Barmer-Arzneimittelreport Kassenstudie beklagt Boom bei Risiko-Medizin

Beruhigungsmittel für Demente, Schlafmittel mit Suchtpotential für Alkoholiker - laut einer Studie der Barmer-Krankenkasse werden immer mehr Medikamente mit möglicherweise schädlichen Nebenwirkungen verschrieben. Hinzu kommt das Kostenproblem: Spezialmedizin treibt die Preise in die Höhe.

Medikamente: Risiken für die Patienten schwer kalkulierbar
dapd

Medikamente: Risiken für die Patienten schwer kalkulierbar


Hamburg/Wuppertal/Berlin - Es ist eine brisante Warnung: In Deutschland werden immer mehr Arzneimittel verordnet, die den Patienten eher schaden als nützen. Das ist ein Ergebnis des neuen Arzneimittelreports der Barmer GEK, der am Mittwoch vorgestellt wurde.

So verzeichnet das umstrittene Schmerzmittel Novaminsulfon, auch bekannt als Novalgin und Metamizol, dem Report zufolge gegenüber dem Vorjahr Steigerungen um rund 178 Prozent. Schon in den achtziger Jahren sei Novaminsulfon wegen schwerer Nebenwirkungen wie Schockzuständen und Blutarmut in die Kritik geraten, hieß es. In vielen Ländern sei das Medikament verboten. Nach wie vor seien die Risiken für die Patienten schwer zu kalkulieren.

Die Renaissance des Präparats sei unerklärlich, sagte Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen bei der Vorstellung des Barmer-Reports. Er zeigte sich "bestürzt bis besorgt" über den Trend zu riskanten Medikamenten.

Bedenkliche Trends bei der der Antibabypille

Tatsächlich weist der Bericht außerdem einen hohen Einsatz starker Beruhigungsmittel, sogenannter Neuroleptika, bei altersverwirrten Menschen auf. Bei Dementen seien diese Mittel jedoch mit einem 1,6 bis 1,7fachen Sterberisiko verbunden, warnte Glaeske. Der Wissenschaftler vermutet hier eine Reaktion auf die Personalknappheit in Pflegeheimen. Altersverwirrte bekämen Neuroleptika sechsmal so oft verordnet wie nicht Demente.

Auch bekommen nach Angaben der Forscher mehr als 13 Prozent der alkoholabhängigen Menschen starke Schlafmittel (Benzodiazepine) verabreicht. Diese könnten jedoch selbst Abhängigkeiten auslösen und sind laut Glaeske gerade bei Alkoholkranken nicht angezeigt. Zudem würden unerwünschte Auswirkungen von Alkohol verstärkt, wie Gangunsicherheiten, Sturz- und Unfallgefahren. Dem Report zufolge erhalten zwölf Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen mit einer Alkoholabhängigkeit diese speziellen Schlafmittel.

Auch bei der Verordnung der Antibabypille machen die Autoren der Studie bedenkliche Trends aus. So liege das Risiko eines lebensbedrohlichen Gefäßverschlusses, einer Embolie, bei den derzeit am meisten verwendeten Präparaten der dritten oder jüngeren Generation bei 30 bis 40 Fällen pro 100.000 Frauen, die ein Jahr lang solch ein Präparat einnehmen. Bei den Pillen der zweiten Generation sei das Risiko mit 15 bis 20 Fällen nur ungefähr halb so hoch, betonte Glaeske.

Kostenexplosion durch Spezialmedikamente

Der Barmer-Report geht auch auf das Kostenproblem bei vielen Kassen ein. Zahlreiche große wie kleine Anbieter stecken in finanziellen Nöten. Nach Angaben des Bundesversicherungsamts vom Dienstag schwinden ihre Geldreserven bedenklich.

Ein Grund dafür sind auch die hohen Ausgaben für Arzneimittel. Viele kranke Menschen setzen ihre Hoffnung etwa auf gentechnisch hergestellte Spezialpräparate. Sie werden im Kampf gegen Rheuma, Krebs und Multiple Sklerose verschrieben. Doch für die Kassen stellen diese sogenannten Biologicals ein gravierendes Kostenproblem dar. So machen die teuren Spezialmedikamente zwar nur 2,7 Prozent der Verordnungen aus, verursachen aber 15 Prozent der Ausgaben.

Das bekommt auch die Barmer GEK zu spüren. Die Kasse hat 9,1 Millionen Versicherte und ist damit Branchenprimus in Deutschland. 2010 gab die Assekuranz insgesamt 3,93 Milliarden Euro für Arzneimittel aus. Das ist ein Plus von 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Während 2009 pro 100 Versicherten 41.900 Euro für Medikamente gezahlt wurden, waren es im vergangenen Jahr bereits 43.350 Euro.

Die steigenden Kosten für Arzneimittel sind seit vielen Jahren ein Problem für alle gesetzlichen Krankenkassen. Die gute Nachricht der Barmer GEK: Durch neue Gesetze konnte sie ihre Ausgabenzuwächse zumindest drosseln.

