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Skandale und Finanzkrise: "Banker sind keine schlechten Menschen"

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Frankfurter Finanzviertel: "Manche Geschäfte sind nicht mehr rentabel" Zur Großansicht
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Frankfurter Finanzviertel: "Manche Geschäfte sind nicht mehr rentabel"

Nichts passiert seit der Finanzkrise? Deutschlands oberster Bankaufseher Raimund Röseler erklärt im Interview, warum einige Geldhäuser immer noch zu groß sind, um einfach pleitezugehen - und warum die dauerhaften Niedrigzinsen so gefährlich sind.

SPIEGEL ONLINE: Herr Röseler, als oberster Bankenaufseher hatten Sie es in den vergangenen Jahren mit vielen Skandalen zu tun. Mal wurden Zinssätze manipuliert, mal Wechselkurse. Haben Sie eigentlich noch Vertrauen in die Banker?

Röseler: Ja. Die meisten Skandale passierten vor 2008 - und viele der handelnden Personen sind heute gar nicht mehr im Amt. Es ist auch nicht so, dass Banker an sich schlechte Menschen sind. Es sind immer einzelne Personen, die negativ auffallen. Das gibt es auch in anderen Branchen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht einmal sechs Jahre her, da hätten die Banken beinahe das weltweite Finanzsystem zum Einsturz gebracht. In den Augen vieler Bürger hat sich seitdem kaum etwas geändert. Die Aufseher verlangen zwar ein bisschen mehr Eigenkapital, die Boni werden begrenzt und eine Finanzsteuer wird eingeführt. Aber in großen Teilen ist das Bankgeschäft das gleiche wie damals.

Röseler: Das Bankgeschäft hat sich sehr wohl geändert. Viele Produkte, die damals zum Problem wurden, gibt es heute gar nicht mehr oder nur noch in sehr viel kleinerem Umfang. Denken Sie zum Beispiel an synthetische CDOs, also Wertpapiere, in denen zum Beispiel Kreditausfallversicherungen in mehreren Tranchen gebündelt werden. Für so etwas gibt es heute kaum noch Nachfrage. Manche Geschäfte sind auch schlicht nicht mehr rentabel.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, es ist alles wieder gut?

Zur Person
  • frank-beer.com / BaFin
    Raimund Röseler (52) ist der oberste Bankenaufseher bei der deutschen Finanzaufsicht BaFin. Seit 2011 hat er dort den Job des Exekutivdirektors inne, in dem er unter anderem die Verfehlungen der deutschen Geldinstitute aufarbeiten muss. Zuvor war Rösler bereits sieben Jahre in anderen Positionen bei der Aufsicht aktiv.
Röseler: Nein. Es gibt zwar Fortschritte. Aber wir sind längst nicht zufrieden mit allem, was wir in der internationalen Bankenlandschaft sehen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich noch ändern?

Röseler: Zum Beispiel müssen die Schattenbanken noch besser reguliert werden, also Unternehmen, die keine Banklizenz haben, aber trotzdem ähnlich wie Banken agieren. Darüber wird schon seit Jahren diskutiert, aber der Durchbruch ist bislang nicht überall gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Reformen hat man den Eindruck, dass sie groß anfangen und klein enden, zum Beispiel bei der geplanten Trennung von hochriskantem Handelsgeschäft und normalem Firmen- und Privatkundengeschäft. Schleifen Lobbyvertreter die Vorhaben von Politik und Aufsicht klein?

Röseler: Es ist der Job der Lobbyisten, in der Diskussion vor der Verabschiedung eines Gesetzes aktiv zu werden. Ich finde aber nicht, dass bei den wichtigen Vorhaben so viel abgeschliffen wurde. Die Beschränkung der Bonuszahlungen zum Beispiel ist recht hart. Boni von bis zu 40 Millionen Euro für einzelne Investmentbanker gibt es schlicht nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Solche Exzesse wurden gekappt, grundsätzlich werden aber auch unter den neuen Regeln extrem hohe Gehälter gezahlt, obwohl die Boni begrenzt sind. Die Deutsche Bank etwa hebt dann einfach die Festgehälter an, sodass die Gesamtvergütung gleich bleibt. Das kann doch nicht der Sinn einer solchen Reform sein.

Röseler: Durch die geringeren Boni wird der Anreiz, riskantes und provisionsgetriebenes Geschäft zu machen, erst einmal verringert. Und längst nicht in allen Fällen erhöhen Banken im Gegenzug die Fixgehälter.

SPIEGEL ONLINE: Eines der Ziele nach der Krise war, dass große Banken nicht mehr vom Staat gerettet werden müssen. Dazu gibt es jetzt Regeln und Pläne, die vorschreiben, wie eine Bank abzuwickeln ist. Mal angenommen, ein Institut von der Größe der Deutschen Bank stünde morgen vor der Pleite: Wer würde dafür zahlen?

Röseler: Ganz ehrlich: Es ist eine Herausforderung, eine große internationale Bank nach diesen Regeln abzuwickeln. Wir haben seit 2008 große Fortschritte gemacht und werden ab kommendem Jahr auf europäischer Ebene einheitliche Regeln für die Abwicklung von Banken haben. Anders als noch 2007 oder 2008 würden wir uns heute trauen, nicht nur kleine Institute abzuwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt aber, ein Institut von der Größe der Deutschen Bank müsste der Steuerzahler retten?

Röseler: Sehen Sie es mir nach, wenn ich mich nicht zu einzelnen Instituten äußere. Generell kann man aber sagen, dass die Abwicklung großer, grenzüberschreitend agierender und global vernetzter Institute alle Aufseher weltweit vor große Herausforderungen stellt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Abwicklung der großen Banken noch so schwierig?

