Jung, schlecht bezahlt, kinderlos Befristet einsatzbereit

Fast jeder zehnte Arbeitnehmer in Deutschland hat einen befristeten Job, bei den 20- bis 24-Jährigen sogar jeder vierte. Die Statistik zeigt: Viele Betroffene sind jung, verdienen wenig - und gründen deutlich seltener eine Familie.

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Die Erfolgsmeldungen vom deutschen Arbeitsmarkt sind schon fast zur Gewohnheit geworden. In schöner Regelmäßigkeit präsentiert die Bundesagentur für Arbeit Rekorde bei der Beschäftigung und neuen Jobs. Das gilt auch für sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze - also jene, die einen hohen Grad an Sicherheit und Planbarkeit versprechen.

Rund 3,2 Millionen Arbeitnehmer haben diese Planbarkeit jedoch nicht: Sie waren im Jahr 2015 befristet beschäftigt, hatten also nur einen Arbeitsvertrag mit begrenzter Laufzeit. Nicht eingerechnet sind dabei die deutlich mehr als eine Million Auszubildende, Umschüler und Praktikanten, bei denen die Befristung in der Natur der Ausbildung liegt.

Was bedeutet es für die Betroffenen aber, befristet beschäftigt zu sein? Darüber gibt es nur wenig gesicherte Erkenntnisse. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat nun einige statistische Daten zu der Lebenssituation und den Arbeitsbedingungen der Betroffenen zusammengetragen.

Aus dieser Kurzanalyse geht hervor: Der typische befristet Beschäftigte ist jung, Ausländer, schlecht bezahlt - und gründet seltener eine Familie.

Bei den 20- bis 24-Jährigen haben mit 27,4 Prozent mehr als ein Viertel einen befristeten Arbeitsvertrag, bei den 25- bis 29-Jährigen ist es exakt ein Fünftel. Der deutlich höhere Anteil junger Arbeitnehmer lässt sich damit erklären, dass das Gesetz bei Neueinstellungen pauschal Befristungen bis zu zwei Jahren erlaubt.

Ein weiterer wichtiger Faktor dürften die speziellen Regelungen für wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten sein, bei denen sich mitunter bis zu 15 Jahre lang befristeter Vertrag an befristeten Vertrag anschließen darf - die berüchtigten Kettenbefristungen. Die Gewerkschaften fordern, sowohl diese Kettenbefristungen zu verbieten als auch Befristungen ohne sachlichen Grund - zu diesen sachlichen Gründen zählen zum Beispiel Elternzeitvertretungen.

Überdurchschnittlich häufig sind Ausländer befristet beschäftigt - konkret in 15,8 Prozent der Fälle, während unter den Arbeitnehmern mit deutschem Pass 8,6 Prozent betroffen sind. Gleichzeitig verdienen befristet Beschäftigte oft ausgesprochen wenig: 22,8 Prozent von ihnen bleibt trotz Vollzeitjobs ein Nettoeinkommen von weniger als 1100 Euro im Monat. Das entspricht etwa Mindestlohnniveau. Bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro bleiben einem Alleinstehenden laut WSI-Berechnung netto 1083 Euro.

Kaum verwunderlich also, dass befristet Beschäftigte deutlich häufiger armutsgefährdet sind. Bei den unter 35-Jährigen sind es 15,5 Prozent, die trotz Jobs unter der Armutsrisikogrenze liegen - während es bei den Altersgenossen mit unbefristetem Arbeitsvertrag lediglich 7,5 Prozent sind.

Wer einen befristeten Arbeitsvertrag hat, kann kaum langfristig planen und verdient häufig sehr wenig - zwei Faktoren, die die Gründung einer Familie erschweren. Tatsächlich zeigen die statistischen Daten, dass befristet Beschäftigte unter 35 Jahren deutlich seltener verheiratet sind als Gleichaltrige mit unbefristetem Job und deutlich weniger Kinder haben.

