Autoindustrie 2019 Jetzt rächt sich die Trägheit

Die Ignoranz von VW, Daimler und BMW gegenüber den Anforderungen der Zukunft hat die deutschen Autobauer im internationalen Wettbewerb geschwächt. Jetzt geraten sie durch externe Belastungen zusätzlich unter Druck.

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Man kennt das aus der Schule: Wochenlang gibt es Wichtigeres als den Stoff für die nächste Prüfung. Und dann, wenn kaum noch Zeit zum Lernen bleibt, verhindern etwa Fieber und mächtige Kopfschmerzen jeden Gedanken an Vokabeln oder Formeln.

Im Prinzip ganz ähnlich ergeht es derzeit der deutschen Autoindustrie. Die selbst verschuldeten Probleme beherrschen in Wolfsburg bei Volkswagen, in München bei BMW oder in Stuttgart bei Daimler derzeit noch den Alltag.

  • Da ist die Aufarbeitung des Diesel-Skandals.
  • Der Produktionsstau wegen Problemen mit der Zertifizierung neuer Modelle nach den aktuellen Abgasvorschriften.
  • Und da ist der internationale Wettlauf bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen - einem Segment, in dem die deutschen Autobauer lange zu träge waren.

Viele Manager dürften sich insgeheim wünschen, ihre Hausaufgaben früher erledigt zu haben. Denn im kommenden Jahr werden sie mit Entwicklungen konfrontiert werden, die sie kaum selbst steuern können, von denen sie aber umso heftiger getroffen werden.

Sinkende Gewinne in China

Der Handelskonflikt, den Donald Trump mit der halben Welt angezettelt hat, dürfte dann seine volle Wirkung entfalten. Anfang Dezember reiste ein Emissär von BMW-Chef Harald Krüger gemeinsam mit Dieter Zetsche (Daimler) und Herbert Diess (Volkswagen) nach Washington, um Trump gegenüber Europa milde zu stimmen. Doch es bleibt unklar, ob sie irgendetwas bewirken konnten.

Zumindest gegenüber China hat der US-Präsident zuletzt Verhandlungsbereitschaft signalisiert und angekündigt, die Strafzölle vorerst nicht weiter zu erhöhen. Doch die Erfahrung zeigt, dass solche Versprechungen schnell zur Makulatur werden können, wenn Trump innenpolitisch unter Druck gerät.

Die Auswirkungen schlagen sich bereits jetzt in den Bilanzen der Konzerne nieder. BMW etwa konnte bisher den im US-Werk Spartanburg gebauten SUV X5 problemlos nach China verschiffen. Seit Mitte des Jahres aber verhageln die von Peking verhängten Einfuhrzölle von bis zu 40 Prozent das lukrative Geschäft. 2019 soll der Tarif wieder sinken, doch die goldenen Zeiten kehren so schnell sicher nicht zurück.

Auch auf dem chinesischen Markt selbst wächst der Druck. Die Zulassungszahlen in dem einstigen Boomland wachsen kaum noch, die Gewinnspannen schrumpfen. BMW-Finanzchef Nicolas Peter erwartet für 2019 sinkende Gewinne. Auch Volkswagen und Daimler haben ihren Gewinnwarnungen für das letzte Quartal des Jahres 2018 ein Kapitel über die trüben Aussichten angefügt.

Fahrverbote in Deutschland

Neben den Verwerfungen im Welthandel dürfte sich 2019 noch ein weiteres Problem verschärfen: die Fahrverbote in deutschen Innenstädten. Am 13. Dezember entschied das EU-Gericht, dass Stickoxid-Grenzwerte für Dieselautos der neuesten Generation (Euro 6) nicht nur im Labor gelten, sondern auch auf der Straße.

Jürgen Resch, Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), fühlt sich durch das Urteil regelecht ermutigt in seinem Feldzug gegen den Diesel. Die Umwelthilfe hat bereits Dutzende Städte wegen zu hoher Stickoxid-Belastungen verklagt und Fahrverbote gefordert. Bisher hat sie noch keinen Fall verloren.

Marktbeobachter haben den Diesel deshalb bereits abgeschrieben. Für die Autobauer bedeutet das nichts Gutes, denn der vergleichsweise verbrauchsarme Motor dient der CO2-Bilanz der Konzerne. Die geforderten Grenzwerte für den Flottenverbrauch werden ohne ihn kaum einzuhalten sein. Strafzahlungen in Millionenhöhe drohen.



