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Aufschwung in der Türkei: Die Tücken des Turbo-Booms

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Europa schwächelt, die Türkei wächst mit Vollgas. Bei seinem Deutschland-Besuch tritt Ministerpräsident Erdogan nicht als Bittsteller auf, sondern als selbstbewusster Chef einer Nation, die bereits als "China Europas" gehandelt wird. Doch wie stabil ist der Boom am Bosporus wirklich?

Türkischer Aufschwung: Wie stabil ist der Boom? Fotos
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Berlin/Istanbul - Der Mann, in dessen Bücherregal die Erinnerungen Konrad Adenauers neben Bill Clintons "My Life" stehen, hat türkische Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Aus einer Zwei-Mann-Firma hat Ishak Alaton, 84, einen Mischkonzern mit knapp 10.000 Mitarbeitern gemacht. Er hat ihn an die Börse gebracht, damals in den siebziger Jahren. Er hat Häuser bauen und Klimaanlagen herstellen lassen, er hat in Hotels und den Energiesektor investiert und Millionen verdient.

Alaton ist der Patriarch der türkischen Alarko-Holding, ein Nachfahre vertriebener sephardischer Juden aus Cádiz, geboren in Istanbul. Er zählt zur türkischen Wirtschaftselite, ist einer der bekanntesten Geschäftsmänner des Landes, ein Ratgeber, auch für Politiker.

Jetzt reist ein Mann durch Deutschland, der auch schon bei Alaton Rat suchte und dessen Politik Alaton im Großen und Ganzen für richtig hält: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan strotzt vor Selbstbewusstsein bei seinem Staatsbesuch in der Bundesrepublik. Schließlich spricht der Erfolg für ihn: Die Wirtschaft der Türkei boomt, während die EU durch die Krise taumelt.

Pro Kopf beträgt die türkische Wirtschaftsleistung zwar nur rund ein Fünftel der deutschen. Aber das Land holt rasant auf. Erdogan kann auf Wachstumsraten von acht, neun Prozent verweisen, während die Bundesregierung für 2012 gerade Mal mit einem Prozent rechnet. Die Staatsverschuldung der Türkei liegt bei 41,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - im EU-Schnitt sind es rund doppelt so viel, in Ländern wie Italien weit über hundert Prozent.

Auf Platz 17 der Rangliste der größten Wirtschaftsnationen hat sich die Türkei unter Erdogan vorgekämpft. Der "Economist" nannte sie bereits das "China Europas", die Rating-Agentur Standard & Poors stufte das Land kürzlich hoch. Die Märkte glauben an den Bosporus-Boom - und auch viele junge Deutsch-Türken, die zurück in das Land ihrer Eltern und Großeltern ziehen und dort ihr Glück suchen.

Aber wie stabil ist das Wachstum wirklich? Setzt der Langzeit-Beitrittskandidat Türkei etwa an, die Wirtschaftsmächte der EU zu überflügeln? Kann die Türkei etwas, das Deutschland nicht kann? Oder handelt es sich bei Erdogan um einen ökonomischen Aufschneider - gute Zahlen, wenig dahinter?

Gestählt nach der letzten großen Krise

Alaton sitzt hinter seinem schweren Schreibtisch; aus dem Fenster blickt er auf die Bosporus-Brücke. Er lebte einst in Schweden, versteht sich als Sozialdemokrat und als Anhänger des freien Marktes. "Unternehmer müssen sich entfalten können", solche Sätze sagt er. Eine Regierung müsse transparent handeln und die Firmen motivieren können.

Deswegen ist er zufrieden mit Erdogans Politik: "Es geht in die richtige Richtung." Die Grundlagen dafür hatte zwar, das weiß auch Alaton, bereits 2001 der damalige Wirtschaftsminister Kemal Dervis gelegt, der von der Weltbank kam. Dervis schob in der letzten großen Krise Reformen an, für die ihn viele Geschäftsleute noch heute preisen: Die Banken wurden strenger überwacht, die Zentralbank wurde unabhängiger, die Privatisierung staatlicher Unternehmen vorangetrieben, das Haushaltsdefizit reduziert. Als Erdogans AKP dann an die Macht kam, setzte sie das Programm fort - und ist damit bis heute erfolgreich.

Eine konsumfreudige Mittelschicht ist seitdem herangewachsen. Und türkische Firmen, darunter Alatons Konkurrenten, bauen im In- und Ausland Hochhäuser und Brücken, sie exportieren mehr Zement als Unternehmen aus jedem anderen Land. Sie produzieren Fernseher und Kühlschränke, locken Touristen nicht nur aus Europa ins Land, sondern zunehmend auch aus dem Nahen Osten. Die Bevölkerung wächst und ist vergleichsweise jung: Das Durchschnittsalter beträgt gerade mal 28,1 Jahre - in Deutschland sind es 44,2 Jahre, so hoch wie nirgendwo sonst in der EU.

Doch das türkische Wachstum könnte sich als brüchig erweisen, auf den Boom ein Knall folgen. Sorge bereitet Ökonomen und Geschäftsleuten, darunter auch Alaton, nämlich, dass die Türkei seit Jahren mehr Güter und Dienstleistungen einführt, als sie ans Ausland verkauft - und so immer neue Schulden anhäuft.

