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12. Januar 2011, 16:20 Uhr

Ausbeutung

Diakonie-Heime betreiben Lohndumping à la Schlecker

Mit christlicher Wohlfahrt hat das wenig zu tun: Laut einem Pressebericht beschäftigen Diakonie-Heime Zehntausende Mitarbeiter in Zeitarbeitsfirmen - und drücken so die Lohnkosten. Mit ähnlichen Methoden sorgte schon der Discounter Schlecker für Schlagzeilen.

Hamburg - Das Wort Diakonie kommt aus dem Altgriechischen; man versteht darunter alle Dienste, die die Kirche dem Menschen erweist. Der Diakon ist in diesem Selbstverständnis der Diener. In einigen Pflegeeinrichtungen der Diakonie gilt diese Prämisse offenbar nur eingeschränkt.

Nach Angaben des "Stern" haben Häuser des evangelischen Wohlfahrtsverbands die Löhne Zehntausender Angestellter gedrückt. Viele Mitarbeiter seien in Zeitarbeitsfirmen beschäftigt und müssten dort zu niedrigeren Löhnen arbeiten als bei einem regulären Angestelltenverhältnis, berichtet die Zeitschrift.

Das Vorgehen erinnert an die Dumpingmethoden der Drogeriemarktkette Schlecker. Das Unternehmen hatte zum Beispiel Verkäufer in die Zeitarbeitsfirma Meniar ("Menschen in Arbeit") gezwungen und deren Löhne auf 6,78 Euro gedrückt. Mittlerweile hat sich das Unternehmen von seinen Methoden distanziert und Besserung gelobt.

Laut "Stern" nutzen Diakonie-Heime die unternehmenseigene Leiharbeitsfirma Dia Logistik, um neue Mitarbeiter zu den niedrigen Zeitarbeitstarifen einzustellen. Vor allem bei qualifiziertem Pflegepersonal habe das Unternehmen kräftig gespart. Nach Angaben des Magazins verdient eine ausgebildete Altenpflegerin mit zwei Jahren Berufserfahrung bei der Diakonie pro Stunde 14,28 Euro. Bei der Leiharbeitsfirma erhält sie nur 10,16 Euro - monatlich ist das ein Minus von 640 Euro.

Geschäftsführer diakonischer Einrichtungen sollen zudem zwei GmbHs gegründet haben, um gekündigte Beschäftigte zu schlechteren Konditionen wieder neu einzustellen, so der "Stern" weiter.

Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), räumte gegenüber dem "Stern" ein, dass es unter diesen Beschäftigten Probleme mit der Lohnhöhe gebe.

Der Bundesverband des Diakonischen Werks wies Anschuldigungen des Lohndumpings zurück. "Alle diakonischen Einrichtungen müssen den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Nächstenliebe aushalten", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Dabei müsse allerdings das Maß gewahrt werden. Es gelte der Appell an die Heime, nicht mehr als fünf Prozent der eigenen Belegschaft in Zweitfirmen mit niedrigeren Löhnen zu beschäftigen.

Mit insgesamt 435.000 Festangestellten zählen die Einrichtungen der Diakonie zu den größten Arbeitgebern Deutschlands. Die Heime, die die christliche Organisation betreibt, sehen sich einem immer größeren Wettbewerbsdruck durch private Anbieter ausgesetzt.

Laut Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sind acht Prozent der Diakonie-Beschäftigten ausgelagert worden. Das wären 35.000 Mitarbeiter. Michael Heinrich, der Sprecher der diakonischen Mitarbeitervertreter, geht dagegen von 75.000 Beschäftigten aus, die bei der Diakonie unter Lohndumping leiden.

Ein Diakonie-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE, die Zahl der Zeit- und Leiharbeiter werde nirgends statistisch erfasst, er könne sich daher nicht zu den unterschiedlichen Zahlen äußern.

ssu

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