Hilfen für Spaniens Banken 100 Milliarden lösen die Krise nicht

Investoren und Politiker feiern die Rettung der spanischen Banken. Doch der Jubel ist verfrüht. Die Milliarden allein werden nicht ausreichen, um die Probleme des Landes und der Euro-Zone zu lösen. Gut möglich, dass bald das nächste Hilfsprogramm nötig ist. Doch woher soll dann das Geld kommen?

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Bankkunde am Geldautomaten: Wie soll die Krise aufgehalten werden?
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Bankkunde am Geldautomaten: Wie soll die Krise aufgehalten werden?


Hamburg - Wer am Wochenende dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy zuhörte, der musste glauben, Spaniens größte Sorge sei die Titelverteidigung bei der Fußball-EM. Das andere "Problem", wie Rajoy es nannte, sei ja nun gelöst. Spanien bekommt bis zu 100 Milliarden Euro aus einem europäischen Rettungsfonds, um mit dem Geld seine kriselnden Banken zu stützen. Also alles wieder in bester Ordnung. Sogar der deutsche Finanzminister und Dauermahner Wolfgang Schäuble sprach von einem guten Tag. Und die Anleger an den Finanzmärkten feierten das Hilfsprogramm am Montag zunächst mit steigenden Aktienkursen.

Spanien gerettet, und mit ihm der Euro - das klingt wunderbar, ist aber leider zu schön, um wahr zu sein.

Tatsächlich sind die Milliarden für Spanien vieles: Sie sind ärgerlich, weil die europäischen Steuerzahler schon wieder für die Banken einspringen müssen. Sie sind notwendig, weil es ohne die Hilfe womöglich schon bald zu einem europäischen Bankenbeben mit unbeherrschbaren Folgen gekommen wäre. Aber sie sind ganz bestimmt nicht ausreichend, um die gewaltigen Probleme Spaniens und der Euro-Zone zu lösen.

Sicher ist nicht mal, ob die vereinbarten Milliardenhilfen ausreichen, um die spanischen Banken zu retten. Dass viele Institute dringend Geld brauchen, um wieder einigermaßen ihre Funktion in der Volkswirtschaft erfüllen zu können, ist klar. Doch wie viel Geld am Ende nötig sein wird, ist offen. Die weltweite Bankenkrise 2008 hat gezeigt, wie schnell der Finanzbedarf mancher Institute steigen kann, wenn sich die Lage verschlechtert.

Zudem ist fraglich, ob die Regierung in Madrid auch die nötigen Reformen vorantreiben wird, die den spanischen Finanzsektor dauerhaft stabiler machen sollen. Bisher war sie dabei nicht besonders erfolgreich. Sie hat die Lage ihrer Banken zu lange schöngeredet, die verordneten Reformen waren halbherzig. Und für den Rettungsantrag war sie lange Zeit zu stolz.

Deshalb ist es dringend notwendig, dass nun die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) die Kontrolle bei der Neuordnung der spanischen Finanzbranche übernimmt. In dieser Hinsicht darf Spanien keine Sonderrolle bekommen - auch wenn Regierungschef Rajoy jeden Eingriff von außen noch so fürchtet.

Die Experten der Troika müssen sicherstellen, dass das Geld richtig eingesetzt und der spanische Bankensektor entschlackt wird. Das kann zum Beispiel bedeuten, Filialen zu schließen und Mitarbeiter zu entlassen - Aufgaben, die eine Regierung, die sich Wahlen stellen muss, nur sehr ungern angehen wird.

Wer fällt als nächstes?

Selbst wenn es gelingt, die spanischen Banken zu stabilisieren, ist damit weder das Land noch die europäische Währungsunion gerettet. Denn die Krise ist mittlerweile viel mehr als eine Bankenkrise - auch in Spanien.

Die dortigen Unternehmen und Verbraucher sind hochverschuldet und bauen diese Schulden nun ab. Das lähmt den Konsum. Und die harten Sparmaßnahmen, die die Regierung auf Druck der Euro-Partner eingeleitet hat, verstärken diesen Trend. Die Wirtschaft steckt seit Monaten in der Rezession. Jeder vierte Spanier im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos - und es dürften noch mehr werden. Die Industrieproduktion ist auf den tiefsten Stand seit 1994 zurückgefallen. Eine solch schwere Krise löst man nicht alleine mit einer Multimilliardenspritze für die Banken.

Kurzfristig wird die entscheidende Frage sein, ob die Anleger an den Finanzmärkten dem spanischen Staat nach der Bankenrettung wieder Geld zu erträglichen Zinsen leihen. Sicher ist das keineswegs. Die nächsten Termine für die Versteigerung von Staatsanleihen sind für 19. und 21. Juni geplant. Die Politik setzt auf das Prinzip Hoffnung.

