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Abriss des AKW Lubmin: Ein Atomkraftwerk wird gehäckselt

Aus Lubmin berichtet

Rund 36 Milliarden Euro Rückstellungen haben Deutschlands Energiekonzerne für den Abriss ihrer Altmeiler aufgebaut. Ein Besuch im ehemaligen AKW Lubmin zeigt, warum der Betrag kaum reichen wird: Atomausstieg ist ein Kraftakt.

Abriss des AKW Lubmin: Was nicht passt, wird passend gemacht Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wenn Marlies Philipp Besucher durch das ehemalige Atomkraftwerk in Lubmin führen will, verfrachtet sie sie in einen Kleinbus. Der Fußmarsch auf dem riesigen Gelände würde schlicht zu lange dauern: Allein die Maschinenhalle hinter den vier Reaktorgebäuden erstreckt sich über einen Kilometer. Etwa ebenso weit ist es von Block 6, wo man in das Herz eines Meilers blicken kann, zum Zwischenlager am nordöstlichen Rand des Geländes.

Dort, in Halle 7, stehen die sechs Reaktorbehälter des Atomkraftwerks. Ferner, dicht aneinandergereiht, seine 22 Dampferzeuger - zentrale Elemente eines Druckwasserreaktors, die mit ihrer Zylinderform äußerlich den Kesselwagen ähneln, mit denen die Bahn Gase und Flüssigkeiten transportiert. 30 waren es einmal, acht sind bislang zerlegt worden.

"Allein um einen Dampferzeuger in grobe Teile zu zersägen, brauchen wir ein Dreivierteljahr", erklärt Philipp. 35 ihrer 58 Lebensjahre hat die Diplom-Kristallografin im Atomkraftwerk Lubmin verbracht, zuletzt als verantwortliche Ingenieurin, bevor sie vor sieben Jahren die Aufgabe übernahm, Journalisten und Besuchern den Rückbau zu erklären.

Es dauert länger als gedacht

Bereits vor fast 25 Jahren ist hier im "Volkseigenen Kombinat Kernkraftwerke 'Bruno Leuschner'" das letzte Mal Strom erzeugt worden. Dann, wenige Wochen nach der Wende, war Schluss für den ehemaligen Vorzeigebetrieb der DDR, seit 1995 läuft der Rückbau. Heute ist es ein Vorzeigebetrieb der Bundesrepublik: Das in "Energiewerke Nord" umfirmierte, bundeseigene Unternehmen ist zum anerkannten Spezialbetrieb für den Abriss von Atomkraftwerken geworden, in der Fachwelt wegen seiner Pionierleistung geschätzt. Experten anderer Atomkraftwerke, die jetzt stillgelegt werden, pilgern hierher, um zu lernen.

Größere Pannen gab es bislang nicht, und dennoch: "3,2 Milliarden Euro sollte der Rückbau anfangs kosten, inzwischen kalkulieren wir mit 4,2 Milliarden Euro", sagt Philipp. Das liegt auch daran, dass es länger dauert als geplant. Ursprünglich sollte bereits 2008 alles an radioaktivem Material entfernt sein, später setzte man sich das Jahr 2015 zum Ziel. Doch auch das wird wohl nicht zu schaffen sein, die Reaktorgebäude seien derzeit erst zu 70 bis 80 Prozent geleert, sagt Philipp.

In Lubmin wird deutlich, vor welch gigantischer Aufgabe das künftige Ex-Atomstromland Deutschland steht: Seit dem Fukushima-Schock 2011 sind acht weitere Kernkraftwerke außer Betrieb, acht laufen noch, aber spätestens 2022 geht das letzte vom Netz. Danach muss alles abgerissen und der Atommüll sicher gelagert werden. Mit rund einer Milliarde Euro am Kosten pro Meiler wird derzeit kalkuliert.

