Ausbleibender Monsun Dürre bedroht Indiens Wirtschaft

Der Monsun bleibt aus, Bauern befürchten Missernten und Wassermangel: Indiens Wirtschaft droht neues Ungemach. Die Dürre bremst den Aufschwung nach der Krise, nun werden auch noch Nahrungsmittel knapp. Die Regierung erwägt, die staatlichen Lebensmittellager zu öffnen.

Von , Islamabad


Islamabad - Ram und Sita wirken unglücklich an ihrem Hochzeitstag, ebenso Raja und Rani: Verängstigt hocken sie da und geben keinen Laut von sich. Die Brautpaare sind Frösche, so groß wie kräftige Männerhände. Immer wieder wird von solchen Froschvermählungen in den ländlichen Regionen in Indien berichtet, in Bundesstaaten wie Maharashtra, Andhra Pradesh oder Assam. Die Bauern geben für die Feste viel Geld aus, schmücken ein Hochzeitsauto und feiern mit großem Mahl.

Bauern nahe Agartala: Ganze Ernten drohen auszufallen
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Bauern nahe Agartala: Ganze Ernten drohen auszufallen

Was skurril klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Die Froschhochzeiten sollen nach Hindu-Tradition den Regengott gnädig stimmen. Nach dem längsten und heißesten Sommer seit Jahrzehnten nimmt die Trockenzeit einfach kein Ende. Üblicherweise dauert die Monsunsaison auf dem Subkontinent von Anfang Juni bis Ende September. In dieser Zeit füllen sich die Wasserreservoirs, die Flüsse und Seen - der Monsun ist die wichtigste Wasserquelle überhaupt.

Doch in diesem Jahr ergoss sich der Regen bislang viel zu selten über das Land. Nach Angaben des Meteorologischen Instituts in Neu-Delhi liegen die Niederschläge 29 Prozent unter dem üblichen Durchschnitt. In manchen Regionen hat es im August nicht einmal ein Drittel so viel geregnet wie üblich.

Eine anhaltende Dürre dürfte Indiens Wirtschaftswachstum empfindlich bremsen. Zwar ist die Industrieproduktion nach Regierungsangaben im Juni um 7,8 Prozent gewachsen. In diesem Jahr allerdings, könnte der Monsun "einigen Einfluss" auf das Wachstum haben", sagt Montek Singh Ahluwalia, der Vizechef der Planungskommission, jener mächtigen Institution, die Indiens wirtschaftliche Fünfjahrespläne formuliert.

Analysten beziffern den Einfluss der Dürre konkreter: Wenn es schlecht läuft, heißt es, wachse Indiens Wirtschaft in diesem Jahr nur um fünf statt um acht bis neun Prozent, weil die Menschen weniger Geld zur Verfügung hätten. Der Grund: Die Bauern würden weniger verdienen, und die Konsumenten könnten weniger konsumieren, da sie mehr für Lebensmittel ausgeben müssten.

Verzweifelte Bauern nehmen sich das Leben

Indien, in der Welt bekannt als IT-Nation, ist in erster Linie noch immer eine landwirtschaftlich geprägte Ökonomie: Nach Regierungsangaben arbeiten knapp 60 Prozent der indischen Bevölkerung im Agrarsektor. Dabei trägt die Landwirtschaft nach Angaben der Weltbank weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei.

Die Folge: Die Landbevölkerung verarmt, muss sich bei skrupellosen Geldverleihern verschulden und gerät in eine zusehends ausweglose Lage. Die Zeitungen sind voll von Berichten über die dramatische Situation der Bauern. Und über junge Kerle, die ihre Familien nicht mehr durchbringen können und den einzigen Ausweg im Schlucken von Rattengift sehen.

