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Globaler Niedergang der Kernkraft: Der schleichende Atomtod

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Nuklearreport: Tschüs, AKW! Fotos
AP/dpa

Industrieländer wie Deutschland steigen aus, aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China gar nicht erst richtig ein. Laut einer Studie wird die Atomkraft als Energiequelle weltweit immer unwichtiger. Sie ist einfach zu teuer.

Hamburg - Deutschland ächzt wegen der steigenden Strompreise, China und andere aufstrebende Wirtschaftsnationen brauchen immer mehr Energie, um ihre riesigen Industrieparks am Laufen zu halten. Könnte die Atomenergie - einst propagiert als "Energie zu billig, um ihren Verbrauch zu messen" - in dieser Situation eine Renaissance erleben?

Ein Analysten-Team um den Pariser Energieexperten Mycle Schneider glaubt nicht an dieses Szenario: In ihrem unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen"World Nuclear Industry Status Report" sehen die Wissenschaftler Atomkraftwerke (AKW) weltweit auf dem Rückzug.

  • Seit 2002 ist die Zahl der in Betrieb befindlichen Atomreaktoren auf der Welt laut dem Bericht um 50 auf 388 gesunken. Weitere 45 klassifizieren die Forscher als "Langzeit-Ausfälle", davon 43 in Japan. So bezeichnen sie Kraftwerke, die noch nicht offiziell vom Netz genommen wurden, aber seit mindestens 18 Monaten keinen Strom mehr eingespeist haben.

  • Seit 1996 ist der Anteil, den Kernkraftwerke zur gesamten Weltstromproduktion beitragen, von 17,6 auf 10,8 Prozent zurückgegangen. Dabei beziehen sie sich auf Zahlen der Internationalen Atomenergiebehörde. Die Nuklear-Katastrophe von Fukushima hat die Abkehr vom Atomstrom dabei vielleicht beschleunigt, aber keineswegs ausgelöst: Schon Anfang 2011, als das Unglück in dem japanischen Reaktor das Vertrauen in die Sicherheit von Atomkraftwerken auf der ganzen Welt erschütterte, war der Anteil auf rund 13 Prozent gesunken.

  • Weil die meisten AKW zwar am Netz bleiben, aber wenige neue gebaut werden, steigt das Durchschnittsalter des globalen Atomkraftwerksparks auf derzeit 28,5 Jahre. Fast die Hälfte der Meiler sind bereits seit 31 Jahren oder länger am Netz. Damit der Atomstromanteil am globalen Energiemix über die kommenden Jahrzehnte auch nur konstant bleibt, müsste es einen wahren Neubauboom geben.

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Demografischer Wandel bei Atomkraftwerken: Drei Viertel sind über 20 Jahre alt

Doch der ist nicht in Sicht: China und Indien, die Wirtschaftsmächte von morgen, überspringen das Atomzeitalter offenbar einfach. Ihren wachsenden Energiehunger stillen sie viel seltener mit Atomkraftwerken als die heutigen Industriestaaten: Von den BRICS-Staaten bezieht allein Russland einen nennenswerten Anteil seines Stroms aus Kernspaltung. In Brasilien, Indien und Südafrika liegt der Anteil im einstelligen Prozentbereich.

Dazu kommt, dass Industrieländer wie Deutschland aus der Atomkraft aussteigen. Die Folge: Die globale Produktion von Atomstrom ist seit 1996 mit knapp 2500 Terawattstunden etwa konstant geblieben, während der weltweite Stromverbrauch rapide stieg.

Zwar bauen Länder wie China derzeit zahlreiche neue Kraftwerke. Wie viele von ihnen aber jemals fertig werden, steht auf einem anderen Blatt: Drei Viertel der aktuell im Bau befindlichen Reaktoren sind laut der Studie mindestens mehrere Monate in Verzug. Ungewöhnlich sei das nicht: Weltweit seien acht der 67 geplanten Projekte seit mehr als 20 Jahren im Bau - sie werden wohl nie fertig.

China produziert zehnmal so viel Ökostrom wie Atomstrom

Und ob die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt jemals eine Atomnation wird, ist mehr als fraglich: Gemessen an absoluten Zahlen ist China zwar der fünftgrößte Atomstromerzeuger der Welt, an der Gesamtproduktion des Landes macht Kernkraft einen Anteil von gerade zwei Prozent aus. Erneuerbare Energien machen dagegen bereits mehr als 20 Prozent des Stroms in China aus.

Die Gründe für den Niedergang der Atomindustrie seien vor allem wirtschaftlich, argumentieren die Forscher. Atomkraft lohne sich einfach nicht mehr: Pro installierter Kilowattstunde habe sich der Preis neuer Reaktoren im vergangenen Jahrzehnt verachtfacht. Bei Projekten wie dem britischen Atomkraftwerk Hinkley explodierten deshalb bereits die geschätzten Baukosten.