Das Vertrauen ist längst nicht so groß wie es scheint

Die Gründe für das Handelsbilanzdefizit sind einerseits der steigende private Konsum, anderseits aber auch die Struktur der türkischen Wirtschaft: Das Land muss nicht nur Öl importieren, sondern auch viele andere Rohstoffe und Vorprodukte, um überhaupt etwas produzieren zu können. Ein solches Ungleichgewicht macht ein Land anfällig für Paniken auf den Finanzmärkten: Wenn die Investoren nervös werden und ihr Geld plötzlich abziehen, droht der Absturz. Auf einer Liste mit Schwellenländern, deren Wirtschaft zu überhitzen droht, führt der "Economist" die Türkei denn auch auf einem der vorderen Plätze.

Das Vertrauen in die türkische Wirtschaft reicht auch längst noch nicht an Deutschlands heran: Für die Türkei ist es ein Erfolg, wenn Rating-Agenturen die Anlagen dort nicht mehr als spekulativ werten. Viele EU-Staaten, auch die Bundesrepublik, gelten hingegen noch immer als absolut sicher.

Zudem hängt das Wachstum der Türkei von Europa ab. Zwar versucht Erdogans Regierung, neue Märkte zu erschließen, vor allem im Nahen Osten und in Afrika. Die Türkei öffnet Botschaften und Konsulate, um neue Kontakte aufzubauen und alte zu pflegen. Doch noch ist die EU, vor allem Deutschland, der wichtigste Handelspartner.

Patriarch Alaton ist kein glühender Verfechter von Erdogans Politik. Aber er sieht in ihm und seiner Partei die größten Chancen für die Wirtschaft. Zugleich hofft Alaton, dass die AKP sich weiter nach Europa orientiert. Es wäre ein weiterer wichtiger Schritt für die Türkei auf ihrem Weg zum stabilen Wachstum.

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insgesamt 99 Beiträge
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1. aha
fremdimgeburtsland 02.11.2011
alaton ist nicht der einzige jüdische geschäftsmann in der türkei, es gibt hunderte bis tausende vielleicht nicht so erfolgreich wie alaton, unter anderem gibt es genau soviele armenier, kurden, deutsche, araber usw die in der türkei leben, arbeiten, geschäfte machen und geld verdienen... das ist wieder einmal ein beweis dafür, das man in der türkei egal welche ethnischen herkunft erfolgreich sein kann..wenn man nur mit den türken will... aber wenn man türken hintergeht ist das schöne zusammenleben gefährdet...
2. ...
JensDD 02.11.2011
Zitat von sysopEuropa schwächelt, die Türkei wächst mit Vollgas-Tempo. Bei seinem Deutschland-Besuch tritt Ministerpräsident Erdogan nicht als Bittsteller auf, sondern als selbstbewusster Chef einer Nation, die*bereits als "China Europas" gehandelt wird. Doch wie stabil ist der Boom am Bosporus wirklich? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795281,00.html
Deutschland exportiert mehr als es importiert - die Türkei importiert mehr als sie exportiert... Damit ist doch alles gesagt - ach ja "China Europas" - wie ist doch gleich die Handelsbilanz der Chinesen?
3. Naiv.
Wigers7 02.11.2011
Ein Wirtschaftswachstum von 10% in Deutschland ist schlicht unmöglich. Klar taumelt Europa derzeit durch eine Krise, das kann man aber nicht in Verbindung setzen mit dem Wachstum in der Türkei. Auch China wächst rasant, diese Länder durchlaufen eben die Entwicklung, die Europa längst gegangen ist, dank der Globalisierung sicherlich schneller, der Boom Europas ist ja schon etwas her. Die Politik muss sich erst beweisen, wenn dieses Wachstum aufhört. Und dann können wir den Türken vielleicht mit der in Europa gewonnenen Erfahrung wieder weiterhelfen. ;-)
4. .
Christ 32 02.11.2011
ich denke der Erfolg der Türkei ist eng mit Europa verknüpft, die derzeitige politische Instabilität in Nordafrika eine Chance aber auch eine große Gefahr. Genausogut wie sie ein Wachstumsmarkt werden können ist auch ein wirtschaftlicher Zusammenbruch und Totalausfall als Handelspartner denkbar. Daneben kann eine kleine Wirtschaft wie die der Türkei mit große Wachstumsraten wachsen, ab einer gewissen Größe gehen logischerweise nur noch kleine Schritte. Deutschland ist nach dem Krieg auch schnell gewachsen den vieles war zerstört und musste neu aufgebaut werden. Ich denke unsere Kanzlerin wird den großen Erdogan mit der noch größeren Klappe unter 4 Augen auf Normalgröße zusammenstutzen.
5. Boom Türkei?
Viva24 02.11.2011
also ich sehe nur einen Transfer der Arbeit vom Niedriglohnland Deutschland in das NiedrigNiedriglohnland Türkei. Irgendwann geht ea dann wieder anders rum!
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