Allerdings betonen die WSI-Experten, dass damit noch nicht bewiesen ist, dass die Befristung Ursache für die verschobene oder verhinderte Familiengründung ist. Dazu müssten weitere mögliche Faktoren untersucht werden, in denen sich befristete und unbefristete Beschäftigte unterscheiden.

Dennoch bleibt die Korrelation zwischen Befristungen und verzögerter oder verhinderter Familiengründung auffällig. "Befristungen sorgen für unsichere Lebensperspektiven, sie sind 'Vereinbarkeitskiller' bei Familienwunsch", sagt Florian Haggenmiller, Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Das ist in einem Land, das ohnehin unter Überalterung leidet, nicht nur für die Betroffenen ein Problem, sondern für die gesamte Gesellschaft. Nicht zuletzt sind es die sozialen Sicherungssysteme - Gesundheit, Pflege, Rente -, die durch dieses demografische Problem unter Druck geraten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 219 Beiträge
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tempus fugit 08.12.2016
1. Gut,...
...dass hier zunehmend mangelnde Perspektiven für junge Menschen angesprochen werden statt des 'Hotel Mama'-Thread dieser Tage. Wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Familiengründung, Job, Wohnung, Gesundheit, weniger werden, ist es eigentlich vernünftig, sich zu überlegen, ob man überhaupt eine Familie gründen - und unterhalten - kann und nicht planlos Kinder in die Welt setzt. Das zynische Verkennen der Wirtschaft und der von denen gesteuerten Politiker wird immer offensichtlicher!
ich2010 08.12.2016
2.
wieder so ein oberflächlicher artikel. ohne jegliche hintergrundinformation. was soll das? es gibt keinerlei angaben zu den schulsabschluss, ausbildung etc. sind z.b. bestimmte berufsgruppen betroffen, branchen...? regionale verteilung? aus diesen aussagen lassen sich keinerlei rückschlüsse auf die ursachen ziehen. außer: befristete arbeitsverträge zahlen in der regel schlechter als unbefristete. welch erkenntnis!
erzengel1987 08.12.2016
3. Befristete Verträge
Ich wäre gerne an der Hochschule oder Uni als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Allerdings Zeitverträge sind ein absolut abschreckendes Werk. Da kann man unmöglich irgendwas langfristiges planen. Also jeder der diese Vertragsform meidet tut es. Denn solche Verträge bringen nur frust und senken die Motivation ins bodenlose. Vor allem die ständige Angst was kommt nach dem Vertrag. Arbeitslosigkeit oder doch die Verlängerung? Vor allem am ärgerlichsten ist es, dass Unternehmen fast schon beleidigt sind wenn der Arbeiter im Zeitvertrag nach seiner Zeit in eine anderen Firma weitermacht. So geht mitunter wertvolles wissen an die Konkurrenz. Die SPD sollte hier einspringen und sagen wir schaffen die Zeitverträge komplett ab. Es gibt nur noch Festanstellungen.
_unwissender 08.12.2016
4. Ja ....
Da bleibt nur eine Frage offen: wo, zum Kuckuck bleibt denn nun dieser verdammte Fachkräftemangel? Oder bekommen am Ende etwa doch die Stimmen recht, die den Mangel nur auf Billigstkräfte beziehen? Das könnte allerdings der marxistischen Verelendungstheorie wieder Auftrieb geben ...
sail118 08.12.2016
5. Alarmismus
Völlig vergessen wird bei dieser Darstellung, dass gerade auch die Befristungsmöglichkeit von Arbeitsverhältnissen (die im übrigen rechtlich ohnehin Grenzen haben) in nicht unerheblichem Mass zur Beschäftigung beitragen, da sie das Risiko für Arbeitgeber bei der Ersteinstellung senken. Gerade dieses Risiko führt in anderen Ländern wie Italien und Frankreich zu extrem hoher Jugendarbeitslosigkeit. Also bitte immer auch das halbvolle Glas betrachten.
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