Jetzt nimmt die Zahl der Selbstmorde wieder zu, da mit dem Regen in diesem Jahr die Ernte auszubleiben droht. Finanzminister Pranab Mukherjee hat 161 Distrikte offiziell zu Dürregebieten erklärt, die Bauern dort hoffen auf staatliche Hilfe. In anderen von Trockenheit betroffenen Gebieten fühlen sich die Menschen vergessen - wie im Distrikt Bundelkhand in Zentralindien, wo sich im Dorf Lalitpur ein 32-jähriger Bauer das Leben nahm, weil er seine Ernte durch die Hitze vernichtet sah.

Etwa die Hälfte der Ackerflächen ist von Regenwasser abhängig, sagt ein Sprecher des indischen Landwirtschaftsministeriums. Die Bewässerung mit Grundwasser werde immer schwieriger, weil der Pegel in Folge des ausbleibenden Monsuns deutlich abgesunken sei. Forscher der US-Raumfahrtbehörde Nasa bestätigten das kürzlich anhand von Satellitenbildern.

Sie wiesen aber auch darauf hin, dass der exzessive Wasserverbrauch in den vergangenen Jahren - insbesondere die Bewässerung von Ackerflächen - ebenfalls zum Absinken des Pegels geführt habe. Viele Millionen Menschen müssten nun mit Trinkwasserknappheit rechnen.

Auch die Vereinten Nationen warnten im Frühjahr vor einem zu hohen Wasserverbrauch. Und Agrarminister Sharad Pawar erklärte, der wasserintensive Anbau von Reis, Hauptnahrungsmittel in Indien, sei um knapp ein Drittel gesunken. Tatsächlich steigen die Lebensmittelpreise bereits, Indien muss inzwischen sogar Zucker einführen, da die im Land produzierte Menge nicht mehr ausreicht.

Verzweifelter Kampf gegen die Dürre

Die Politik flüchtet in zum Teil verzweifelte Ratschläge, manche Provinzregierung rät den Menschen, für Regen zu beten oder Regentänze aufzuführen. Zeitungsberichten zufolge versuchen Wissenschaftler im Auftrag der Regierung außerdem, Regen künstlich herbeizuführen, indem sie Wolken mit Chemikalien besprühen.

Premierminister Manmohan Singh berief kürzlich einige seiner Minister ein, um einen Notfallplan auszuarbeiten. Landwirtschaftsminister Pawar kündigte an, man werde noch diese Woche entscheiden, ob staatliche Lebensmittelvorräte in den Markt gegeben würden, um den Preissteigerungen entgegenzuwirken. Die Lager seien, dank guter Ernten in den vergangenen Jahren, gut gefüllt. Indien verfügt wegen häufiger Erfahrungen mit Dürre und Hungersnöten über große Getreidespeicher. Derzeit werden nach Angaben des Agrarministeriums etwa 20 Millionen Tonnen Reis und 30 Millionen Tonnen Weizen gelagert. Notfalls müsse man auch die künstliche Bewässerung erhöhen, schlägt die Regierung vor - obwohl Nasa-Experten genau davor warnen.

Die Bauern hoffen indes weiter auf Regen. "Wir beten, dass sich in den kommenden Tagen noch etwas tut", sagt ein Landwirt im Dorf Nangal Chaudhary, etwa drei Autostunden von Neu-Delhi entfernt. "In den vergangenen Tagen hat es ja wenigsten ab und zu geregnet. Bis zum Ende der Monsunsaison sind es noch eineinhalb Monate. Wir geben die Hoffnung noch nicht auf."

Pradhan Parth Sarthi, Klimaforscher am Energie- und Rohstoffinstitut Teri in Neu-Delhi, sieht vor allem die Bundesstaaten im "Reisgürtel" - Bihar, Orissa und West Bengalen - von Dürre bedroht. "Ich kenne ein Dorf, in dem es in diesem Sommer noch keinen einzigen Tropfen geregnet hat. Alle Brunnen sind trocken, das Trinkwasser muss aus anderen Gegenden geholt werden. Wenn nicht bald der Regen einsetzt, vertrocknen die Samen."