Das gilt ebenso für die langfristig wichtige Frage der Ansteckungsgefahr. Griechenland, Irland, Portugal, Spanien - bisher hat die europäische Politik es nicht geschafft, die Kette der fallenden Dominosteine zu unterbrechen. Wer also kommt als nächstes? Einige Investoren haben längst Italien auf dem Zettel, dessen Wirtschaftsleistung zuletzt so drastisch geschrumpft ist wie seit dem Horrorjahr 2009 nicht mehr. Doch für ein solch großes Land dürfte der europäische Rettungsschirm zu klein sein.

Am Montag versicherte der italienische Industrieminister Corrado Passera, sein Land sei nicht der nächste Kandidat. In den bisherigen Fällen war eine solche Aussage immer ein sicheres Zeichen, dass es irgendwann doch so weit sein würde. Gut möglich also, dass die Krise jetzt erst richtig losgeht.

Europa ist darauf nicht vorbereitet.

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Seite 1
homer25 11.06.2012
1.
Zitat von sysopGetty ImagesInvestoren und Politiker feiern die Rettung der spanischen Banken. Doch der Jubel ist verfrüht. Die Millionen allein werden nicht ausreichen, um die Probleme des Landes und der Euro-Zone zu lösen. Gut möglich, dass bald das nächste Hilfsprogramm nötig ist. Doch woher soll dann das Geld kommen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838149,00.html
Ich kann mir denken wo das Geld herkommt: Von uns Steuerzahlern natürlich. Und dann kan nman uns wieder sagen, das kein Geld in der Haushalskasse ist, und keine Straßen mehr Saniert werden können. Das gleiche Schlamassel in mit Griechenland. Hoch lebe das Zahlungsfreudige Deutschland.
Sapientia 11.06.2012
2. Gähnende Langeweile
Zitat von sysopGetty ImagesInvestoren und Politiker feiern die Rettung der spanischen Banken. Doch der Jubel ist verfrüht. Die Millionen allein werden nicht ausreichen, um die Probleme des Landes und der Euro-Zone zu lösen. Gut möglich, dass bald das nächste Hilfsprogramm nötig ist. Doch woher soll dann das Geld kommen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838149,00.html
Erst genügen anscheinend ein paar Milliönchen, nächste Woche sind es dann zig Milliarden. Gestern Spanien, die Italiener scharren schon mit den Hufen und es wird immer so weitergehen. Wirtschaftliche Mißverhältnisse mißbrauchen, um auf dem Rücken des ungefragten Steuerzahlers und natürlich unter Mißachtung jeglicher demokratischer Grundlinien die partizipierenden Banken zu bereichern.
Franz Wiedemann 11.06.2012
3. Wie geht das eigentlich?
Kann mir mal jemand anschaulich erklären, wie es möglichch ist, dass private Banken Schulden in Höhe von Staatshaushalten anhäufen können? Und wenn nun die Milliarden zur Rettung fliessen, was haben eigentlich die Bürger davon? Dar eine Bank dann eigentlich noch gegen Bürger Zwangsvollstrecken, denn nun schuldet die Bank ja dem Bürger? F. Wiedemann
emmerot 11.06.2012
4. Euro bedeutet Frieden
So ist das eben, wenn Juristen glauben, man könnte per Gesetz 1 1=3 erzwingen. Mit einem itlaienischen Freund habe ich mich gestern das erste Mal gestritten, natürlich über den Euro und dass Deutschland helfen muss und dass niemand in Europa will, dass Deutschland Europa regiert. Da war ich baff. Aus der Ferne betrachtet wollen ja nicht mal die Italiener Italien regieren, und de Gaulle hielt ein Land mit hunderten Käsesorten für unregierbar. Und die Deutschen wollten jetzt Europa regieren, wie sie es schon zweimal in den letzten 100 Jahren versucht hätten? Kopfschüttel. Aber Euro bedeutet ja Frieden... Quark. Deshalb: Strenge Rechnung, gute Freundschaft.
tomrobert 11.06.2012
5. Was hier so alles geschrieben wird???
Natürlich werden die Verantwortlichen den Euro nicht begraben, schließlich kann man ja Euros drucken und wird dies auch tun. Letztlich aber leiden die Bürger: weniger Lohn , weniger Rente , höhere Inflation resp. ein weitaus schwächerer Außenwert des Euro gegenüber kleineren Wärungen und zunächst auch gegenüber dem Dollar. Sparguthaben und Lebensversicherungen werden an Wert erheblich verlieren. Bezahlen wird diese Bankenkrise voll der kleine Mann auf der Straße.
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