insgesamt 6 Beiträge
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jenzer 27.12.2018
1. Nix Neues.
Den gleichen Quatsch liest man ständig in der Presse. Glaubt von euch Journalisten wirklich irgendeiner, dass Probleme in der Produktion einen spürbaren Einfluss auf die Entwicklung hat? Dieselprobleme müssen aufgearbeitet werden, das stimmt, steht aber in keinerlei Konflikt zum Thema Zukunft, denn ein Motorenentwickler der Dieselkennfelder programmiert hat mit Elektro, Autonom oder sonstwas nix zu tun. Der vermeintliche Rückstand beim Thema Elektroauto ist auch nur so eine theoretische Floskel, weil man 1 und 1 addiert: gibt kaum E-Autos aus D = Autoindustrie hat‘s verpennt. Stimmt aber nicht, denn erstens gab es von allen Herstellern E-Autos, also gibt es überall Erfahrungen zu Produktionsabläufen etc, zweitens ist die zweite Fahrzeuggeneration wohl überall relativ kurz vor dem Launch, insofern wird sich einiges dramatisch ändern. Hab ich nicht vor wenigen Tagen einen Fahrbericht über den neuen E-VW gelesen? War der von einem anderen Redakteur? Redet ihr nicht miteinander?
tigga_nb 27.12.2018
2. Viele Einflüsse
Für die anstehenden Probleme der „deutschen“ Automobilindustrie (in Wahrheit ist diese höchst international) gibt es vielfältige Ursachen: Ziel- und Planlosigkeit im Bereich E-Mobilität, insbesondere komplettes Nichtstun im Bereich Infrastruktur zum Laden der Fahrzeuge. Hier hätte unsere Regierung mit Weitsicht gute Rahmenbedingungen schaffen können in Kombination mit der Energiewende. Ein technologischer Rückstand muss dagegen, wenn auch oft geschrieben, nicht befürchtet werden, da sind die Kenntnisse schon da, eher ist der Verlust des bisherigen Vorsprungs wichtig. Ein E-Auto ist mehr als ein elektrischer Antriebsstrang. Dieselkrise: Der Betrug von VW mit sehr unprofessioneller Aufarbeitung, verbunden mit sehr verallgemeinernder und häufig unsachgemäßer Diskussion in der Öffentlichkeit (Tenor: Alle und nur die deutschen Autobauer sind Betrüger), ein Beispiel für die deutsche Lust zur Selbstgeißelung. In Kombination mit der Klagewut des Minivereins DUH ist der Fahrzeugabsatz eingebrochen, da verständlicherweise die Käufer massiv verunsichert sind. Nicht zuletzt auch dadurch, daß bereits zugelassene FHZge nachträglich mit Fahrverboten belegt werden, obwohl alle damaligen Richtlinien eingehalten wurden, und das häufig auf Basis von wissenschaftlich in kleinster Weise fundierten Grenzwerten mit der Vorrechnung von fiktiven Sterbezahlen. Letztlich ist das alles aus meiner Sicht ein klarer Mangel an zukunftsgerichteter Weitsicht mit entsprechender Planung, ein Defizit der letzten 18 Jahre. Wohlstandsverlust in D und EU wird die Folge sein.
Ein Mechaniker 27.12.2018
3. Kein Beitrag mehr zum Thema Auto ohne "Experte" Jürgen Resch ?
Der SPIEGEL attestiert der Autoindustrie Aufholbedarf, womöglich stellenweise zu recht. Was die Würdigung der Rolle der DUH anbelangt hat leider der SPIEGEL großen Nachholbrdarf. Bzw. immerhin Jan Fleischhauer hat es im Kommentar "Pendlerkrieg" richtig beschrieben: "Für jeden Arbeitnehmer ist es eine Organisation die aus Publizitätssucht dafür sorgt, dass bald niemand mehr vom Fleck kommt" Wann kommt der Wirtschaftsredakteur aus dem Weihnachtsurlaub der endlich vorrechnet, dass die von einer Minderheit erzwungene und durchgeklagte 'Mobilitätswende' schon bis heute zig Milliarden (u.a. Wertverlust) gekostet hat. Geht es nach Resch und der DUH werden weitere Milliarden fehlgeleitet. Man kann sich den wirtschaftlichen Abschwung auch selber machen.
chaosimall 27.12.2018
4. Entwicklung verschlafen
Der Speditionsbetrieb meiner Urgroßeltern ist pleite gegangen weil sie den Umstieg von Pferdefuhrwerken auf motorgetriebene Fahrzeuge versäumt haben. Ähnliches droht hier der deutschen Wirtschaft. Dabei geht es nicht nur um die Antriebstechnik sondern um das digitalisierte Auto und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Mobilität insgesamt. Hier findet ein grundsätzlicher struktureller Wandel statt. Die CDU/SPD-Politik mit ihrer Industriehörigkeit und ihrer Lobbypolitik verzögern zumindest den Modernisierungsschritt Sie decken den großangelegten Betrug der Autoindustrie an den Kunden und den Zulassungsstellen des Staates und lassen den Bürger bezahlen. Nicht nur finanziell. Auch gesundheitlich durch die Nichteinhaltung der Grenzwerte in den Städten. Darüber sollte Herr Fleischhauer in seinem Lobby-Kommentar mal schreiben anstatt sich darüber aufzuregen dass ein Verein die Umsetzung gelten Rechts einklagt.
Schnabbelschnute 30.12.2018
5. Was sich am meisten....
... Rächt, ist die Preispolitik beim Verkauf von Neuwagen! Die Reallohnentwicklung stagniert auch im Jahr 2019 auf dem Niveau des Jahres 1990! Jedoch die Preise für Neuwagen haben sich gefühlt verzehnfacht, obwohl viele deutsche Autos gar nicht mehr hier im eigenen Land hergestellt werden, sondern billig im osteuropäischen Ausland, was man oft Gründer Qualität in der Verarbeitung bemerkt...jedoch wird das eingesparte nicht am Kunden weitergeben... Das ganze zieht sich mittlerweile bis tief in die nicht mehr existierende Mittelschicht, wo ebenfalls eher ein guter gebrauchter bzw. ein Jahreswagen gekauft wird, anstatt ein neues, dessen Wertverlust einfach zu hoch ist. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt nicht mehr mit den Lohnentwicklungen überein, und wird langfristig ein Problem bleiben!
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