen Patienten künftig für Medikamente zahlen?


SPIEGEL ONLINE: Frau Yzer, die industriefreundliche FDP stellt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik mit Philipp Rösler den Gesundheitsminister. Und prompt verordnet dieser den Pharmakonzernen das härteste Sparpaket, das es je gab. Wie konnte das nur passieren?

Yzer: Uns hat das auch überrascht. Da tritt ein liberaler Politiker an, verspricht mehr Wettbewerb im Arzneimittelsektor, an den er dann selbst nicht mehr glaubt. Er setzt auf Zwangsmaßnahmen wie Rabatte und Preisstopps. Offensichtlich verlässt den Minister im Amt der Mut.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 1997 die wichtigste Pharma-Lobbyistin in Deutschland. Vor allem die Reformpläne der SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt haben Sie erfolgreich bekämpft. Sind Sie von Schwarz-Gelb enttäuscht?

Yzer: Ich hatte die Hoffnung, dass es nach mehr als acht Jahren Ulla Schmidt endlich wieder einen Minister gibt, der sich nicht mit kurzfristigem Kleinklein aufhält, sondern nach Lösungen sucht, die das Gesundheitssystem langfristig stabilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist Rösler eine gelb lackierte Ulla Schmidt?

Yzer: Er schwingt sich zumindest zu ihrem politischen Nachlassverwalter auf.

SPIEGEL ONLINE: Über das Kompliment wird er sich ja freuen.

Yzer: Röslers Arzneimittelpaket verändert nicht die Strukturen, sondern es geht nur ums schnelle Sparen. Der Minister wird damit genauso scheitern wie seine Vorgänger. Das leidige Prinzip "Nach der Reform ist vor der Reform" gilt weiter.

SPIEGEL ONLINE: Setzt der Minister sich mit seinem Arzneisparpaket durch, darf die Pharmaindustrie die Preise bis Ende 2013 nicht erhöhen. Außerdem steigt der Rabatt, den die Hersteller auf ihre Medikamentenpreise gewähren müssen, von 6 auf 16 Prozent. Sie haben davon gesprochen, die Politik verordne den Herstellern nachträglich eine Wirtschaftskrise. Glauben Sie das wirklich?

Yzer: Die Erhöhung des Zwangsrabatts ist ein willkürlicher Eingriff. Schwarz-Gelb will irgendwie bis zum Ende der Legislaturperiode kommen. Es ist doch kein Zufall, dass der Preisstopp für Medikamente bis zur nächsten Bundestagswahl gilt.

SPIEGEL ONLINE: Krankenkassen und Hersteller sollen künftig bei neuen Arzneien über die Preise verhandeln. In den meisten anderen Ländern ist das längst der Fall. Warum soll bei uns schlimm sein, was woanders normal ist?

Yzer: An Verhandlungen ist nichts kritikwürdig, aber es soll doch offenbar gar nicht dazu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Yzer: Wenn unsere Unternehmen künftig ein neues Medikament auf den Markt bringen, sollen sie sich einer Schnellbewertung ihrer Produkte unterziehen, dann mit einem Kassenmonopol verhandeln - und falls es keine Einigung gibt - dem Spruch einer Schiedsstelle unterwerfen, die den Preis festsetzt. Ich kann das nicht "Verhandlungen" nennen.

SPIEGEL ONLINE: Die Einführung der Schnellbewertung ist die Folge des Verhaltens der Industrie: In der Vergangenheit hat sie viele Scheininnovationen auf den Markt gebracht - getreu dem Motto: neue Verpackung, alter Inhalt.

Yzer: Oft zeigt sich erst in der Anwendung eines Medikaments seine therapeutische Überlegenheit oder seine Wirkung auch bei einer anderen Krankheit. Diese Erfahrung spielt künftig keine Rolle mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ein tatsächlich innovatives Präparat wird die Schnellbewertung überleben.

Yzer: Dann müssen wir aber noch mit dem Spitzenverband der Krankenkassen verhandeln - also der Organisation, die mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherte vertritt. Eine einzelne Pharmafirma sitzt dann dem übermächtigen Kassenmonopol gegenüber. Da ist das Ergebnis doch vorprogrammiert.

SPIEGEL ONLINE: Na, na, jetzt stellen Sie Ihre Industrie aber hilfloser dar, als sie ist.