Gleichzeitig werde der Betrieb wegen der Förderung von Ökoenergie und neuer Steuern etwa auf Brennelemente in vielen Ländern unrentabel. Die Forscher verweisen auf das deutsche AKW Grafenrheinfeld, das E.on sieben Monate vor dem Plan der Bundesregierung abschalten will, weil sich der Betrieb nicht mehr lohnt.

Fast überall auf der Welt nähert sich das Atomzeitalter deswegen seinem Ende. Was die Kernenergie künftig ersetzen kann, scheint für die Forscher relativ klar: Von den weltweiten Investitionen in neue Kraftwerke fließen gerade noch drei Prozent in Atomkraftwerke - und 57 Prozent in erneuerbare Energien.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
MarkWürdig 06.08.2014
Viele werden das nicht wahrhaben wollen und die Autoren diskreditieren, aber die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Ich erinnere mich noch an den weitsichtigen Spiegel-Titel zwei Tage nach Fukuschima: "Das Ende der Atomkraft" o.ä. So kommt es jetzt. Auch Tschechien hat Ausbaupläne gestoppt, Frankreich dreht ebenfalls zurück.
2. Meine Vorhersage
Dima 06.08.2014
http://en.wikipedia.org/wiki/Mycle_Schneider " Schneider has been described as an 'Anti-Nuclear Activist'" Neutrale Berichte sehen anders aus. Es wäre nett, wenn man die Experten auch etwas näher beschreiben würde. Ob nun der Anteil der Atomkraft in den nächsten 10 Jahren zu oder abnimmt ist irrelevant. Fakt ist, dass das gesamte Uran verbraucht wird, die gesamte Kohle und das gesamte Öl und Gas bis zu dem Punkt, an dem andere Energieträger billiger sind. Das ist aber in absehbarer Zeit nicht der Fall.
3. Sehr schön!
wahrheitsfreund 06.08.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIndustrieländer wie Deutschland steigen aus, aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China gar nicht erst richtig ein. Laut einer Studie wird die Atomkraft als Energiequelle weltweit immer unwichtiger. Sie ist einfach zu teuer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/atomkraft-report-sieht-fuer-kernkraft-sinkende-globale-bedeutung-a-984713.html
Endlich einmal die Wahrheit über dieses Verbrechen an der Menschheit namens Atomkraftwerk. Dass eine solch mutige Studie aus Frankreich kommt, verwundert umso mehr, da dort die Atom-Mafia sehr stark ist. Die Autoren stehen jetzt sicher auf der Abschuss-Liste. In Fessenheim, an der Grenze zu Deutschland, nicht weit von Freiburg entfernt, steht eines der ältesten AKW der Welt. Hollange hatte versprochen dieses bis 2016 abzuschalten, neulich musste ich allerdings in einer lokalen Zeitung lesen, dass der dortige Bürgermeister und einige andere einflussreiche Leute in der Region die Abschaltung verhindern wollen. Begründet wird das dann immer mit dem Verlust von Arbeitsplätzen. Ich hoffe, dass Hollande sein Versprechen halten wird.
4. Selbsterfüllende Prophezeiung
No Way, Jose 06.08.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIndustrieländer wie Deutschland steigen aus, aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China gar nicht erst richtig ein. Laut einer Studie wird die Atomkraft als Energiequelle weltweit immer unwichtiger. Sie ist einfach zu teuer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/atomkraft-report-sieht-fuer-kernkraft-sinkende-globale-bedeutung-a-984713.html
"Industrieländer wie Deutschland" ... wer denn noch? Eine kurze Recherche ergab bei mir nur noch Belgien. Und da ist es wohl noch nicht sicher. Es ist auch unredlich, den Atomstrom als unwirtschaftlich zu bezeichnen, und wenige Sätze später als Grund dafür die Ökosteuern anzuführen, als ob es sich dabei um Naturgesetze handeln würde. Letztendlich ist es so, dass uns die undifferenzierte militante Atomphobie der Grünen mit die höchsten Strompreise und die dreckigste Stromerzeugung (Braunkohle) eingebrockt haben.
5.
Vorlan 06.08.2014
Das Problem ist doch das die "saubere" und "kostengünstige" Energie die wirklichen Kosten mit Verzögerung raushaut. Dann heißt es nämlich "Wohin mit dem Müll?". Und der ist dann nicht nach einem Jahr plötzlich weg. Nein der stappelt sich auch dann noch wenn die Konzerne ggf. längst weg sind, die Regierungen schon x mal gewechselt haben und es vielleicht längst gute Alternativen gibt. Das man es nicht von heute auf morgen schaffen kann...klar. Das es aber bestmöglich wäre in andere Richtungen zu forschen sollte aber einfach klar sein.
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