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Entscheidung der Schweizer Notenbank: Was Sie über die Franken-Aufwertung wissen müssen

Der Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro ist Vergangenheit. Warum hat die Schweizer Notenbank so entschieden, was bedeutet das für die Schweizer Wirtschaft, und welche Folgen hat das für die Eurozone? Die Antworten im Überblick.

Fassade der Schweizerischen Nationalbank in Bern: Wer profitiert, wer verliert? Zur Großansicht
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Fassade der Schweizerischen Nationalbank in Bern: Wer profitiert, wer verliert?

Zürich/Hamburg - Mehr als drei Jahre lang hielt die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Franken mit Euro-Käufen künstlich billig. Seit Donnerstag ist das vorbei, völlig überraschend gab die SNB ihre Politik des Mindestkurses auf - mit erheblichen Auswirkungen auf Finanzmärkte und Realwirtschaft.

Wer profitiert, wer verliert, und was hat die Notenbank konkret beschlossen? Antworten auf die wichtigsten Fragen:


Was hat die Nationalbank gemacht?

Um die eigene Währung schwächer zu machen, hat die SNB seit 2011 an den Devisenmärkten immer wieder Euro gekauft. Ihr Ziel war, dass der Euro mindestens 1,20 Franken kostet. Immer wenn für einen Euro weniger gezahlt werden musste, der Franken also stärker war, griff die Notenbank ein. Diese Politik gibt sie jetzt auf: Sie wird künftig keine Euro mehr kaufen, um den Mindestkurs für ihn zu garantieren, kündigte die SNB an.

Prompt schoss der Kurs des Franken in Höhe. Zwischenzeitlich kostete ein Euro am Tag der SNB-Entscheidung nur noch 0,85 Franken, schnell pendelte sich der Kurs Chart zeigen jedoch knapp über der Ein-Franken-Marke ein.

Die Notenbank hat sich aber noch für eine weitere Maßnahme entschieden, mit der sie die Wirkung der Franken-Aufwertung auf die Wirtschaft abschwächen will: Die Währungshüter erhöhten den Strafzins für hohe Guthaben auf Girokonten bei der Nationalbank. Wird ein bestimmter Freibetrag überstiegen, werden statt bisher 0,25 Prozent jetzt 0,75 Prozent fällig. Zugleich hält sich die Notenbank den Ankauf ausländischer Währungen offen.


Welche Folgen hat das für die Schweizer Wirtschaft?

Für die Schweizer Exportwirtschaft und den Tourismus ist die starke Währung eine enorme Belastung. Im Jahr 2013 gingen nach Angaben des Bundesamtes für Statistik 39,3 Prozent der Schweizer Exporte - zuvorderst Pharmaprodukte und Maschinen - nach Deutschland, auf Rang zwei folgten die USA und dann die Euroländer Frankreich und Italien.

Ein starker Franken verteuert die Ausfuhr der Waren und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Urlaub in der Schweiz wird für Bewohner der Eurozone hingegen erheblich teurer. Bereits in den vergangenen Jahren war die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus Europa stetig gesunken.

Die Folgen könnte auch der Schweizer Staat zu spüren bekommen - nicht allein wegen sinkender Gewinnsteuern. Zudem könnten Arbeitsplätze in den betroffenen Bereichen gefährdet sein, dadurch drohen dem Staat Verluste bei der Einkommensteuer und steigende Sozialausgaben.

Was bedeutet der Schritt für Verbraucher in der Schweiz?

Importe werden billiger, insbesondere aus dem Euroraum. Davon profitieren die Verbraucher, die weniger für Autos, Smartphones oder Benzin bezahlen müssen. Auch der ohnehin beliebte Shoppingtourismus in grenznahe Regionen im Euro-Ausland, etwa in Baden-Württemberg, wird für die Schweizer nun noch attraktiver.


Welche Folgen hat das für die Eurozone und die EU?

Nicht nur die Einzelhändler in grenznahen Regionen, auch die Exportwirtschaft etwa in Deutschland profitiert. Ihre Güter werden für die Schweizer nun erheblich billiger. Auch der Tourismussektor könnte mehr Urlauber aus der Schweiz verzeichnen. Für diese werden Reisen in die Eurozone günstiger. Dafür wird der Urlaub in der ohnehin nicht gerade günstigen Schweiz für andere Europäer nun spürbar teurer.

Insbesondere in Osteuropa sind Hunderttausende Verbraucher betroffen, die Kredite in Schweizer Franken aufgenommen hatten. Die schienen wegen niedriger Zinsen attraktiv. Nun wird die Rückzahlung für viele - auch in Nicht-Euro-Staaten wie Polen oder Kroatien - ein Problem, weil die Kreditraten auf einmal sehr viel teurer werden.


Welche Gründe führten jetzt zur Entscheidung?

Ein Faktor dürfte die aktuelle Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sein: Die Europäische Zentralbank dürfte am 22. Januar entscheiden, mit Anleihekäufen weitere Milliarden in den Markt zu pumpen. Das könnte den Euro weiter schwächen. Die SNB müsste noch mehr Euro kaufen, um den Franken schwach zu halten. Die Zentralbank habe erkennen müssen, wie schwer es ist, eine solche Marke zu halten. Nun habe sie das Ende mit Schrecken statt des Schreckens ohne Ende gewählt, so eine Einschätzung der Deutschen Bank.


Warum ist der Franken so stark?

Neben Gold gilt der Franken vielen Anlegern als "sicherer Hafen" in unsicherer Zeit. Vor allem darum kaufen Anleger die Schweizer Währung.

fdi/dpa

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insgesamt 24 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was man auch wissen sollte:
zockelbär 16.01.2015
Einige haben eine richtige goldene Nase damit verdient. http://www.zerohedge.com/news/2015-01-15/blast-recent-past-jim-grant-nails-snb-decision leider auf englisch
2. Schlußfolgerung? :
olddreamer 16.01.2015
Der Euro ist keine harte Währung mehr, wie es die DM war. Es profitiert zwar der Export Deutschlands. Importgüter aus der Schweiz werden aber unerschwinglich, ebenso wie Reisen in die Schweiz usw. Wer eine "sichere" harte Währung will, muss teuere Franken kaufen. Deutschland ist ein Weichwährungsland geworden! Das ist die Folge der EZB-Entscheidungen.
3.
freespeech1 16.01.2015
Warum hat die Schweizer Notenbank so entschieden? Ganz einfach, weil der Franken eine starke Währung ist und der Euro nicht. Warum also sollte sie weiter schwache Euro für einen zu hohen Preis mit guten Franken ankaufen?
4. Schweizer Franken frei
gantern 16.01.2015
Die Schweizer Nationalbank kauft zur Kursstützung keine Euro mehr und sofort startet der Franken seinen Höhenflug. Wenn es gut geht für die Schweizer, werden sicher auch bei uns wieder Rufe nach der DM an Fahrt gewinnen. Leider ist die, langfristig gesehen, vernünftigste Lösung einer Verschmelzung aller westeuropäischen Währungen Utopie. So bleibt auf absehbare Zeit die Welt eine Dollar-Domäne.
5. Alles warme Luft
mahrud 16.01.2015
Entscheidend für den Wert des Euro ist doch vor allem die Frage der Kaufkraft innerhalb der Eurozone, und für den durchschnittlichen Euro-Europäer ändert sich dadurch erstmal gar nichts. Die kalte Enteignung von Sparguthaben aufgrund einer zwiespältigen EZB-Politik trifft uns ungleich härter. Hätte man vor 15 Jahren offen über die Probleme gesprochen, die in der Eurozone entstanden und bereits damals nachweislich erkannt worden sind, hätte man die Einführung des Euro mindestens verzögert, wenn nicht verhindert. Bis heute sind die damals Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft, aber auch Presse und Medien nicht bereit, ihren Fehler einzugestehen, daß sie damals leichtfertig den Euro schöngeredet und die Determinanten ignoriert haben. Doch nicht nur das, man ließ auch zu, daß das Volk von dieser Entscheidungsfindung bewusst ferngehalten wurde. Es kann nicht sein, daß seitdem und immer noch jede von der "offiziellen" Meinung abweichende Haltung zum Euro als anti-europäisch, populistisch, rechtsgerichtet etc diffamiert wird. Es ist geradezu ungeheuerlich, daß angesichts der massiven Ungleichgewichte innerhalb der Union immer noch keine Exit-Strategie für bankrotte Euroländer aus dem Euro in den EU-Gesetzen implementiert worden ist. Die Aufwertung des Franken sollte daher eine unserer geringsten Sorgen sein.
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