Nicht vollständig planbar

Doch die Zweifel wachsen, dass die Betreiberkonzerne diese Mammutaufgabe bewältigen können. Umso mehr, seit der SPIEGEL den Plan von E.on, RWE und EnBW aufdeckte, ihr ganzes Atomgeschäft mitsamt den Kostenrisiken an den Bund zu übergeben. Die Regierung will nun darüber mit den Betreibern verhandeln. In die von den Konzernen angedachte "Bad Bank" für Atomkraftwerke sollen auch ihre Rückstellungen eingebracht werden, die die Konzerne für den Abriss ihrer Reaktoren und die Lagerung des Atommülls bilden mussten. Zählt man die Rückstellungen des vierten Betreibers Vattenfalls dazu, beläuft sich die Summe für deutsche Meiler auf rund 36 Milliarden Euro.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass selbst diese Summe nicht reicht: Erstens muss davon auch die Lagerung des Atommülls bezahlt werden - derzeit weiß aber noch niemand, wo das deutsche Endlager einmal stehen und wie teuer es wird. Und zweitens ist der Abbau eines Atomkraftwerks eine unfassbar aufwendige und nicht vollständig planbare Angelegenheit.

Was das konkret bedeutet, macht das Beispiel Lubmin deutlich. Die Hinterlassenschaft des AKW kann in drei Kategorien eingeteilt werden:

  • Erstens hoch radioaktiver Atommüll, vor allem die Brennelemente selbst, die in speziellen Behältern, Castoren genannt, in einem unzugänglichen Teil des Zwischenlagers stehen und irgendwann einmal in das deutsche Endlager kommen sollen. Etwa 580 Tonnen davon fallen in Lubmin an.

  • Zweitens schwach und mittel radioaktiver Atommüll, rund zehntausend Tonnen, der im Zwischenlager darauf wartet, in dem dafür bestimmten Schacht Konrad in Niedersachsen endgelagert zu werden - doch vor dem Jahr 2020 ist damit nicht zu rechnen.

  • Drittens eine riesige Menge an radioaktiv belasteten Bauteilen, rund 99 Prozent des Materials fällt in diese Kategorie. Es wird vor Ort so lange zerlegt und dekontaminiert, bis es das Gelände als handelsüblicher Schrott oder Wertstoff verlassen kann. Dafür muss es wiederum in kleine Gitterboxen passen, 1,20 Meter lang, 80 Zentimeter breit, einen knappen Meter hoch. Mehr Platz ist nicht in dem Strahlenmessgerät, das jede Gitterbox durchlaufen muss, um die Freigabe zu erhalten. Alles muss also irgendwie auf dieses Format gebracht werden: Generatoren, Turbinen, Kilometer an Rohren, Kabeln, die riesigen Druckbehälter.

Dies geschieht im Herzstück des Lubmin-Abrisses, der sogenannten Zentralen Aktiven Werkstatt. In dieser Halle rücken etwa 30 Mitarbeiter dem meist metallischen Material mit Bandsägen und Schweißgeräten zu Leibe, um es in handliche Teile zu zerkleinern. Im nächsten Schritt werden die Oberflächen von radioaktivem Material befreit, oft hat es sich in Lackierungen angereichert. In Spezialräumen stehen große Wannen, dort wird die kontaminierte Schicht im Chemiebad oder per Elektrolyse gelöst.

Den Rest erledigen die Männer in Handarbeit. Mit Schutzanzügen und Atemmasken ausgerüstet, bearbeiten sie den Stahl in speziellen Containern mit Hochdruckwasser- und Sandstrahlgeräten. Das bedeutet Knochenarbeit: In den Anzügen ist es heiß und stickig, die schweren Stahlteile und Bleche müssen sie mit Körperkraft bewegen.

Arbeitsfeld mit Zukunft

Umso erstaunlicher, dass sich später zumeist reifere Herren aus den Anzügen schälen. Der Altersschnitt der rund 800 Mitarbeiter liege etwa bei 48 Jahren, schätzt Philipp. "Allerdings brauchen wir mehr Mitarbeiter, um den Papierkram zu erledigen, als für den eigentlichen Rückbau", sagt Philipp. Von Vorteil ist, dass 90 Prozent der Belegschaft bereits in der DDR hier gearbeitet hat. Die Mitarbeiter kennen das Kraftwerk und seine Bestandteile noch aus der Zeit des Betriebs.

