Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ausstieg aus Kernkraft: Schwerer Abschied von der Atomrepublik

Von

Raus aus der Kernkraft! Über diesen Kurs sind sich alle Parteien einig. Doch damit die Vision wahr wird, ist eine radikale Wende nötig, mit weitreichenden Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Deutschland braucht den ganz großen Energiekonsens - eine Skizze, wie dieser aussehen könnte.

Energiewende-Demo vor dem Brandenburger Tor: Schwieriger Atomkonsens Zur Großansicht
DPA

Energiewende-Demo vor dem Brandenburger Tor: Schwieriger Atomkonsens

Hamburg - Schneller, strenger, konsequenter: Im politischen Berlin läuft ein spektakuläres Wettrennen. Fünf Parlamentsparteien versuchen sich gegenseitig mit Ankündigungen zur Atompolitik zu überbieten. Egal ob Wirtschafts-Falke oder Oberöko - jeder will der größte AKW-Ausknipser sein.

Doch um aus der Kernenergie auszusteigen, reicht es bei weitem nicht, dass alle beteuern: "Wir wollen raus!" Der Atomausstieg erfordert einen Umbau historischen Ausmaßes. Es bedarf einer Weiterentwicklung der Energieversorgung, die die Fundamente der deutschen Gesellschaft verändert. Nötig sind:

Der geplante Umbau des Energiesystems zwingt Stromkonzerne und Industrien mit hohem Elektrizitätsverbrauch zu neuen Strategien; drängt die Parteien zu neuen Koalitions-Planspielen; auch wird die Energierevolution dem Bürger finanzielle Opfer abverlangen, ehe sie sich später bezahlt macht.

Vom Atomkonsens zum Energiekonsens

Das alles erfordert einen neuen Energiekonsens. " Atomkraft - nein danke!" reicht nicht. In den Köpfen der Menschen muss mehr bewegt werden. Möglichst viele müssen das Ausmaß der nötigen Änderungen begreifen. Kanzlerin und Umweltminister warben am Wochenende schon mal in Interviews für das große Ganze.

Sie werden noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn die Republik steht vor einer Debatte, die mindestens ebenso kompliziert ist wie der Weg zum sogenannten Atomkonsens, den Rot-Grün am 14. Juni 2000 verkündete. Damals einigten sich die Regierung und die vier großen Energieversorger auf einen Zeitplan für den Ausstieg aus der Atomenergie bis Anfang der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts - gegen den Willen von CDU, CSU, FDP, gegen den Willen zahlreicher Unternehmen und eines Teils der Gesellschaft.

Der Beschluss war spektakulär genug, ein Konsens aber war er nur bedingt. Am Ende reichte es trotzdem für ein Atomausstiegsgesetz.

Fotostrecke

8  Bilder
Grafiken: Deutschlands Energiewirtschaft
Jetzt, elf Jahre später, steht Deutschland erneut am Wendepunkt. Und es stellt sich die Frage, wie groß der gesellschaftliche Konsens dieses Mal sein muss. Reicht es, dass sich Regierung und Energieunternehmen irgendwie einigen? Oder scheitert die Umstellung auf erneuerbare Energien dann letztlich an Bürgerprotesten gegen Windräder, Stromleitungen und eine zu teure Förderung der Solarenergie?

