Energiewende 2013 Ausbau des Stromnetzes kommt keinen Kilometer voran

Die Bundesnetzagentur zieht eine bittere Bilanz: Der Bau wichtiger Stromleitungen stagniert 2013 komplett, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht der Behörde. Dabei sind die neuen Verbindungen für die Energiewende unverzichtbar.

Bauarbeiten am Stromnetz: Stagnation in der ganzen Republik
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Bauarbeiten am Stromnetz: Stagnation in der ganzen Republik

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Hamburg - Der stockende Ausbau des deutschen Stromnetzes gefährdet die Energiewende. Von den 1855 Kilometern an neuen Trassen, die laut Bundesregierung rasch gebaut werden müssen, wird im laufenden Jahr kein einziger neuer Kilometer realisiert. Das geht aus dem neuen Monitoring-Bericht der Bundesnetzagentur hervor, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Der Ausbau der Netze ist nötig, um mehr Strom vom windreichen Norden in die Industriestädte im Süden zu transportieren, die besonders viel Elektrizität verbrauchen. Insgesamt 23 neue Leitungen hält die Bundesregierung für unverzichtbar, damit der Atomausstieg und die Umstellung auf eine stärkere Versorgung durch erneuerbare Energien gelingen kann. Bislang sind erst 268 Kilometer besagter Trassen im Höchstspannungs-Übertragungsnetz gebaut worden, damit sind gerade 14,5 Prozent des prioritären Netzausbaus geschafft.

"Ursprüngliches Ziel war es, einen Großteil der Vorhaben bis zum Jahr 2015 zu verwirklichen", schreibt Deutschlands oberste Regulierungsbehörde für das Stromnetz. "Bei realistischen Schätzungen ist jedoch davon auszugehen, dass bis 2016 nur etwa 50 Prozent erreicht werden."

Den Leitungsbauern läuft damit die Zeit davon. Ende 2015 soll das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld vom Netz. Es liegt südlich von Schweinfurt und produziert jährlich mehr als zehn Milliarden Kilowattstunden Strom - genug, um fast 2,9 Millionen Durchschnittshaushalte ein Jahr lang zu versorgen. Der Strom wird in den umliegenden Industriestandorten dringend gebraucht. Er muss ab 2016 aus anderen Regionen geliefert werden; doch ohne Netzausbau wird es eng in den Leitungen.

Zentral ist der Bau eines insgesamt 210 Kilometer langen Höchstspannungskabels zwischen Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) und Redwitz (Bayern). Wird dieses nicht pünktlich fertig, müsste die Stromreserve im Ausland von aktuell rund 2,5 Gigawatt auf 4,8 Gigawatt aufgestockt werden, sagte Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, am Samstag der Nachrichtenagentur dpa.

Halbherzige Bürgerbeteiligung

Der stockende Ausbau des Stromnetzes behindert auch den Umbau des deutschen Kraftwerkparks. Die großen Versorger haben bei der Bundesnetzagentur inzwischen 30 Kraftwerke zur Stilllegung angemeldet, heißt es im Monitoring-Bericht. Die Unternehmen wollen die teils sehr alten Meiler schließen, weil sie sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen. Doch in Süddeutschland wurde den Versorgern bislang die Stilllegung fünf dieser Kraftwerke verboten. Erst wenn die neuen Leitungen fertig sind, dürfen sie sie abreißen.

Homann gibt sich zuversichtlich, dass der Netzausbau schnell genug vorangeht. 2014 dürfte es deutliche Fortschritte geben, sagte er der dpa. Andere Beobachter sind skeptisch. "Das bisherige Management für den Netzausbau ist unbefriedigend", sagt Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie bei der Verbraucherzentrale NRW, SPIEGEL ONLINE.

Der Bau neuer Leitungen scheitert regelmäßig am Widerstand der Anwohner. Dutzende Bürgerbewegungen protestieren gegen die neuen Strippen, torpedieren Genehmigungsverfahren und Bauprojekte. Die Regierung will den Protest abmildern, indem sie die Bürger am Leitungsbau beteiligt. Doch entsprechende Initiativen stoßen bislang auf wenig Interesse.

"Die Finanzprodukte sind zu kompliziert, zu intransparent und zu riskant", moniert Sieverding. "Das sind Feigenblatt-Produkte. Wir haben den Eindruck, dass die Netzbetreiber kein ernsthaftes Interesse an Bürgerbeteiligungsmodellen haben. Vermutlich weil die institutionellen Geldgeber angesichts der üppigen Renditen Schlange stehen."

