Wohnungsnot in Berlin Volksentscheid mit unerwünschten Nebenwirkungen

Mit ihrem Votum gegen die Randbebauung des Tempelhofer Feldes wollten viele Berliner auch die steigenden Mieten bremsen. Nun dürfte das Gegenteil eintreten - die Entscheidung wird den Mangel an bezahlbaren Wohnraum noch verschärfen.

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Spaziergänger auf dem Tempelhofer Feld: Auswirkungen bis in den Wedding
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Spaziergänger auf dem Tempelhofer Feld: Auswirkungen bis in den Wedding


Die Schillerpromenade im Norden von Berlins Problemstadtteil Neukölln hat ihre besten Jahre noch vor sich. Dichte Bäume säumen einen breiten Kiesweg, der zwei schmale Straßen in beide Fahrtrichtungen voneinander trennt. Eine Idylle, bei deren Anblick man sich hübsche Cafés wünscht und schicke Boutiquen für den Einkaufsbummel.

Noch ist von alledem nicht viel zu erkennen. Doch Makler, Architekten und Immobilienentwickler sind sich einig: Die Entwicklung ist kaum noch aufzuhalten. Erst recht nicht, seit die Berliner in einem Volksentscheid gegen den Ausbau des Tempelhofer Feldes gestimmt haben.

Der Berliner Senat hatte auf dem 2005 stillgelegten Flughafen neue Häuser errichten wollen - zwei Querstraßen und drei Gehminuten von der Schillerpromenade entfernt. Doch Bürgerinitiativen hatten genügend Menschen dagegen mobilisiert. Jetzt bleibt der Wohnraum im Schillerkiez knapp, Eigentümer und Altmieter können jubeln. "Ich schätze, dass die Preise in den Straßenzügen um die Schillerpromenade in den nächsten drei bis vier Jahren um 30 bis 50 Prozent steigen werden", sagt ein Investor, der dort zwei Mietshäuser besitzt und lieber anonym bleiben will.

Die Folgen des Plebiszits würden die Berliner jedoch nicht nur in den direkt an das Feld angrenzenden Quartieren zu spüren bekommen, fügt der Mann hinzu. "4500 Wohnungen, ein Großteil davon sehr preisgünstig, das wirkt sich auf die Preise bis in den Wedding aus." Denn günstiger Wohnraum ist in Berlin zumindest innerhalb des S-Bahn-Rings inzwischen knapp geworden. Schon jetzt kämpfen viele Berliner mit steigenden Mieten, die sie mit ihrem geringen Einkommen kaum noch bezahlen können.

Die Stadt braucht 15.000 neue Wohnungen pro Jahr

Hinzu kommt, dass jedes Jahr geschätzt rund 40.000 Neuankömmlinge auf den Markt drängen, die einen guten Job in der Hauptstadt ergattert haben und jetzt die passende Bleibe suchen - ehemalige Münchener, Hamburger oder Kölner, die es gewöhnt sind, einen Großteil ihres monatlichen Einkommens fürs Wohnen auszugeben. "13.000 bis 15.000 neue Wohnungen müssten in Berlin pro Jahr mindestens entstehen, um die Nachfrage einigermaßen zu befriedigen", sagt Michael Voigtländer, der beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) das Referat Immobilienwirtschaft leitet.

Der Volksentscheid aber dürfte die Bautätigkeit in Berlin jetzt spürbar bremsen, fürchtet der Experte. Den Erfolg der "Initiative 100 % Tempelhofer Feld" wertet er als ein verheerendes Signal für andere Fälle: "Viele werden sich jetzt ermuntert fühlen, dem unliebsamen Projekt in der Nachbarschaft Einhalt zu gebieten und den Bauherren das Leben schwer zu machen. Dem Stress werden sich viele erst einmal nicht mehr aussetzen."

Damit hätten die Gegner der Randbebauung das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich erreichen wollten. Denn die bunt gefächerte Koalition aus Bürgerinitiativen, Grünen und Linken hatten nicht nur für die Freiheit von Grillfans und Kitesurfern gekämpft, sondern auch für bezahlbare Mieten und gegen die Vertreibung wirtschaftlich schwacher Menschen.

Feindliche Stimmung gegen Investoren

Doch jetzt, davon sind fachkundige Beobachter überzeugt, wird genau jene Entwicklung einsetzen, die Gentrifizierungskritiker in Berlin schon seit Jahren beklagen: Für Einkommensschwächere, die eine Wohnung benötigen, wird die Suche in den zentrumsnahen Vierteln nahezu aussichtslos. Zwei Gruppen würden dagegen profitieren, erklärt Voigtländer: "Hausbesitzer und diejenigen Altmieter, deren Verträge noch keine Klauseln für Mietsteigerungen enthalten."