Röseler: Wenn es um ein global aktives Institut geht, dann hat dieses Institut zum Beispiel auch weltweites Geschäft mit Derivaten. Sobald eine Abwicklung droht, sind diese Derivate kündbar. Im Ernstfall gäbe es also ganz viele Kettenreaktionen, die ein unkontrollierbares Chaos auf den Weltfinanzmärkten auslösen könnten. Deshalb arbeiten wir auf internationaler Ebene daran, diese Regeln zu ändern: Derivate dürfen nicht sofort kündbar sein, sobald eine Bank in Schwierigkeiten gerät.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sonst noch getan werden?

Röseler: Wir brauchen ein weltweit einheitliches Abwicklungsregime. Wir haben zwar im Rahmen der Bankenunion bald ein europäisches System. Aber für die ganz großen Institute, die global tätig sind, bräuchten wir eine Harmonisierung mit den USA und Asien.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, der kürzlich so groß verkündete europäische Abwicklungsmechanismus samt 55-Milliarden-Euro-Fonds wird nicht reichen?

Röseler: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wir brauchen weitere Schritte.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte die Leitzinsen bei ihrer Sitzung am Donnerstag weiter senken. Deutsche Bankenverbände und Versicherer haben bereits im Vorfeld dagegen protestiert. Wie gefährlich sind die dauerhaften Niedrigzinsen?

Röseler: In Zeiten niedriger Zinsen wird es zunehmend schwieriger, angemessene Erträge zu erwirtschaften - vor allem für Banken, deren Geschäftsmodell auf klassische Bankgeschäfte wie das Kredit- und Einlagengeschäft ausgerichtet ist. Diese Ertragsschwäche kann letztlich auch die Kapitalausstattung beeinträchtigen und die Banken dazu verleiten, in riskantere Geschäftsfelder zu investieren. Ein akutes Problem sehen wir hier aber bislang nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB prüft gerade die Bilanzen von knapp 130 Banken in der Euro-Zone, zugleich soll in einem Stresstest untersucht werden, ob die Institute künftige Krisen überstehen könnten. Werden alle 24 deutschen Banken den Test bestehen?

Röseler: Das weiß ich nicht. Grundsätzlich sind die deutschen Banken gut aufgestellt. Der Stresstest ist aber ohne Zweifel sehr hart ausgestaltet - das war auch unser Ziel. Deshalb kann es durchaus sein, dass sich einige Banken etwas strecken müssen. Und natürlich braucht jedes Institut einen Plan B für den Fall, dass das Kapital nicht reicht.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Stresstest noch einmal Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen?

Röseler: Wir werden dafür sorgen, dass zumindest alle deutschen Banken gut vorbereitet sind.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Na ja???
hansulrich47 04.06.2014
Wer nichts besonderes kann und trotzdem der Meinung ist, Millionenboni ehrlich verdient zu haben, ist zumindest potentiell größenwahnsinnig. Ob man den dann als 'schlechten' Mensch bezeichnen darf, lass ich offen. Assoziale Persönlichkeitsmerkmale sind aber wohl präsent. ;-))
2.
Rido 04.06.2014
Was mich angeht haben die Banken jedes Vertrauen verspielt. Ich glaube auch nicht, dass die Probleme vorbei sind und nicht wiederkommen werden. Mir fällt auch nichts ein, mit dem die Banker mein Vertrauen wieder erlangen könnten. Ich habe meine Konten alle bei einer kleinen regionalen Volksbank und hoffe, dass diese ein wenig umsichtiger sind als die großen Zocker.
3. Gier und Zocker
Monika2014 04.06.2014
Es gibt keinen Grund warum sich meine negative Einstellung zu Banker und Versicherer ändern sollte. Das Gejammer der Banker das der Sparer so gut wie keine Zinsen erhält ist scheinheilig. In erster Linie jammern die doch nur wegen extrem schlecht laufender Geschäfte mit den Verbrauchern.
4. Und ich bleibe dabei…
PsyDyn 04.06.2014
…solange sich die Mentalität dieses Berufsstandes nicht ändert, sind Bänker keinen Deut besser als Berufsverbrecher. Nur stehen die wenigstens dazu. Ein Beruf, der nichts anderes tut, als ohne jede eigene wertschöpfende Arbeit, mit einer Ethik, die auf nichts anderes aufbaut als auf Gier, Symbole hin- und herschiebt und sie in einem ebenso undurchsichtigen wie gewollt ungerechten Prozeß akkumulieren läßt — ein solcher Beruf hat jede Achtung in der gegenwärtigen Welt verloren. In dieser gibt es reale Aufgaben. Banken tragen zu deren Lösung nichts bei, haben daran nicht das mindeste Interesse. Banken sind ausschließlich damit beschäftigt, nach dem Muster eines ungebremst wachsenden Carcinoms, Geld anzuhäufen, das sich die obersten Gauner der Institutionen am liebsten selbst in die Tasche stopfen. Die allermeisten Bank sind vollkommen unfähig, die aktuellen Probleme der Welt zu begreifen. Sie haben nichts als die Logik einer mafiösen Organisation.
5. optional
RalfHenrichs 04.06.2014
1. Die Banker, die nach oben kommen, sind schlechte Leute. Auswahl der moralisch Schlechten. 2. Ansonsten viele Beschwichtigungspillen. Vieles, sagt Röseler selbst, muss noch getan werden. 7 Jahre nach der Krise! Wer garantiert, dass dies - und vor allem ausreichend - geschieht? Bis dahin hat sich gar nichts wesentlich geändert.
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