insgesamt 96 Beiträge
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Compact007 15.04.2009
1. Indian
in Indien passiert viel, hat viel Potential, eine sehr große Wirtschaftsmacht zu werden. Die jungen Leute sind nicht meist nicht mehr so verbohrt wie die ältere Generation, was das Kastensystem angeht. Sicherlich, eine Hochzeit eines Paares aus grundverschiedenen Kasten wird immer noch nicht gerne gesehen, aber zumindest macht man Geschäfte untereinander und arbeitet zusammen. Die Gefahr sehe ich in der Korruption und daß die Religionen nun angefangen haben, sich untereinander zu bekriegen. War früher undenkbar, da haben die Hindus, Moslems, Christen etc friedlich zusammengelebt.Das wird der Knackpunkt sein, den Indien bewältigen muß. Und natürlich muß dringend mit langfristigem Umweltschutz angefangen werden, sonst kann man den ganzen Quark mit asiatischer Großmacht vergessen (China wird auch noch an seinem Dreck ersticken)
rkinfo 15.04.2009
2.
Zitat von Compact007in Indien passiert viel, hat viel Potential, eine sehr große Wirtschaftsmacht zu werden. Die jungen Leute sind nicht meist nicht mehr so verbohrt wie die ältere Generation, was das Kastensystem angeht. Sicherlich, eine Hochzeit eines Paares aus grundverschiedenen Kasten wird immer noch nicht gerne gesehen, aber zumindest macht man Geschäfte untereinander und arbeitet zusammen. Die Gefahr sehe ich in der Korruption und daß die Religionen nun angefangen haben, sich untereinander zu bekriegen. War früher undenkbar, da haben die Hindus, Moslems, Christen etc friedlich zusammengelebt.Das wird der Knackpunkt sein, den Indien bewältigen muß. Und natürlich muß dringend mit langfristigem Umweltschutz angefangen werden, sonst kann man den ganzen Quark mit asiatischer Großmacht vergessen (China wird auch noch an seinem Dreck ersticken)
Nicht vergessen - Indien zählt zu den Ländern mit den meisten hungernden Kinder der Erde (ok, angeblich liegt dies am Biosprit in NRW, vielleicht aber auch anders). Umweltschutz, aber auch gezielt geförderter Biosprit wird in einem Land der Kasten und der Korruption noch auf Jahrzehnte problematisch sein. Aber Indien wird bald in Wassermangelsituationen geraten, was schwere erste innenpolitische Destabilisierungen bringen wird. Und der nächste Ölpreisschock wird Indien ebenfalls brutal treffen. ABER, früher war die Lage schlimmer für das Land.
mavoe 15.04.2009
3. Kastensystem
80% der Inder sind Hindus. Diese Weltsicht kann man irgendwie vergleichen mit der unserer "alten Griechen". 30% der indischen Bevölkerung sind "Nebensache", Armut ohne Ende, und Subsistenzwirtschaft halten die vielleicht noch am Leben, oder auch nicht, oder Bettlertum. Sikhs oder Muslime oder Parsen sind da, nach meinem Eindruck, "besser" dran. Ich bitte Sie, um Shivas willen jetzt hier keine Grundsatzdiskussion über Indien zu eröffnen. Was Gandhi versucht hat kann kein Mensch auf der Welt nochmal versuchen, aussichtslos! Indien muss man kulturmäßig versuchen zu verstehen, aber nicht politisch. Ich war mal 1 Jahr in Indien...
Michael Giertz, 15.04.2009
4.
Zitat von sysopIndien wählt von Mitte April bis Mitte Mai eine neue Regierung - wohin steuert die südasiatische Wirtschaftsmacht?