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Seite 1
Privatier 07.12.2013
1. Würde Strom in Deutschland wieder deterministisch statt alternativ hergestellt...
Zitat von sysopREUTERSDie Bundesnetzagentur zieht eine bittere Bilanz: Der Bau wichtiger Stromleitungen stagniert 2013 komplett, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht der Behörde. Dabei sind die neuen Verbindungen für die Energiewende unverzichtbar. Ausbau des Stromnetzes kommt keinen Kilometer voran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ausbau-des-stromnetzes-kommt-keinen-kilometer-voran-a-937811.html)
...müßte kein zusätzlicher "Kilometer wertvolle Landschaft" durch zusätzliche Leitungstrassen oder mit babylonischen Türmen als Opfer an die Götter des Windes verschandelt werden. MfG
verwunderterzeitungsleser 07.12.2013
2. Sind wir Deutschen denn völlig verrückt geworden?
Zitat von sysopREUTERSDie Bundesnetzagentur zieht eine bittere Bilanz: Der Bau wichtiger Stromleitungen stagniert 2013 komplett, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht der Behörde. Dabei sind die neuen Verbindungen für die Energiewende unverzichtbar. Ausbau des Stromnetzes kommt keinen Kilometer voran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ausbau-des-stromnetzes-kommt-keinen-kilometer-voran-a-937811.html)
Wir wollen keine AKW, keine Kohlekraftwerke, keine Wasserkraftwerke, hier und da keine Windräder und auch keine neuen Stromleitungen, denn der Strom kommt bekanntlich aus der Steckdose und die ist an oder in der Wand. Wir wollen die Umwelt schützen. Einfach großartig, was der PISA-Großmeister BRD da erreicht hat. Dazu kommt, dass sich jeder Einzelne, jedes Dorf, jede Stadt nur um sich selber kümmert und niemand Verantwortung für das ganze Land übernehmen will und Durchleitungsgenehmigungen erteilt. Einfach KLASSE - dieses Land. Vielleicht klappt es doch wieder einmal, denn der Winter beginnt ja erst - und sicher sind wir lange nicht, dass wieder einmal ein Winter wie 1978 über uns hereinbricht. Vielleicht haben wir dann einmal die Gelegenheit zu merken, wie toll es sich ohne Strom lebt. Wie werden dann die Umweltideologen toben, wenn aus den Steckdosen nichts mehr kommt.
verwunderterzeitungsleser 07.12.2013
3. Ach ja , doch noch ein Tipp!
Zitat von sysopREUTERSDie Bundesnetzagentur zieht eine bittere Bilanz: Der Bau wichtiger Stromleitungen stagniert 2013 komplett, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht der Behörde. Dabei sind die neuen Verbindungen für die Energiewende unverzichtbar. Ausbau des Stromnetzes kommt keinen Kilometer voran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ausbau-des-stromnetzes-kommt-keinen-kilometer-voran-a-937811.html)
Wir außerordentlich vielen Rentner sollten, weil wir bislang erst so um die 40 und mehr Jahre gearbeitet haben, unbedingt zur Ökobilanz beitragen, indem wir in den Nachtstunden auf Fahrradergometern zur Netzstabilisierung beitragen. Wir können doch ohnehin schlecht schlafen. Dieses Verfahren ist umweltfreundlich und geht im allgemeinen bis ind Alter von Juppi. Auch Helmut I. sollte anstatt zu rauchen lieber Fahrradergometer fahren. ;-) (Wenn Deutschland verblödet, will ich auch dabei sein.)
ir² 07.12.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSDie Bundesnetzagentur zieht eine bittere Bilanz: Der Bau wichtiger Stromleitungen stagniert 2013 komplett, heißt es in einem noch unveröffentlichten Bericht der Behörde. Dabei sind die neuen Verbindungen für die Energiewende unverzichtbar. Ausbau des Stromnetzes kommt keinen Kilometer voran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ausbau-des-stromnetzes-kommt-keinen-kilometer-voran-a-937811.html)
"Die Finanzprodukte sind zu kompliziert, zu intransparent und zu riskant", moniert Sieverding. "Das sind Feigenblatt Produkte. Wir haben den Eindruck, dass die Netzbetreiber kein ernsthaftes Interesse an Bürgerbeteiligungsmodellen haben. Vermutlich weil die institutionellen Geldgeber angesichts der üppigen Renditen Schlange stehen." Guter Witz!! Die Deutschen PV-onshore Anlagen speisen während > 50% der Zeit < 14% der installierten Leistung ein! Damit sind auch die "Windstromleitungen" genau so miserabel ausgelastet, und finanziell ein Dauersubventionskandidat. Da steht niemand Schlange, höchstens am EEG Kassenhäuschen wird mit jedem km "Windstromleitung" die Rechnung höher. Deutschland wird grün....
TheFrog 07.12.2013
5. Alle...
wollten die Energiewende. Das ließ und lässt sich super als "Etikett" an die Brust nageln. Dann kommt das große aber, weil es viel und regelmäßigen Wind eben an der See gibt, und Sonne vielleicht ein wenig mehr in Kaiser Horst´s Reich im Süden der Republik. Aber bauen wir erst einmal in hektischem Aktionismus im Windschatten von Fukushima die Windräder und machen uns dann Gedanken, wie der Strom denn transportiert wird, über welche Infrastruktur. Da gibt es Unken- und Juchtenkäferreservate, die schützenswert sind, ganz abgesehen von hunderten Bürgerinitiativen. Das kann man hier im Umland vortrefflich beobachten. Kein Mensch will neue Hochspannungsmasten vor der Haustür haben (ich auch nicht so gerne, gebe ich ja zu), um den Strom zu transportieren. Alle pflastern Ihre Dächer mit Photovoltaik zu, aber nicht aus umweltpolitischen sondern aus monetären Gründen. Was da unter dem "Siegel" der Energiewende verbrochen wird, an Natur und den Menschen, ist einfach nur eine Sauerei. Leider hat der Normale Bürger keine Möglichkeit, diesem, mit Verlaub gesagt, undurchdachtem Schwachsinn, Einhalt zu gebieten. Das Ganze erinnert mich immer so an eine Programmierer, als ich vor Jahren mal in einem Rechenzentrum gearbeitet habe. Der hat immer irgendwo einen Programmcode geändert und sich dann immer gewundert, das aufgrund veränderter Parameter das Ganze Programm dann später total abgestürzt ist. Vergleiche hinken, ich weiß, aber irgendwie sehe ich das bei der Energiewende auch so.
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