Yzer: Die Erfahrung zeigt, dass der Spitzenverband der Krankenkassen ausschließlich auf den Preis schaut. Es wird dann nur nach dem Motto verhandelt: Je niedriger die Kosten, desto besser.

SPIEGEL ONLINE: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach prognostiziert, die Pharmaindustrie werde einfach mit überhöhten Preisen in die Verhandlungen gehen und am Ende genauso viel verdienen wie heute. Er hat die Konzerne mit Teppichhändlern verglichen.

Yzer: Ich kenne Professoren mit anspruchsvolleren Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Lauterbach Recht hat?

Yzer: Das ist fern jeder Realität. Nur weil er seine Bemerkungen wiederholt, werden sie nicht glaubwürdiger.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem ist doch: Innovative Medikamente sind der größte Kostentreiber im Gesundheitswesen. Im vergangenen Jahr haben die Kassen für patentgeschützte Arzneien fast neun Prozent mehr ausgegeben als im Vorjahr.

Yzer: Der medizinische Bedarf einer alternden Gesellschaft lässt die Ausgaben der Kassen steigen. Das sehen Sie auch an den stärker als im Arzneimittelsektor steigenden Kosten für Ärzte oder Krankenhäuser.

SPIEGEL ONLINE: Widerspruch! Innovative Medikamente sind der größte Kostentreiber. Und Ihre Feststellung, dass die Ausgaben insgesamt stark steigen, senkt den Spardruck nicht gerade. Bei der Pharmaindustrie ist zudem einiges zu holen: Der Bayer-Konzern hat 2008 mit Arzneimitteln eine operative Rendite von 28 Prozent erzielt. In anderen Branchen gelten zehn Prozent schon als Erfolg.

Yzer: Wir haben hohe Margen, zugestanden. Aber unser Geschäft ist auch sehr risikoreich. Wir investieren Milliarden in Forschung, so viel wie keine andere Branche in Deutschland. Wir wissen dabei nie, welche Projekte wirklich auf den Markt kommen, also was wir von unseren Aufwendungen refinanzieren können.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Risiko denn dermaßen groß, dass es so hohe Renditen rechtfertigt?

Yzer: Das Risiko ist in der Tat immens: Von 10.000 Ansätzen für ein neues Medikament schafft es nach rund zwölf Jahren und einer durchschnittlichen Forschungsinvestition von 800 Millionen Dollar ein einziger bis zur Zulassung. Margen von rund 30 Prozent erzielen Unternehmen in Deutschland aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wieviel Gewinn machen die Hersteller denn hierzulande?

Yzer: Das kann ich nur allgemein beantworten: In anderen Industrieländern ist es mehr.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet, eigentlich sind die Pillendreher erst zufrieden, wenn die Politik sie komplett verschont?

Yzer: Nein. Ich vermute nur, dass hinter dem Arzneimittel-Sparpaket etwas ganz Anderes steckt.

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Forum - Wohin steuert unser Gesundheitssystem?
insgesamt 11904 Beiträge
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Seite 1
Interessierter0815 27.01.2010
1.
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Korruption wohin das Auge auch sieht. Wohin wird das GesundheitsSYSTEM wohl steuern? Die 3. klassengesellschaft schreitet weiter und weiter, bald werden sicherlich alle "wertlosen" markiert und sollen froh sein, wenn es noch ein kanten Brot gibt und evt. eine rote Pille oder Tiergrippenimpfung.
genugistgenug 27.01.2010
2.
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
ABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Interessierter0815 27.01.2010
3. Großeltern?
Zitat von genugistgenugABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Welcher vernünftige Mensch möchte in diese asoziale Gesellschaft Kinder setzen? Nene, sich alleine durchzuboxen wird schon hart genug.
saul7 27.01.2010
4. +++
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Stefanie Bach, 27.01.2010
5.
Zitat von saul7Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Norbert Blüm trifft es sehr genau: "Man kann aus Schaden klug werden. Man muss es aber nicht. Mit der Kopfpauschale ging die CDU in der Bundestagswahl 2005 baden. 2009, nach der Bundestagswahl, versucht sie es wieder mit dem einkommensunabhängigen Beitrag zur Krankenversicherung, der für alle gleich hoch sein soll." Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
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