Erfolg für Betriebe Zahl der Azubis im deutschen Handwerk steigt deutlich

Das intensive Werben um Nachwuchs im Handwerk scheint zu fruchten: Nach jahrelangem Rückgang steigt die Zahl der Ausbildungsverträge erstmals wieder deutlich. Immer mehr Azubis haben Abi.

Kfz-Auszubildende Sonia Schulz
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Kfz-Auszubildende Sonia Schulz


Abi - und jetzt? Für Alexander Mathes kommt vor drei Jahren nichts anderes infrage als ein Studium. Wofür hatte er sonst zwölf Jahre die Schulbank gedrückt? Er sucht einen Studiengang - und merkt schnell: Das war die falsche Entscheidung. Heute geht der 21-jährige Nürnberger nicht mehr in den Hörsaal, sondern in die Werkstatt. Seit September absolviert er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker anstelle des Wassertechnologie-Studiums.

Die Geschäfte im Handwerk laufen glänzend - und doch gibt es ein Problem. Jedes Jahr bleiben Tausende Stellen unbesetzt, lange entschieden sich immer weniger junge Menschen für eine Ausbildung an der Werkbank. Doch jetzt scheint Besserung in Sicht.

Auszubildender Alexander Mathes
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Auszubildender Alexander Mathes

2015 gab es im Bund ein Mini-Plus neuer Ausbildungsverträge von 0,1 Prozent. In Bayern lag das Minus nur bei 0,3 Prozent. Und für die ersten Monate 2016 haben die Statistiker ein saftiges Plus errechnet: bis Mai fünf Prozent im Bund, bis Juni sogar mehr als zwölf Prozent im Freistaat. Das Ende des Negativtrends?

Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks ist vorsichtig optimistisch. Die Zahlen könnten sich bis Ende des Jahres noch relativieren, sagt er. Denn viele Arbeitgeber hielten immer früher nach Azubis Ausschau. Entsprechend könnte die Statistik verzerrt sein.

Allerdings glaubt auch er, dass sich die Imagekampagnen in sozialen Netzwerken und Beratungsstellen für Abiturienten und Studienabbrecher mittlerweile auszahlen: Das Werben um Nachwuchs trage langsam Früchte.

Immer mehr Azubis haben Abi

Nicht alle profitieren von dem Positivtrend. "Ich sehe da keinen Aufwind", sagt Dirk Hoerr. Er ist Chef des Autohauses Hoefler, in dem Alexander Mathes seine Ausbildung absolviert. Hoerr hat für September noch keinen Azubi gefunden. "Hände schmutzig machen und über dem Kopf arbeiten - das will heute niemand mehr."

Mathes hingegen hat schnell gemerkt, dass Studieren nicht sein Ding ist. So erst kam ihm die Möglichkeit einer Ausbildung in den Sinn. Heute absolviert er das Programm "Abi + Auto": verkürzte Ausbildung und ein schnellerer Weg zum Meister. Seit 2005 hat sich der Anteil der Azubis mit Abi in Bayern fast verdreifacht, im Bund mehr als verdoppelt. Die Hauptklientel der Handwerksbetriebe besteht trotzdem noch immer aus Hauptschülern. Insgesamt beschäftigte das Handwerk 2015 rund 364.000 Lehrlinge.

Manch einen Chef lässt der Nachwuchsmangel kreativ werden. Die Metzgerei Hack aus Freising landete mit ihrer Kampagne zuletzt einen Internet-Hit. Mit einem Motiv etwa, auf dem eine junge Frau abgebildet ist, die zärtlich einen Mett-Igel streichelt. "Berufswunsch: Irgendwas mit Tieren". Einen Lehrling habe er bereits für September eingestellt, zwei weitere Bewerber kämen bald zum Praktikum, sagt Metzgermeister Steffen Schütze. In den beiden Vorjahren hatte sich nicht ein einziger Bewerber bei ihm gemeldet.

