Ausbildungsgehälter: Jeder vierte Azubi jobbt nebenher

Lehre plus Job - das ist für viele Auszubildende die traurige Wirklichkeit. 27 Prozent schuften nebenher. Viele, um sich etwas Luxus zu leisten, manche aber auch, weil sie sonst weder Miete noch Lebensmittel zahlen könnten: Das durchschnittliche Nettoeinkommen liegt im zweiten Lehrjahr bei 466 Euro.

Auszubildende im Modellbau: Viele jobben circa zehn Stunden pro Woche zusätzlich Zur Großansicht
dpa

Auszubildende im Modellbau: Viele jobben circa zehn Stunden pro Woche zusätzlich

Bonn - Vielen Auszubildenden reicht ihr Gehalt nicht: 27 Prozent jobben nebenher. Das zeigt eine Umfrage unter gut 6000 Azubis aus dem Jahr 2008, deren Ergebnisse das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) am Mittwoch erstmals veröffentlicht hat.

Von diesen Azubis braucht rund ein Viertel das zusätzliche Geld, weil sie sonst Miete und Lebensmittel nicht bezahlen könnten, ergab die Erhebung. 35 Prozent gaben an, mit dem Zusatzverdienst ausschließlich individuelle Wünsche zu finanzieren, 38 Prozent brauchen das Geld für beide Ziele.

Um ihr Gehalt aufzustocken, jobben die betreffenden Auszubildenden im Schnitt 9,2 Stunden pro Woche neben ihrer Lehre. 38 Prozent jobben bis zu fünf Stunden nebenher, 15 Prozent arbeiten pro Woche sogar mehr als 15 Stunden.

Die Gründe für den Wunsch nach zusätzlichem Verdienst liegen der Untersuchung zufolge häufig in dem gestiegenen Alter der Auszubildenden. Zwischen den Jahren 1993 und 2007 stieg das Durchschnittsalter von 18,5 auf 19,4 Jahre. Mit einem höheren Alter steigen nicht nur die Konsumwünsche, sondern auch der Anteil derjenigen, die das Elternhaus verlassen.

Hinzu kommt, dass viele Jugendliche für ihren Ausbildungsplatz umziehen und damit höhere Kosten für die Fahrtwege oder eine eigene Wohnung auf sich nehmen. Viele Jugendliche können sich offenbar von ihrem Ausbildungsgehalt nicht selbst finanzieren und sind daher auf Kredite, Nebenjobs, Hilfen vom Staat oder Unterstützung durch die Familie angewiesen.

Niedrige Löhne - seit Jahren

Die Höhe der Vergütung schwankt je nach Beruf erheblich: So erhielten fünf Prozent der Azubis im zweiten Lehrjahr weniger als 300 Euro netto im Monat. Bei 93 Prozent der Jugendlichen waren es zwischen 300 und 700 Euro und bei nur zwei Prozent mehr als 700 Euro. Generell gilt: Je größer der Betrieb, desto mehr verdienen die Auszubildenden.

Besserung ist kaum in Sicht: "Die Ausbildungsvergütung ist in den letzten Jahren eher moderat gestiegen", sagt Neumann. Er führt dies auf die verschlechterte Ausbildungsplatzsituation zurück: "Angebot und Nachfrage waren nicht im Gleichgewicht." Die Kosten, die den Betrieben durch Lehrlinge entstehen, würden die Gehälter zusätzlich drücken. "In Deutschland tragen die Betriebe Nettokosten, wenn sie ausbilden", sagt Michael Neumann vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln..

Viele Azubis sind mit ihrer Vergütung unzufrieden. 67 Prozent finden, sie hätten mehr verdient, als sie bekommen. Ein Viertel hält seine Bezahlung für "gerade richtig". Nur knapp ein Zehntel der vom BIBB Befragten schätzt die Vergütung als "sehr gut" ein.

