Zinssenkung gegen Brexit-Krise Große Geldflut, wenig Wirkmacht

Die britische Notenbank stemmt sich mit voller Kraft gegen eine drohende Rezession. Doch ihr Einfluss ist begrenzt. Nur ein entschiedenes Vorgehen der Regierung kann die Folgen des Brexits lindern.

Londoner Bankenviertel
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Londoner Bankenviertel

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Die britische Notenbank hat erstmals seit der Weltwirtschaftskrise 2009 den Leitzins gesenkt, er liegt nun auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent. Gleichzeitig wird die Zentralbank verstärkt Staats- und Unternehmensanleihen kaufen.

Die zweitälteste Notenbank der Welt startet damit einen verzweifelten Versuch, den negativen Folgen des Brexit-Votums etwas entgegenzusetzen. Seit Großbritannien am 23. Juni für den Austritt aus der EU gestimmt hat, herrscht im Land große Unsicherheit.

Es ist unklar, was aus dem für die Wirtschaft so wichtigen Finanzplatz London wird; unklar, ob sich die Geschäftsbedingungen der Unternehmen verschlechtern; unklar, was mit ausländischen Fachkräften geschieht.

All das drückt auf die Konsumlaune und lastet auf der Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Allein in den vergangenen Tagen gab es mehr als ein halbes Dutzend Hinweise auf eine rasche Abkühlung der Wirtschaft:

  • Großbritanniens Wirtschaftsleistung könnte im dritten Quartal um 0,4 Prozent schrumpfen, heißt es in einer Umfrage des Londoner Forschungsinstituts Markit unter Einkaufsmanagern großer Firmen.
  • Das Londoner Forschungsinstitut NIESR taxiert das Risiko einer Rezession bis Ende 2017 auf 50 Prozent.
  • Der Bausektor schrumpfte im Juli so stark wie seit sieben Jahren nicht .
  • Die Aktivität britischer Fabriken hat so stark nachgelassen wie seit drei Jahren nicht .
  • Die Auto-Neuzulassungen sind im Juli um knapp ein Prozent im Vergleich zum Vorjahr gefallen.
  • Die Immobilienpreise sinken erstmals seit Langem deutlich. Selbst in den teuersten Vierteln Londons sind die Hauspreise im Juli um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

Ein Absturz der britischen Wirtschaft wäre auch in der Bundesrepublik zu spüren. Laut einer Modellrechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird der Brexit das deutsche Wachstum in diesem Jahr um 0,1 Prozentpunkte dämpfen, 2017 gar um 0,3 Prozentpunkte. Rutscht Großbritannien in die Rezession, dürfte das Minus in Deutschland noch größer sein.

Die Bank of England will den konjunkturellen Abwärtstrend nun mit einer Doppelstrategie entgegenwirken. Mit dem Leitzins senkt sie, erstens, den zentralen Zinssatz, zu dem sich Banken Geld leihen. Die Institute kommen so billiger an Geld und können Verbrauchern und Geschäftskunden in der Folge günstigere Kredite geben. Das soll die Investitionen von Firmen und den Konsum ankurbeln.

Zweitens sollen auch die Anleihenkäufe die Wirtschaft beleben. Die Banken sollen ihre Staatsanleihen an die britische Notenbank abstoßen und mit dem frischen Geld Anleihen oder Aktien von Unternehmen kaufen. Dadurch sollen dann auch die Firmen neues Kapital bekommen und wieder mehr investieren.

In der Theorie klingt beides erst einmal gut. Tatsächlich aber sind die meisten Experten der Meinung, dass die britische Notenbank gegen die Brexit-Krise nur wenig ausrichten kann.

Die Zentralbank könne unter Investoren zwar neues Vertrauen schaffen, sagt Kallum Pickering, Ökonom im London-Büro der Berenberg Bank. Hauptauslöser des ökonomischen Schocks sei jedoch die politische Unsicherheit im Land. Und gegen diese sei die Notenbank machtlos.

Die Verhandlungen zum EU-Austritt Großbritanniens könnten bis zu zwei Jahre dauern, und es ist unklar, wie die Geschäftsbeziehungen mit der Europäischen Union künftig ausgestaltet werden. Solange solch große wirtschaftspolitische Risiken bestehen, wird die britische Notenbank Unternehmen und Märkte nicht beruhigen können.