ssu/dpa

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Mcool77 05.07.2016
1. und was ist mit den anderen...
...die kein Abi haben? Es ist doch so, dass die Betriebe immer höhere Anforderungen an Azubis stellen. Klar! Der Markt gibt es ja auch her. Immer mehr Abiturienten stehen zur Verfügung und sorgen durch verkürzte Ausbildungen auch noch für kürzere Investitionen in den Azubis. Realschüler oder Hauptschüler bleiben da meistens auf der Strecke. Wo früher noch für den KFZ-Mechaniker Hauptschulabschluss ausreichend war, suchen Betriebe mindesten Relaschüler. Es bewerben sich allerdings auch viele Abiturienten und werden natürlich bevorzugt. Hauptschüler haben heute noch kaum eine Chance eine ordentliche Ausbildung zu finden. Nicht nur im Handwerk, sondern ganz schlimm in der Industrie.
Ökofred 05.07.2016
2. so so..
Das Gejammer über zu wenig Azubis verstehe ich nicht ganz, denn es wird jede 3.Ausbildung abgebrochen. Da muss etwas grundsätzlich falsch sein, nicht nur weil kaum jemand will sondern auch weil viele nicht bleiben wollen.
thlogical 05.07.2016
3. Augenwischerei
Mal ehrlich, dieser Artikel spiegelt gar nicht die Realität wieder. In einigen Landesteilen die traditionsbedingt dem Handwerk mehr verbunden sind sieht es ein wenig besser aus aber sonst eher mau. Die Statistik sagt nichts über Abbrecher oder wie gut die Azubis ihren Job machen. Bei vielen Firmen geht es schon gar nicht mehr um Ausbildung sondern eher um billige Arbeitskräfte da der Mindeslohn im Handwerk schon weit über 8,50 liegt. Ein weiteres Problem gibt es beim Bildungsstand. Da die Schulbildung immer schlechter wird fehlen den Azubis Grundfähigkeiten. Rechnen oder alleine die Feinmotorig ist mangelhaft. Es ist grausam. Das was hier geschrieben wird entspricht einfach nicht der Realität. Traurig aber wahr
Herr Schäuble 05.07.2016
4.
Das liegt wohl eher daran, dass die Bezahlung für Azubis im Handwerk durch den Mangel schon beinahe menschenwürdig ist und nicht an irgendwelcher dummen Werbung. Mich kann man so viel wie man will mit Jobs bewerben, wenn ich mir keine Wohnung leisten kann, werde ich mich für den Job nicht interessieren.
Weiter-nach-vorne-schauen 05.07.2016
5. Arrogantes Handwerk
Ich bin selbst Handwerksmeister und habe sogar zwei von den Meisterbriefen. Handwerk und vor allem der Meisterbrief, diente von je her auch dazu Personen auszugrenzen. Nicht jeder sollte sich an den "goldenen Handwerksboden" mit bereichern dürfen. Mit aus diesem Grund wurden die Hürden für die Erreichung der jeweiligen Ziele auch sehr hoch gesteckt. Nun, die Zeiten haben sich erheblich verändert. Einerseits ist der Boden bei weitem nicht mehr so golden. Andererseits fehlen Handwerker an jeder Stelle. Und der Personenkreis der früher ins Handwerk wechselte (oft Hauptschüler), hat heute nicht den Hauch einer Chance die Gesellenprüfung zu bestehen. Der falsche Stolz der Handwerkskammern, auf die gestiegen Anzahl von Abiturienten im Handwerk, zeigt gleichzeitig auch die verkrustete Struktur und das alte System. Meine beiden Söhne haben auch Abitur und einen Handwerksberuf gelernt. Aber keine von ihnen ist dort geblieben denn, sie haben studiert und den erlernten Handwerksberuf als Basis für ihr Studium verstanden. Was wir dringend benötigen ist eine Handwerksreform! Wir benötigen Handwerker. Warum ändern wir nicht die Ausbildungsregeln dahingehend, dass wir einen erheblich stärkeren praktischen Teil einführen und den theoretischen Anteil dafür auch erheblich zurückfahren. Die Abschlüssen müssten unbedingt gleichwertig sein. Wir gäben dabei vielen die Chance, viel mehr Zufriedenheit in ihrem Leben erreichen zu können und uns allen die Möglichkeit eventuell eine Lücke zu schließen.
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