Von Michael Kröger
Der Berliner Stadtteil Wedding gilt nicht gerade als Einkaufsbrennpunkt. Hier gibt es deutlich weniger Geschäfte als anderswo, hochpreisige Boutiquen oder exklusive Schmuckgeschäfte sucht man vergeblich. Nur der Betrieb von Apotheken scheint sich zu lohnen: Allein am Leopoldplatz kann der Patient zwischen sechs Häusern wählen.
Auch in anderen Regionen mangelt es nicht an Apotheken. Im vergangenen Jahr wurden deutschlandweit 21.570 gezählt - deutlich mehr als die Autofahrernation Tankstellen hat (14.506). Und während die Zahl der Tankstellen seit Jahren zurückgeht, weil der Markt bereinigt wird, ist die der Apotheken konstant. Ihre Zahl sank von 1999 bis 2008 nur um 20 Stück.
Die Entwicklung erstaunt auf den ersten Blick, klagen die Apotheker doch seit langem über ihre knappen Verdienste. Tatsächlich aber betrugen die Umsätze je Apotheke 2007 im Schnitt rund 1,7 Millionen Euro. Derzeit bekommen Apotheker bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln immerhin bis zu drei Prozent des Einkaufspreises an Provision. Und eine sogenannte Dienstleistungspauschale von maximal 8,10 Euro. Bei den rezeptfreien Medikamenten können sie ihre Verkaufspreise sogar selbst festsetzen - und damit ihren Gewinn steuern.
FDP und Union schützen die Apotheken
Im Vergleich zu anderen Leistungsträgern des Gesundheitswesens hält Lauterbach die Apotheker denn auch für eindeutig überbezahlt. "Es gibt nur wenige, die wirklich substantiell beraten", erklärt er. Die meisten dagegen erledigten die Arbeit eines qualifizierten Verkäufers.
Die Zulassung des Internethandels oder von Versandapotheken könnte den Wettbewerb beflügeln und entsprechenden Druck auf die Preise ausüben, glaubt der Gesundheitsexperte, der sich mit dieser Meinung auch in der SPD in der Minderheit befindet. Den besten Schutz bekommen die Apotheker allerdings nach wie vor von FDP und Union.
Vor allem die stets Marktwirtschaft predigenden Liberalen gehören zu den größten Beschützern der Branche. Nur Pharmazeuten dürfen Apotheken besitzen, und zwar maximal vier. Ketten wie in anderen Ländern sind nicht erlaubt.
Wer dies ändern will, bekommt von der Apothekerlobby schnell Warnungen über angeblich "ruinösen Wettbewerb" zu hören, "unter dessen Folgen auch die Patienten zu leiden haben". Nur durch die jetzige Regelung sei die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau gesichert.
Experten sehen das anders. "Studien zeigen, dass in Ländern mit Apothekenketten weder die Qualität der Beratung abnimmt noch die Arzneimittelsicherheit gefährdet ist - und auch nicht die Präsenz in dünn besiedelten Gebieten geringer wird", sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.
Die entscheidende Frage ist, ob die Preise für Arzneimittel sinken würden, wenn in Deutschland Apothekenketten erlaubt wären. Sicher ist das nicht. Aber wahrscheinlich, denn dann dürften die großzügigen Margen des Großhandels zurückgehen oder sogar ganz entfallen, weil die Ketten direkt mit den Herstellern verhandeln. Die Konkurrenz würde außerdem dazu führen, dass die Apotheker womöglich auf einen Teil ihrer Beratungspauschale verzichten.
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