Die Unzufriedenheit mit dem Gehalt hängt laut BIBB stark damit zusammen, wie die Azubis die eigene Arbeit bewerten. Die meisten Azubis im zweiten Lehrjahr glauben, viele Aufgaben schon so gut und schnell zu erledigen wie fertig ausgebildete Kollegen. Weil der Unterschied zur Entlohnung von Fachkräften meist spürbar ist, wächst die Enttäuschung über das Ausbildungsgehalt.

Andererseits rechnen es Auszubildende ihrem Betrieb positiv an, wenn er eine qualitativ gute Ausbildung bietet. In diesem Fall sind sie auch mit einer eher geringen Vergütung zufrieden.

lgr/dpa

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Ach ja, der Titel, der Titel ....... wo war er doch gleich?
unterländer 17.06.2010
Zitat von sysopLehre plus Job - das ist für viele Auszubildende die traurige Wirklichkeit. 27 Prozent schuften nebenher. Viele, um sich etwas Luxus zu leisten, manche aber auch, weil sie sonst weder Miete noch Lebensmittel zahlen könnten: Das durchschnittliche Nettoeinkommen liegt im zweiten Lehrjahr bei 466 Euro. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,701244,00.html
Wenn man sich etwas Luxus leisten will und nebenher jobbt - ich find's toll, beweist das doch, dass viele Jugendlichen eben NICHT so arbeitsscheu sind wie vielfach dargestellt. Wenn beklagt wird, dass man sich von einem durchschnittlichen Azubigehalt mittlerweile keine eigene Wohnung mehr leisten kann, dann frage ich mich, wo der Kritiker lebt. Wann war das in Deutschland jemals möglich?
2. wsd
Juergen Wolfgang 17.06.2010
Zitat von unterländerWenn man sich etwas Luxus leisten will und nebenher jobbt - ich find's toll, beweist das doch, dass viele Jugendlichen eben NICHT so arbeitsscheu sind wie vielfach dargestellt. Wenn beklagt wird, dass man sich von einem durchschnittlichen Azubigehalt mittlerweile keine eigene Wohnung mehr leisten kann, dann frage ich mich, wo der Kritiker lebt. Wann war das in Deutschland jemals möglich?
Gebe ich ihnen völlig recht zu meiner Zeit war man zuhause bei mutter ich habe mit 14 - 17 gelernt da war ich noch gar nicht geschäftsfähig einen Mietvertrag zu unterschreiben und die welche eben mit 25 oder älter anfangen eine Lehre zu beginnen... die solten sich fragen welch Unternehmen auch so viel geld mit lehrlingen verdient um diese besser bezahlen zu können. Produktiv können Lehrklinge gar nicht sein. selbst im 3. lehrjahr nur beschränkt
3. Ja, und??
dipl_arch 17.06.2010
Was ist denn daran so schlimm? Wärend des Studiums habe ich nebenher gejobbt und zwar richtig viel. Jetzt, lange nach meinem Studium ist es genauso. ich arbeite Fulltime in meinem diplomierten Beruf und bin gezwungen noch etwas mehr zu machen. Also .... es ist nur realistisch. Weiter so.
4. Wohngeldanspruch?
SBasker 17.06.2010
Zitat von unterländerWenn man sich etwas Luxus leisten will und nebenher jobbt - ich find's toll, beweist das doch, dass viele Jugendlichen eben NICHT so arbeitsscheu sind wie vielfach dargestellt. Wenn beklagt wird, dass man sich von einem durchschnittlichen Azubigehalt mittlerweile keine eigene Wohnung mehr leisten kann, dann frage ich mich, wo der Kritiker lebt. Wann war das in Deutschland jemals möglich?
Man muss aber auch bedenken, dass ein Job nebenher hohe zeitliche und kräftemäßige Anforderungen stellen kann, unter denen dann die Ausbildung leidet. Übersicht von mehr als 100 Stellenbörsen (http://www.plantor.de/2010/uebersicht-von-mehr-als-100-stellenboersen-im-2wid-webkatalog/). Haben volljährige Auszubildende mit eigener Wohnung eigentlich einen Wohngeldanspruch?
5. wsd
Juergen Wolfgang 17.06.2010
Zitat von dipl_archWas ist denn daran so schlimm? Wärend des Studiums habe ich nebenher gejobbt und zwar richtig viel. Jetzt, lange nach meinem Studium ist es genauso. ich arbeite Fulltime in meinem diplomierten Beruf und bin gezwungen noch etwas mehr zu machen. Also .... es ist nur realistisch. Weiter so.
Was hat das mit einer Lehre zu tun studieren und eine Lehre sind ja mal grundverschiedenes. Die Lehre macht man im Betrieb oder beim Handwerksmeister
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Azubis: Tops und Flops bei der Bezahlung