80% der Inder gehören zu den Armen, die mit ungefähr 2 Dollar am Tag auskommen müssen, d.h. dort vereint sich das volkswirtschaftliche Vermögen zum großen Teil auf wenige zehntausend Köpfe in der Oberschicht, gefolgt von einer nicht gerade breiten Mittelschicht. Es ist, selbst wenn der Wille in der Regierung da wäre, die Armut zu bekämpfen, schlichtweg unmöglich, den Armen dieselbe Lebensqualität zu gewähren, wie etwa der unteren Mittelschicht: dazu fehlt es an allem: Infratstruktur, Nahrung, Wohnraum. Im Prinzip ist Indien einfach zu stark bevölkert. Hinzu kommt auch das Kastenwesen, welches dazu auffordert, regelrecht verpflichtet, dass die Leute denjenigen Berufen nachgehen, die der Kaste entsprechen. Die Armut ist eben auch Ergebnis des Kastenwesens, nicht nur des mangelnden Willens der Oberen, etwas daran zu ändern. Kurzum: Indien, aber genau wie China, wird noch eine Weile boomen, und zwar bis zur nächsten Krise, etwa wenn Öl knapp wird. Doch beide Länder haben das Problem der Überbevölkerung und der schlichten Unmöglichkeit, dass der Wohlstand niemals alle Bevölkerungsschichten erreichen kann, einfach weil die Wirtschaftsstärke beider Länder allein auf dem unerschöpflichen Reservoir billiger Arbeitskräfte basiert.
Softship 15.04.2009
5.
Zitat von Michael Giertz80% der Inder gehören zu den Armen, die mit ungefähr 2 Dollar am Tag auskommen müssen, d.h. dort vereint sich das volkswirtschaftliche Vermögen zum großen Teil auf wenige zehntausend Köpfe in der Oberschicht, gefolgt von einer nicht gerade breiten Mittelschicht. Es ist, selbst wenn der Wille in der Regierung da wäre, die Armut zu bekämpfen, schlichtweg unmöglich, den Armen dieselbe Lebensqualität zu gewähren, wie etwa der unteren Mittelschicht: dazu fehlt es an allem: Infratstruktur, Nahrung, Wohnraum. Im Prinzip ist Indien einfach zu stark bevölkert. Hinzu kommt auch das Kastenwesen, welches dazu auffordert, regelrecht verpflichtet, dass die Leute denjenigen Berufen nachgehen, die der Kaste entsprechen. Die Armut ist eben auch Ergebnis des Kastenwesens, nicht nur des mangelnden Willens der Oberen, etwas daran zu ändern. Kurzum: Indien, aber genau wie China, wird noch eine Weile boomen, und zwar bis zur nächsten Krise, etwa wenn Öl knapp wird. Doch beide Länder haben das Problem der Überbevölkerung und der schlichten Unmöglichkeit, dass der Wohlstand niemals alle Bevölkerungsschichten erreichen kann, einfach weil die Wirtschaftsstärke beider Länder allein auf dem unerschöpflichen Reservoir billiger Arbeitskräfte basiert.
Es ist etwas oberflächlich, Rupieneinkommen in Dollar umzurechnen um die Armut die Leute darzustellen. Ja, das Durschnittsjahreseinkommen in Indien ist rund INR 35000, also $2 / Tag. Aber damit kann man in Indien wohnen, sich einkleiden und täglich 3 Mahlzeiten essen, in Europa eben nicht. In Indien ist "Armut" als unter 1/5 von dem angesiedelt. Der Wechselkurs wird künstlich etwas schräg gehalten, damit der Export von Gütern und Arbeitskräften funktioniert. In Indien versteht man teils was anderes unter Lebensqualität als wir es tun. Bitte nehmen Sie nicht an, dass Inder unbedingt so leben wollen wie wir. Besonders in Sachen Wohnraum kriegen die meisten Inder das Schütteln wenn Sei sehen, wie wir wohnen. So stark Überbevölkert ist Indien auch nicht: Im Vergleich Indien 349 Einwohner pro km², England 377 Einwohner pro km². Die Kasten haben auch Vorteile. Für uns ist das etwas fremd, aber es führt dazu, dass die Menschen nicht vereinsamen wie wir es in unserer ach so modernen Gesellschaft tun.
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