Ob das bei den westdeutschen Atomkraftwerken auch der Fall sein wird, ist fraglich: Bereits jetzt ist die Belegschaft der meisten Meiler oft relativ alt. Und qualifizierter Nachwuchs ist kaum zu finden. An Ingenieuren mangelt es der Industrienation Deutschland ohnehin, und wer als junger Absolvent die Wahl hat, geht lieber zu Daimler, BMW, Siemens und Co., als sein Berufsleben einer in Deutschland gescheiterten Technologie zu widmen.

Allerdings wäre es trotzdem völlig falsch, von einem Arbeitsfeld ohne Zukunft zu sprechen: Das Beispiel Lubmin zeigt, warum es mindestens bis 2080 dauern wird, bis die Relikte des Atomkraftzeitalters in Deutschland getilgt sind. Wer heute geboren wird, geht dann in Rente.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 189 Beiträge
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1. .
krsone 18.05.2014
Soll das jetzt Reaktionen a la "Oh, na dann schultern wir das als Steuerzahler doch alle zusammen - Schlaaand!" provozieren lieber SPON?
2. Kosten über Kosten
hubertrudnick1 18.05.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINERund 36 Milliarden Euro Rückstellungen haben Deutschlands Energiekonzerne für den Abriss ihrer Altmeiler aufgebaut. Ein Besuch im ehemaligen AKW Lubmin zeigt, warum der Betrag kaum reichen wird: Atomausstieg ist ein Kraftakt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/atomkraftwerk-lubmin-rueckbau-abriss-und-entsorgung-eines-akw-a-969790.html
Hatte man das denn nicht schon vorher denken können, oder hatte man alles nur vor sich hingeschoben,(nach mir die Sinnflut) aber vielleicht dachte man ja auch daran alles nur als eine Atomruine stehenzulassen. Diese Kosten kommen auf alle draufzu und das international, also ist die Kerenergie doch die teuerste Energiegewinnung, natürlich nur für uns Steuerzahler.
3. Warum kann man die Kraftwerke nicht einfach....
joG 18.05.2014
...einzäunen und abschließen und wie Burgruinen stehen lassen? Sie sind ja auch ganz hübsch.
4. Nicht nur beim Ausstieg!
Altesocke 18.05.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINERund 36 Milliarden Euro Rückstellungen haben Deutschlands Energiekonzerne für den Abriss ihrer Altmeiler aufgebaut. Ein Besuch im ehemaligen AKW Lubmin zeigt, warum der Betrag kaum reichen wird: Atomausstieg ist ein Kraftakt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/atomkraftwerk-lubmin-rueckbau-abriss-und-entsorgung-eines-akw-a-969790.html
Auch die normale Entsorgung eines AKW, am Ende der Nutzungstauglichkeit, waere ein Kraftakt gewesen! Und trotz des Wissens wurde nie daran gedacht, genug Rueckstellung dafuer anzulegen. Das waere auch bei weiteren 10, oder 20, Jahren der Nutzung nicht anders. Nur die Gewinne wuerden weiter privatisiert. Die Atomindustrie hatte nie vor, die Phase des Rueckbaus bis zur Endlagerung alleine zu finanzieren! Die werden noch einen Plan B in der Hinterhand haben, wie dasa alte sozialisiert werden kann, ohne das die Nutzniesser dafuer bezahlen muessen! Es sollte jedem klar sein, heutzutage: Billig war der Atomstrom nur, ohne die Endlagerung und den Abbau bis zur gruenen Wiese einzurechnen. Also fuer die Industrie und die Buerger der letzten beiden Generationen. Fuer alle, die danach kommen, wird der Strom sogar teurer sein, als Solar- oder Windstrom! Und sie hatten den billigen Strom nichtmal!
5. Tja, warum mit Rückstellungen den Gewinn schmälern...
flitzpane 18.05.2014
...wenn man sich am Ende auf Vater Staat verlassen kann (http://wp.me/p14g2B-tj). Ob Abbau oder Endlagerung – es wurde eine unkontrollierbare Technologie subventioniert und am Ende ist die Gesellschaft bei so einem Thema immer erpressbar. Tenor in der ZEIT: "Bevor es die Konzerne schlecht machen, macht es der Staat lieber gut". Na danke!
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Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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