Was Azubis Realität ist
Unbezahlte Überstunden
Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.
Fachfremde Tätigkeiten
Besonders in kleineren Betrieben müssen Lehrlinge laut dem DGB-Ausbildungsreport oft Dinge erledigen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. In Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern sagt demnach jeder fünfte Lehrling (19,4 Prozent), dass ihm "häufig" oder "immer" solche Aufgaben übertragen werden. In Betrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern sagt das nur etwa jeder 15.(6,5 Prozent).
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Lehrstellen-Bewerber: Firmen klagen über Gammel-Azubis

Arme Azubis: Tricks gegen leere Taschen
Kein Auskommen mit dem Einkommen?
Auszubildende werden je nach Lehrberuf völlig unterschiedlich bezahlt - und oft können sie mit dem Geld nicht über die Runden kommen. In manchen Fällen springt der Staat ein.
Kindergeld
Für einen Lehrling - auch wenn er nicht mehr bei den Eltern wohnt - zahlt der Staat Kindergeld. Die Familienkasse der Arbeitsagentur überweist pro Monat 184 Euro, für das dritte Kind 190 Euro und jedes weitere Kind 215 Euro. Wenn der Azubi wenig verdient und die Eltern nichts zum Unterhalt beisteuern, steht das Geld dem Azubi zu: Auf Antrag bei der Familienkasse fließt es direkt aufs eigene Konto.

Das Kindergeld entfällt aber ab einem bestimmten Einkommen, die Grenze liegt bei 667 Euro monatlich; nach einem Gerichtsurteil vom Mai 2005 können die Sozialabgaben davon abgezogen werden.
Ausbildungsbeihilfe
Gegen Ebbe im Geldbeutel hilft auch die Berufsausbildungsbeihilfe, kurz BAB. Diesen Zuschuss kann man ebenfalls bei der Arbeitsagentur beantragen. Allerdings gibt es die Beihilfe in der Regel nur für Erstlehrlinge. Abbrecher oder Umschüler haben nur in Ausnahmefällen eine Chance. Zudem werden für eine Gewährung des BAB das eigene Einkommen, das der Eltern und ebenso das des Lebenspartners durchleuchtet.
Wohngeld
Wer bei der Ausbildungsbeihilfe leer ausgeht, weil die Arbeitsagentur "dem Grunde nach" Einwände erhebt, hat immer noch die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. Das ist kein Almosen des Staates; erfüllt man die Voraussetzungen, gibt es darauf einen Rechtsanspruch. Jede Gemeinde wartet mit einer Wohngeldstelle auf - wer die eigene Miete nicht zahlen kann, erhält hier einen Zuschuss.
Nebenjob
Ein Nebenjob lohnt sich für den, der günstige Arbeitszeiten hat und fit für das "Mehr" an Arbeit ist. Die sinnvollste Lösung ist ein 400-Euro-Job: Dabei werden weder Sozialabgaben noch Steuern fällig - alles wandert in die eigene Tasche. Nur der Arbeitgeber zahlt in die Sozialkassen ein. Doch Vorsicht: Wenn der Zweitjob zu sehr ermüdet und die Tätigkeiten in der eigentlichen Berufsausbildung schmälert, darf der Chef den Nebenverdienst verbieten.