Doch bei teuren Spezialpräparaten ist dieser Trend noch nicht zu sehen - im Gegenteil: Die Steigerungsraten bei den Biologicals lagen im vergangenen Jahr zwischen 8 und 17 Prozent (siehe Grafiken). Grund seien die hohen Therapiekosten, sagt Studienautor Glaeske. So fielen für einen Patienten mit chronischer Gelenkentzündung etwa 20.000 Euro pro Jahr an, bei einem Diabetiker dagegen nur rund 500 Euro. Dieses Ungleichgewicht zeigt sich laut dem Report beim Ausgabenprofil: Demnach entfallen auf 0,84 Prozent aller Versicherten 30 Prozent der Arzneimittelausgaben.

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Kostenproblem Arzneimittel: Wofür die Kassen besonders viel zahlen
Ein Großteil der Top-20-Arzneimittel der Barmer GEK gehört zur Gruppe der Spezialpräparate. Allein für die beiden Medikamente gegen chronische Gelenkentzündung, Humira und Enbrel, die die Liste der ausgabestärksten Präparate anführen, gab die Kasse 2010 rund 130 Millionen Euro aus. Für Humira musste die Barmer GEK 15 Prozent mehr zahlen als im Vorjahr, bei Enbrel betrug die Steigerungsrate 11 Prozent.

Durch Nachahmerpräparate, sogenannte Generika, seien erhebliche Einsparungen möglich, sagt Glaeske. Im vergangenen Jahr seien durch den Einsatz von Generika die Kosten um zehn Milliarden Euro gedrückt worden. "Allein eine Steigerung der Generikaquote von heute 85 auf 90 Prozent verspricht Einsparungen von 500 Millionen Euro jährlich", sagt der Gesundheitsökonom.

Auch teure Spezialmedikamente könnten durch günstige Nachahmerpräparate, sogenannte Biosimilars, teilweise ersetzt werden. Hier sieht Glaeske zusätzliche Einsparpotentiale zwischen 20 und 25 Prozent. Er plädiert bei Biosimilars für eine Verordnungsquote von 50 Prozent. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssten solche Zielvorgaben mit den Ärzten vereinbaren, fordert Glaeske.

Laut der Studie gibt es beim Einsatz von Nachahmerprodukten große regionale Unterschiede: Der Biosimilar-Anteil beim Präparat Epoetin, das bei Nierenerkrankungen eingesetzt wird, variiert zwischen 16 (Saarland) und 69 Prozent (Bremen). Bundesweit liegt hier der Anteil des günstigeren Nachahmerpräparats bei 52 Prozent.

mmq/Reuters

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firem 15.06.2011
1. Spezialmedizin treibt die Preise in die Höhe
Soll das nicht "Sozialmedizin treibt die Beiträge in die Höhe" heissen?
lala23 15.06.2011
2. Anti Baby Pille
"Auch bei der Verordnung der Anti-Babypille machen die Autoren der Studie bedenkliche Trends aus. So liege das Risiko eines lebensbedrohlichen Gefäßverschlusses, einer Embolie, bei den derzeit am meisten verwendeten Präparaten der dritten oder jüngeren Generation bei 30 bis 40 Fällen pro 100.000 Frauen, die ein Jahr lang solch ein Präparat einnehmen. Bei den Pillen der zweiten Generation sei das Risiko mit 15 bis 20 Fällen nur ungefähr halb so hoch, betonte Glaeske." Etwas kurz gedacht... die Thrombose ist ja nun nicht die einzige Nebenwirkung, die die Pille hat. Ich verzichte jedenfalls gerne auf die Nebenwirkungen der Pillen der 2. Generation: Gewichtszunahme, fettigere Haut, Wassereinlagerung. Dafür nehme ich das leicht höhere Thromboserisiko gerne in Kauf - immerhin rauche ich nicht und hab, dank Pille der 2. Generation kein Übergewicht.
mac love not war 15.06.2011
3. 368 Millionen im Jahr für 'Valette'-Antibabypille?
3.680 x 100.000 = 368.000.000 € allein für die umsatzstärkste Antibabypille – kann das sein? Grafik: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-69213-3.html
Daria, 15.06.2011
4. Kassen zahlen Pille nur unter 18
Vielleicht hätte bei den Grafiken korrekterweise dazu erwähnt werden sollen, daß die Kassen die Pille nur bei Frauen UNTER 18 zahlen. Frauen über 18 zahlen ihre Pille selbst.
fritz_64 15.06.2011
5. wie nicht anders zu erwarten...
solang die Pharmaindustrie in Deutschland die Preise für Medikamente selbst bestimmen darf, muss man sich über immer weiter steigende Kosten nicht wundern. Natürlich haben auch die Pharmavertreter der Hersteller nach wie vor Mittel und Wege ein bestimmtes Medikament zu "pushen", nicht selten eben die CashCow des Unternehmens...seit Jahren wird schon eine Vorgehensweise analog zu Schweden (nur ein Beispiel) gefordert, die die Preisfestsetzung nicht in den Händen der Pharmaindustrie belässt.
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