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Neue Sozialwohnungen: Heute Flüchtlingsunterkunft, morgen Studenten-WG

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Stadt Stuttgart

Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart: Abbau in zehn Jahren geplant

Es könnte das Comeback der Sozialwohnung sein, zumindest in Berlin und Hamburg. Beide Städte ziehen noch im Herbst Unterkünfte für Flüchtlinge hoch - um sie später auch für andere Zwecke zu nutzen. Andere Städte zögern noch.

Die deutschen Städte und Kommunen sind unter Druck: Für die große Zahl der Flüchtlinge gibt es kaum noch Schlafplätze, in Hamburg mussten einige zuletzt gar im Freien übernachten. Doch durch die Not könnten wieder neue Sozialwohnungen gebaut werden. Denn die Senate in Berlin und Hamburg planen Flüchtlingsunterkünfte, die keine Wohnungen auf Zeit sein, sondern später weiter genutzt werden sollen.

Der Hamburger Senat stimmte am Dienstag dem Papier "Flüchtlingsunterkünfte mit der Perspektive Wohnen" zu: Hamburg will bis zu 5600 Wohnungen bauen, die die Stadt spätestens in 15 Jahren als Sozialwohnungen vermieten will. Noch im Herbst soll es losgehen. Die Wohnblöcke sollen schnell hochgezogen werden - dank verkürzter Baugenehmigungen für Flüchtlingsunterkünfte. Das Projekt dürfte mehrere Millionen Euro kosten. Konkrete Zahlen nennt der Senat nicht.

Für den Bau will die Stadt private Baufirmen und Investoren beauftragen. Bis Ende 2016 sollen die Flüchtlingswohnungen in jedem der sieben Hamburger Bezirke stehen, teilte die Baubehörde auf Anfrage mit. Eine Fläche von acht Hektar, entweder als ein großes Landstück oder auf mehrere kleine Grundstücke aufgeteilt, müsse dafür jeder Bezirk freigeben. Das entspricht jeweils in etwa elf Fußballfeldern. Eine erste Landwirtschaftsfläche dieser Größe hat die Stadt im Bezirk Bergedorf gefunden.

Dass solche Flächen bisher nicht für den privaten Wohnungsbau genutzt würden, liege an den rechtlichen Vorschriften, teilt die Baubehörde mit. So hätten Flüchtlingsunterkünfte ein vereinfachtes Planrecht, in 15 Jahren könnte die Stadt die Bauten allerdings auf dem Wohnungsmarkt anbieten. Zudem suche der Senat für junge Familien Standorte, die weiter im Stadtinneren liegen.

Berlin plant ein ähnliches Modell: Bis 2016 will die Hauptstadt in neu gebauten Unterkünften Platz für bis zu 30.000 Flüchtlinge im ganzen Stadtgebiet schaffen. Der Berliner Senat stellt in den kommenden Tagen ein Konzept vor, wie die Stadt diese Unterkünfte finanzieren könnte. Demnach teilten sich Bund und Land die Kosten in dreistelliger Millionenhöhe.

Berliner Schule in modularer Bauweise: Flüchtlingsunterkünfte in Berlin folgen diesem Prinzip. Zur Großansicht
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin

Berliner Schule in modularer Bauweise: Flüchtlingsunterkünfte in Berlin folgen diesem Prinzip.

Das Berliner Modell sieht eine "modulare Bauweise vor, die unterschiedliche Nutzungen zulassen soll", wie ein Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sagt. Es entstehen sowohl Wohnkomplexe mit Einzel- und Doppelzimmern als auch Familienwohnungen. Und: Alle sind sehr ähnlich - eine Einheit, die sich wiederholt. Dabei folgten sie den Modulbauten, die die Stadt schon für Schulen nutzt. Noch in diesem Monat will die Senatsverwaltung die Bauprojekte ausschreiben.

Später sollen auch in Berlin aus den Flüchtlingsunterkünften Sozialwohnungen werden, sagt der Sprecher. Sechs landeseigene Wohnungsbaugesellschaften verwalten sie dann für die Berliner. So kämen neben Senioren auch Studenten als Mieter infrage.

Die Konzepte in Hamburg und Berlin zeigen: Es könnte das Comeback der Sozialwohnungen sein. Deren Zahl ging zwischen 2002 und 2013 in Deutschland von 2,5 auf 1,5 Millionen zurück, noch immer sinkt der Bestand jährlich um rund 60.000 Wohnungen. Seit 2007 werden kaum noch Sozialwohnungen gebaut. Seitdem nämlich müssen statt dem Bund die Länder den sozialen Wohnraum fördern.

