Atomangst im Elsass Straßburger Stadtrat verlangt Aus für Pannen-AKW

Es ist Frankreichs ältestes Atomkraftwerk, gilt als extrem störanfällig - und liegt direkt an der Grenze zu Deutschland. Jetzt fordert der Stadtrat von Straßburg, das AKW Fessenheim aus Sicherheitsgründen abzuschalten.

Atomkraftwerk Fessenheim bei Colmar: Überholte Sicherheitsstandards
REUTERS

Atomkraftwerk Fessenheim bei Colmar: Überholte Sicherheitsstandards


Straßburg - Die Franzosen gelten als große Anhänger der Atomenergie: Zu etwa 80 Prozent beziehen die linksrheinischen Nachbarn ihren Strom aus der Kernkraft. Doch nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima scheint auch dort langsam ein Umdenken einzusetzen - zumindest im Elsass. Der Stadtrat von Straßburg hat die Schließung des ältesten französischen Atomkraftwerkes in Fessenheim verlangt. Und die lokale Fessenheim-Überwachungskommission fordert neue und härtere Sicherheitskontrollen.

Der Beschluss des Stadtrats sei einstimmig bei einer Enthaltung erfolgt, sagte eine Sprecherin. Auch die konservativen UMP-Parteikollegen von Präsident Nicolas Sarkozy hätten trotz der rot-grünen Mehrheit im Stadtrat dafür gestimmt. Den Bürgermeister stellen mit Roland Ries die Sozialisten.

Zur Begründung erklärte der Stadtrat, die beiden 1977 ans Netz gegangenen 880-Megawatt-Reaktoren in Fessenheim hätten zahlreiche Störfälle erlebt. Die Sicherheitsstandards seien überholt, denn sie seien im gleichen Jahr fertiggestellt worden wie die Fukushima-Unglücksreaktoren. Darin herrsche bei "allen Spezialisten" Einigkeit, hieß es in dem Beschluss. Daher dürfe ihre Laufzeit nicht um zehn Jahre verlängert werden.

Der Betreiber hatte bereits eine Laufzeitverlängerung beantragt

Die Fessenheim-Überwachungskommission forderte neue Sicherheitsgutachten. Zu ihr gehören unter anderem Vertreter der französischen Atomaufsicht, des AKW Fessenheim, der umliegenden Gemeinden sowie Umweltschützer. Vor allem die Risiken bei einem Erdbeben und einer Überschwemmung müssten "so rasch wie möglich" neu bewertet werden.

Fessenheim liegt nur knapp 30 Kilometer von Freiburg im Breisgau entfernt; auch Colmar, Mülhausen und Basel sind nah. Straßburg befindet sich etwa 60 Kilometer weiter nördlich. Der Oberrheingraben ist ein Gebiet mit bekanntem Erdbebenrisiko. Kleinere Beben hatten in den vergangenen Jahren die zwischen Schwarzwald und den ostfranzösischen Vogesen gelegene Region wiederholt erschüttert.

In den vergangenen Wochen haben auch die Schweizer Kantone Basel und Jura die Schließung der Atomanlage gefordert. Auch auf der deutschen Rheinseite verlangen immer mehr Regionalpolitiker, das direkt an der Grenze gelegene AKW müsse unverzüglich abgeschaltet werden.

An Fessenheim ist der deutsche Versorger EnBW mit 17,5 Prozent beteiligt, einige Schweizer Versorger mit 15 Prozent. Der Rest gehört dem staatlichen französischen Stromkonzern Electricité de France (EDF), der bis vor kurzem an EnBW beteiligt war. EDF hatte für den Reaktorblock 1 eine Verlängerung der Laufzeit um zehn Jahre gefordert. Eigentlich sollte die Atomaufsicht ihre Entscheidung im März bekanntgeben. Nach dem Reaktor-Unfall in Fukushima verschob sie den Termin aber.

fdi/AFP/dapd

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mitbürger 12.04.2011
1. ...
Auch die Franzosen wollen unverstrahlt weiterleben. Deswegen werden auch sie im Laufe der Jahre ihre Atomkraftwerke abschalten. Arbeit ist genug da. Für die nächsten 100 000 Jahre muss der strahlende Müll betreut werden.
RaMaDa 12.04.2011
2. Im Laufe der Jahre
Zitat von mitbürgerAuch die Franzosen wollen unverstrahlt weiterleben. Deswegen werden auch sie im Laufe der Jahre ihre Atomkraftwerke abschalten. Arbeit ist genug da. Für die nächsten 100 000 Jahre muss der strahlende Müll betreut werden.
-------------------------------------------------------------- Man betone "im Laufe der Jahre". Nicht alle Menschen sind so Panik getrieben wie viele Deutsche.
Keule³ 12.04.2011
3.
Zitat von mitbürgerAuch die Franzosen wollen unverstrahlt weiterleben. Deswegen werden auch sie im Laufe der Jahre ihre Atomkraftwerke abschalten. Arbeit ist genug da. Für die nächsten 100 000 Jahre muss der strahlende Müll betreut werden.
hat ja wohl gute Gründe, warum die Franzmänner 80% Atomenergie haben...
solomong. 12.04.2011
4. O lala
Zitat von sysopEs ist Frankreichs ältestes Atomkraftwerk, gilt als extrem störanfällig - und liegt direkt an der Grenze zu Deutschland. Jetzt fordert der Stadtrat von Straßburg, das AKW Fessenheim aus Sicherheitsgründen abzuschalten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,756654,00.html
Das Aufbegehren gegen die in Paris entschiedene Energiepolitik reicht im Elsass bis in das Präsidentenlager. Das ist umso bemerkenswerter, als die Region Elsass die letzte sichere Wählerbastion der bürgerlichen Rechten in Frankreich war. ... Der Präsident scheint sogar bereit, die Abschaltung von Fessenheim als Bauernopfer in Erwägung zu ziehen. http://www.faz.net/s/Rub469C43057F8C437CACC2DE9ED41B7950/Doc~EC896F9FB6CCF43EE84F2FA6F44C71C50~ATpl~Ecommon~Scontent.html Mit 80% Atomstrom gehen bei einem überstürzten Ausstieg wirklich die Lichter aus. Und bei einem allzu laschen Ausstieg die von Herrn Sarkozy. Also am Besten im Osten anfangen... .
Kurt Köster 12.04.2011
5. Michel
Was ich an den Franzosen immer schon bewundert habe, ist dieses herrliche "Savoir Vivre". Die lassen sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen wie der blöde deutsche Michel. Die Elsässer waren schon immer Deutsche.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.