Schlimmer noch als die kurzfristige Verunsicherung wiegen die möglichen langfristigen Effekte des Brexits - und auch diese schätzt die britische Notenbank pessimistisch ein. Durch den Austritt aus der EU könnte letztlich Großbritanniens Produktionskapazität sinken, schreibt die Bank of England in ihrer Pressemitteilung vom Donnerstag.

Sie geht offenbar davon aus, dass britische Unternehmen langfristig mit höheren Marktbarrieren, schlechteren Investitionsbedingungen und ungünstigen Wechselkursen zu kämpfen haben werden. Die Folge könnten Schließungen von Produktionsstandorten und eine höhere Arbeitslosigkeit sein.

"Gegen solche Folgen kann Geldpolitik rein gar nichts ausrichten", sagt Thomas Sampson, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics. Überhaupt werde ihm zu viel darauf geachtet, was die Notenbank tut - und zu wenig darauf, was die Regierung gegen die Brexit-Krise unternimmt.

"Sollten sich die Anzeichen für eine Rezession in den kommenden zwei bis drei Monaten verdichten, so sollte die Regierung ernsthaft über ein Konjunkturpaket für die britische Wirtschaft nachdenken", sagt Sampson. Anders wäre ein Absturz der britischen Wirtschaft dann wohl nicht mehr zu stoppen.

Zusammengefasst: Die britische Notenbank öffnet massiv die Geldschleusen. Sie will die politische Verunsicherung lindern und den Absturz der Wirtschaft dämpfen. Doch ihre Wirkmacht ist begrenzt. Nur ein entschiedenes Vorgehen von Premierministerin Theresa May kann die wirtschaftlichen Folgen des EU-Austritts lindern.

insgesamt 67 Beiträge
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nhorwath 04.08.2016
1. Das ist zuviel Panik.
In einert Woche erleben wir,wie die englischen Banken sich erholen und dafür die Euro-Banken Tal-Fahren.Alles von Interessenten gemacht die schon lange "Goldene Nasen" haben.
micromiller 04.08.2016
2. Die Produktivitätszuwächse also
GNP wächst in GB und in den meisten Westlichen Ländern im wesentlichen über den Konsum. Geld Lawinen in die Bankenlandschaft zu kippen mit der Hoffnung, dass dann mehr investiert wird ist fatal einfach und falsch gedacht. Es ist der Konsum, der angetreten werden muss und das schafft man mit einer intelligenteren/gerechteren Verteilung der Gewinne in Richtung der konsumierenden Arbeitnehmer und in Richtung der Rentner und Unterprivilegierten, die das zusätzliche Geld gern zurück in den Konsum geben.
wexelweler 04.08.2016
3. Die Milliarden
die von der EZB jeden Monat in den Finanzmarkt gepumpt und nie die Wirtschaft erreichen weil sie ins Casino geschoben werden machen mir viel mehr Sorgen.
KingTut 04.08.2016
4. Vorhersagen treffen ein
Dass Großbritannien nach einem Brexit-Votum einen wirtschaftlichen Abschwung erfahren würde, haben viele Experten vor der Wahl vorhergesagt. Dem hielten die Brexiteers entgegen, das sei Panikmache und sie punkteten mit dem Topos von rosigen Zeiten, die den Briten bevorstünden. Ich bin nicht schadenfroh, dass sich die negativen Prognosen jetzt zu bewahrheiten scheinen, aber wenigstens erkennen die Wähler jetzt, wo es zu spät ist, wie schamlos sie von Johnson, Farage und Konsorten belogen wurden und dass die Vorhersagen eben doch seriöser Natur waren. Wie sehr hätte ich mich über einen Verbleib von GB gefreut, weil es zu Europa gehört und in unserer Wertegemeinschaft seinen Platz hat.
shardan 04.08.2016
5. Mit anderen Worten
Mit anderen Worten: Es kann mehr spekuliert werden. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre kommen Niedrigzinsen beim Endkunden nicht oder nur begrenzt an. Dabei wäre eine gestärkte Binnennachfrage nach meiner Meinung vermutlich das Wichtigste in GB und in Europa. Aber Hauptsache, die Banken bekommen billiges Spielgeld zum Zocken. "Verzweifelter Versuch" beschreibt das Szenario recht treffend.
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