Wie stehen die Chancen, dass die Energiewende, für die der Atomausstieg nur ein Baustein von vielen ist, gelingen kann? Ist ein breiter Energiekonsens in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft möglich? Eine Übersicht der Konfliktlinien.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 324 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ausstieg
alaxa 03.04.2011
Zitat von sysopRaus aus der Kernkraft! Über diesen Kurs sind sich alle Parteien einig. Doch damit die Vision wahr wird, ist eine radikale Wende nötig, mit weitreichenden Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Deutschland braucht den ganz großen Energiekonsens - eine Skizze, wie dieser aussehen könnte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,754757,00.html
Ich bin auch für einen Ausstieg. Aber nur, wenn die Kraftwerke und die Stromleitungen in staatlicher Hand sind. Dann zahle ich auch gern etwas mehr für Strom. Bleibt die Frage nach den Reaktoren in unseren Nachbarstaaten. Letztlich ist alles eine Frage der Windrichtung...
2. Eben!
dr.épernay-boiler 03.04.2011
Und wenn man dann noch den letzten Punkt der Schwarzkästchenreihe nach vorne setzt "eine energieeffizientere Wirtschaft", dann benötigt man viele vermeintlich signifikant großen Ersatzkapazitäten gar nicht erst.
3. nene
donbernd, 03.04.2011
Also so wird das nicht funktionieren, denn die Menschen werden dies schlicht und ergreifend nicht mitmachen. Monokulturen bzg. Biomasse führen nachweisslich zu Erosionen am Boden , und nebenbei muss eine autonome Nahrungsversorgnung für den Notfall sichergestellt sein. Von Nahrungsmittelimporten abhängig zu sein ist die ultimative Abhängigkeit, gepaart mit Erpressbarkeit durch andere Staaten. In Zeiten von immer weiter zunehmenden Naturkatastrophen wäre dieser Weg geradezu verheerend , und nach der ersten globalen Missernte wäre dieser Unsinn eh vom Tisch Bereits jetzt schon sind weite Landstriche mit Windrädern zugepflastert, es reicht Deutschland hat nicht soviel Fläche um 229 Personen pro Quadratkilometer mit Windrädern versorgen zu können. Solar kann man ausbauen, da spricht nichts gegen. Wenn man den Stromverbrauch massiv senken will muss man die Überbevölkerung hier im Land auf ein erträgliches Mass drücken , defacto Einwanderng jedweder Art beenden , auch wenn der Industrie dann Arbeitssklaven fehlen.
4. ...
LouisWu 03.04.2011
Zitat von sysopRaus aus der Kernkraft! Über diesen Kurs sind sich alle Parteien einig. Doch damit die Vision wahr wird, ist eine radikale Wende nötig, mit weitreichenden Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Deutschland braucht den ganz großen Energiekonsens - eine Skizze, wie dieser aussehen könnte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,754757,00.html
Immer, wenn sehr große Geldströme in Bewegung gesetzt werden, macht sich Goldgräberstimmung breit. Es wäre sogar möglich, dass in der Anfangsphase mehr Jobs entstehen (für die, die zufällig die richtige Ausbildung haben und eigentlich jetzt schon knapp sind), als durch die veränderten Bedingungen und Kosten für die Industrie wegfallen. Aber irgendwann sind die Windmühlen, Solarpanels und Stromleitungen gebaut. Dann sind diese Arbeitskräfte überflüssig, und zusätzlich sind die alten, energieintensiven auch weg. Ich würde jetzt die übliche "wer soll das bezahlen"-Frage stellen, wenn ich nicht die Antwort schon wüßte: Es wird (mindestens) eine heftige Sondersteuer geben, die überwiegend von den paar Leuten bezahlt werden wird, die noch einen ordentlich bezahlten Job haben. Also im Moment noch von mir. Aber nicht mehr lange, dann klinke ich mich aus, denn Rentner sind mit Sicherheit ausgenommen. Die wissen nämlich noch, wie man richtig böse werden kann...;-) P.S. Die "Sondersteuer" wird natürlich nur auf begrenzte Zeit eingeführt. So wie der "Soli". Und die Sektsteuer.
5. Und man muss deutliche Grenzen ziehen....
granitfindling 03.04.2011
....und die Verbraucher eben auch einbeziehen: - vorzeitige und schnelle Abschaltung aller Stromspeicheröfen, auch in privaten Häusern - Obergrenzen für Haushaltsgroßverbraucher, die in den Handel gebracht werden dürfen. Es geht nicht weiter an, das der Flachbildschirm auf der Titelseite des "geilsten" Prospektes doppelt soviel Strom verbraucht wie die nur wenig teureren Geräte auf den Innenseiten. Das gilt auch für Kühlgeräte und PCs/Bildschirme. - die gleichen Deutschen, die noch vor kurzem 100 Watt Glühbirnen gebunkert haben, würden das auch jetzt wieder bedenkenlos zum Stammtisch-Thema machen? Wenn ihnen die Leuchtstofflampen nicht zusagen, sollten Sie besser LED-Lampen kaufen. Leider ist der Verbraucher im Punkt energieeffiziente Geräte noch immer sehr unmündig, man muss daher gesetzliche Grenzen ziehen und ineefiziente Geräte aus dem Verkaufsbereich verbannen. Den Stand der Technik kann man immer wieder anpassen und bitte ohne falsche Rücksichtnahme. Bei Autos macht man das auch, warum nicht bei elektrischen Verbrauchern?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr im SPIEGEL

Vote
Hand aufs Herz

Würden Sie für einen schnelleren Atomausstieg mehr zahlen?

Atomkraft in Deutschland
Leistung älterer Kernkraftwerke
Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke
Kraftwerk Betriebs-
start
Defekte Netto-
leistung
in MW
Brunsbüttel 1977 80 771
Isar 1 1979 44 878
Neckarwestheim 1 1976 47 785
Philippsburg 1 1980 39 890
Biblis A 1974 66 1167
Biblis B 1976 78 1240
Unterweser 1978 49 1345
Gesamt 7076
Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie
Umsätze Altreaktoren
Durchschnittliche Jahresstromproduktion und Gesamtumsatz Altreaktoren
Kraftwerk Leistung in MW Produktion in TWh
Biblis A 1167 8,1
Neckarwestheim 1 785 5,4
Biblis B 1240 8,6
Brunsbüttel 771 0,0 (nicht am Netz)
Isar 1 878 6,1
Unterweser 1345 9,3
Philippsburg 1 890 6,1
Gesamt 7076 43,6
Jahresumsatz gesamt in Mio. € 2310
Quelle: Energiekonzerne, Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz; Berechnungen: Wolfgang Pfaffenberger. Ausgegangen wird von einer Jahresproduktion von 6900 Volllaststunden und dem Grundlastpreis vom 15.3.11 (53 Millionen Euro pro Terawattstunde).
Reststrommengen der Altmeiler
Reststrommengen der Altmeiler
Kraftwerk Reststrom 1. Januar 2011 Reststrom aktuell*
Biblis A 4305 3332
Biblis B (in Revision) 4961 7490
Neckarwestheim I 188 0
Brunsbüttel (nicht am Netz) 10999 10999
Isar 1 3585 2276
Unterweser 13572 11344
Philippsburg 1 9869 8518
Gesamt 43959
 
Umsatzpotential in Mio. € 2329
Quellen: Bundesamt für Strahlenschutz, VGB. * Eigene Berechnungen (Reststrom 1. Januar 2011 minus [Jahreswert 2010 geteilt durch 12 mal 2,5 Monate]). Die Tabelle gibt die Reststrommengen ohne die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung wieder.

Interaktiv
Interaktiv: Atomkraft und Strom weltweit

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: