Banken-Boom Tanz auf dem Vulkan

Hat die Finanzwirtschaft zur Normalität zurückgefunden? Mitnichten. Das System ist genauso anfällig wie vor der großen Krise. Es wird wieder munter gezockt und die Chance für eine Reform verspielt. Ohne eine rigide Umkehr vom bisherigen Kurs droht schon bald ein neues Finanzdesaster.

Ein Kommentar von Wolfgang Kaden

Bankenviertel in Frankfurt am Main: Alles zu wenig - viel zu wenig
dapd

Bankenviertel in Frankfurt am Main: Alles zu wenig - viel zu wenig


Banker zu sein macht wieder Spaß. Beispielsweise für Martin Blessing. Mit schlappen 500.000 Euro Jahresgage musste sich der Chef der Commerzbank zwei lange Jahre abfinden. Nun geht die Leidenszeit allmählich zu Ende. Vorigen Freitag segneten die Aktionäre eine Kapitalerhöhung von grandiosen elf Milliarden Euro ab, die Bank kann nun den größten Teil der Staatshilfen von 18 Milliarden zurückzahlen. Und damit endet die bittere Gehaltsbegrenzung für den Vorstand.

Weniger Spaß macht es, dem Treiben des Geldgewerbes zuzuschauen. Gerade einmal zweieinhalb Jahre sind es her, seit mit der Pleite von Lehman Brothers das globale Finanzsystem vor dem Kollaps stand. Doch gelernt hat die Branche offenbar nichts aus dem schlimmsten Crash seit 1929.

Der Habitus der Masters of the Universe wird wieder geprägt vom branchentypischen Überlegenheitsgefühl. Man hat, so wird dem Publikum selbstgewiss vermittelt, alles im Griff. Die Party geht weiter, als wenn nichts gewesen wäre. "Wir tanzen auf einem Vulkan", sagt selbstkritisch ein Schweizer Banker.

Einiges hat sich zwar zum Besseren gewendet. Mit einem internationalen Abkommen ("Basel III") werden die Geldhäuser verpflichtet, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Das soll sie in der Krise stabiler machen. In Deutschland zwingt die Regierung die Branche zu einer Bankenabgabe, um für Notfälle eine Reserve anlegen zu können. Die USA verabschiedeten ein dickes Gesetzespaket, das die Banken disziplinieren soll. So sind nun dort, anders als hierzulande, sogenannte Eigengeschäfte verboten; also jener Wertpapierhandel, der nicht im Auftrag der Kunden erfolgt, sondern wo mit eigenem Geld (oder eigenen Krediten) spekuliert wird.

Wirtschaftsboom kleistert alle Probleme zu

Alles gut, alles richtig. Aber alles zu wenig - viel zu wenig.

  • Beispiel Basel III: Die USA, nach wie vor das globale Finanzzentrum, haben schon die Vorgängerregelung Basel II nicht übernommen. Dass sie Basel III einführen, ist genau so wenig zu erwarten. Ohnedies bringen die neuen Vorschriften nur eine bescheidene Verbesserung der Sicherheitsstandards. Ursprünglich hieß es, die Banken sollten zukünftig nur das 25fache ihres Eigenkapitals an Krediten vergeben dürfen; daraus wurde dann, nach zähen Verhandlungen, das 33fache. Und auch diese Auflagen müssen die Banker erst ab 2013 erfüllen, voll wirksam sollen sie erst ab 2018 sein. Ein Schonprogramm für die Banken.

  • Beispiel deutsche Bankenabgabe: Sie sollte ursprünglich den "Restrukturierungsfonds" mit einer Milliarde Euro jährlich auffüllen. Das ist ein geradezu lächerlich niedriger Betrag, gemessen an dem, was der Staat für die Rettung des Geldgewerbes in Deutschland ausgeben musste (21 Milliarden für die Landesbanken, 18 Milliarden für die Commerzbank, 10 Milliarden für die Hypo Real Estate). Außerdem wird aktuell nicht mal die Milliarde erreicht. Der Berechnung der Abgabe haben die Gesetzesmacher den Abschluss nach deutschem Handelsgesetzbuch zugrunde gelegt, nicht den internationalen Standard IFRS. Ergebnis: Statt der erhofften 500 Millionen Euro muss beispielsweise die Deutsche Bank nur mickrige 73 Millionen in den Fonds einzahlen.

  • Beispiel Eigenhandel: Außerhalb der USA mehren die Geldhäuser nach wie vor munter Gewinne und Risiken, indem sie auf eigene Rechnung handeln. Und in den USA, wo der Gesetzgeber scheinbar konsequent agierte, wird die Regelung fröhlich ausgehebelt. Statt der Banken sind es nun die unkontrollierten Hedgefonds, die dieses Geschäft betreiben.

Doch wen kümmert's. Deutschland erlebt einen Wirtschaftsaufschwung wie lange nicht mehr, die Finanzbranche scheint die Krise hinter sich zu haben, und im Übrigen gibt es genügend andere Brandherde, von Nahost bis Fukushima. So wurde und wird die Chance verpasst, die Finanzordnung von Grund auf neu zu gestalten und krisensicher zu machen.

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insgesamt 150 Beiträge
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Seite 1
flankendiskriminator 08.05.2011
1. Wen wunderts?
Wundert das tatsächlich irgendjemanden? Glaubt man wirklich, dass eine Frau Merkel, die für Herrn Ackermann sogar den Geburtstag veranstaltet, irgendein Gesetz verabschiedet, dass die Banken einschränkt?
Edelweiß 08.05.2011
2. Geht doch
Aber Herr Kaden, das stimmt doch nicht, dass Banken nichts gelernt hätten. Wenn ein Kind sein Spielzeug mutwillig kaputt macht oder verbummelt, und Mutti besorgt umgehend Ersatz (denn das Kind ist für sie selbstverständlich systemisch), dann lernt es daraus -- was?? Na also, genau das haben die Banken auch gelernt.
querdenker13 08.05.2011
3. Umdenken?
Zitat von sysopHat die Finanzwirtschaft zur Normalität zurück gefunden? Mitnichten. Das System ist genau so anfällig wie vor der großen Krise. Es wird wieder munter gezockt und die Chance für eine Reform verspielt. Ohne eine rigide Umkehr vom bisherigen Kurs droht schon bald ein neues Finanzdesaster. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761319,00.html
Solange die Regierenden sich von diesen angeblichen Göttern wie ein Ochse am Nasenring durch den Stall ziehen lassen wird sich nichts ändern. Aber wollen die politischen Liebediener in den Regierungen etwas ändern an dieser Situation? Ich denke die wollen dieses nicht! Denn das Leben ist ja so schön bei diesen Zahlen und die Pöbel kann und muss ja, wenn es wieder mal schief läuft, das Portmonee aufmachen und die Rechnung bezahlen. Hauptsache die Götter kommen ungeschoren davon, also bitte keine Gotteslästerung!
Wako, 08.05.2011
4. Die können einfach nicht anders,
die können ihren aufgeblähten Geschäftsumfang, ihre einkommensverwöhnten Angestellten und ihre explosiven Gewinnerwartungen nur noch mit "Zocken" aufrecht erhalten, die Zeiten, als man über Omas Sparbuch Geld einnahm und dieses an biedere Handwerksmeister, Mittelständler und Hausbauer wieder auslieh, sind einfach vorbei, damit lassen sich die Edelstahl-Glas-Marmor-Paläste, die feinen Nadelstreifen, die ETWs auf Madeira und die Ferienhäuser in Florida und die SUVs nicht finanzieren ...
onkel hape 08.05.2011
5. Alles wie gehabt.
Wer geglaubt hat, die Bankster hätten aus der letzten Krise etwas gelernt, ist ein Naivling, der glaubt, diese sehr spezielle Gattung Mensch hätte aus ihren Fehlern gelernt, eine moralische Verantwortung für unsere Gesellschaft u. würde deswegen ihre Raffgier, ihre Skrupellosigkeit u. ihre rücksichtlose Zockerei ad acta legen. Das über dem Artikel eingeblendete Bild des Frankfurter Bankenviertels mit seinen gigantischen Bauten, das die unheimliche Macht der Finanzindustrie symbolisiert u. das genauso überall auf unserer Erde ähnlich aussieht, ist ein erschreckendes Beipiel für eine aus den Fugen geratene Branche, in der inzwischen Millionen von geldgeilen, nur Profit-orientierten, verantwortungslosen Leuten, unkontrolliert ihr Unwesen treiben können, ohne dass ihnen die Politikerkaste die Grenzen aufzeigt u. ihr gesellschaftsschädliches Handeln unterbindet. Die nächste, wahrscheinlich noch schlimmere Krise, kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, leider. Wetten dass?
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