Von der Rückkehr des sozialen Wohnungsbaus könnten in Zukunft auch viele Deutsche profitieren, die sich keine hohen Mieten leisten können. Ein Modell für weitere Großstädte? Zumindest die Stadt Köln teilt mit, dass die Hamburger Idee ein guter Ansatz sei.

Bislang planen aber weder Köln noch München oder Frankfurt am Main, dem Hamburger Beispiel zu folgen. Während die bayerische Landeshauptstadt auf Anfrage mitteilt, keine solchen Pläne zu verfolgen, beteuert die Stadt Köln, dass für diese Modelle einfach der Platz fehle. Dort mache bereits der allgemeine Wohnungsmangel Probleme. Ähnliches gilt auch in Frankfurt: "Das Wohnbaulandprogramm der Stadt richtet sich nicht an eine bestimmte Gruppe, sondern an alle Bevölkerungsschichten", teilt das Sozialdezernat mit.

Stuttgart setzt dagegen auf Systembauten. Alle städtischen Unterkünfte sollen bis Ende 2016 stehen und dann 10.700 Flüchtlingen einen Wohnplatz bieten. Allerdings: Spätestens in zehn Jahren will die Stadt die kurzfristig aufgestellten Wohnungen wieder abbauen. "Beschlüsse über eine weitere Nutzung gibt es nicht", sagt Sven Matis, Sprecher der Stadt. Die Systembauten kosten Stuttgart rund 123 Millionen Euro.

Video: Wie ein beschlagnahmtes Haus zum Flüchtlingsheim wird

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. Sehr gute Idee!
prendergast 08.10.2015
, aber die Wohnungen werden niemals danach noch nutzbar sein. Auch nicht für Studenten. Sofern sie ünerhaupt frei werden. Aber gübstiger Wohnraum ist sowieso Mangelware, daher bloß her damit.
2. Bezahlt wird es von Steuern
tommit 08.10.2015
und verkauft wurde der ganze Kram natürlich wahnsinnig gewinnbringend an Immobilienhai-Firmen.. Es war doch klar was kommen musste .. Glaubt denn irgendjemand dass diese Bauweise dann auch quakitativ sein wird.... Und in 2 Jahren schiesst man dann erste Löcher in die Schuldenbremse und klopft sich dabei wieder auf die eigenen Schultern... Es wäre zum Lachen wenn diese Bilanztrick Politik nicht so real zum weinen wäre und die luxussanierten ehemligen gebäude ausser Recihweite wären.. diesen Gesellschaften werden bestimmt keine Freistände requiriert... zu teuer inzwischen.. Die Kommune zu nichts mehr fähig ohne vor Investoren zu buckeln, wird bestimmt nicht die Hände beissen die sie füttern.
3. Eigentlich schade
ostwestfale_ 08.10.2015
Jetzt können wir auf einmal Wohnungen bauen in einem nie gekannten Umfang. Vorher wurde die in vielen Städten prekäre Wohnsituation nicht als Anlass gesehen den sozialen Wohnungsbau wieder zu beleben. Und ich vermute, dass diese Wohneinheiten wegen billiger Bauweise und intensiver Nutzung in 10 Jahren irgendetwas zwischen Sanierungs- ubd Abrißbedürftig sein werden. Spätere Nutzung ausgeschlossen.
4. Privatwirtschaft
JaguarCat 08.10.2015
Die freie Wirtschaft investiert lieber in Luxus-Wohnraum, da sich mit diesem sowohl bei Vermietung als auch bei Verkauf höhere Margen verdienen lassen als mit Sozialwohnungen. Also muss der Staat die Sozialwohnungen explizit nachfragen. Dann werden sie auch gebaut. Ob man sie nun für Flüchtlinge, für Hartz-IV-Empfänger, für Studenten, für Obdachlose oder für Rentner nutzt, ist zweitrangig: Zusätzliche Wohnungen in den Städten verbessern das Angebot und senken damit die Preise für alle.
5. Kein Problem
tommit 08.10.2015
Zitat von ostwestfale_Jetzt können wir auf einmal Wohnungen bauen in einem nie gekannten Umfang. Vorher wurde die in vielen Städten prekäre Wohnsituation nicht als Anlass gesehen den sozialen Wohnungsbau wieder zu beleben. Und ich vermute, dass diese Wohneinheiten wegen billiger Bauweise und intensiver Nutzung in 10 Jahren irgendetwas zwischen Sanierungs- ubd Abrißbedürftig sein werden. Spätere Nutzung ausgeschlossen.
wird dann einfach an die selben Gesellschaften verkauft die die Leute rauswerfen, sanieren, Mondpreise verlangen gebündelt den schlauen Aktienrentner abzocken
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