Der akute Mangel lässt sich mit Zahlen fassen. Wechselten 2007 noch rund zehn Prozent der Mieter ihre Bleibe, so waren es 2013 nur noch knapp fünf Prozent. Wer also einmal etwas gefunden hat, zieht so schnell nicht wieder aus - und wenn doch, dann vermietet er unter.

Die Gegner der Randbebauung des Tempelhofer Feldes sehen das Problem aus einem ganz anderen Blickwinkel. Sie verweisen auf die große Anzahl von Brachflächen in Berlin, die Raum für insgesamt 220.000 Wohnungen bieten würden.

Eine Tatsache, die auch Andreas Schulten nicht bestreitet. Er sitzt im Vorstand des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Bulwiengesa, das sich auf die Immobilienbranche spezialisiert hat. "Berlin hat viel Potenzial", sagt Schulten. "Doch die Brachen gehören zum größten Teil privaten Investoren, die die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn immer häufiger scheuen."

Die Zurückhaltung hänge aber auch mit der Grundstimmung in der Stadt zusammen, in der Hausbesitzer schon als Ausbeuter gebrandmarkt werden, die eine Kaltmiete von neun Euro pro Quadratmeter verlangten. Angesichts der vielfältigen Bauvorschriften und gestiegener Nebenkosten sei der Hausbau inzwischen so kostspielig, dass geringere Mieteinnahmen zu Verlusten führen würden.

Verworfener Plan für eine Teilbebauung des Tempelhofer Felds in Berlin
SPIEGEL ONLINE

Verworfener Plan für eine Teilbebauung des Tempelhofer Felds in Berlin



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nemensis_01 26.05.2014
1. Es ist eine Schande
der Politik und unsäglich ,dass hier nicht endlich eingegriffen wird. Da hatten sich Baulöwen und Spekulanten bereits auf die grosse Party vorbereitet und jetzt cancelt das Stimmvieh das Catering. Es ist zum verzweifeln. Wie soll man denn dem Michel sonst noch das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen, wenn nicht über Wuchermieten? Kann mir das bitteschön einmal jemand erklären? Also wenn die Regierenden sich hier nicht bald etwas einfallen lassen, dann wars das mit der nächsten Parteispende. Mein Vorschlag wäre, dass auch Unternehmen Steuern erheben dürfen. Damit kann der Urnenpöbel immer noch am zuverlässigsten geschröpft werden. Ohne Risiko und Nebenwirkungen.
Fantomas74 26.05.2014
2. Populismus
An diesem Beispiel kann man sehr schön die Unsinnigkeit eines Volksentscheids bestaunen. Das gemeine Fußvolk kann doch überhaupt nicht überblicken, welche strategischen Vorteile diese oder jene Entscheidung hätte. Es setzt sich auf plumpe Weise die populistischste Meinung durch, angefeuert und gesteuert vom Boulevard. In diesem Fall: was hätten sich denn die Freizeit-Junkies abgebrochen, wenn 10% der Fläche bebaut werden würde.
hmpfmpfh 26.05.2014
3. Da hat einer das Läuten nicht gehört...
... Oder wohnt einfach selbst in einem kleinen Kaff ohne Probleme auf dem Wohnungsmarkt. Beim nächsten mal: Insider fragen-Architekten zum Beispiel. Die wissen nämlich im Vergleich zu Journalisten, Politikern und Bürgerrechtlern sehr gut über ihre Bauherren Bescheid. Mehr kann man zu diesem schwachsinnigen Artikel nicht sagen.
DerNachfrager 26.05.2014
4. Ja sicher...
... wenn die 120m²-Altbauwohnung im angesagtesten Kiez plötzlich satte 500€ kalt im Monat kosten soll, dann ist das natürlich eine Tragödie die nach Großprojekten schreit ! Wenn schon das Verbot von Hängeklos die Wohnungsnot nicht mildern konnte...
teutoniar 26.05.2014
5. Schräge Argumentation im Artikel
Zitat von sysopAP/dpaMit ihrem Votum gegen die Randbebauung des Tempelhofer Feldes wollten viele Berliner auch die steigenden Mieten bremsen. Nun dürfte das Gegenteil eintreten - die Entscheidung wird den Mangel an bezahlbaren Wohnraum noch verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/berlin-bauverbot-auf-tempelhofer-feld-verschaerft-wohnungsnot-a-971820.html
Es hindert niemanden daran, einen besseren Vorschlag einzubringen, mit dem die Berliner Bürger einverstanden sind. Das Argument "Lieber ein schlechter Vorschlag als gar keiner" ist schon ein bisschen schrägt.
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